Jedes Jahr das gleiche Spiel: In Hollywood werden die besten Filme mit den begehrten Oscars ausgezeichnet. Viele der Produktionen sind dann gerade erst in den Kinos angelaufen. Und trotzdem können sie schon alle kostenfrei im Internet angeschaut werden - Filmpiraterie macht es möglich. Agence France-Presse/Getty Images

Hollywood hat nun auch in Berlin einen Fuß in der Tür. Christian Sommer heißt der Mann, der für den Filmstudioverband Motion Picture Association in der Bundeshauptstadt die Lobbyarbeit machen soll. Im Interview verraten der 35-Jährige und MPA-Europa-Chef Chris Marcich warum Deutschland so wichtig ist und weshalb Google Verantwortung übernehmen muss.

WSJ: Mögen Sie 3D?

Christian Sommer: Mir gefällt es sehr gut. Nicht nur 3D, sondern auch die höhere Bilderrate, die mit dem Hobbit-Film erstmals größere Verbreitung im Kino fand. Es hat ungefähr eine Stunde gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Aber am Ende fand ich es toll. Es sorgt für einen Mehrwert beim Kinoerlebnis. Ich glaube nicht, dass alle Filme so gedreht werden sollten. Aber mir persönlich hat es sehr gut gefallen.

Und aus Sicht eines Rechteinhabers? Es ist doch viel komplizierter, einen 3D-Film im Kino abzufilmen oder nicht?

Sommer: Technisch ist es möglich, einen 3D-Film in 2D abzufilmen. Allerdings geht dabei natürlich ein Teil des eben beschriebenen Mehrwertes verloren. Aus Sicht eines Raubkopierers ist es darum tatsächlich weniger attraktiv. Das ist natürlich ein Pluspunkt für das Format, aber längst nicht der einzige.

Die neue Technologie ist nicht gerade billig. Kleine Kinos in kleineren Städten können sich ein Umrüsten nur selten leisten. Häufig gibt es darum Kritik an den neuen Formaten...

Sommer: Die Distributoren der Filme haben kürzlich eine Übereinkunft hinsichtlich der Finanzierung auch kleinerer Kinos getroffen. Daran haben sich neben den Verleihfirmen im Verband der Filmverleiher auch die Förderinstitutionen beteiligt. Am Ende sollte es doch möglich sein, dass sich jeder ein Bild von diesem neuartigen Kinoerlebnis machen kann. Ich denke, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis es diese Qualität auch in kleineren Städten gibt. Denn darum geht es ja in der Übereinkunft. Dass auch die Kinos und Verbraucher im ländlichen Raum profitieren.

Chris Marcich: Und wenn die kleineren Kinos erst einmal digital ausgestattet sind, eröffnen sich für sie ja noch ganz andere Möglichkeiten. Sie können dann zum Beispiel auch Fußballspiele zeigen oder kulturelle Highlights präsentieren.

Sommer: Außerdem wird der Verleihprozess durch die Digitalisierung vereinfacht. Wenn alles über Server und Festplatten läuft, müssen keine physischen Kopien mehr transportiert werden. Stattdessen können die Filme per Satellitenverbindung auch in kleinere Städte übertragen werden.

Chris Marcich

Chris Marcich ist Managing Director der die Motion Picture Association (MPA) und zuständig für die europäischen Geschäfte. Marcich ist seit 17 Jahren bei der MPA, er lebt und arbeitet in Brüssel.

Herr Marcich, wie muss man sich einen Arbeitstag bei Ihnen vorstellen?

Marcich: Ich arbeite in Europa und kümmere mich hauptsächlich um rechtliche Dinge. Ich trete in Kontakt mit den Regierungen und gehe in Brüssel auf sie zu. Denn dort sitzt das Europäische Parlament. Ich arbeite mit den Verantwortlichen aus der Filmindustrie und anderen Rechteinhabern zusammen. Ich kümmere mich um die Märkte in ganz Europa, in Russland und manchmal auch in Afrika. Es ist ein Job, der sehr breitgefächert ist. Es geht im Grunde darum, die Regierungen für das Thema Urheberrecht zu sensibilisieren. Da das Internet eine immer größere Rolle in unserem Geschäft spielt, ist es wichtig, die Sorgen der Filmemacher bei der Rechtsprechung zu berücksichtigen. Es geht also vor allem darum, mit den Herausforderungen, aber natürlich auch den Chancen des Internets umzugehen.

