Liebe Leser,

mit einem Knalleffekt hat die Bank of Japan die Anleger in Tokio in ein langes Wochenende geschickt. Aus heiterem Himmel kündigte Zentralbankchef Haruhiko Kuroda an, dass sein Haus künftig die bereits riesigen Liquiditätshilfen für die Wirtschaft noch weiter ausdehnen wird. Künftig wird die Notenbank für umgerechnet rund 570 Milliarden Euro im Jahr Staatsanleihen, aber auch Aktien-ETFs und Immobilienfonds kaufen. Damit weitet sie ihre Bilanzsumme noch einmal um bis zu ein Drittel stärker aus, als sie da schon jetzt jährlich tut.

Kurodas Überraschungsmanöver verfehlte seine Wirkung nicht: Den Nikkei-Index katapultierte er auf Jahreshoch, der Yen fiel in die Nähe seines Siebenjahrestiefs. Die Anleger jubeln, weil ihnen wenige Tage nach Beendigung der Anleihekäufe der Fed jemand beispringt, um eine Unterversorgung der Märkte mit Geld zu verhindern. Und verstärkt wird die Euphorie noch durch die Ankündigung des staatlichen japanischen Pensionsfonds, dass er hunderte Milliarden von Staatsanleihen in Aktien und ausländische Anlagen umschichten werde. Einzig am Goldmarkt herrscht Tristesse: Der starke Dollar lässt die Preise hier immer weiter abrutschen.

Aber zurück zu Japan: Der Schachzug der Notenbank ist ohne Zweifel kühn, zeigt aber gleichzeitig, in welchem Dilemma sie steckt. Die anfänglichen Erfolge im Kampf gegen die Deflation sind abgeebbt, seit dem Frühjahr sinkt die Inflation schon wieder. Selbst der notorische Optimist Kuroda scheint mittlerweile an der Erholung der Wirtschaft zu zweifeln. Er fürchtet, dass die „Abkehr von der deflationären Mentalität“, die er dem japanischen Volk verordnen möchte, vor dem Scheitern steht.

Ob sich dieser Mentalitätswandel mit der Druckerpresse erzwingen lässt, scheinen aber selbst seine Kollegen in der Notenbank zu bezweifeln. Die neuen geldpolitischen Lockerungen konnte Kuroda nur mit einer hauchdünnen Stimmenmehrheit durchsetzen. Umso wichtiger wäre es für ihn und für Japan, wenn die aggressive Geldpolitik endlich von Seiten der Regierung durch tief greifende Strukturreformen flankiert würde. Denn alleine hat in der Geschichte noch keine Notenbank ein Land gerettet.

Tief greifend sind auch die Veränderungen, die der globale Ölmarkt derzeit durchmacht. Der Fracking-Boom in den USA verschiebt die Gewichte: Noch sind die USA nicht weltgrößter Ölproduzent, aber der Abstand zu Saudi-Arabien schmilzt. Und die Analysten von Goldman Sachs haben diese Woche bereits verkündet, dass sie die Entwicklung in der amerikanischen Schieferindustrie inzwischen für preisrelevanter halten als die Entscheidungen der Opec.

Dass tektonische Verschiebungen wie diese für Unruhe sorgen, liegt nahe – zumal dann, wenn sie mit einem Preiseinbruch einhergehen, der viele Produzentenländer in Probleme stürzt. Opec-Generalsekretär Abdalla Salem el-Badri nahm einen Anlauf, dem entgegenzuwirken, als er erklärte, dass die Hälfte der Schieferöl-Produktion in den USA auf dem gegenwärtigen Preisniveau unrentabel sei und das Angebot am Ölmarkt deswegen deutlich sinken werde. Die US-Industrie und Analysten widersprechen dem Opec-General aber. Sie glauben, dass die Masse der amerikanischen Firmen selbst bei deutlich niedrigeren Preisen noch gewinnbringend fördern kann. Haben sie Recht, stehen die traditionellen Produzentenländer möglicherweise vor noch gravierenderen Umwälzungen.

Erstaunlich und für viele Marktteilnehmer irritierend ist das Schweigen Saudi-Arabiens in den aktuellen Turbulenzen. In früheren Phasen heftiger Kursbewegungen konnte man sich darauf verlassen, dass die Saudis – meist in Person ihres Ölministers al-Naimi – früher oder später auf den Plan traten und klare Signale über ihre Förderabsichten sendeten, um den Markt zu stabilisieren.

Während die Preise in den vergangenen Wochen einbrachen, weilte al-Naimi jedoch im Urlaub. Und auch sonst war aus Riad kein öffentlicher Kommentar zum Ölmarkt zu hören. Die Stimmen, die nach außen drangen, lassen jedoch auf eine tiefe Spaltung im Königreich schließen, die sich an der Frage entzündet, wie das Land auf den Preisrutsch reagieren soll. Während die einen eine Gefahr für den Staatshaushalt sehen, erkennen andere darin eine Chance, unliebsame Wettbewerber aus dem Markt zu drängen.

Das allerdings ist auch ein ziemlich kühner Ansatz.

Ihnen wünsche ich ein schönes Wochenende.
Beste Grüße
Ihr Ralf Drescher.