Die Beziehungen zwischen China und den USA sind angespannt. Rivalitäten auf militärischem Gebiet und maritime Grenzstreitigkeiten belasten das Verhältnis. In dieser ohnehin von gegenseitigem Misstrauen beherrschten Lage eröffnen die jüngsten Hackerangriffe auf US-Computernetzwerke eine neue Front in den globalen Auseinandersetzungen - im Cyberspace.

Jüngstes Opfer der Angriffe im Netz ist der iPhone-Hersteller Apple. Wie das kalifornische Unternehmen meldete, sind Hacker in seine Computersysteme eingedrungen. Mehrere Rechner von Mitarbeitern seien mit Schadsoftware infiziert worden. Offenbar hätten sich die Angreifer derselben Methode bedient wie zuvor schon bei Facebook FB +2,49% Facebook Inc. Cl A U.S.: Nasdaq $76,68 +1,86 +2,49% 02 Sept. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 34,46 Mio. NACHBÖRSLICH $76,79 +0,11 +0,14% 02 Sept. 2014 19:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : 522.596 KGV 81,57 Marktkapitalisierung 194,54 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.580.090 $ und Twitter.

Chinesische Matrosen im September 2012 auf dem ersten chinesischen Flugzeugträgers Liaoning. Die Beziehungen zwischen China und den USA werden derzeit aber nicht nur von militärischer Seite belastet. Associated Press

Die Welle der Attacken auf amerikanische Firmen dürfte dafür sorgen, dass die Beziehungen zwischen China und den USA einer erneuten und verschärften Überprüfung unterzogen werden.

Hinter vorgehaltener Hand machen das US-Militär und das Heimatschutzministerium seit langem das chinesische Militär für die eklatantesten Übergriffe auf amerikanische Computernetze verantwortlich. Je länger sich die Hacker-Feldzüge und der Datenklau allerdings hinziehen, desto größer wird die Bereitschaft in Washington, auch öffentlich mit dem Finger auf Peking zu zeigen.

Diese subtile, aber bedeutsame Änderung in der Einstellung, wie Washington der Konfrontation begegnet, habe weitreichende Folgen für die nächsten Schritte in den diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Nationen, urteilen politische Beobachter. Schließlich schicke sich die Obama-Regierung gerade an, mit ihrer nationalen Sicherheitsstrategie für die zweite Amtszeit an die neue Regierung in Peking heranzutreten.

China will sich auf vielen Gebieten Geltung verschaffen

„Es besteht kein Zweifel, dass die Spannungen im Cyberspace zunehmen. Genauso wie die Spannungen in den Meeresgebieten rund um China", sagt Patrick Cronin, leitender Berater bei der Forschungsgruppe Center for a New American Security, die dem Obama-Lager zugeneigt ist. „Es besteht in vielerlei Hinsicht ein Zusammenhang, wie sich China im maritimen Bereich Geltung verschafft und wie das Land dies jetzt auch im Netz versucht."

Es lägen Beweise vor, dass eine Abteilung der chinesischen Volksbefreiungsarmee weltweit Computer ausspioniere, hatte Mandiant, eine Firma für Internetsicherheit, am Dienstag gemeldet. Auch Angriffe auf amerikanische Unternehmen und Regierungsstellen gingen auf das Konto des chinesischen Militärs. Die US-Regierung reagierte prompt.

„Die Vereinigten Staaten sind ernsthaft und zunehmend besorgt wegen der Bedrohung, die von Cyber-Eindringlingen auf die wirtschaftliche und nationale Sicherheit der USA ausgeht. Dazu gehört auch der Diebstahl kommerziell relevanter Informationen", sagte Jay Carney, der Pressesprecher des Weißen Hauses, am Dienstag. Die US-Regierung habe ihre Einwände in China "auf höchster Ebene" vorgebracht.

China wies die Behauptungen von Mandiant zurück und holte zum verbalen Gegenschlag aus: Von den USA gingen die meisten Attacken gegen chinesische Ziele aus, hieß es. „Cyberangriffe sind anonym und länderübergreifend und es ist schwer, die Quelle der Angriffe auszumachen. Ich weiß also nicht, wie glaubwürdig die Erkenntnisse des Berichts sind", sagte Hong Lei, der Sprecher des chinesischen Außenministeriums auf einer täglichen Pressekonferenz.

Hackervorwürfe gegen China nicht neu

Die Anschuldigungen, die Mandiant in dem Bericht erhebt, seien nicht überraschend, sagen amerikanische Regierungsvertreter. Sie bauten auf Beweisen auf, die bereits bei anderen Cyberangriffen gesammelt worden seien.

Amerikanische und japanische Kriegsschiffe während eines Manövers im November im südchinesischen Meer. Associated Press/U.S. Navy, Chief Mass Communication Specialist Jennifer A. Villalovos

In einem Geheimdienstbericht aus dem Jahr 2011 wurde China öffentlich beschuldigt, bei Hackerangriffen eine Rolle zu spielen. In einer jüngeren US-Lagebeurteilung mit dem Titel National Intelligence Estimate, die als geheim gilt und noch nicht veröffentlicht wurde, kommen die Verfasser zu dem Schluss, dass die chinesische Regierung hinter weit reichenden Cyber-Diebstählen steckt, die zum Verlust geistigen Eigentums geführt hätten, berichten mit der Analyse vertraute Personen.

