Mehr als 150.000 Besucher werden zur Elektronikmesse CES in Las Vegas erwartet. Reuters

LAS VEGAS – Ein völlig neues, revolutionäres Produkt ist auf Amerikas größter Elektronikmesse in dieser Woche nicht zu erwarten. Doch viele Geräte, die auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas vorgestellt werden, sind deutlich intelligenter als ihre Vorgängermodelle. Immer ausgefeiltere Chips und Software stecken in Fernsehern, Smartphones, Konsolen oder Hausgeräten. Die Produkte sollen effektiver Informationen austauschen und die Bewegungen, Gesten, Stimmen und sogar die Wünsche ihrer Nutzer erkennen, versprechen die Hersteller.

Komplizierte Fernbedienungen sollen durch Gesten auf einem Touch-Bildschirm ersetzt werden. Das große Schlagwort auf der Leitmesse der Elektronikbranche aber ist „context awareness". Es geht um Geräte, die die Wünsche der Nutzer vorhersehen und sie ohne explizites Kommando einfach umsetzen. „Wir sind an dem Wendepunkt, wo wir die Anfänge dieser Möglichkeiten erleben können", sagt etwa Mark Papermaster, Technologiechef beim Chiphersteller Advanced Micro Devices. AMD -0,37% Advanced Micro Devices Inc. U.S.: NYSE $2,68 -0,01 -0,37% 24 Okt. 2014 16:02 Volumen (​15 Min. verzögert) : 11,94 Mio. NACHBÖRSLICH $2,67 -0,01 -0,37% 24 Okt. 2014 19:26 Volumen (​15 Min. verzögert) : 13.842 KGV 44,67 Marktkapitalisierung 2,06 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 548.777 $

Die Halbleiterunternehmen wollen dabei eine Schlüsselrolle spielen. Sie gehören folgerichtig auch zu den wichtigsten Ausstellern der Messe, die am Sonntag mit einigen Presseterminen begann und von Dienstag bis Freitag etwa 150.000 Fachbesucher anlocken soll. In der ersten Präsentation der CES am Montagabend wird beispielsweise Paul Jacobs auf der Bühne stehen. Der Chef von Qualcomm, QCOM +1,14% Qualcomm Inc. U.S.: Nasdaq $76,00 +0,86 +1,14% 24 Okt. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 6,09 Mio. NACHBÖRSLICH $76,00 0,00 % 24 Okt. 2014 19:32 Volumen (​15 Min. verzögert) : 151.654 KGV 16,96 Marktkapitalisierung 127,38 Milliarden $ Dividendenrendite 2,21% Umsatz/Mitarbeiter 847.613 $ dem wichtigsten Chiplieferant für Smartphones, nimmt dabei jene Rolle ein, die jahrelang den Microsoft MSFT +2,47% Microsoft Corp. U.S.: Nasdaq $46,13 +1,11 +2,47% 24 Okt. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 60,73 Mio. NACHBÖRSLICH $46,03 -0,10 -0,22% 24 Okt. 2014 19:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : 353.080 KGV 17,88 Marktkapitalisierung 380,24 Milliarden $ Dividendenrendite 2,69% Umsatz/Mitarbeiter 714.094 $ -Chefs vorbehalten war.

Vor einem Jahr kündigte Jacobs auf der Messe an, mit einem Preisgeld von 10 Millionen Dollar die Entwicklung eines mobilen Medizincomputers nach dem Vorbild des Tricorders aus „Star Trek" zu fördern. Für dieses Jahr hat er versprochen eine Reihe von Erfindern und ihre Produkte auf die Bühne zu bringen, etliche davon sollen zeigen, was möglich ist, wenn mobile Geräte ihre Daten mit Sensoren austauschen, die zuhause angebracht sind, am Körper des Nutzers oder in Autos. Qualcomm nutzt dafür den Begriff vom „digitalen sechsten Sinn". Mark Papermaster von AMD dagegen spricht von „Surround-Computing", während Intel INTC +1,50% Intel Corp. U.S.: Nasdaq $33,18 +0,49 +1,50% 24 Okt. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 27,61 Mio. NACHBÖRSLICH $33,23 +0,05 +0,15% 24 Okt. 2014 19:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : 209.845 KGV 15,36 Marktkapitalisierung 164,27 Milliarden $ Dividendenrendite 2,71% Umsatz/Mitarbeiter 510.994 $ die Umsetzung von Gesten „Perceptual Computing" nennt.

Orientierungshilfe für Reisende

Welcher Begriff sich für den Trend am Ende auch durchsetzt, klar scheint zumindest, dass die Verbraucher von ihren Geräten mehr erwarten. Eine Umfrage der Unternehmensberatung Accenture ACN +0,35% Accenture PLC Cl A U.S.: NYSE $78,35 +0,27 +0,35% 24 Okt. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 2,30 Mio. NACHBÖRSLICH $78,35 0,00 % 24 Okt. 2014 16:57 Volumen (​15 Min. verzögert) : 18.347 KGV 16,89 Marktkapitalisierung 49,46 Milliarden $ Dividendenrendite 2,60% Umsatz/Mitarbeiter 115.908 $ aus dem September ergab, dass die Amerikaner in diesem Jahr kaum noch Geräte mit einer einzigen Funktion, wie etwa Blu-Ray-Spieler, kaufen wollen. Stattdessen interessieren sie sich für Multifunktionsgeräte. 41 Prozent der Verbraucher etwa planen für 2013 den Kauf eines Smartphones, für 2012 hatten das nur 27 Prozent angegeben, sagt Accenture.

