KUANTAN – Im Zeitalter des Internets kann selbst ein pensionierter Lehrer zu einer Bedrohung für ein großes Unternehmen werden. So zumindest ergeht es dem australischen Bergbauunternehmen Lynas, das sich auf Seltene Erden spezialisiert hat, in Malaysia.

Mitglieder der Gruppe "Save Malaysia Stop Lynas" protestierten im November in Sydney. Reuters

Eine Gruppe namens „Save Malaysia Stop Lynas" hat mit einer Internetkampagne zum Protest gegen den Plan von Lynas aufgerufen, eine Raffinerie an der Küste des Südchinesischen Meers zu eröffnen. Unter der Leitung des 64-jährigen Tan Bun Teet haben Aktivisten Blogs, Twitter und Facebook FB +1,18% Facebook Inc. Cl A U.S.: Nasdaq $77,91 +0,91 +1,18% 19 Sept. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 56,11 Mio. NACHBÖRSLICH $77,43 -0,48 -0,62% 19 Sept. 2014 17:51 Volumen (​15 Min. verzögert) : 20,52 Mio. KGV 82,88 Marktkapitalisierung 200,20 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.580.090 $ -Seiten mit Informationen und Aufrufen gefüllt. Die Eröffnung der Raffinerie hat sich am Ende um ein ganzes Jahr verzögert.

Im Interview sagt Lynas-Chef Nick Curtis, dass das Unternehmen die Macht dieser Internetkampagne unterschätzt habe. Lynas musste außerdem zusätzliche Gelder finden, da das Projekt durch diesen Widerstand teurer wurde. Die Firma aus Sydney hat an der australischen Börse einen Marktwert von 1,2 Milliarden australischen Dollar (929 Mio. Euro).

Beim ersten Spatenstich an der Raffinerie in Kuantan vor fünf Jahren herrschte noch Begeisterung: Die weltweite Nachfrage nach Seltenen Erden wie Lanthan und Neodym stieg stetig, da diese Materialien immer öfter für Hybridautos, Windturbinen und Smartphone-Bildschirme gebraucht werden. Bis dahin kontrollierte China 95 Prozent des Welthandels mit seltenen Erden. Die Aussicht, dieses Monopol zu brechen, überzeugte die malaysische Regierung von dem australischen Projekt. Sie bot Lynas zwölf Jahre Steuerfreiheit an, wenn der Bergbaukonzern seine Raffinerie in Pahang, dem Heimatstaat von Premierminister Najib Razak, ansiedeln würde.

Kritik an der Regierung

Doch der Bau des 800 Millionen Dollar teuren Projekts löste mit den Ortsansässigen eine Debatte über die Entsorgung von radioaktivem Abfall aus, der bei der Verarbeitung von seltenen Erden entsteht. Das Unternehmen und die malaysische Regierung beteuern, dass die Raffinerie ungefährlich ist.

Diese Debatte könnte bald auch in der Landespolitik eine Rolle spielen, da Oppositionsführer Anwar Ibrahim sich das Thema für seinen Wahlkampf zueigen gemacht hat. Bei den Wahlen, die voraussichtlich im Frühjahr stattfinden, will er die Koalition ablösen, die das Land seit der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1957 regiert hat. „Wenn wir die Regierung nicht vor Gericht überzeugen können, dann ändert vielleicht die Wahl etwas", sagt der 64-jährige Tan.

Zu den seltenen Erden zählen 17 Elemente, die besonders wegen ihrer magnetischen und leitenden Eigenschaften gebraucht werden. An sich sind sie ungefährlich, doch oft werden sie vermischt mit radioaktiven Erzen wie Thorium gefunden. Diese aufzuteilen kann schwierig sein.

Viele Malaysier fürchten, dass die Regierung die Sicherheit in der Raffinerie nicht streng genug geprüft hat. „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass sie das Richtige tut", sagt Yu Siew Hong, eine junge Mutter, die in der Nähe der neuen Raffinerie lebt.

