Der Norden und der Süden der Eurozone driften immer stärker auseinander. Die Schere zwischen Ländern, die der Krise bisher gut standgehalten haben und jenen, die sich in einer Abwärtsspirale befinden, vergrößert sich immer weiter. Das zeigt der Arbeitsmarkt- und Sozialbericht der EU-Kommission für 2012, der am Dienstag in Brüssel vorgelegt wurde.

Die Arbeitslosenquote in den südlichen Staaten der Eurozone war im Jahr 2011 um 7,5 Prozentpunkte höher als in den nördlichen Staaten, während dieser Unterschied im Jahr 2000 nur bei 3,5 Prozentpunkten gelegen hatte und danach bis 2007 sogar verschwunden war, wie es in dem Sozialbericht weiter heißt.

Die ebenfalls am Dienstag von Eurostat veröffentlichten Arbeitslosenzahlen für die Eurozone im November bestätigen diesen Trend: Während Österreich mit 4,5 Prozent, Luxemburg mit 5,1, Deutschland mit 5,4 und die Niederlande mit 5,6 Prozent die niedrigsten Arbeitslosenquoten verzeichneten, meldeten Spanien und Griechenland mit jeweils über 25 Prozent die höchsten Quoten. Der Eurozonen-Durchschnitt erreichte demnach einen neuen Rekord von 11,8 Prozent.

"Neues Muster der Auseinanderentwicklung"

Es gebe "ein neues Muster der Auseinanderentwicklung" zwischen Nord und Süd, insbesondere in der Eurozone, sorgt sich die Kommission. Aber auch die östlichen Länder der EU stünden schlechter da. "Es ist zudem unwahrscheinlich, dass sich die sozioökonomische Lage in Europa 2013 wesentlich verbessern wird", erklärte Arbeit- und Sozialkommissar Laszlo Andor.

Tauben fliegen in Athen über einen Obdachlosen hinweg, der auf einer Bank schläft. dapd

"2012 war ein weiteres miserables Jahr für Europa, was die Arbeitslosigkeit und die sich verschlechternde soziale Lage angeht", erklärte der ungarische Kommissar weiter. Nach fünf Jahren Wirtschaftskrise und einem erneuten Konjunktureinbruch 2012 sei die Arbeitslosigkeit in der EU so hoch wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. Im vergangenen Jahr habe sie im EU-Durchschnitt fast 11 Prozent betragen.

In zwei Dritteln der EU-Staaten sind laut dem Bericht die Haushaltseinkommen gesunken. Doch während es in Griechenland mit 17 Prozent, in Spanien mit 8 und in Zypern mit 7 Prozent die stärksten Einbrüche gegeben habe, seien die Einkommen in Deutschland, Polen und Frankreich gestiegen. Besonders gefährdet, in die Armut abzurutschen, sind demnach junge Menschen, arbeitslose Frauen und alleinerziehende Mütter.

Die Analyse habe gezeigt, dass die Mitgliedstaaten mithilfe geeigneter arbeitsmarktpolitischer Reformen und einer besseren Ausgestaltung der Sozialsysteme den wirtschaftlichen Erschütterungen besser standhielten und die Krise schneller überwinden könnten. So habe sich ebenfalls im Süden das Missverhältnis zwischen Kompetenzen der Arbeitskräfte und den Stellenanforderungen weiter verschlechtert. Insbesondere junge Menschen seien nicht entsprechend den Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgebildet, der Jobs insbesondere in der grünen Wirtschaft, bei Informations- und Kommunikationstechnologien und im Gesundheitswesen biete.

In Kürze will Andor Vorschläge machen, wie soziale Investitionen am besten getätigt werden können. Vergleichbare Ausgaben für Sozialleistungen haben laut Bericht in einzelnen Mitgliedstaaten zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen geführt. So hätten etwa Ungarn und Portugal 2009 mit 13 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts etwa gleich viel investiert, wodurch das Armutsrisiko in Ungarn um 57 Prozent gesunken sei, in Portugal aber nur um 36 Prozent.

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