Vergangene Woche verbrachte Philipp Rösler 24 Stunden in seinem Regierungs-Airbus, um von Berlin nach Kalifornien und zurück zu fliegen. Rösler wollte das Silicon Valley besichtigen. 23 Stunden hatte er sich dafür geblockt. In Sunnyvale besuchte er das Plug & Play TechCenter, einen Inkubator für neue Ideen, der neuerdings mit der Axel Springer AG SPR.XE -1,23% Axel Springer SE Germany: Xetra 42,26 -0,53 -1,23% 24 Okt. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 162.488 KGV 4,84 Marktkapitalisierung 4,18 Milliarden € Dividendenrendite 4,26% Umsatz/Mitarbeiter 218.127 € kooperiert. Rösler hospitierte im SAP SAP.XE -1,38% SAP SE Germany: Xetra 51,64 -0,72 -1,38% 24 Okt. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 4,18 Mio. KGV 18,64 Marktkapitalisierung 64,32 Milliarden € Dividendenrendite 1,94% Umsatz/Mitarbeiter 258.517 € Lab in Palo Alto. Und er hielt an der Stanford University einen Vortrag über die digitale Revolution in Deutschland. Anwesende deutschen Studenten ermunterte er, eines Tages wieder heimzukommen: irgendwer müsse schließlich die digitale Revolution auch nach Deutschland tragen.

Dem Vizekanzler hat es gefallen im gelobten Land der IT, so gut, dass er im Mai noch einmal ins Valley nach Kalifornien will, dann für vier Tage. Eine junge Branche, ein junger Minister, junge Wähler, – das geht gut zusammen. Wer Rösler dabei unterstellt, ausschließlich scharf auf Bilder mit jungen, kreativen Nerds zu sein, unterschätzt den Minister, der verkündete, dass „wir vom weltweit sechsten Platz bei IT-Gründungen auf das Siegertreppchen wollen". Rösler scheint sein Thema gefunden zu haben, wenn auch spät.

Wer ein Gefühl dafür bekommen will, wie ernst die Absichten des Ministers sind, muss mit Johannes Velling reden, dem Chef des Referats IIC2 – KfW, Gründungsfinanzierung im Wirtschaftsministerium. Velling ist so etwas wie Röslers Architekt, er soll das Fundament für Röslers Revolution ausgießen. Der Ministerialrat ist dabei, ein fein justiertes System zur Gründungsfinanzierung aufzubauen, ein System noch dazu, dass so gut wie kein Steuergeld verbrennt.

Velling war schon da, als Kanzler Schröder 2005 bemerkte, dass es Deutschland an Innovation mangele. Der SPD-Kanzler ließ daraufhin eine Reihe von Arbeitsgruppen bilden, auch die Arbeitsgruppe Wagniskapital, in der Velling mit Vertretern von BASF, BAS.XE -3,17% BASF SE Germany: Xetra 68,78 -2,25 -3,17% 24 Okt. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 5,84 Mio. KGV 12,62 Marktkapitalisierung 63,17 Milliarden € Dividendenrendite 3,93% Umsatz/Mitarbeiter 658.156 € Siemens SIE.XE -0,63% Siemens AG Germany: Xetra 86,09 -0,55 -0,63% 24 Okt. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 2,66 Mio. KGV 14,74 Marktkapitalisierung 77,97 Milliarden € Dividendenrendite 3,48% Umsatz/Mitarbeiter 202.135 € und der Telekom DTE.XE +2,57% Deutsche Telekom AG Germany: Xetra 11,18 +0,28 +2,57% 24 Okt. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 19,77 Mio. KGV 21,08 Marktkapitalisierung 50,69 Milliarden € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 267.712 € saß. Es war die Zeit, als wenige in Deutschland junge Firmen und gute Ideen mit Wagniskapital unterstützen wollten, erst recht nicht in einem sehr frühen Stadium. Zu frisch waren die Erinnerungen an das Platzen der dotcom-Blase, die als New Economy Großes versprochen, finanziell aber wenig gehalten hatte.

Gemeinsam mit den Konzernvertretern heckte Velling den Plan aus, einen Fonds zu gründen, organisiert als Public-Private-Partnership, der nur dann staatliches Geld bereitstellt, wenn auch die Industrie Geld dafür locker macht. Velling ist Geburtshelfer des High-Tech Gründerfonds (HTGF), der seither 369 Unternehmen mit Beträgen zwischen 500.000 und zwei Millionen Euro Starthilfe gegeben hat.

Etwa 80 Prozent des Kapitals kommen vom Staat, der Rest von der Industrie. In der zweiten Auflage des HTGF seit 2011 haben sich 17 Konzerne wie Daimler, die Telekom, RWE RWE.XE -0,86% RWE AG Germany: Xetra 27,10 -0,24 -0,86% 24 Okt. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 2,34 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 16,42 Milliarden € Dividendenrendite 3,69% Umsatz/Mitarbeiter 716.379 € und seit 2012 auch SAP mit 41,5 Millionen Euro am Risiko beteiligt. Im ersten Fonds waren es lediglich 17 Millionen gewesen. SAP stieg allerdings erst ein, nachdem Rösler Co-CEO Jim Hagemann Snabe persönlich davon überzeugte, dass ihm der Fonds einen Zugang zu neuen Technologien und die Chance auf einen lukrativen Exit bieten werde.

