Liebe Leser,

mit seinem überraschenden finanzpolitischen Appell in Jackson Hole hat Mario Draghi vor 10 Tagen eine weitere Linie überschritten. Bisher hatte es der EZB-Chef weitgehend vermieden, sich zur Fiskalpolitik zu äußern. Nun jedoch fordert er ganz offensiv eine Auszeit für die Sparpolitik in der Eurozone sowie eine bessere Koordination der Finanzpolitik.

Das wertet man vor allem in Deutschland als Provokation. Schließlich ist Deutschland der Vorreiter der europäischen Sparbewegung. Den Lohn hat Finanzminister Wolfgang Schäuble erst gestern mit dem ersten Haushaltsüberschuss des Jahrtausends geerntet. Die Bereitschaft, diesen Kurs zu verlassen, dürfte in Berlin gering sein. Dort betrachtet man Draghis expansive Geldpolitik ohnehin mit Argwohn.

Bereits am Donnerstag hat der EZB-Chef die Gelegenheit, seine Position weiter zu verdeutlichen. Vor allem aber wird er den weiteren geldpolitischen Kurs der Notenbank erläutern und vermutlich neue Lockerungsmaßnahmen ankündigen. Auch erwarten Experten deutliche Hinweise auf den geplanten Ankauf von Kreditverbriefungen.

Konkrete Maßnahmen dürfte es vermutlich aber noch nicht geben, da der EZB-Rat noch defensiver zu sein scheint als sein Präsident. An den Märkten drohen deshalb Enttäuschungen. Viele Anleger haben sich in Erwartung neuer geldpolitischer Lockerungen der EZB positioniert, sprich Aktien ge- und den Euro verkauft. An den Terminmärkten spekulieren die Händler derzeit so intensiv auf einen Kursverfall des Euro wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. Futter liefert ihnen auch die Investmentbank Goldman Sachs, GS +0,37% Goldman Sachs Group Inc. U.S.: NYSE $179,77 +0,66 +0,37% 02 Sept. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,96 Mio. NACHBÖRSLICH $179,65 -0,12 -0,07% 02 Sept. 2014 18:47 Volumen (​15 Min. verzögert) : 27.876 KGV 11,06 Marktkapitalisierung 78,91 Milliarden $ Dividendenrendite 1,22% Umsatz/Mitarbeiter 1.109.820 $ deren Analysten für das Jahr 2017 eine Parität von Dollar und Euro vorhersagen.

Anleger sollten aber vorsichtig sein. Der Niedergang des Euros ist in den vergangenen Jahren oft verkündet worden. Und der Ruf von Goldman Sachs ist auch nicht mehr der, der er noch vor ein paar Jahren war. Erst gestern wurde die jüngste Fehlleistung der US-Bank bekannt, die der portugiesischen Bank Espirito Santo noch kurz vor deren Kollaps einen hohen Kredit gab und anschließend auf den Schuldpapieren sitzen blieb.

Immerhin: Länger als die Gewinnprognosen von Tipp 24 dürfte der Euro-Pessimismus Bestand haben. Das Unternehmen, lange Jahre einer der Überflieger an der Börse, macht die Anleger derzeit schwindelig. Anfang August schickte Tipp 24 seine Aktie mit einer Gewinnwarnung auf Talfahrt. Am Sonntag nahm das Unternehmen seine Prognose wegen einer Millionenbelastung durch einen hohen Jackpot-Gewinn weiter zurück, die Aktie stürzte erneut ab. Zwei Tage später verkündete Tipp 24 nun, dass es den Lottogewinn gar nicht gegeben habe, die Gewinnwarnung wurde in einem wohl beispiellosen Vorgang wieder kassiert. Und die Aktie? Bewegt sich kaum.

Merke: Verlorenes Vertrauen baut sich auch an der Börse nicht so schnell wieder auf.

Beste Grüße
Ihr Ralf Drescher.