Viele große europäische Banken haben jüngst ihre Modelle zur Berechnung von Risikovermögen geändert. Die Aufseher haben das gebilligt. Jetzt aber fragen sich viele, ob die Finanzinstitute ihre Risiken wirklich adäquat ermittelt haben. Reuters

In der Branche ist es kein Geheimnis: Seit Jahren lassen europäische Großbanken ihre wichtigsten Kennzahlen zur Finanzlage mit Hilfe ausgebuffter Rechenmethoden glänzen. Und die neuen, strengen Kapitalvorschriften des Regelwerks Basel III haben diese Praxis noch verschärft, sagen Analysten. Weil sie vor Anlegern und Aufsehern besonders solide dastehen wollen, würden große europäische Finanzinstitute immer häufiger zu überwiegend kosmetischen Bilanzierungsmanövern greifen. Dagegen wollen die Bankenkontrolleure in einigen Ländern nun vorgehen.

Dieses Jahr treten unter dem Dach von Basel III schrittweise neue Regeln in Kraft, welche die Finanzbranche stabiler machen sollen. Banken sind künftig verpflichtet, sich besser gegen unerwartete Verluste zu schützen. Sie sollen laut Gesetz ihre Kapitalpolster erhöhen – also ein solideres Verhältnis zwischen ihrem Eigenkapital und riskanten Vermögenswerten vorweisen, den so genannten risikogewichteten Aktiva.

Bei Investoren kommen hohe Kapitalquoten gut an

Die Deutsche Bank DBK.XE +2,13% Deutsche Bank AG Germany: Xetra 28,30 +0,59 +2,13% 19 Sept. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 29,78 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 39,03 Milliarden € Dividendenrendite 2,65% Umsatz/Mitarbeiter 420.767 € etwa verkündete im Januar, sie ermittle ihre Risiken jetzt mit einem veränderten Rechenmodell und habe auf diese Weise im vierten Quartal 2012 ihre Risikoaktiva schon um 26 Milliarden Euro gemindert. Auch die Schweizer Investmentbank UBS UBS -0,45% UBS AG U.S.: NYSE $17,68 -0,08 -0,45% 19 Sept. 2014 16:03 Volumen (​15 Min. verzögert) : 4,09 Mio. NACHBÖRSLICH $17,69 +0,01 +0,06% 19 Sept. 2014 17:16 Volumen (​15 Min. verzögert) : 49.498 KGV 18,02 Marktkapitalisierung 67,97 Milliarden $ Dividendenrendite 1,57% Umsatz/Mitarbeiter 648.018 $ senkte im vierten Quartal ihre Risikoaktiva um rund 8 Milliarden Schweizer Franken (etwa 6,5 Milliarden Euro) – unter anderem, weil sie ihre Berechnungsmethoden angepasst hat. Die Skandinaviska Enskilda Banken SEB-A.SK +0,98% Skandinaviska Enskilda Banken AB Series A Sweden: Stockholm kr92,95 +0,90 +0,98% 19 Sept. 2014 17:30 Volumen (​15 Min. verzögert) : 5,47 Mio. KGV 12,72 Marktkapitalisierung 203,83 Milliarden kr Dividendenrendite 4,30% Umsatz/Mitarbeiter 4.562.240 kr und die Banco Comercial BCP.LB +4,90% Banco Comercial Portugues S/A Portugal: Lisbon 0,11 +0,00 +4,90% 19 Sept. 2014 16:39 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1.027,62 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 5,69 Milliarden € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 212.950 € vollzogen ähnliche Manöver und ließen ihre Kapitalbasis so wesentlich solider erscheinen.

Natürlich sind veränderte Rechenmodelle nur ein Weg, um die risikogewichteten Aktiva zu reduzieren. Weniger umstritten ist es, risikoreiche Geschäfte einzustellen und entsprechende Vermögenswerte zu verkaufen. Überwiegend ist die verbesserte Kapitalsituation der Banken auch genau darauf zurückzuführen.

Bei der Deutschen Bank etwa standen Änderungen am Rechenmodell im zweiten Halbjahr für etwa 25 Prozent des Abbaus von risikogewichteten Aktiva aus. Bei der UBS gehen 16 Prozent des Abbaus seit dem dritten Quartal 2011 auf veränderte Berechnungen zurück.

Bei Anlegern kommt es im Normalfall gut an, wenn eine Kreditinstitut höhere Kapitalquoten präsentieren kann. So meldete die Deutsche Bank, eine der größten in Europa, für das vierte Quartal jüngst zwar einen heftigen Verlust. Ihr Aktienkurs aber legte noch am selben Tag um fast 3 Prozent zu, weil sie zugleich eine verbesserte Kapitalquote auswies. Sie würde die vorgeschriebenen Kapitalziele schneller schaffen als geplant, sagte die Bank, und sie benötige dazu keine Kapitalerhöhung..