Bis Ende 2012 war der HTGF an 400 Anschlussfinanzierungsrunden im Gegenwert von 471 Millionen Euro beteiligt, der Staatsanteil ist dabei auf 29 Prozent gesunken. Unter dem Strich vernichtet der HTGF trotz der riskanten Seed-Investitionen kein Steuergeld, die Insolvenzquote liegt bei branchenüblichen zehn Prozent.

Kein Wunder, dass es in der Industrie wie in den großen Venture-Capital-Firmen heißt, kaum ein öffentlicher Fonds werde so professionell verwaltet wie der HTGF. Die Frankfurt School of Finance & Management attestierte dem Staatsfonds bereits in einer ersten Evaluation 2009, der „mit Abstand wichtigste Seed-Investor im Markt" zu sein.

Daran hat sich seither nichts geändert. In der Frühphasenfinanzierung kommt der HTGF den Zahlen des Bundesverbandes der Deutschen Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) auf einen Marktanteil von 50 Prozent. Seinen einstigen Auftrag hat der Fonds so gut erfüllt, dass es für Gründer heute kein Problem mehr ist, an Seed-Kapital zu kommen, solange ihre Geschäftsidee vernünftig ist.

Inzwischen hat ein sich selbstverstärkender Prozess begonnen: Aus Gründern werden Business Angels, die sich über mehrere erfolgreiche Investments oder weitere Gründungen multiplizieren und langsam auch größere Tickets vergeben. Nach einer Analyse von Dow Jones Venturesource haben deutsche Start-ups 2012 in 189 Deals 822 Millionen Euro eingesammelt, 48 Prozent mehr als ein Jahr davor. Das liegt vor allem am Engagement der Business Angels und der ausländischen Venture-Capital-Gesellschaften (VCs), allerdings weniger am Geschäft der inländischen VCs, die in der Spätphasenfinanzierung laut BVK nach wie vor Probleme haben, ihre Fonds aufzufüllen. Noch jedenfalls fehlen deutschen Start-ups für Anschlussfinanzierungen Möglichkeiten, wie sie Gründer in den USA und Großbritannien haben.

Rösler und Velling wollen diese Lücke in den nächsten Jahren schließen. Galt der EAP-Startfonds mit einem Volumen von 60 bis 70 Millionen Euro und etwa 80 Beteiligungen jährlich lange als wichtigster öffentlicher Investor für Folgefinanzierungen, können Gründer heute eine ganze Reihe von Finanzierungsquellen anzapfen. So fördert das Wirtschaftsministerium seit 2012 die Wachstumsphase indirekt auch über den European Angel Fund der Europäischen Investitionsbank (EIB), ein neuer Dachfonds, der aus Mitteln des European Investment Fund und dem ERP-Sondervermögen gespeist wird.

Auf ihr eingesetztes Kapital haben bislang fünf Business Angels mit sehr gutem Track Record denselben Betrag (maximal fünf Millionen Euro) noch einmal aus dem Fonds erhalten. Einer der ersten war der Karlsruher Unternehmer Friedrich Georg Hoepfner und dessen Beteiligungsgesellschaft Hoepfner Bräu, 50 bis 60 weitere Investoren sollen in den kommenden fünf Jahren folgen.

Auf dem IT-Gipfel in Essen kündigte der Bundeswirtschaftsminister im November in seinem „Aktionsprogramm Digitale Wirtschaft" eine weitere Co-Finanzierungsquelle an: Voraussichtlich ab Mai soll der „Investitionszuschuss Wagniskapital" über vier Jahre 150 Millionen Euro bereitstellen. Übernimmt ein Business Angel 80 Prozent des Risikos, packt der staatliche Fonds 20 Prozent unbürokratisch, zum Beispiel ohne eine aufwendige Due-diligence-Prüfung, obendrauf.

Noch muss die EU-Kommission den Zuschuss genehmigen, Velling ist aber optimistisch, dass es sich dabei nicht um verbotene Beihilfen handelt. Geht es nach ihm und Rösler, dann ist es nicht das letzte Programm, auf das Deutschlands Gründer hoffen können: So könnte sich etwa die drittgrößte und profitabelste Bank im Land stärker als bislang engagieren und das Kapital der schwächelnden Venture-Capital-Fonds aufstocken. Velling meint die KfW.

Über den Autor

Marcus Pfeil ist freier Journalist in Berlin. Für das Wall Street Journal Deutschland beobachtet er die Entwicklung der Startup-Szene in der Hauptstadt und berichtet darüber alle zwei Wochen in der Kolumne "Gründerjahre".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de