Gadget-Wörterbuch

Mit Hilfe dieser Technologien sollen Elektrogeräte intelligenter werden.

  • Augmented Reality
    Das Kamerabild auf dem Smartphone wird mit aktuellen Zusatzinformationen überlagert.
  • Near-field Communications (NFC)
    Damit werden Daten über sehr kurze Distanzen gesendet. So kann mit dem Smartphone bezahlt oder ein Foto zwischen zwei Geräten ausgetauscht werden.
  • Wi-Fi Direct
    Ein neuer Standard, mit dem Daten ohne einen zentralen WLAN-Router übertragen werden können.
  • Miracast
    Eine auf Wi-Fi Direct basierende Technik, mit der ein Videobild auf mehreren Geräten gleichzeitig wiedergegeben werden kann.
  • Context Awareness
    Ein Schlagwort für die Fähigkeit von Geräten, die Verhaltensweisen ihrer Nutzer kennenzulernen, um so schon vorab ihre Absichten zu erkennen.
  • Sensor Hubs
    Chips, die verschiedenste Sensordaten verarbeiten. Das spart auch Energie.
  • 3D-Kameras
    Kameras, die dreidimensionale Bilder aufnehmen und wiedergeben können. Sie werden bei der Gerätesteuerung mit Hilfe von Handbewegungen und Gesten eingesetzt.

Die Grundbausteine für viele der zu erwartenden Innovationen gibt es bereits. Smartphones enthalten aktuell mehr als 18 spezielle Sensoren, die etwa die Beschleunigung oder die Ausrichtung des Handys im Raum mittels Magnetfeldmessung und Kreiseltechnik ermitteln. Aber viele der Funktionen sind nicht aktiv, wenn sie nicht gezielt durch eine App genutzt werden.

Das neue Konzept der Chiphersteller sieht dagegen vor, dass diese Sensoren sich automatisch einschalten und kontinuierlich Daten untereinander und mit der Kamera oder den Mikrofonen austauschen. Die Prozesse sind dabei so komplex, dass die Unternehmen eigene Chips dafür entwickelt haben, sogenannte Sensorenknoten. Im neuen Microsoft-Tablet Surface wird ein solcher Chip von Atmel geliefert. „Das war ein echter Treffer", sagt Atmel-Chef Steven Laub.

Der französische Hersteller Movea hat einen Algorithmus entwickelt, mit dem sich aus den Sensordaten schließen lässt, ob ein Handy auf dem Tisch liegt oder in der Tasche des Nutzers steckt, ob der auf dem Fahrrad sitzt, Auto fährt, im Fahrstuhl steht oder tanzt. David Rothenberg, Marketingchef von Movea, erklärt, wie ein Geschäftsreisender in einer fremden Stadt davon profitieren kann: Ein Blick in die Smartphonekamera genügt, um den gespeicherten Reiseplan abzurufen. Dann führt das Handy den Nutzer zum nächsten Bahnhof – aber nicht per Karte. Über die Kamera wird die tatsächliche Sicht des Nutzers gezeigt, an jeder Kreuzung bekommt er Hinweise für den weiteren Weg auf seinem Display. Am Bahnhof angekommen, leitet das Gerät ihn zum richtigen Gleis, erläutert Rothenberg.

Mit den Smartphone zur Fleischtheke

Der Telekomanbieter Orange, eine Tochter von France Télécom, will Technik von Movea in seine Set-Top-Boxen einbauen, so dass der Fernseher mit Hilfe von Gesten gesteuert werden kann. Omek Interactive aus Israel hat Algorithmen für die Umsetzung von Handbewegungen mit Hilfe von 3D-Kameras erarbeitet, die etwa beim Kinect-Gerät zur Spielkonsole Xbox 360 von Microsoft eingesetzt werden. Laut Omek-Chefin Janine Kutliroff können Softwareingenieure mit ihrer Technik dafür sorgen, dass ein Nutzer ein 3D-Modell per Handbewegung rotieren lassen kann, ohne dabei die Maus zu benutzen. „Das ist eine viel natürlichere Erfahrung", sagt Kutliroff.

Qualcomm und Broadcom BRCM +0,84% Broadcom Corp. U.S.: Nasdaq $39,70 +0,33 +0,84% 24 Okt. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 3,96 Mio. NACHBÖRSLICH $39,76 +0,06 +0,15% 24 Okt. 2014 19:29 Volumen (​15 Min. verzögert) : 116.033 KGV 53,65 Marktkapitalisierung 23,50 Milliarden $ Dividendenrendite 1,21% Umsatz/Mitarbeiter 665.259 $ werben unterdessen auf der CES für Technologien, mit denen sich Daten beispielsweise zwischen Tablets und HD-Fernsehern austauschen lassen. Auch in Arbeit: Die Positionsbestimmung in Einkaufszentren. Läden könnten so gezielt mehr Passanten anlocken. „Wenn ich in der Nähe der Fleischtheke stehe, könnte mir mein Smartphone die Sonderangebote anzeigen", sagt Michael Hurlston, Senoir Vice Präsident von Broadcom.

Tom Rogers, Chef von Tivo, sieht diese Technologien aber eher als Kuriosum. Wichtiger sei es, die Nutzer von Set-Top-Boxen durch die immer größer gewordene Programmvielfalt zu navigieren. „In den vergangenen Jahren gab es auf der CES viel Getöse, aber wenig Konzentration auf das eigentliche Videoerlebnis", sagt er. Andere sehen den immer freieren Austausch von Daten als Gefahr für die Privatsphäre. „Nichts davon wird funktionieren, wenn man Angst um seine Daten hat", sagt Mark Papermaster von AMD.