Glauben Sie, dass es viele Ihrer Ideen am Ende in einen Gesetzentwurf schaffen?

Marcich: Ich hoffe natürlich, dass einige der Ideen, die wir gemeinsam mit unseren Verbündeten entwickeln, am Ende dort berücksichtigt werden, wo die Gesetze entstehen. Wir sprechen hier jedoch vor allem über Konzepte und nicht über Rechtsvorschriften. Wir wollen den Entscheidungsträgern die Perspektiven und Schwierigkeiten aufzeigen, die es im Zusammenhang mit audiovisuellen Arbeiten und Filmen gibt. Das ist unser Ziel. Die Verantwortlichen sollen verstehen, um was es geht. Und natürlich sollen es unsere Vorschläge am Ende auch in Gesetzentwürfe schaffen. Ich sehe daran auch nichts Schlechtes. Es gibt eine Menge Organisationen und Gruppierungen, die Ideen und Vorschläge einbringen. Die Hoffnung ist schließlich, dass dadurch am Ende bessere Resultate erzielt werden können.

Sie waren gerade auf der Berlinale. Haben Sie den Pirate-Bay-Film gesehen?

Sommer: Ich bin bei der Weltpremiere gewesen. Allerdings war es wohl gar nicht die Weltpremiere. Im Internet war der Film wohl zwei Minuten vorher online. Aber ja, ich habe ihn gesehen...

Hat er Ihnen gefallen?

Sommer: Es ist eine gut gemachte Dokumentation. Man bekommt Einblicke und erfährt Dinge, die man vorher nicht wusste. Es ist eine sehr persönliche Geschichte. Es geht um die Menschen hinter The Pirate Bay. Die Idee und das Projekt sind eher zweitrangig. Mir hat der Film gefallen.

Was haben Sie aus der Causa Kim Dotcom gelernt?

Marcich: Da das Verfahren noch läuft, können wir dazu nicht viel sagen. Nur soviel: Kim Dotcom ist ein sehr schlauer und manipulativer Mensch. Er hat ein Talent dafür, sich und seine Mission in einem besonderen Licht darzustellen. Darum erhält er eine Menge Aufmerksamkeit. Ich werde nicht kommentieren, ob seine Methoden gut oder schlecht sind. Er steht für etwas, womit wir uns auch in Zukunft noch beschäftigen müssen. Wenn man hinter das farbenfrohe Drama blickt, das in den vergangenen Monaten durch die Presse ging, dann bleibt am Ende ein Mensch, der sehr viel Geld mit einer Sache verdient hat, die die Rechteinhaber sicherlich nicht bewilligt hatten. Wenn man sich mit anderen über den Fall unterhält, dann ist denen in der Regel klar, dass Kim Dotcom in großem Umfang von seinen illegalen Aktivitäten profitiert hat. Längst nicht alle empfinden Sympathie für Dotcom.

Christian Sommer

Christian Sommer vertritt seit dem 1. Februar die Motion Picture Association (MPA) in Deutschland. Neun Jahre lang hat der 35-Jährige zuvor bei Warner Bros. als Anti-Piracy-Beauftragter gearbeitet – im vergangenen Jahr im europäischen Büro in London, vorher von Hamburg aus.

Es gibt ein steigendes Bewusstsein dafür, dass solche Seiten illegal sind. Dass die Menschen hinter diesen Angeboten keine kleinen Ganoven sind. Dass sich ein großes Geschäft dahinter verbirgt und dass die Rechteinhaber darunter leiden. Viele waren sich vor Kim Dotcom gar nicht bewusst, womit sie es zu tun haben. Und darum bin ich der Meinung, dass uns der Fall auch geholfen hat. Auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick anders aussehen mag.

