Liebe Leser,

die Proteste in Hongkong weiten sich aus. An drei Orten in der Stadt gingen am Montag Demonstranten für mehr Demokratie auf die Straße. Und ungeachtet – oder vielleicht wegen - des gewaltsamen Vorgehens der Polizei am Vorabend nimmt ihre Zahl sogar noch zu. Spontan haben sich den Studenten auch noch Bürger angeschlossen, die gegen die Bevormundung Pekings bei der Wahl des Verwaltungsrats der Enklave und für bessere wirtschaftliche Chancen kämpfen.

Die Proteste, die Banken

und Börsen in Hongkong verstören, brechen mit einem Prinzip, nach dem die Menschen in Hongkong über Jahrzehnte gelebt haben: Sie kümmerten sich weniger um die Politik als vielmehr ums Geschäft. Auf diese Weise ist Hongkong zu einem der zentralen Finanz-Drehkreuze der Welt geworden und viele seiner Bürger haben es zu großem Reichtum geschafft – insbesondere seit der Wiederangliederung an China, die ihnen lukrative Geschäfte auf dem Festland ermöglichte.

Entsprechend kritisch sehen die pragmatischen Älteren den idealistischen Kampf der Jungen.

In Peking ist man ob des Ungehorsams in Hongkong natürlich aufs Höchste alarmiert. Die Eskalation trifft die kommunistische Parteispitze zudem auf dem falschen Fuß: Eigentlich stand für Präsident Xi Jiping neben der außenpolitischen Positionierung Chinas vor allem die Frage des künftigen Wirtschaftskurses im Vordergrund. Chinas Führer denken derzeit darüber nach, den Chef der Zentralbank auszutauschen.

Dahinter steht die viel größere Frage, ob Chinas Führung bereit sein wird, ein langsameres Wachstum zu akzeptieren, oder doch wieder auf den Kurs massiver Konjunkturstützen einschwenkt – und damit Probleme wie den wachsenden Berg an faulen Krediten weiter anwachsen lässt. Die Botschaften aus Peking sind gemischt. Was an der Spitze der Notenbank passiert, könnte Aufschluss darüber geben, wie die Gewichte künftig gelagert sind.

Alles andere als unklar waren die Botschaften, die seit Freitag nachmittag aus der Münchener Allianz-Zentrale und dem Hauptquartier der Fondsgesellschaft Pimco in Newton Beach verbreitet wurden. Man sei betrübt über den Abgang von Pimco-Gründer und Star-Fondsmanager Bill Gross, aber nach den Worten von Pimco-CEO Douglas Hodge herrsche ebenso „Begeisterung".

Das Bild, das allgemein gezeichnet wird, ist das eines tyrannischen Führers, der unter Druck nicht mehr die richtigen Entscheidungen traf und damit die Anleger verprellte –

und zu allem Überfluss zum Schluss auch noch die US-Finanzaufsicht auf den Fersen hatte.

Wie viel der öffentlichen Generalbrechnung jetzt den Tatsachen entspricht oder was davon vor allem die Fondsanleger davon abzuhalten soll, Bill Gross zu seinem neuen Arbeitgeber Janus Capital zu folgen, lässt sich schwer sagen. Die Sorgen vor einem Massen-Exitus sind jedoch groß: Insider und Analysten rechnen damit, dass Picmo Anlegergelder von mehr als 100 Milliarden Dollar verlieren könnte. Seit Freitag sollen Kunden bereits rund 10 Milliarden Dollar abgezogen haben.

Die Flucht der Anleger aus der Allianz-Aktie ist dagegen vorerst gestoppt. Nachdem das Papier am Freitag mehr als 6 Prozent an Wert verloren hatte, geht es heute leicht nach oben. Offenbar setzt sich bei Anlegern die Erkenntnis durch, dass der Konzern viel mehr ist als Bill Gross – und dass das Geschäft sowohl bei Pimco als auch konzernweit ziemlich gut läuft.

Ziemlich gut laufen auch die Börsengänge von Zalando und Rocket Internet. Sowohl der Online-Modehändler Zalando als auch die Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet scheinen ihre Aktien geradezu aus den Händen gerissen zu bekommen. Die noch nicht einmal zugeteilten Aktien handeln schon jetzt „per Erscheinen" rund 40 Prozent über ihrem vermutlichen Ausgabekurs.

Soviel Euphorie macht fast schon ein wenig Angst. Nicht wenige Beobachter fühlen sich an die Börseneuphorie vergangener Neuer-Markt-Zeiten erinnert und verweisen auf eine alte Börsenweisheit: Wenn die Party am schönsten scheint, sollte man aufbrechen.

Beste Grüße

Ihr Ralf Drescher