Deutsche Klinikmedizin hat einen guten Ruf im Ausland und gilt obendrein als vergleichsweise preisgünstig. Das Bild zeigt die Operation eines krebskranken Patienten in der Chirurgie der Uniklinik Heidelberg. dapd

Geheilt entlassen dank deutscher Medizin. Für einen 9-jährigen Jungen aus Bulgarien, der an einem bösartigen Hirntumor litt, ist der Alptraum vorbei. Sechs Monate lang wurde er an der Uniklinik in Heidelberg behandelt, mittlerweile ist er gesund in sein Heimatland zurückgekehrt.

In Bulgarien war keine Erfolg versprechende Behandlung möglich. Für die Uni in Heidelberg ist der Eingriff bei dem Jungen kein Einzelfall, und künftig wird Medizintourismus für deutsche Kliniken wohl eine noch größere Rolle spielen.

Zunehmend suchen vor allem gut betuchte Ausländer in Deutschland mit ihren Krankeiten Genesung oder Linderung. "Wir sehen in Deutschland eine extrem hohe Nachfrage nach medizinischen Behandlungen aus dem Ausland", sagt Jens Juszczak von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Vor allem bei Russen und Osteuropäern wird eine Behandlung in deutschen Kliniken immer beliebter. „Die Zahl der russischen Patienten an deutschen Kliniken hat sich innerhalb weniger Jahre verfünffacht", beschreibt Juszczak die Situation, der sich seit Jahren mit dem Thema Medizintourismus beschäftigt.

Vor allem russische Patienten entdecken Deutschland

Der Wissenschaftler schätzt, dass sich mittlerweile jährlich fast 5.000 russische Patienten in deutschen Kliniken stationär behandeln lassen – aus dem Land kommen damit nach seinen Schätzungen mehr als 6 Prozent aller ausländischen Patienten an deutschen Kliniken, Tendenz steigend.

Da russische Patienten etwa bei einem Spezialisten in Moskau oder St. Petersburg zum Teil lange auf eine Behandlung warten müssen, reisen sie gerne zu einem Chefarzt nach Deutschland, wenn sie das nötige Geld dafür haben.

Das Uniklinikum Heidelberg hat ein "International Office" eingerichtet. Leiter Marcus Gudera und Marketingchefin Kerstin Ammon kümmern sich um auf die Bedürfnisse der wachsenden Zahl ausländischer Patienten. dapd

Ausländische Patienten sind mittlerweile zu einem lukrativen Nebengeschäft in Kliniken geworden, die überwiegend mit knappen Kassen kämpfen. Als Privatpatienten und Selbstzahler belasten sie in der Regel nicht die mit den Krankenkassen vereinbarten Budgets und bescheren den Kliniken zusätzliche Einnahmen, bei hoher Rendite.

Mindestens 80.000 Auslandspatienten lassen sich jährlich stationär in deutschen Kliniken behandeln, lautet Juszczaks konservative Schätzung. Dazu kommen noch einmal 130.000 bis 140.000 ambulante Patienten. Sie reisen hauptsächlich aus den europäischen Nachbarländern an, aber auch aus den Golfstaaten, den USA und eben zunehmend auch aus Russland.

Ausländische Patienten im Uniklinikum Eppendorf in Hamburg kommen zunehmend nicht mehr nur aus der Golfregion, sondern auch aus Russland. dpad

Der Medizinstandort Deutschland lockt bei sehr hohen medizinischen Standard mit einem günstigen Preis-Leistungsverhältnis. Vergleichbare Eingriffe sind in den USA oder der Schweiz um ein Vielfaches teurer.

Gemessen an der Gesamtzahl von rund 18 Millionen Patienten, die insgesamt jährlich in deutschen Kliniken behandelt werden, ist Medizintourismus hierzulande noch ein Nischengeschäft – aber eines mit großem Wachstumspotenzial.