Inzwischen aber sind verschiedene Aufsichtsbehörden hellhörig geworden. Sie denken darüber nach, einen neuen Standardleitfaden zur Risikoberechnung einzuführen. Und der dürfte strenger ausfallen als die Modelle, die viele Banken zurzeit nutzen. Dann würden bei einigen Kreditinstituten wohl auch die viel beachteten Kapitalquoten niedriger ausfallen.

Deutsche Bank: 26 Milliarden Euro weniger Risikoaktiva im vierten Quartal Associated Press

So enthüllte der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, jener internationale Expertenkreis, der die Basel-III-Vorschriften eingeführt hat, bei einer Untersuchung von 16 globalen Großbanken im Januar „erhebliche Variationen" in den Risiko-Berechnungsmethoden. Um das zu ändern, könnte man Banken weniger Wahlfreiheit bei den verwendeten Rechenmodellen lassen, sagte der Ausschussvorsitzende Stefan Ingves. Auch die Europäische Bankenaufsichtsbehörde, eine paneuropäische Einrichtung, sucht bereits nach Wegen, um die Berechnungsmethoden der Banken stärker zu vereinheitlichen.

Mehrere nationale Aufsichtsbehörden wollten zu einzelnen Banken keine Auskünfte geben oder standen für einen Kommentar nicht unmittelbar zur Verfügung.

Die Behörden hätten festgestellt, dass „alle" Banken solche Manöver unternehmen, sagt Jon Peace, Bankenanalyst beim Finanzkonzern Nomura in London. Allerdings werde damit gerechnet, dass die Aufseher dieses Treiben unterbinden würden. „Banken werben gerne damit, dass sie Basel III einhalten", sagt er. Aber wenn die Aufseher konkrete Risikogewichtungen vorschreiben würden, würde man sicherlich „noch Grenzen bei der Kapitalaufteilung finden".

Besitzen die Großbanken zuviel Freiraum?

Momentan berechnen Banken ihre Kapitalquoten, indem sie einen Teil ihrer Milliardenvermögen auf ihr Risiko überprüfen – risikogewichten heißt das im Fachjargon. Für diese Risikoaktiva müssen die Institute dann entsprechendes Eigenkapital vorhalten, um sich gegen Verluste abzusichern. Großbanken nutzen in der Regel interne Berechnungsmethoden, um ihr Risikovermögen und das erforderliche Deckungskapital zu ermitteln. Kleinere europäische Banken dagegen greifen meist auf Standard-Rechenmodelle zurück.

Dabei gilt: Je geringer die Risikoaktiva in der Bankenbilanz, desto höher fällt die Kapitalquote aus, die heute eine Schlüsselkennziffer für Banken ist.

Aufsichtsbehörden müssen grundsätzlich alle Rechenmodelle absegnen, mit denen Banken ihre Risiken ermitteln. Auch bei größeren Änderungen müssen Banken um Erlaubnis fragen. Trotzdem fürchtet eine wachsende Zahl von Aufsehern, dass sie den Banken zuviel Freiraum lassen, schöne Zahlen zu präsentieren. Und sie sorgen sich, dass es inzwischen zu viele verschiedene Ansätze gibt, um ein und dasselbe Risiko zu messen.

Dazu kommt, dass Banken ihre Methoden nur in begrenztem Umfang öffentlich machen müssen. Viele Anleger tappen deshalb im Dunkeln, wie die einzelnen Modelle funktionieren.

In einigen europäischen Ländern haben die örtlichen Behörden Banken bereits gezwungen, die internen Rechenmodelle aufzugeben oder bei bestimmten Vermögensarten zusätzliche Kapitalpuffer zu bilden. So verpflichteten britische Behörden Banken neulich, Risiken von Geschäftsimmobilien und Staatsanleihen vorsichtiger zu berechnen. Zuvor hatte bereits die Notenbank Bank of England Bedenken angemeldet, dass risikogewichtete Aktiva die tatsächlichen Risiken möglicherweise nicht angemessen widerspiegeln.

Nach diesen von den britischen Aufsehern erzwungenen „Änderungen in Methodologie und Modell" schnellte allein bei der britischen Barclays BARC.LN -0,17% Barclays PLC U.K.: London GBp234,15 -0,40 -0,17% 19 Sept. 2014 16:43 Volumen (​15 Min. verzögert) : 76,51 Mio. KGV 33,93 Marktkapitalisierung 38,52 Milliarden GBp Dividendenrendite 1,71% Umsatz/Mitarbeiter 212.636 GBp Bank die Risikoaktiva im Jahr 2012 umgehend um 38,7 Milliarden Pfund (rund 44,4 Milliarden Euro) – rund zehn Prozent – in die Höhe. Das minderte Barclays Kapitalquoten, und die Bank musste unter anderem Vermögenswerte verkaufen, um die Folgen der Neuberechnung abzufedern.