Vergangenen Monat siegte Lynas vor dem Hohen Gericht in Kuantan, das die Vorwürfe der Aktivisten, laut denen die Regierung dem Unternehmen unrechtmäßig eine Betriebserlaubnis erteilt habe, abgewiesen hatte. Seitdem werden die Aktien des Unternehmens wieder attraktiv: J.P. Morgan Chase JPM -0,34% JPMorgan Chase & Co. U.S.: NYSE $61,11 -0,21 -0,34% 19 Sept. 2014 16:01 Volumen (​15 Min. verzögert) : 17,63 Mio. NACHBÖRSLICH $61,11 0,00 % 19 Sept. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,11 Mio. KGV 15,67 Marktkapitalisierung 230,64 Milliarden $ Dividendenrendite 2,62% Umsatz/Mitarbeiter 404.867 $ zum Beispiel hat seine Empfehlung von „Halten" auf „Kaufen" erhöht.

Kein typischer Öko-Krieger

Trotzdem fallen die Aktien weiter, da die Raffinerie noch weit davon entfernt ist, eine wichtige Rolle im weltweiten Markt für seltene Erden zu spielen. Und es stehen Lynas noch weitere Gerichtsverfahren bevor, die von Tans Aktivistengruppe eingeleitet wurden. Am Montag fielen die Anteile von Lynas um 2,4 Prozent auf 61 australische Cent. Unter dem Strich heißt das: Die Perspektive für Lynas sei „weiterhin sehr unsicher", sagt Deutsche-Bank-Analyst Chris Terry.

Tan Bun Teet (Mitte) hat den Bergbaukonzern Lynas in Bedrängnis gebracht. James Hookway/The Wall Street Journal

Tan, der als Sprecher von „Save Malaysia Stop Lynas" fungiert, ist kein typischer Öko-Krieger. Wie viele der anderen Demonstranten hat auch er sich vorher wenig für Umweltfragen interessiert. Anders als Organisationen wie Greenpeace hatte die Gruppe zudem keine Erfahrung mit der Organisation von Protesten.

Es kommt immer häufiger vor, dass winzige Aktivistengruppen Unternehmen und Märkte ins Visier nehmen. Anfang Januar veröffentlichte der Australier Jonathan Moylan eine Falschmeldung, angeblich von der Bank des Bergbaukonzerns Whitehaven Coal, WHC.AU +1,42% Whitehaven Coal Ltd. Australia: Sydney $1,78 +0,03 +1,42% 19 Sept. 2014 18:13 Volumen (​20 Min. verzögert) : 1,50 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 1,80 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter N/A laut der diese aus Sorge um die Umwelt die Finanzierung für Whitehaven beende. Am Markt verlor das Unternehmen vorübergehend 315 Millionen Dollar an Wert. Derzeit ermitteln australische Marktaufseher den Fall.

Lynas hat durch den Widerstand einen Boom verpasst

Tan und seine Helfer haben gezielt Aktionen geplant, die die Finanzierung des Raffinerieprojekts in Malaysia erschweren sollten, um Lynas womöglich zur Aufgabe zu zwingen. „Es ist ein schmutziges Geschäft, seltene Erden zu verarbeiten, und wir wollen, dass die Menschen das wissen. Wir gewinnen womöglich nicht vor Gericht, aber es schadet Lynas und erschwert es dem Unternehmen, an Geld zu kommen", sagt Tan. Lynas kam dadurch erst vergangenen November an eine vorübergehende Betriebsgenehmigung, ein Jahr später als geplant. Die Aktien des Unternehmens fielen infolge dessen von 1,59 australischen Dollar im Februar 2012 auf jüngst 61 Cent.

„Wir mussten 175 Millionen australische Dollar mehr organisieren, als ursprünglich geplant. Das hat unseren Anteilseignern geschadet", sagt Lynas-Chef Curtis. Im Dezember verlangten vier malaysische Minister in einer gemeinsamen Stellungnahme, dass Lynas all seine radioaktiven Abfälle exportiert. Lynas sagt, man werde diese Abfälle zu anderen Materialien weiterverarbeiten. Zum Beispiel könnten sie verdünnt und zu Straßenbelag verarbeitet werden. Diese Materialien will Lynas exportieren, um die malaysischen Forderungen zu befriedigen.

Analysten sagen, dass Lynas durch die Hindernisse in Malaysia einen Boom der Preise für seltene Erden verpasst habe. Die Raffinerie hat ihren Betrieb zwar aufgenommen, doch viele der Rohstoffpreise sind heute 80 Prozent niedriger als zu ihrem Höhepunkt. Curtis erkennt an, dass Chancen verpasst wurden, doch der Markt befinde sich jetzt auf einem nachhaltigeren Wachstumspfad. „Sobald die Wahlen vorbei sind, können wir hoffentlich zur Sache kommen", sagt er.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de