Anteil der Auslandspatienten ist noch gering

Patienten aus dem Ausland machen in Deutschland bislang nur ein knappes halbes Prozent der Gesamtzahl der Behandelten aus. Im Vergleich zu Österreich (1,7 Prozent) oder der Schweiz (3 Prozent) ist das deutlich weniger. Umgekehrt reisen pro Jahr etwa 300.000 Deutsche ins Ausland, um sich die Zähne richten oder Haare implantieren zu lassen, schätzt Euromedic, ein seit 2007 international tätiges Unternehmen im Bereich Medizintourismus.

Das Geschäft mit den Gastpatienten lohnt sich für die deutschen Kliniken: Eine knappe Milliarde Euro erlösen sie mit dieser Patientengruppe, schätzt Gesundheitsexperte Juszczak. Und da ist noch Luft nach oben, sagte er. Mittelfristig lasse sich die Zahl ausländischer Patienten verdoppeln.

Allerdings findet Juszczak, müsse dafür die Vergütung von Leistungen für ausländische Patienten an das angepasst werden, was er selbst „realistisch" nennt. Bislang dürfen deutsche Kliniken bei ausländischen Patienten nämlich keine höheren Preise für die Behandlung in Rechnung stellen als bei einem vergleichbaren deutschen Privatpatienten.

Die Kliniken haben aber in der Regel viel höhere Aufwendungen, etwa für Dolmetscherdienste, die Organisation von Anreisen und für den Besuch internationaler Fachmessen – wo Kontakte geknüpft werden und die Kliniken ihre medizinische Visitenkarte präsentieren können.

Schätzungen zufolge sind etwa 10 Prozent der mehr als 2.000 Kliniken in Deutschland mittlerweile auf internationale Gäste spezialisiert. Dort kümmert sich eine eigene Fachabteilung, ein International Office, um die Patienten.

Mit einer eigenen Homepage wenden sie sich in Englisch, Russisch und Arabisch direkt an ausländische Patienten. Angeboten werden neben der medizinischen Behandlung unter anderem die Unterstützung bei Visaformalitäten und die Betreuung mitreisender Angehöriger. Angeboten werden beispielsweise auch Fernsehkanäle in den Heimatsprachen.

Geht es um schwere Erkrankungen, steuern die internationalen Patienten gerne die großen deutschen Universitätskliniken etwa in Berlin, München, Freiburg oder Heidelberg an. Eine seit Jahren stetig wachsende Zahl ausländischer Patienten verzeichnet beispielsweise das Universitätsklinikum in Heidelberg. Dort werden bis zu 3.000 ausländische Patienten jährlich ambulant oder stationär behandelt.

Krebspatienten suchen den Weg nach Deutschland

Vor allem zur Krebsbekämpfung suchen Patienten den Weg an die für Spitzenmedizin bekannte Klinik in der Universitätsstadt am Neckar. „Weiterhin erreichen uns sehr viele Anfragen zur Behandlung schwerkranker Kinder", berichtet Kerstin Ammon vom International Office der dortigen Uniklinik.

Auch das Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf bekommt vorwiegend die großen, schwierigen Fälle. "Einen einfachen Check-up oder kleinere Eingriffe lassen Araber oder Russen kaum noch hier machen", sagt Irma Agricola, Leiterin des International Office in Eppendorf.

In Heidelberg nimmt beim Internationalen Office ein mehrsprachiges Team die Behandlungsanfragen entgegen, kümmert sich um Dinge wie Kostenkalkulation, Einreisefragen und Festlegung der Termine. Wenn gewünscht werden auch Dolmetscher, Transfer und Unterkunft für mitreisende Angehörige vermittelt.

Heidelberg ist beliebt bei arabischen Patienten, denn die Universitätsklinik pflegt enge Kontakte in die Golfstaaten. Rund 40 Prozent der internationalen Patienten stammen dort aus arabischen Ländern – insbesondere aus den Golfstaaten. Mit Saudi-Arabien hat die Uniklinik seit 2010 einen Kooperationsvertrag geschlossen. Aus Russland und den GUS-Staaten kommt jeder fünfte Auslandspatient.

