BERLIN—Der Online-Händler Amazon zieht Konsequenzen aus dem Skandal um Leiharbeiter-Schikane. Nachdem er sich am Montag bereits von dem Sicherheitsdienst getrennt hat, kündigte er am Montagabend an, auch die Zusammenarbeit mit dem Logistik-Dienstleister zu beenden, "der für Unterbringung, Transport und den Einsatz der Sicherheitskräfte bei unseren Zeitarbeitskräften verantwortlich war".

Hintergrund ist eine Enthüllungsreportage der ARD vom vergangenen Mittwoch, in dem vor allem Mitarbeiter des Unternehmens H.E.S.S. – kurz für Hensel European Security Services – für ihre dubiosen Arbeitsmethoden angeprangert worden waren.

Versandzentrum von Amazon: Der Online-Händler stellt gern Leiharbeiter ein, um in Deutschland seine Billigpreisstrategie trotz hoher Lohnkosten aufrecht erhalten zu können. Die Arbeitsbedingungen für solche Leiharbeiter aber sind heftig umstritten. Reuters

In dem Fernsehbericht hatten Leiharbeiter aus Polen, Spanien und anderen europäischen Ländern berichtet, wie die für Amazon tätigen Sicherheitskräfte sie systematisch nach angeblich gestohlenen Frühstücksbrötchen durchsucht hätten und unangemeldet in ihren überfüllten Wohnheimen aufgetaucht seien. Einige der schwarz uniformierten Aufpasser hätten Kleidung der Marke Thor Steinar getragen, die wegen ihrer Nähe zu Neonazis aus zahlreichen öffentlichen Gebäuden verbannt ist und auch in deutschen Fußballstadien nicht getragen werden darf.

Die ARD-Sendung trat einen Verbraucherboykott gegen Amazon in Deutschland los. Deutschland ist nach den USA der zweitwichtigste Markt für Amazon. Das Unternehmen erwirtschaftete hier im vergangenen Jahr 8,7 Milliarden Dollar seines weltweiten Umsatzes von 61 Milliarden Dollar.

Im Zuge des öffentlichen Aufschreis schaltete sich auch das Bundesarbeitsministerium ein und verlangte nähere Informationen zur Beschäftigung von Leiharbeitern bei dem Handelskonzern.

Amazon untersucht die Vorwürfe nach eigenen Angaben zwar noch, will aber die Zusammenarbeit mit H.E.S.S. auf jeden Fall beenden. „Amazon hat Null Toleranz für Diskriminierung und Einschüchterung – und wir erwarten dasselbe von allen Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten", sagte eine Amazon-Sprecherin.

Patrick Hensel, Geschäftsführer des umstrittenen Sicherheitsdienstes, wies in einer schriftlichen Erklärung die Anschuldigungen zurück. Seine Firma habe mit rechten Extremisten nichts zu tun. Das Unternehmen habe Mitarbeitern untersagt, Thor-Steinar-Kleidung zu tragen, und wer sich nicht daran halte, würde gekündigt. „Wir distanzieren uns ausdrücklich von jeder Form von politischem Radikalismus", schrieb Hensel.

Der Skandal verdeutlicht, in welch heiklem Geschäftsklima Amazon und andere Internethändler in Europa agieren. Sie müssen ihre Discount-Preisstrategie mit den vergleichsweise hohen Lohn- und Arbeitsschutzstandards in Europa vereinbaren. Um die Kosten niedrig zu halten – und das gilt insbesondere für Deutschland, wo die Löhne höher sind als anderswo – setzt Amazon stark auf Leiharbeiter, die abhängig von der Nachfragelage einfach einzustellen und wieder zu kündigen sind. Häufig übernehmen dann externe Dienstleister das Personalmanagement im Auftrag von Amazon.

Auch in den USA und Großbritannien stand der Online-Händler schon wegen der Arbeitsbedingungen in seinen Lagerhäusern in der Kritik.

—Mitarbeit: James Angelos, Jörn Rehren

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