Schweiz und Schweden verschärfen die Regeln

Auch in der Schweiz und in Schweden wollen die Aufseher Banken jetzt konkrete Richtlinien an die Hand geben, die sie bei der Berechnung von Hypothekenrisiken verwenden sollen.

„Wir glauben, dass die Aufseher weiterhin in der Lage sein müssen, qualitative, urteilsbasierte Risikoeinschätzungen vorzunehmen", sagt Uldis Cerps, leitender Direktor der Bankenabteilung bei der schwedischen Aufsichtsbehörde Finansinspektionen. Es gehe ihm und seinen Kollegen darum, die „richtige Balance" zu finden zwischen der „Risikoempfindlichkeit von Kapitalanforderungen" und der „langfristigen Hinlänglichkeit von Kapitalniveaus", sagt Cerps.

In der Schweiz rechnen Analysten damit, dass klarere Berechnungsvorgaben in Zukunft die Risikoaktiva im Vermögen der Banken um Milliarden erhöhen werden. Noch im vergangenen Jahr aber änderte die Investmentbank UBS ihre Risikomodelle und erhöhte damit ihre Kapitalquote ordentlich. Ein Sprecher der Bank sagt, die Aufsichtsbehörden hätten den Änderungen zugestimmt.

Auch in Schweden freuen sich Banken noch über Narrenfreiheit, indem sie Vermögensrisiken nicht mit Standardmodellen, sondern mit ganz eigenen Methoden ermitteln. Swedbank SWED-A.SK +0,28% Swedbank AB Series A Sweden: Stockholm kr178,40 +0,50 +0,28% 19 Sept. 2014 17:30 Volumen (​15 Min. verzögert) : 2,82 Mio. KGV 12,35 Marktkapitalisierung 201,95 Milliarden kr Dividendenrendite 5,66% Umsatz/Mitarbeiter 4.635.240 kr hat ihre Berechnungsmethoden angepasst, und sobald diese Änderungen von den Behörden abgesegnet seien, würden ihre Risikoaktiva wohl um bis zu 50 Milliarden schwedische Kronen (bis zu 6 Milliarden Euro) oder rund 10 Prozent sinken, sagt die Bank.

Ihr Branchenrivale SEB SEB-A.SK +0,98% Skandinaviska Enskilda Banken AB Series A Sweden: Stockholm kr92,95 +0,90 +0,98% 19 Sept. 2014 17:30 Volumen (​15 Min. verzögert) : 5,47 Mio. KGV 12,72 Marktkapitalisierung 203,83 Milliarden kr Dividendenrendite 4,30% Umsatz/Mitarbeiter 4.562.240 kr strich seine risikogewichteten Aktiva im vergangenen Jahr um 61 Milliarden schwedische Kronen (rund 7,2 Milliarden Euro) zusammen – ebenfalls mit Hilfe neuer Risikokalkulationsmodelle für Geschäftsimmobilien und Schifffahrtskredite, welche die Behörden genehmigt hatten.

Die Deutsche Bank wiederum senkte den so genannten Value-at-Risk-Multiplikator, um ihre Risikoaktiva um 11 Milliarden Euro zu senken. Diese Messzahl hilft zu bestimmen, wieviel Geld eine Bank in ihren Handelsbüchern verlieren könnte. Mit dieser und anderen Änderungen hat sich die Deutsche Bank nach eigener Aussage stärker der Praxis anderer Banken angenähert. Die Aufsichtsbehörden seien damit einverstanden gewesen, sagt die Deutsche Bank. Außerdem sei der Anteil der Risikoaktiva im Bestand vor allem deshalb gesunken, weil sie Vermögenswerte verkauft und Hedging betrieben habe.

Schließlich meldete die Banco Comercial Português (BCP) im rezessionsgeplagten Portugal, dass ihre risikogewichteten Aktiva im Jahr 2012 um 4 Prozent auf rund 53,3 Milliarden Euro gesunken sind. Grund dafür war laut Bank eine Kombination verschiedener Änderungen bei der Bilanzierung ihres polnischen Geschäfts, eine „Optimierung" der risikogewichteten Aktiva sowie Schuldenabbau.

Nach Angaben eines BCP-Sprechers habe man bei dieser „Optimierung" einige Anleihen neu klassifiziert, deren hinterlegte Sicherheiten sich als größer herausgestellt hätten als ursprünglich angenommen. Der Rückgang an Risikoaktiva sei maßgeblich auf neue Entschuldungsvorschriften zurückzuführen, die Portugals Kreditinstitute wegen des europäischen Rettungsprogramms jetzt einzuhalten hätten.

—Mitarbeit: Patricia Kowsmann und Andrew Morse

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de