IT-Giganten kämpfen seit Jahren um die Hoheit im Wohnzimmer. Der Krieg ist noch lange nicht vorbei – doch ein Unternehmen hat sich eine Vormachtstellung erkämpft: Microsoft. MSFT +1,23% Microsoft Corp. U.S.: Nasdaq $45,43 +0,55 +1,23% 29 Aug. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 19,83 Mio. NACHBÖRSLICH $45,44 +0,01 +0,02% 29 Aug. 2014 19:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,78 Mio. KGV 17,08 Marktkapitalisierung 374,34 Milliarden $ Dividendenrendite 2,47% Umsatz/Mitarbeiter 677.570 $

Microsofts Spielekonsole Xbox 360 mit der Gestensteuerung Kinect. Die Konsole soll das digitale Mediencenter des Wohnzimmers sein. dapd

Der Softwarehersteller hat seine Spielekonsole Xbox zunehmend von einem Videospielgerät zur vielseitigen Unterhaltungszentrale gewandelt. Nun wird die 11 Jahre alte Hardware durch die bislang härteste Konkurrenz herausgefordert.

Microsoft versucht, seine Kunden mit mehr als nur Computerspielen zum Kauf einer Xbox zu überzeugen. Dazu hat das Unternehmen Verträge mit Diensten wie der Filmstreaming-Seite Netflix, Googles Videoportal Youtube und dem US-Sportsender ESPN abgeschlossen, welche die Xbox mit Inhalten versorgen sollen. In Deutschland ermöglicht der Service Xbox Live unter anderem den Zugriff auf Wall Street Journal Live, NBA Game Time, den Bezahlsender Sky, Youtube und die ZDF-Mediathek.

Gesten und Sprachbefehle

Kunden können auch Konkurrenzprodukte mit ähnlichen Diensten kaufen. Doch Microsofts Konsole Xbox 360 kann unter anderem mit dem Controller Kinect werben, der die Steuerung von Software mittels Gesten und Sprachbefehlen ermöglicht. Zudem hat Microsoft interaktive Funktionen eingebaut, zum Beispiel die Möglichkeit, an Abstimmungen im Fernsehen teilzunehmen.

Die Xbox sei „die erste erfolgreiche Kombination aus Fernsehen und Interaktion", sagt Bing Cordon, langjähriger Manager in der Computerspielebranche und inzwischen Partner der Wagniskapitalfirma Kleiner Perkins Caufield Byers. Gordon nannte Microsofts Dienst Xbox Live - ein zehn Jahre alter Service, der die Spielekonsole mit dem Web verband - „eine der großen Software-Innovationen dieser Generation."

Der Erfolg der Xbox ist das erste erfolgreiche Kapitel in der langen Geschichte der Versuche von Microsoft, im Wohnzimmer Erfolg zu haben. Produkte wie WebTV – ein System, das 1997 von Microsoft übernommen wurde, um das Internet auf TV-Bildschirme zu bringen – war kein Erfolg im Massenmarkt. Ebenso scheiterten Bemühungen, speziell ausgestattete PCs mit Windows an TV-Geräten zu betreiben.

Die beliebtesten Konsolen-Klassiker von Nintendo

Evan Amos/CC 3.0

Interaktives Fernsehen war häufig ein Schwerpunkt, als Microsoft-Chef Steve Ballmer und zuvor Mitgründer Bill Gates die Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas eröffneten. Die Eröffnungsansprache ist diesmal für Montagabend angekündigt – doch keiner der beiden wird dort sein. Microsoft hatte sich vor der CES 2012 dazu entschlossen, nicht mehr auf der Gadget-Messe aufzutreten.

Doch andere kommen. Von großen Elektronikunternehmen werden Fortschritte bei Produkten wie Fernsehehern mit Internetanschluss und verbesserten Betriebssysteme erwartet – darunter Produkte mit Googles TV-Software. Konkurrenten wie Tivo und Roku bringen neue Versionen ihrer Set-Top-Boxen heraus.

Steigt Apple in den Markt ein?

Mit noch größerer Spannung wird beobachtet, ob Apple – dessen Set-Top-Box Apple TV Geräte wie iPhone, iPad und Web-Dienste mit dem Fernseher verbindet – eine bereite Attacke auf die Branche plant – möglicherweise mit einem eigenen Web-Fernseher.

Ein Einstieg in Unterhaltungsindustrie wurde die Branche prägen – und dem Konzern einen Anteil an den jährlich 150 Milliarden US-Dollar schweren US-Fernsehmarkt sichern, der sich über Werbung und Abonnements finanziert.

Marc Whitten, der bei Microsoft für Xbox Live zuständig ist, sieht der Konkurrenz gelassen entgegen. Er verweist darauf, dass Microsoft durch die Xbox, mehr Dienste und die Loyalität der Kunden einen Vorsprung habe. „Es ist eine wirklich aufregende Zeit, um in der Branche aktiv zu sein und zu beobachten, wohin sich die Unterhaltungselektronik entwickelt", sagt Whitten. „Wir fühlen uns durch unsere Nutzerschaft sehr geehrt und glauben, dass sie uns sehr hilft."