Deutsche Ärzte wünschte sich im vergangenen Jahr auch die inhaftierte Ex-Regierungschefin der Ukraine, Julia Timoschenko. Die Delegation der Berliner Charité, angeführt von Klinikchef Karl Max Einhäupl, die ihren Bandscheibenvorfall behandelte, musste sich schnell des Vorwurfs erwehren, in politischer Mission unterwegs zu sein. dapd

An der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf und bei dem zu Fresenius FME.XE +0,66% Fresenius Medical Care AG & Co. KGaA Germany: Xetra 53,67 +0,35 +0,66% 29 Aug. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 753.263 KGV 20,72 Marktkapitalisierung 17,08 Milliarden € Dividendenrendite 1,43% Umsatz/Mitarbeiter 121.369 € gehörenden privaten Klinikkonzern Helios steigt vornehmlich die Zahl russischer Patienten. „Die Märkte haben sich verschoben", sagt Agricola. „Früher kamen sehr viel mehr Patienten aus dem arabischen Raum. Seit 2008 kommen dafür mehr Patienten aus Russland und Osteuropa".

Um die Belange der russischen, osteuropäischen und arabischen Patienten kümmern sich auch in Hamburg eigens dafür ausgebildete Patientenmanager. Sogar Stadtrundfahrten organisieren sie. „Wir machen aber keine große Unterhaltung und Bespaßung", sagt Agricola. „Wenn jemand schwer krebskrank ist, gehen die Angehörigen in der Regel nicht auf Stadtrundfahrt oder zum shoppen".

Auch Helios hat Hotels für Angehörige an der Hand und holt Patienten auf Wunsch am Flughafen ab. "Wir haben verschiedene Kooperationen, die letztlich alles abdecken, vom Erstkontakt bis zur Organisation einer Stadtführung für eine Begleitperson", sagt Stefan Boeckle, Director International Healthcare bei Helios.

Vermittler entdecken den Medizintourismus

Doch nicht nur die Kliniken haben ausländische Patienten als lukrative Einnahmequelle entdeckt. Auch Vermittlerbüros und die Tourismusindustrie tummeln sich inzwischen in dem Geschäft, oft mit Unterstützung der Kliniken. Um Patienten aus dem Ausland an ihre Kliniken zu bekommen, nutzen viele Kliniken Patientenvermittler, wie etwa die Firma Baden-Tour aus Baden-Baden , die Patienten aus Russland und den GUS-Staaten zu deutschen Kliniken und Privatarztpraxen vermittelt.

Viktor Hansen, der Baden-Tour leitet, schätzt die Zahl solcher Spezialvermittler in Deutschland auf etwa 100. Sie nutzen den Umstand, dass viele deutsche Krankenhäuser international bislang nur wenig bis gar nicht präsent sind. Patienten aus dem Ausland wollen sich aber in der Regel im voraus umfassend informieren.

Etwa 10 Prozent der Behandlungskosten können für den Patienten allein dafür anfallen, dass ihm eine passende Klinik oder ein Arzt vermittelt werden. Begleitprogramme wie Stadtrundfahrten und Shoppingtouren für mitreisende Familien müssen extra bezahlt werden. Etwa 3.000 Patienten vermittelt Hansen pro Jahr. Mit zehn Mitarbeitern zählt er zu den größeren Vermittlerbüros in Deutschland.

Auch im üblichen Fremdenverkehrsgeschäft kommt der Medizintourismus zunehmend in den Blick. Medizinreisen gelten als eines der größten Wachstumsfelder der Tourismusbranche. Fachleute schätzen die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate zwischen 2010 bis 2015 weltweit auf 5,5 Prozent.

Die Deutsche Zentrale für Tourismus, die im Auftrag der Bundesregierung für Deutschland im Ausland als Reiseland wirbt, rührt bereits kräftig die neue Werbetrommel. Sie wirbt mit einer aktuellen Broschüre „Medizinreisen" auf Deutsch, Englisch, Russisch und Arabisch für den Medizinstandort Deutschland. Auf der Homepage sind nicht nur besonders schön gelegene Kliniken zu finden, auch eine Liste spezialisierter Ärzte bietet die Tourismuszentrale.

Kontakt zum Autor: heide.oberhauser@dowjones.com