Polizisten stoßen am Dienstag in Bahrain mit Aktivisten zusammen. Hasan Jamali/Associated Press

MANAMA, Bahrain—Das Königshaus von Bahrain spaltet eine wachsende Kluft zwischen rivalisierenden Familiensträngen, berichten Insider aus dem Palast. Die Fehde geht weit über Hofintrigen hinaus: Womöglich ist die amerikanische Marinebasis in dem strategisch wichtigen Inselstaat gefährdet.

Entgegen der Regeln der königlichen Familie haben einige Bewohner des Palastes jetzt in Interviews mit dem Wall Street Journal über den Streit gesprochen. Das kleine Bahrain, das im Persischen Golf zwischen Saudi Arabien und dem Iran liegt, spielt geopolitisch eine wichtige Rolle. Der Streit im Königshaus stärkt sunnitische Islamisten und untergräbt den Einfluss der Amerikaner, berichten westliche Diplomaten, US-Vertreter, Mitglieder des Königshauses, Oppositionsführer und politische Analysten.

Der König und seine Vorgänger haben jahrzehntelang enge Beziehungen zum Westen unterhalten. Doch die Chawalids, ein Teil der Familie, der vor allem in der islamistischen Bewegung Unterstützung findet, rebellieren jetzt gegen diese Haltung. Lange Zeit waren sie vom politischen Tagesgeschäft ausgegrenzt worden, doch in den letzten Jahren haben sie die Kontrolle über wichtige Institutionen wie die Sicherheits- und Geheimdienste, die Justiz und den Königshof gewonnen.

„Sie sind wieder aus der Versenkung hervorgekommen", sagt Kristian Coates-Ulrichsen, Experte in Sachen bahrainischer Königsfamilie bei der Londoner Denkfabrik Chatham House. „Jetzt kämpfen sie um die Oberhand in der Familie."

Im extremsten Fall könnte die Erbfolge im Königshaus so geändert werden, dass die Chawalids die Macht übernehmen, berichten Palast-Insider und westliche Beobachter. „Der König ist schon an den Rand gedrängt worden", sagt Emile Nakhleh, ehemals Analyst beim US-Geheimndienst CIA und Beobachter von Bahrain. „Einige der Chawalids könnten auf die Idee kommen, die Erbfolge zugunsten der eigenen Familie zu ändern."

„Der König ist umgeben von mächtigen Chawalids", sagt ein hochrangiges Mitglied des Königshauses – selbst kein Chawalid – im Interview mit dem Wall Street Journal. Sein Schritt, Cousins aus der königlichen Familie öffentlich zu beschuldigen, ist ungewöhnlich.

Bahrain gehört zu den moderateren und demokratischeren Golfstaaten, und durch die amerikanische Marinebasis ist das Land für die USA ein wichtiges Machtzentrum in der Golfregion.

Bahrain und der König sind laut US-Vertretern weiterhin wichtige Verbündete. Jedoch gebe es in der königlichen Familie auch konservative Lager, die der US-Regierung misstrauen. Die US-Vertreter glauben zwar, dass die Position des Kronprinzen gefährdet ist, jedoch bezweifeln sie, dass sich die Erbfolge demnächst ändern wird.

Ein hochrangiger Berater des bahrainischen Königs, der auch wichtigen Chawalids nahe steht, sagt, die Berichte über eine Kluft innerhalb der Familie seien übertrieben. „Das ist eine gesunde Debatte, keine Blutfehde aus einem Märchen", sagt der Berater. Der König selbst wollte sich nicht äußern.

Der Berater sagt, dass einige Kritiker in der Königsfamilie womöglich vom Wettbewerb um wichtige Regierungsposten motiviert sind, vor allem, da in den kommenden Jahren auch der 82-jährige Premierminister abgelöst werden muss. Dieser ist der Onkel des Königs und einer der mächtigsten Männer des Landes.

Als im April 2011 die Proteste des Arabischen Frühlings in Bahrain Einzug hielten, kam der Streit innerhalb des Königshauses zum ersten Mal ans Licht. Durch seinen Sohn und Erben wollte der König einen Kompromiss mit den Aktivisten aushandeln, doch die Chawalids verlangten ein scharfes Vorgehen gegen die Demonstranten. Am Ende siegten die Chawalids.

Seitdem rumort es in dem Inselstaat. Brutale Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei kommen fast jede Nacht vor. Aktivisten singen immer noch „Tod dem König", während die Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen gegen sie vorgeht. Am Donnerstag brachten Sicherheitskräfte einen 16-jährigen Demonstranten um, heißt es auf einer Internetseite der Opposition.

König Hamed bin Isa Al Chalifa AFP/Getty Images

In Bahrain leben 1,2 Millionen Menschen. Die meisten von ihnen sind Schiiten. Die Königsfamilie hingegen gehört der Minderheit der Sunniten an. So ist der Konflikt in Bahrain auch ein Symbol für den breiteren Konflikt im Nahen Osten, wo sunnitische Regierungen wie die in Saudi-Arabien und schiitische wie in Iran gegeneinander kämpfen.

Zwei ehemalige US-Vertreter und Bahrain-Experten sagen, dass es womöglich nicht mehr tragbar wäre, eine US-Basis in dem Inselstaat zu unterhalten, wenn die Chawalids weiter ihren Einfluss ausweiten. Ein aktueller Bericht von der Washingtoner Organisation „Carnegie Endowment for International Peace" riet dem US-Militär, aufgrund der Unsicherheit über die Königsfamilie „eine schrittweise Verlagerung der Fünften Flotte einzuplanen".

