Anhänger des Fußballclubs Al Ahli feiern in Kairo die Todesurteile gegen 21 Angeklagte. dapd

KAIRO - Zwei Jahre nach der Revolution droht Ägypten in einer neuen Spirale der Gewalt zu versinken. 21 Todesurteile wegen der Fußballkrawalle von Port Said zogen am Samstag blutige Ausschreitungen mit mindestens 27 Todesopfern und hunderten Verletzten nach sich. Erst am Vortag war es bei landesweiten Gedenkkundgebungen zum zweiten Jahrestag des Aufstands gegen Ex-Staatschef Husni Mubarak zu Gewaltausbrüchen gekommen, bei denen elf Menschen getötet wurden.

Präsident Mohammed Mursi sagte seine geplante Reise nach Äthiopien ab und berief stattdessen ein Treffen mit hochrangigen Generälen ein. Ein Mitarbeiter des Sicherheitsapparats sagte, das Militär werde mobilisiert, um die Lage in Port Said zu beruhigen.

Zuvor hatte ein Gericht 21 der 73 Angeklagten im Zusammenhang mit der blutigen Fußballtragödie im vergangenen Jahr zum Tode verurteilt. Damals waren bei Zusammenstößen zwischen Anhängern der Vereine Al Masri und Al Ahli im Stadion von Port Said am 1. Februar mindestens 74 Menschen ums Leben gekommen und Hunderte verletzt worden. In den darauf folgenden Tagen wurden bei Unruhen im ganzen Land weitere Menschen getötet. Als Reaktion auf das weltweit blutigste Fußballdrama seit 15 Jahren wurde die restliche Saison abgesagt.

Randale vor dem Gefängnis in Port Said

Protestwelle in Ägypten

Protesters against Egypt REUTERS

Unmittelbar nach dem Richterspruch vom Samstag eskalierte erneut die Gewalt. Aufgebrachte Verwandte der Verurteilten und andere Demonstranten randalierten vor einem Gefängnis der Hafenstadt Port Said und forderten die Freilassung der Häftlinge. Dabei wurden zwei Polizisten erschossen. Die Sicherheitskräfte setzten ihrerseits scharfe Munition, Gummigeschosse und Tränengas ein, wie aus ihren Reihen verlautete. Dabei wurden 14 weitere Menschen getötet. An anderen Orten in Port Said stürmten Demonstranten das Büro des örtlichen Gouverneurs, Polizeistationen, ein Elektrizitätswerk und ein Gerichtsgebäude.

Unter den Todesopfern seien auch zwei Fußballspieler, die offenbar auf dem Weg zum Training gewesen seien, sagte der Direktor der örtlichen Krankenhäuser, Abdel-Rahman Farah. Demnach wurden die für die Vereine Al Masri und Al-Marikh aktiven Sportler erschossen.

Opposition droht mit Boykott der Parlamentswahl

Die oppositionelle Nationale Heilsfront erhob derweil schwere Vorwürfe gegen Präsident Mursi. Der Staatschef sei «für die übermäßige Gewaltanwendung der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten» verantwortlich, hieß es am Samstag in einer Stellungnahme. Die größte Oppositionsgruppe drohte zudem mit einem Boykott der bevorstehenden Parlamentswahlen, sollte Mursi nicht ihre Forderungen wie eine Änderung bestimmter Artikel der islamistisch gefärbten Verfassung erfüllen.

Für die jüngsten Gewaltausbrüche machte die regierende Muslimbruderschaft hingegen «irreführende» Medien verantwortlich. Diese hätten «den Hass der Menschen gegen das derzeitige Regime entfacht und sie zu Gewaltakten angestachelt», erklärte die Gruppe am Samstag.

Westerwelle reagiert besorgt

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) reagierte besorgt auf die neue Gewaltwelle. Deutschland sei bereit, den langen und auch schwierigen Transformationsprozess in Ägypten tatkräftig zu unterstützen, sagte er in Berlin. «Der Besuch von Präsident (Mohammed) Mursi in Berlin in wenigen Tagen ist eine sehr gute Gelegenheit, darüber intensiv zu beraten.»

Die jüngsten Todesurteile werden nun, wie in Ägypten üblich, dem Großmufti des Landes zur Bestätigung vorgelegt. Unter den verbleibenden Angeklagten sind auch neun Sicherheitskräfte. Die Angeklagten selbst waren bei der Urteilsverkündung aus Sicherheitsgründen nicht im Saal. Sie haben noch das Recht auf Einspruch. Das Urteil für die übrigen Beschuldigten soll am 9. März verkündet werden.

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