Sommer: Hier lässt sich auch eine Parallele zu The Pirate Bay ziehen. Im Film wird deutlich, dass diese Angebote die Rechte anderer verletzen. Die Macher bezeichnen sich als kreativ und innovativ. Doch das sind sie nicht. Solche Seiten erzeugen keine Inhalte. Sie beuten aus, worin andere Zeit und Geld investiert haben.

Würden Sie heute etwas anders machen?

Marcich: Am Ende kommt es nicht so sehr darauf an, ob man recht hat oder nicht. Man muss darauf achten, dass die Nachricht verstanden wird. Dass die Kommunikation funktioniert. Wenn wir also etwas daraus gelernt haben, dann ist es vielleicht das: Man kann recht haben. Aber wenn man nicht verstanden wird, wenn man die Nachricht nicht ausreichend vermittelt hat, dann reicht es häufig nicht aus.

Was hat sich in den vergangenen fünf Jahren verändert, wenn Sie auf Ihre Arbeit zurückblicken?

Marcich: Wir haben uns in den vergangenen fünf Jahren weiterentwickelt. Wir fokussieren uns heute nicht mehr so stark auf die Diskussionen über die Machenschaften einzelner. Das ist zwar weiterhin wichtig. Doch das wirkliche Problem sind Dienste wie Mega und The Pirate Bay, aber auch Suchmaschinen und Internetanbieter. Deren Aktivitäten tragen einen großen Teil zu den Problemen bei, mit denen wir uns heute auseinandersetzen müssen.

Die Gespräche haben sich in den vergangenen Jahren darum deutlich verlagert. Es geht heute stärker um die Internetanbieter, um Suchmaschinenbetreiber und um betrügerische Webseiten wie The Pirate Bay oder Mega. Wir sprechen hier von teilweise sehr großen Unternehmen.

Sommer: Und es hat sich noch etwas getan. Unsere Mitglieder sind in den vergangenen fünf Jahren viel aktiver geworden. Sie haben legale Angebote gestartet und herumexperimentiert, wie sich Inhalte digital verbreiten lassen. Da sich die Technologie immer weiterentwickelt und sich die Zielgruppe ständig vergrößert, wurden die Bemühungen in diesem Bereich deutlich verstärkt.

Sie löschen nach wie vor Links zu illegal angebotenen Filmen im Internet?

Sommer: Die Rechteinhaber bitten darum, dass sie entfernt werden.

Mögen Sie Google?

Marcich: Es ist schwierig, Google nicht zu mögen. Einige Angebote sind toll, und auch viele ihrer Innovationen haben das Leben der Menschen in bestimmten Bereichen leichter gemacht. Allerdings leisten sie auch einen nicht unwesentlichen Beitrag zu den Problemen, die wir haben. In mancherlei Hinsicht wollen sie die Regeln des Internets vorgeben. Sie wehren sich dagegen, dass die von Regierungsseite festgelegten Vorschriften und Gesetze auch im Internet Anwendung finden sollen. Ich halte diese Einstellung zumindest für fragwürdig. Das Unternehmen spielt eine große Rolle, wenn es um die Frage geht, wie sich die Menschen verhalten und wie sie die Welt wahrnehmen. Google muss sich dieser Verantwortung bewusst sein.

Das Unternehmen ist bewundernswert. Es hat eine Menge innovativer Produkte herausgebracht. Aber aus Wachstum und Marktmacht folgt große Verantwortung. Und diese Rolle füllen sie bisher noch nicht ausreichend aus.

Das Wall Street Journal hat kürzlich herausgefunden, dass sich bei Youtube jede Menge abendfüllende Filme finden lassen, die dort zumindest aus Ihrer Sicht nicht hingehören. Nutzen Sie die Werkzeuge wie Content ID nicht, die Ihnen die Firmen zur Verfügung stellen?

Marcich: Doch, doch. Wir sind ständig bemüht, überall mitzuhalten. Allerdings gibt es natürlich bei Content ID hier und da noch Mängel, die angegangen werden müssen. Ich weiß, dass es bei Youtube Filme gibt, die dort eigentlich nicht sein sollten. Ich weiß, dass wir uns darum kümmern werden. Ich weiß, dass wir mit Youtube daran arbeiten. Aber es stimmt, wir sind längst nicht perfekt. Das stört uns, das stört die Rechteinhaber und das stört die Verantwortlichen, die sich in Gesprächen mit Youtube befinden. Aber wir machen Fortschritte.