Während die Cyberangriffe auf US-Firmen rasant zunehmen, treibt die US-Regierung die Errichtung von Schutzwällen gegen Hackerangriffe im staatlichen und im Privatsektor voran. In der vergangenen Woche ordnete US-Präsident Obama an, freiwillige Standards zu erstellen, auf die Unternehmen zurückgreifen können, um ihre Abwehrmechanismen im Netz zu verbessern.

Je mehr Beweise auftauchen, dass die chinesische Regierung bei den Netzdiebstählen ihre Finger im Spiel hat, desto größer wird die Anspannung zwischen beiden Nationen. Doch auf der amerikanischen Seite gibt es auch Optimisten, die darin einen Anlass zur Hoffnung sehen: Die wachsende Beweislast könnte Peking auch dazu zwingen, sich auf einen offeneren Dialog über seine Aktivitäten einzulassen.

Hoffnung auf Wandel mit neuer Regierung in Peking

Dieser Hoffungsfunke wird von externen Rüstungsexperten aufgegriffen."Unser Militär geht ohnehin schon davon aus, dass die Volksbefreiungsarmee hinter vielen dieser Dinge steckt", sagt Martin Libicki von der unabhängigen Denkfabrik Rand Corp, die regelmäßig für das US-Verteidigungsministerium forscht. "Die chinesische Reaktion darauf fällt typisch aus: 'Wie können sie nur behaupten, dass wir so etwas tun würden?' Aber man kann wohl davon ausgehen, dass es für sie immer schwieriger wird, diesen Standpunkt beizubehalten, wenn unsere Beweise immer genauer werden."

Auch der Wechsel in der chinesischen Führungsriege im vergangenen Jahr, als Xi Jinping zum Nachfolger von Hu Jintao im Amt des Staatspräsidenten gekürt wurde, wird von einigen Experten als Chance für einen freieren Meinungsaustausch gesehen.

Doch längst nicht alle setzen auf eine neue Dialogbereitschaft der Chinesen. Harold Brown, früherer US-Verteidigungsminister, etwa meint, das chinesische Militär sehe in der Geheimhaltung enorme Vorteile. An dieser Einstellung seien auch schon frühere Versuche, die Beziehungen in Verteidigungsfragen zu verbessern, regelmäßig gescheitert. "Damit ein vernünftiger Austausch von Militär zu Militär stattfinden kann, müssen beide Seite etwas dazu sagen, wie ihre Pläne aussehen, wie sie funktionieren und dann versuchen, sich auf die Verkehrsregeln zu einigen", meint er.

Nachdem im Januar 2010 der Verkauf amerikanischer Waffen an Taiwan abgesegnet worden war, hatte China Unterredungen mit den USA auf Militärebene für ein Jahr unterbrochen. In den beiden Folgejahren hätten sich beide Seiten jedoch in Verteidigungsfragen immer stärker angenähert, berichten Diplomaten. Im Mai reiste General Liang Guanglie in die USA, der erste Besuch eines chinesischen Verteidigungsministers seit neun Jahren. US-Verteidigungsminister Leon Panetta flog im September zu einem Gegenbesuch nach China.

Eiszeit zwischen China und Japan belastet

In den vergangenen Monaten wurden diese Annäherungsversuche allerdings von neuen Spannungen unterbunden. Dazu beigetragen hat eine Reihe von Konfrontationen zwischen chinesischen und japanischen Schiffen, die im Seegebiet und im Luftraum um mehrere umstrittene Inseln im ostchinesischen Meer auf Patrouille gehen.

Die US-Regierung will hinsichtlich der Souveränität der Inseln zwar nicht offiziell Stellung beziehen, aber amerikanische Regierungsvertreter haben keinen Zweifel daran gelassen, dass die Inseln in die Zuständigkeit des gegenseitigen Verteidigungspakts zwischen den USA und Japan fallen.

Je mehr chinesische Cybereingriffe aufgedeckt werden, desto stärker rückten Hackerattacken als ernstes Problem in den Vordergrund, meinen Verteidigungs- und Asienexperten in Washington. Die US-Regierung habe Peking „regelmäßig und wiederholt" ihre Bedenken wegen chinesischer Cyber-Diebstähle zur Sprache gebracht, sagte Victoria Nuland, die Sprecherin des US-Außenministeriums, am Dienstag. „Daran müssen wir offensichtlich noch weiter arbeiten."

In den kommenden Monaten wird der frisch gekürte US-Außenminister John Kerry nach China reisen. China-Experten in Washington gehen davon aus, dass es danach zu Gesprächen auf höchster Ebene über das Problem kommen wird. US-Präsident Barack Obama wird anlässlich des G-20-Gipfeltreffens im September in Russland Gelegenheit haben, mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi zu sprechen.

—Mitarbeit: Aaron Back in Peking

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