Liebe Leser,

der Ölmarkt taumelt in die Krise: Seit Ende Juni ist der Preis für Brentöl um gut ein Viertel gefallen, allein gestern stürzte er um mehr als 4 Prozent ab, heute setzt sich der Abschwung fort. Am Markt rufen Händler bereits die Kapitulation der Bullen aus. Den Anstoß für den jüngsten Kursrutsch hatte am Dienstag die Internationale Energieagentur gegeben, die ihre Prognosen kappte und nun erwartet, dass die Ölnachfrage auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren fallen wird.

Die Nervosität wächst – am Markt und bei den Ölproduzenten. So warnte der saudi-arabische Prinz al-Walid ibn Talal Al Saud in einem offenen Brief vor „riesigen finanziellen Verlusten“ für sein Königreich. Und Saudi-Arabien kann den Preisrutsch nach einhelliger Expertenmeinung noch am besten wegstecken.

Die Turbulenzen am Ölmarkt drohen nicht nur das Ölkartell Opec zu zerreißen. Weltweit sorgt der Preissturz für zum Teil gravierende Verschiebungen: Während asiatische Ölimporteure wie Japan oder Südkorea auf einen Schub hoffen und sich in den USA zumindest die Verbraucher über niedrigere Benzinpreise freuen, herrscht anderswo Not: In Venezuela sehen Beobachter die Gefahr politischer Unruhen, und in Russland muss mittlerweile neben der Zentralbank auch das Finanzministerium mit Milliardensummen intervenieren, um den Wertverfall des Rubel zumindest zu bremsen.

Der Absturz der Energiepreise verschärft auch die Sorgen vor einem rapiden Inflationsrückgang. Weltweit steigen die Preise nur noch schleppend: In Deutschland zogen die Verbraucherpreise im September um 0,8 Prozent an, in Großbritannien verlangsamte sich der Preisanstieg auf 1,2 Prozent, und auch in den USA liegt die Teuerung gerade einmal bei 1,5 Prozent – weit unter dem Ziel, das sich die US-Notenbank selbst gesetzt hat.

Die Fed steht damit urplötzlich vor einem unerwarteten Dilemma: Bis vor kurzem mussten sich Chefin Janet Yellen und ihre Kollegen einzig darum kümmern, die Erwartungen des Marktes zu bremsen, dass die Leitzinsen schon vor Mitte 2015 erhöht werden. Sollte es derartige Überlegungen bei der Fed auch gegeben haben, sind sie jetzt definitiv verstummt. So ausgeprägt ist die globale Schwäche, dass die Fed diese – entgegen ihrer ständigen Betonung, dass ihr Fokus rein auf den USA liege – nicht ignorieren kann. Die Sorge ist, dass das blutleere globale Wachstum in Kombination mit dem starken Dollar die US-Wirtschaft ansteckt, die gerade erst wieder Fuß fasst. Statt über Zinserhöhungen müsste die Fed dann womöglich bald wieder über Anleihekäufe und andere unkonventionelle Maßnahmen nachdenken.

Immerhin könnte sich die Fed im Bedarfsfall wohl auf die Unterstützung der US-Politik vertrauen. Ganz im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank: Die fehlende Einheit zwischen der EZB, der deutschen Regierung und den Politikern der anderen europäischen Staaten bremst seit Monaten alle Versuche aus, die schwächelnde Konjunktur in Europa wiederzubeleben. Als Folge kann die EZB längst nicht so entschieden handeln, wie sie das möchte – und die immer wieder angemahnte Flankierung der Geldpolitik durch politische Reformen und fiskalische Stimuli bleibt pures Wunschdenken.

Wie wirksam schon kleine politische Maßnahmen sein können, zeigt sich an einem ganz anderen Beispiel. Der US-Pharmakonzern Abbvie kündigte am Dienstagabend an, dass er die 54 Milliarden Dollar schwere Übernahme des britischen Konkurrenten Shire noch einmal überdenken werde. Für das plötzliche Zögern soll es mehrere Gründe geben, vor allem aber dürfte die US-Regierung der Pharmafirma die Tour vermasselt haben: Das Finanzministerium kündigte kürzlich neue Regeln an, die amerikanische Unternehmen davon abhalten sollen, ihren Firmensitz per Übernahme ins steuergünstigere Ausland zu verlagern. Bei Abbvie führte allein die Drohung zu einer Neubewertung des Deals – obwohl er offiziell natürlich niemals steuerlich motiviert war.

Beste Grüße
Ihr Ralf Drescher.