Die Verkäufe der Xbox – mehr als 70 Millionen abgesetzt Konsolen seit 2005 – übertreffen die Verkäufe von speziellen Unterhaltungs-Zentralen wie Apple TV bei weitem. Microsoft bewirbt bereits seit einiger Zeit den Erfolg, den die Xbox auch abseits von Spielen hat. Vergangenen März veröffentlichte Microsoft Zahlen , nach denen Xbox-Live-Nutzer zunehmend mehr Zeit mit Dingen wie dem Schauen von Netflix-Filmen verbringen als online mit anderen Nutzern zu spielen.

Ein mögliches Zeichen für seine Ambitionen im Unterhaltungsbereich ist die Übernahme von id8 Group R2 Studios durch Microsoft – ein Start-up, das an Techniken arbeitet, um digitale Medien auf dem TV-Gerät zu zeigen, sagten Eingeweihte.

Faule Komproiss bei der nächsten Xbox?

Doch Microsoft muss sich gegen eine Fülle von Konkurrenten und Skeptikern zur Wehr setzen. Einige davon verweisen beispielsweise auf Kompromisse beim Preis und der Komplexität des Geräts hin, die Microsoft eingehen muss, um sowohl Spiele wie auch Videostreaming zu ermöglichen.

Eine Xbox kostet in den USA entweder 200 oder 300 Dollar – in Deutschland sind es je nach Ausstattung rund 200 oder rund 270 Euro. Das reine Online-Streaming-Gerät von Roku gibt in den USA bereits am 50 Dollar. Um die meisten der Unterhaltungs-Funktionen der Xbox zu nutzen, müssen sich die Kunden außerdem noch beim Xbox-Live-Dienst anmelden, der in den USA 60 Dollar im Jahr kostet. In Deutschland kostet eine einjährige Goldmitgliedschaft 60 Euro oder 20 Euro für drei Monate. Abonnements von Streaming-Diensten wie Netflix, Hulu Plus oder Kabel-TV-Sender kosten extra und sind in Deutschland nicht verfügbar.

Roku-Chef Anthony Woods räumt ein, dass Geräte wie die Xbox heute am häufigsten das Wohnzimmer mit dem Internet verbinden. Künftiges Wachstum werde aber vor allem durch Geräte wie die Internet-TV-Geräte von Roku getrieben, sagt er voraus – zumindest in Haushalten ohne Computerspieler. „Ein Roku für 50 Dollar ist die viel bessere Lösung", so Woods.

Der Ausgang des Kampfes könnte dadurch entschieden werden, wie das Update der Xbox durch Microsoft ausfällt. Einige Branchenbeobachter rechnen 2013 mit einer neuen Generation der Spielekonsole.

Microsoft denkt über zwei Xbox-Varianten nach

Laut Quellen, die mit Microsofts Plänen vertraut sind, erwägt Microsofts Führungsmannschaft die neue Xbox in zwei Versionen auf den Markt zu bringen. Demnach könnte es eine leistungsstärkere und teurere Version, die in erster Linie auf Spiel ausgerichtet ist und eine abgespeckte, günstigere Konsole, die vor allem für das Schauen von Videos und die Nutzung des Online-Zugangs ausgerichtet ist.

Microsoft-Manager Whitten wollte künftige Pläne für die Xbox nicht kommentieren. „Ich glaube immer noch, dass es die Plattform sein wird, die jede Form von Unterhaltung an einem zentralen Ort ermöglicht", sagt er allerdings.

Auch wenn die Xbox in der öffentlichen Wahrnehmung mit Videospielen verknüpft ist, war die Konsole von Anfang auch für den Zugang zu anderen Unterhaltungsangeboten ausgelegt, sagen Whitten und andere, die bereits beim Start der ersten Xbox-Generation 2001 dabei waren.

Microsoft hat weitere Online-Funktionen und Dienste der Xbox hinzugefügt, darunter Dienste zum Streamen von Musik und Speichern von Daten im Internet, die vergangenen Herbst vorgestellt wurden. Zudem wurde eine Suche mit Sprachsteuerung eingeführt, mit welcher der Nutzer beispielsweise Episoden einer Fernsehserie im TV-Programm, auf Netflix oder auf anderen Streaming-Diensten suchen kann.

Xbox-Sparte wirft Geld ab

Auch wenn die Xbox für Microsoft lange ein unprofitables Zuschussgeschäft war, scheint die Sparte sich inzwischen selbst zu tragen. Der Analyst Michael Pachter von Wedbush Securities schätzt, dass Microsofts Xbox-Konsole in etwa 115 Millionen Dollar Bruttogewinn abwirft.

Die Microsoft-Sparte, zu der die Xbox gehört, veröffentlichte einen Gewinn von 1,95 Milliarden Dollar im ersten Quartal des Geschäftsjahres, das am 30. September endete. Im Jahr zuvor waren 1,96 Milliarden. Die Betriebseinnahmen fielen von 340 auf 19 Millionen Dollar. Mit dem zunehmenden Alter der Xbox 360 von 2005 litten auch die Verkäufe. Microsoft hat nach Unternehmensangaben bis zum 30. September 25 Prozent weniger Konsolen ausgeliefert als ein Jahr zuvor – das sind 1,7 Millionen weniger abgesetzt Konsolen.

Mitarbeit: Ian Sherr und Don Clark

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de