Auf welche Märkte konzentrieren Sie sich besonders?

Was die Rechtsprechung betrifft, steht für uns in diesem Jahr natürlich Brüssel im Vordergrund. Dort werden im Europäischen Parlament und in der Kommission wichtige Dinge verhandelt, bei denen wir mitreden wollen. Außerdem wollen wir weitere große Märkte angehen – und dazu zählt auch Deutschland. Für uns ist eine enge Partnerschaft mit den Verantwortlichen der deutschen Filmindustrie, also mit Produzenten, Verleihern und allen Rechteinhabern sehr wichtig. Nur so können wir gewährleisten, dass die Gesetzgeber am Ende bestmöglich von uns informiert wurden.

Neben Deutschland ist auch Frankreich für uns von zentraler Bedeutung. Das Land hat sich in den vergangenen zehn Jahren zu einem starken Verbündeten entwickelt. Außerdem natürlich Großbritannien, Spanien und Italien. Aber auch die nordeuropäischen Länder haben in der Vergangenheit innovative Lösungsansätze vorgestellt, wie sie mit dem Urheberrecht im Internet umgehen wollen.

Warum Deutschland?

Sommer: Es gibt zahlreiche Punkte, die in Deutschland aktuell relevant sind. Und nicht nur für die MPA, sondern für die gesamte Branche. Einerseits steht in ein paar Monaten die Bundestagswahl an. Das ist ein Meilenstein. Außerdem geht es um die Ausweitung des Deutschen Filmförderfonds (DFFF). Seit 2007 wurden auf Initiative von Staatsminister Bernd Neumann jährlich 60 Millionen Euro für die Produktion von Kinofilmen in Deutschland zur Verfügung gestellt, seit diesem Jahr sind noch einmal zehn Millionen hinzugekommen. Eine Erfolgsgeschichte, die international für Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Aber natürlich geht es auch um den Schutz unseres Eigentums. Allerdings müssen wir nicht nur robuste Rahmenbedingungen schaffen, um Filmpiraterie erfolgreich bekämpfen zu können. Wir brauchen auch neue und innovative Konzepte und die passenden Rahmenbedingungen, damit unsere Inhalte online erfolgreich vertrieben werden können.

Das sind nur einige der Punkte, an denen ich gemeinsam mit meinen Partnern arbeiten werde.

Ist man damit nicht etwas spät dran? Wir schreiben Februar 2013 und Internetpiraterie ist nun wirklich kein neues Thema mehr...

Marcich: Ich würde nicht behaupten, dass wir spät dran sind. Wir haben ja schon länger mit Partnern in Deutschland wie der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) zusammengearbeitet. Vielleicht haben wir bloß festgestellt, dass wir noch mehr machen müssen. Und das wollen wir jetzt tun. Aber natürlich sind wir schon länger in Deutschland aktiv. Jetzt schlagen wir nur ein neues Kapitel auf.

Wird es in Zukunft einfacher für Sie sein, Ihrer Arbeit nachzukommen? Oder wird es eher schwieriger werden?

Sommer: Ich war jetzt ein Jahr lang nicht in Deutschland und muss ehrlich gesagt zugeben, dass es sich ein bisschen wie eine Reise in die Vergangenheit angefühlt hat. Ich bin dahin zurückgekehrt, wo ich aufgehört habe. Hier hat sich eigentlich nichts verändert. Die ganze Diskussion ist immer noch die gleiche wie vor einem Jahr. Das ängstigt mich ein wenig. Für mich persönlich ist es zunächst einmal nicht schlecht, weil ich dadurch nur wenig verpasst habe. Auch ist mein Frustrationsniveau noch nicht so hoch wie das der anderen, mit denen ich mich regelmäßig unterhalte. Andererseits verdeutlicht die Langwierigkeit der Diskussionen, wie schwer sich die Verantwortlichen mit einer Entscheidungsfindung in Deutschland tun.

Kontakt zum Autor: joergen.camrath@wsj.com