Die Deutsche Bundesbank wird dafür sorgen, dass die Hälfte der deutschen Goldreserven bis 2020 in Deutschland lagert. Das ist eine ziemliche Überraschung. Und man kann der Bundesbank nur dazu gratulieren, wie diskret sie dieses brisante Vorhaben - jedenfalls bisher - angegangen ist.

Noch vor kurzem tat die Bundesbank nämlich so, als sei an dem Fakt überhaupt nicht zu rütteln, dass schätzungsweise gerade mal ein Drittel von insgesamt 3.391 Tonnen Gold in Deutschland liegen. Nicht nur das: Sie gab sicherheitshalber gar keine Auskunft darüber, wo wie viel von dem Edelmetall sie hier lagerte.

Dann jedoch ging scheinbar alles ganz schnell: Eine Bürgerinitiative "Holt unser Gold heim" wird gegründet, der Bundesrechnungshof kritisiert die mangelnde Prüfung des im Ausland lagernden Goldes, der Haushaltsausschuss des Bundestags fordert Einblick in den entsprechenden Bericht, einzelne Politiker nutzen das sehr populäre Thema, um sich im Gespräch zu halten, auflagenstarke Zeitungen nehmen das Thema auf Seite eins.

Im September 2012 wurde bekannt, dass die Bundesbank bereits im Jahr 2000 unbemerkt von der Öffentlichkeit einen großen Teil des in London lagernden Goldes nach Frankfurt geschafft hat. Die Londoner erhoben plötzlich Gebühren für die Einlagerung des Goldes und machten einen neuen Barren-Standard verpflichtend. Seither liegen im größten Finanzzentrum der Welt nur noch 13 Prozent des deutschen Goldes.

Goldbarren im Tresor der Bundesbank. Künftig wird hier ein größerer Teil der deutschen Reserven lagern. dapd

Ebenfalls im September kündigte Bundesbankvorstand Carl-Ludwig Thiele an, dass die Bundesbank in den nächsten Jahren 150 Tonnen Gold zu Prüfzwecken von New York nach Deutschland überführen wolle. Als Thiele jetzt vor die Presse trat, war von Prüfzwecken nicht mehr die Rede und aus den 150 Tonnen waren 300 Tonnen geworden. Und: Alle noch in Paris lagernden 374 Tonnen sollen ebenfalls "heimgeholt" werden.

Wenn man diese Fakten in die historische Perspektive setzt, sieht die Sache so aus: 1990 befanden sich drei Prozent des deutschen Goldes in Deutschland, 30 Jahre später werden es 50 Prozent sein. Man stelle sich vor, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung oder nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation hätte ein deutscher Politiker oder Bundesbanker ein solches Ziel formuliert - undenkbar. Die Ängste vor dem vereinigten Deutschland waren ohnehin schon groß genug.

In Deutschland sind gerade Goldtresore frei

Und auch die Euro-Staatsschuldenkrise und die mit ihr einhergehenden Zweifel am Fortbestand des Euro bieten kein wirklich günstiges Umfeld für die Nachricht, dass Deutschland sein Gold über den Atlantik holt. Kein Wunder, dass die deutsche Zentralbank darauf bedacht ist, wie das Opfer von Parlamentsausschüssen, Rechnungshöfen und Bürgerinitiativen auszusehen, das nur langsam und widerwillig dem öffentlichen Druck nachgibt.

Die Frage, warum sie all das tut und riskiert, hat Bundesbankvorstand Thiele beantwortet: Erstens: Es sind gerade ein paar große Tresore frei geworden - und warum dann nicht das tun, was andere Länder längst tun, nämlich das eigene Gold auch selbst verwahren? Außerdem gibt das Gold laut Thiele "zusätzliches Vertrauen".

Die 20 größten Goldreserven der Welt

Ist es möglich, eine Währung ohne Golddeckung zu schaffen? Normalerweise schon. Seit dem Ende des Währungsabkommens von Bretton Woods Anfang der 1970er Jahre sind Währungen ohne Golddeckung die Regel. Der Euro ist so eine Währung und die D-Mark war eine. Sie sind gedeckt durch die Leistungsfähigkeit der Menschen, die die Volkswirtschaften tragen.

Und doch bleibt Gold in den Köpfen dieser Menschen ein besonderes Metall, das seit dem Ende von Bretton Woods seinen Wert nicht verloren hat - im Gegenteil. Der Marktwert des Bundesbankgoldes ist seit 1999 trotz leicht sinkender Menge von gut 30 auf knapp 140 Milliarden Euro gestiegen.

Die "Heimholung" des Edelmetalls, das ein Gold gewordener Ausdruck früherer Leistungsbilanzüberschüsse ist, muss mit den jetzt angekündigten Maßnahmen nicht zu Ende sein. Nach Aussage der Bundesbank gilt das aktuelle "Lagerstellenkonzept" nur für die nächsten sieben Jahre.

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