Vergangenen Sonntag nahmen die Regierung und die Opposition zum ersten Mal seit 2011 wieder Gespräche auf. Anders als 2011 nimmt jedoch diesmal kein Mitglied der Königsfamilie an den Verhandlungen teil.

Bei dem Vorgehen der Regierung gegen schiitische Dissidenten sind bisher 86 Menschen ums Leben gekommen. Einige wurden laut Ermittlungen des Palastes in der Haft zu Tode gefoltert. Tausende Schiiten wurden von staatlichen Arbeitsstellen entlassen und Dutzende schiitische Moscheen wurden zerstört.

Gleichzeitig wurde die anti-amerikanische Rhetorik so aggressiv, dass die US-Botschaft aus Sicherheitsgründen einen Diplomaten nach Hause holte. Dieser hatte vor der Botschaft Donuts an schiitische Demonstranten verteilt. Eine Zeitung, die vom Königshaus finanziert wird, beschuldigte den Diplomaten, für den israelischen Geheimdienst und gleichzeitig für den Iran zu arbeiten, um die Monarchie zu stürzen. Die Zeitung veröffentlichte den Namen und ein Foto des Diplomaten.

Kritiker der Chawalids geben auch an, dass diese den Einfluss des moderaten, US-freundlichen Kronprinzen Salman Chalifa gemindert hätten.

Streit um die Macht in Bahrain

Rivalisierende Teile der Königsfamilie streiten um Einfluss in Bahrain, seit der Stamm der Chalifa im 18. Jahrhundert an die Macht kam. Als Schiiten in den 1920er Jahren ein größeres Mitspracherecht verlangten, ging der Bruder des Königs, Chaled Ben Ali Chalifa, brutal gegen sie vor. Auf Verlangen der Briten hin wurde er des Mordes angeklagt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Das Verfahren hat Narben hinterlassen, die bis heute in der Gesellschaft zu sehen sind.

Als Ende der 60er Jahre die Unabhängigkeit von Großbritannien bevorstand, erteilte der damalige Kronprinz einem Chawalid die Aufgabe, die erste Armee des Landes aufzubauen. So wurden die Chawalids zu wichtigen Figuren am Königshof.

1999 wurde dieser Kronprinz zum König. Ein Mitglied der Chawalids wurde Minister des Königshofes, so etwas wie ein Stabschef, der andere blieb Oberbefehlshaber der bahrainischen Armee.

Der heutige König ist als Erneuerer bekannt geworden. Er hat politische Gefangene befreit und Frauen das Wahlrecht gegeben. Doch plötzlich begann seine Macht zu schwinden. „Er scheint sich im Palast immer stärker abzukapseln", schrieb der damalige US-Botschafter Adam Ereli in einer Nachricht an die US-Regierung, die von WikiLeaks veröffentlicht wurde. Hardliner wie der Stabschef gäben den Ton an gingen streng gegen schiitische Interessen vor, schrieb er.

Militärchef Chalifa bin Ahmed Chalifa bei einer Veranstaltung im Februar. Reuters

Der König machte viele seiner Reformen rückgängig. Zum Beispiel nahm er dem demokratisch gewählten Teil des Parlaments einige seiner Befugnisse ab. Außerdem schränkte er den Verkauf von Alkohol ein und verbot die Ausstrahlung der Reality-Sendung „Big Brother", da sie unislamisch sei.

2006 veröffentlichte ein sudanesisch-britischer Berater der bahrainischen Regierung einen 240 Seiten langen Bericht, in dem er die Chawalids beschuldigte, eine geheime Kampagne zu planen, die die Reformierer in der Königsfamilie schwächen und die Schiiten entrechten soll. Angeblich hätten sie Wahlen gefälscht, konfessionelle Konflikte geschürt und radikale sunnitische Islamisten unterstützt. Der Leiter des bahrainischen Geheimdienstes, Ahmed Atiyatallah, der Neffe des Stabschefs, sei der Anführer dieser Bewegung gewesen.

Der Bericht wurde veröffentlicht, jedoch verbot das Justizministerium jegliche Erwähnung in den bahrainischen Medien. Der Autor der Berichts ist inzwischen deportiert worden.

Durch das "geheime Netzwerk" von Atiyatallah seien "Gewalt und Terrorismus" gefördert worden, heißt es in dem Bericht. Außerdem könne es dazu führen, dass der staatliche Sicherheitsapparat die Macht in Bahrain übernimmt.

Atiyatallah wollte kein Interview geben. Zuvor hat er den Bericht bereits als Teil eines iranischen Versuchs, Bahrain zu destabilisieren, abgetan.

„An dem Punkt fingen die Dinge an schief zu gehen", sagt ein hochrangiges Mitglied der Königsfamilie. „Man konnte sehen, dass die Chawalids mehr Macht hatten, als den meisten Leuten klar war."

In den Monaten nach dem brutalen Vorgehen gegen die Demonstranten des Arabischen Frühlings schwächten die Chawalids und ihre Verbündeten den Kronprinzen, berichten Personen im und außerhalb des Palastes. Freunden des Kronprinzen wurden ihre einflussreichen Ämter entzogen. Dem Ausschuss zur Wirtschaftlichen Entwicklung, praktisch ein Parallel-Kabinett, das der Kronprinz aufgebaut hat, wurde seine Richtlinienkompetenz entzogen.

Im Dezember trat der Kronprinz zum ersten Mal seit Monaten wieder öffentlich auf. Er verlangte erneut einen Dialog mit der Opposition, scheint jedoch kaum Fortschritte gemacht zu haben.

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