In Hannover wird es am Sonntag auf jeden Fall einen Wechsel geben - unabhängig vom Wahlausgang: Denn der bisherige Oberbürgermeister und SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil wird nicht wieder ins Rathaus zurückkehren. Das steht schon jetzt fest. Offen ist allerdings, ob Weil es schafft und als neuer Ministerpräsident in die Staatskanzlei einziehen oder aber künftig Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag wird. Vorgenommen hat sich der 54-Jährige, mit einem rot-grünen Sieg in Niedersachsen auch den Weg für ein Bündnis beider Parteien im Bund zu ebnen.

Oberbürgermeister von Hannover und Spitzenkandidat der SPD bei der Landtagswahl 2013 in Niedersachsen, Stephan Weil. dapd

Nach letzten Umfragen hat Weil durchaus Chancen, seinen politischen Gegner David McAllister von der CDU als niedersächsischen Landeschef abzulösen. Eine Mehrheit für Rot-Grün ist nach wie vor möglich, auch wenn der Abstand zu Schwarz-Gelb zuletzt geschmolzen ist. Für den Endspurt zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem populären Amtsinhaber und dem passionierten Langstreckenläufer Weil ab.

Hannovers Oberbürgermeister joggt am Wochenende mindestens 15 Kilometer und sagt deshalb: "Ich nehme jeden Landstreckenlauf mit McAllister auf - der müsste aber erst einmal anfangen zu trainieren." So angriffslustig ist Weil, von Haus aus wie McAllister selten. Er gilt als zurückhaltend und beschreibt sich selbst als kompetent und bürgernah. Seine Gegner nennen ihn farblos, bieder und langweilig - nicht eben Attribute, mit denen ein Wahlkämpfer punkten kann, der außerhalb der Landeshauptstadt weitgehend unbekannt ist.

Dies ist sicher Weils größtes Manko. Und so ist er seit Monaten schon auf Wahlkampftour. "Ich fahre rauf und runter in Niedersachsen", erzählt er, entweder im roten VW oder aber mit der Bahn, mit der er wohl mehr als 40.000 Kilometer zwischen Nordsee und Harz zurückgelegt hat. Und dennoch müssen die SPD-Wahlkampfhelfer auch noch wenige Tage vor der Abstimmung häufig erklären, wer denn der freundliche Herr mit der randlosen Brille und der schwarzen Lederjacke eigentlich ist, der in der Fußgängerzone rote Rosen verteilt.

Sich selbst beschreibt Stephan Weil leicht augenzwinkernd als "einfachen biertrinkenden Juristen", seit über 40 Jahren Anhänger von Hannover 96. Seine Unterstützer loben vor allem seine kommunalpolitische Erfahrung und sein stets freundliches Auftreten.

Drei Dinge will er als Ministerpräsident verändern. Die Qualität der Bildung soll sich deutlich verbessern, die Interessen Niedersachsens im Bund wesentlich klarer vertreten und die strukturschwachen Regionen des Flächenlandes gestärkt werden. Studiengebühren will Weil wieder abschaffen, aber nicht sofort, und kleinere Gesamtschulen genehmigen. Die Schuldenbremse will er für Niedersachsen erst ab 2020 haben und Gorleben auf keinen Fall zum Zwischenlager machen.

Bekannter machen sollte Weil eine Initiative zum Entzug der Lizenz für Banken, die beim Kampf gegen die Steuerkriminalität nicht kooperieren. Mit dem Thema will auch die SPD-Spitze im Bundestagswahlkampf punkten.

Wahlergebnisse in Niedersachsen von 1994 bis 2008

Als Peer Steinbrück zum SPD-Kanzlerkandidaten gewählt wurde, da zeigte sich Weil mit rotem Schal demonstrativ an dessen Seite. Inwieweit die immer neuen verbalen Patzer von Steinbrück ihm in Niedersachsen das Ergebnis verhageln könnten, bleibt abzuwarten. Weil gibt sich gelassen: "Das spielt in Niedersachsen keine Rolle", sagte er erst in der vergangenen Woche beim Fernsehduell mit McAllister. Doch jüngste Umfragen zeigen verbesserte Werte für die CDU.

Geboren ist der SPD-Spitzenkandidat in Hamburg, aufgewachsen und beheimatet ist er aber in Hannover. Weil hat als Anwalt, Richter und Staatsanwalt gearbeitet, bevor er erst ins niedersächsische Justizministerium und später als Kämmerer zur Stadt Hannover wechselte. 2006 ist Weil in große Fußstapfen getreten, als er Herbert Schmalstieg als Oberbürgermeister von Hannover beerbte, der die Landeshauptstadt 34 Jahre lang geführt hat. Nun peilt Weil seinen zweiten politischen Karriereschritt an.

Als "nicht siegessicher, aber optimistisch", beschrieb der SPD-Landeschef sein Gefühl wenige Tage vor der Wahl. Sollte es am Sonntag für den Machtwechsel reichen, dann werde er "ein Bürgerministerpräsident auf Augenhöhe (sein), der die Nase nicht hoch trägt, eine Menge von der Sache versteht, aber mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben ist", verspricht Weil.

Kontakt zum Autor: beate.preuschoff@dowjones.com und andreas.kissler@dowjones.com