Liebe Leser,

die Schotten bleiben Briten. Überraschend deutlich sprachen sich die Wähler für einen Verbleib im Vereinigten Königreich aus. Offenbar haben einige, die damit geliebäugelt hatten, ihr Kreuzchen beim „Yes" zu machen, doch noch kalte Füße bekommen. Dabei dürfte eine Rolle gespielt haben, dass ihnen die fatalen wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen einer Abspaltung in den letzten Tagen doch sehr deutlich gemacht wurden. Aber auch die eiligen Versprechen des britischen Premier David Cameron und der anderen Parteiführer, Schottland werde mehr Autonomie bekommen, dürften ihren Teil zum Wahlausgang beigetragen haben.

London kann aufatmen – allerdings nur für einen kurzen Augenblick. Mit den Zusagen haben sich Cameron und Co ein dickes politisches Problem aufgehalst, für das sie noch gar kein Konzept haben. Ein Jahr vor der Wahl droht in Großbritannien politisches Chaos. Denn nicht nur die Schotten werden auf mehr Rechte pochen. Auch Waliser, Nordiren und Engländer werden nun neue Freiheiten einfordern. Am Ende könnte das Königreich damit zwar weiter vereint sein, der Zusammenhalt jedoch dürfte schwinden.

Die unsichere Langfristprognose heben auch Analysten hervor. Sie sehen Pfund und britische Aktien noch nicht über den Berg. Entsprechend geht es heute an den Märkten nur mit gebremstem Schaum nach oben.

Stärker fallen die Gewinne da schon in Spanien aus. Anleger hoffen, dass das „Nein" der Schotten zur Unabhängigkeit der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung den Wind aus den Segeln nehmen könnte. Dort stimmen die Bürger im November – wohl gemerkt nicht bindend - darüber ab, ob sie weiter zu Spanien gehören wollen.

In Wahrheit aber dürfte die große Aufmerksamkeit um das Votum und die Zugeständnisse, die sich die Schotten erkämpft haben, den Abweichlern in Katalonien, aber auch in vielen anderen europäischen Regionen neuen Mut verliehen haben. In den vergangenen Wochen sind sie nach Schottland gepilgert, um die Kampagne der Separatisten zu studieren. Auch aus Basken, Norditalien und Flandern machten sich Beobachter auf den Weg – Regionen, in denen die einst mächtige Unabhängigkeitsbewegung ihre Kraft eigentlich verloren zu haben schien.

Das Idealbild aller regionalen Spaltungsbewegungen in Europa sieht so aus: Souveräne Recht als unabhängiger Staat bei gleichzeitig garantierter Mitgliedschaft in Nato und EU und unveränderter Teilhabe am Euro. Die überstaatlichen Organisationen sind es denn auch, die Abspaltungen in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich attraktiver gemacht haben. Sie bieten das Sicherheitsnetz, das kleineren Ländern abgeht.

Die EU schlüpft damit in eine Rolle, die ihre Gründer bestimmt nicht im Sinn hatten: Ausgerechnet die Organisation, die für Integration und Abschaffung von Grenzen stehen soll, trägt ungewollt zur Teilung und Errichtung neuer Grenzen bei.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

Beste Grüße
Ihr Ralf Drescher.