Der Aluminiumhersteller Alcoa legt als erstes US-Großunternehmen 2013 Zahlen vor. Daniel R. Patmore/AP/dapd

An der Wall Street wächst die Hoffnung auf gute Geschäfte: Amerikanische Investoren setzen auf positive Überraschungen in der am Dienstag beginnenden Bilanzsaison. „In den nächsten Wochen dreht sich alles um die Unternehmensergebnisse", sagt Chris Hyzy, Investmentchef der Privatbank U.S. Trust. Er hat die Verantwortung für die Anlage von rund 332 Milliarden Dollar. Hyzy rechnet mit vergleichsweise guten Bilanzen: „Die Aktienkurse dürften steigen." Andere Fondsmanager warnen allerdings vor übertriebener Hoffnung.

Doch insgesamt rechnen die Analysten an der Wall Street mit guten Nachrichten. Sie gehen nach Daten von Thomson Reuters davon aus, dass die im Börsenindex S&P 500 gelisteten Unternehmen im vierten Quartal 2012 durchschnittlich 2,8 Prozent mehr verdient haben als im gleichen Quartal des Vorjahres: 25,55 Dollar dürfte den Einschätzungen zufolge im Schnitt der Gewinn pro Aktie erreicht haben. Die Analysten begründen ihre Hoffnungen mit dem wieder anziehenden Wirtschaftswachstum in den USA und einigen anderen Ländern.

Zwar waren die Experten im Herbst noch optimistischer: Damals hatten sie sich von den Unternehmen im S&P 500 durchschnittlich 9,9 Prozent Gewinnwachstum im Schlussquartal versprochen. Doch auch wenn die Verbesserungen nun moderater ausfallen, würden sie doch eine Trendwende einleiten: Im dritten Quartal 2012 stagnierten die Gewinne noch.

Die Börsenoptimisten sehen deshalb die Talsohle hinter sich und setzen auf Kurschancen: Die aktuellen Aktienpreise spiegeln ihrer Ansicht nach das Gewinnwachstum der Unternehmen nicht ausreichend wider. David Kostin, US-Aktienmarktstratege bei Goldman Sachs, sieht den S&P 500 angesichts dessen schon bei rund 1.575 Punkten - etwa 7,7 Prozent höher als im Moment. Wachsende Unternehmensgewinne dürften nach seiner Einschätzung zu der Entwicklung beitragen.

Kostin ist auch für das Jahr 2013 optimistisch und rechnet hier mit einem Gewinnwachstum bei den größten US-Unternehmen von 6 Prozent – und entsprechend auch größeren Investitionen der Unternehmen. Davon dürften angesichts zusätzlicher Aufträge auch andere Unternehmen profitieren, sagt er. Gewinnwachstum und in Folge dessen höhere Investitionen könnten den Aufwärtstrend so wechselseitig verstärken.

Die Umsätze der S&P-500-Unternehmen sind nach Einschätzung von Analysten im vierten Quartal bereits gestiegen: Laut Daten von Thomson Reuters um 1,9 Prozent. In den drei Vormonaten waren die Erlöse noch um 0,8 Prozent geschrumpft.

Einige Marktteilnehmer äußern sich dennoch zurückhaltend. Ohne ein größeres Umsatzwachstum werde es den Unternehmen schwerfallen, ihren Gewinn zu steigern, sagt John Carey von der Fondsgesellschaft Pioneer Investments. In den meisten Unternehmen nämlich seien die Möglichkeiten für Kostensenkungen längst ausgeschöpft. Uri Landesman, Chef des 1,1-Milliarden-Dollar-Hedgefonds Platinum Partners, warnt gar vor einem „lauen Gewinnwachstum". Die Unternehmensergebnisse dürften die Märkte erschüttern, prognostiziert er – und nennt die US-Aktien „heftig überbewertet".

Dabei ist das Meinungsspektrum an der Wall Street wie gewohnt groß: Andere Investoren halten den Konsens der Analystenschätzungen zum Gewinnwachstum für noch zu niedrig. „Die Erwartungen sind nicht gerade übertrieben", sagt Warren Koontz vom Bostoner Fondsunternehmen Loomis Sayles. Unternehmen und Analysten hätten sich jüngst allzu sehr etwa von den Sorgen um die Weltwirtschaft beeindrucken lassen. Sie seien „zu pessimistisch", sagt Koontz. Er setzt derzeit verstärkt auf Unternehmen, die direkt vom Konsum der Verbraucher abhängig sind. Die Gewinne der S&P-500-Unternehmen im Konsumgütersektor dürften nach Analystenmeinungen im Schlussquartal um 11 Prozent gestiegen sein. Nur für Banken und andere Finanzhäuser sagen die Experten noch bessere Ergebnisse voraus.

Das sind Deutschlands Aktien des Jahres

Die US-Berichtssaison hat am Dienstag begonnen: Der weltweit zweitgrößte Aluminiumhersteller Alcoa hat nach Börsenschluss in New Yorker seinen Geschäftsbericht vorgelegt. Wie erwartet wies der Konzern wieder einen Gewinn aus, die Aktie legte nachbörslich zu. Damit erfüllte das Unternehmen die Hoffnung der Beobachter auf einen schwungvollen Einstieg in die Berichtssaison.

„Die Investoren werden mehr Vertrauen fassen", erwartet Paul Mangus, Chefstratege bei der Wells Fargo Private Bank, für die nächsten Wochen. Die in der Debatte um die Fiskalklippe gewachsenen Sorgen um die US-Verbraucherausgaben dürften nach Ansicht von Mangus dann verblassen. „Die Berichtssaison", sagt er, „wird okay sein."

Dabei lenken die Analysten der deutschen Landesbank LBBW den Blick noch auf einen anderen Aspekt. Auch sie halten die aktuellen Gewinnschätzungen der Mehrzahl der Experten für zu pessimistisch. Entscheidender als die Zahlen werden nach Einschätzung der LBBW aber die Ausblicke der Unternehmen sein. Doch auch hier geben die Experten Entwarnung: Die erwartete leichte Dynamisierung der Weltwirtschaft im neuen Jahr werde die fiskalpolitischen Bremseffekte in den USA kompensieren. Deshalb sind die LBBW-Experten verhalten optimistisch.

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