Menschen sitzen in der zyprischen Hauptstadt Nikosia in einem Imbiss: Die ganze EU blickt auf das Land, das im Schuldenschlamassel steckt. Reuters

Zypern ist nur eine kleine Insel im Mittelmeer. Ganze 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung in der Eurozone entfallen auf sie. Doch der Schuldenschlamassel, in den Zypern geraten ist, ist so groß, dass er alle 17 Nationen im gemeinsamen Währungsblock ins Schwitzen bringt.

Abgesandte der möglichen offiziellen Gläubiger des Landes, der Regierungen der Eurozone und des Internationalen Währungsfonds (IWF) durchforsten jetzt den zyprischen Staatssäckel und stellen sich immer wieder die eine Frage: Würde die Radikallösung eines Schuldenschnitts für das Land die ohnehin gefährdete Stabilität der Eurozone kippen oder ist Zypern schlicht zu klein, um derart hohe Wellen zu schlagen?

Wer die Ursachen für die Schuldenkrisen der Eurozone untersucht, dem erschließen sich zwei unterschiedliche Kategorien. Die Probleme in Griechenland und Portugal sind aus den angeschlagenen öffentlichen Finanzen entstanden. Irland und Spanien wiederum sind von ihren in Not geratenen Banken in die Ecke gedrängt worden. In diese letztere Kategorie fällt auch Zypern. Die Vermögenswerte der zyprischen Banken übersteigen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes um mehr als 800 Prozent. Und sie wurden durch den Zahlungsverzug Griechenlands schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Daher brauchen die zyprischen Banken nun bis zu zehn Milliarden Euro, um ihre Kapitalpolster wieder aufzufüllen. Doch woher soll das Geld dafür kommen? Angesichts der prekären Finanzlage der Banken ist es so gut wie ausgeschlossen, dass private Investoren einspringen. Und auch die Eurozone muss ihrem Versprechen, es ihrem Rettungsfonds zu gestatten, Banken direkt neues Kapital zuzuführen, erst noch Taten folgen lassen. Also bleibt die Regierung als einzig mögliche Geldgeberin übrig.

Zypern braucht "entsetzlich viel Geld"

Leiht sich die zyprische Regierung dieses Geld - und weitere etwa sieben Milliarden Euro zur Festigung ihres eigenen wackligen Finanzfundaments - vom Rettungsfonds der Eurozone und dem IWF, bläht sie damit die Staatsschulden auf über 140 Prozent des BIP auf. Ein derart hoher Schuldenberg ließe sich wohl kaum abtragen. Zudem wäre mehr als die Hälfte davon den offiziellen Gläubigern geschuldet. Die wiederum sind von diesem Risiko ganz und gar nicht beglückt und suchen jetzt nach Wegen, wie sich der Umfang ihrer Rettungsaktion herunterfahren lässt. „Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, dass das Land entsetzlich viel Geld braucht", meint Alessandro Leipold, ein früherer IWF-Mitarbeiter, der jetzt für die Brüsseler Forschungsgruppe Lisbon Council arbeitet.

Allerdings habe die Eurozone zum einen ja versprochen, dass die Umschuldung Griechenlands eine einmalige Angelegenheit gewesen sei, führt Leipold weiter aus. Und zum anderen würde eine Umstrukturierung der zyprischen Staatsschulden auch gar nicht viel dazu beitragen, die Schuldenlast des Landes zu erleichtern.

Warum das so ist, erklärt Kedran Panageas von J.P. Morgan JPM -0,15% JPMorgan Chase & Co. U.S.: NYSE $60,24 -0,09 -0,15% 30 Sept. 2014 16:01 Volumen (​15 Min. verzögert) : 13,70 Mio. NACHBÖRSLICH $60,24 0,00 % 30 Sept. 2014 17:28 Volumen (​15 Min. verzögert) : 673.376 KGV 15,45 Marktkapitalisierung 226,92 Milliarden $ Dividendenrendite 2,66% Umsatz/Mitarbeiter 404.867 $ in London in einer Analyse. Die zyprischen Schulden werden auf 15,3 Milliarden Euro geschätzt. Davon entfallen 7,9 Milliarden Euro auf Schuldtitel, die nach inländischem Recht begeben wurden.

Zyprische Banken brauchen bis zu zehn Milliarden Euro, um ihre Kapitalpolster wieder aufzufüllen. Reuters

Theoretisch sollten Anleihen, die nach nationalem Recht emittiert wurden, problemlos umzuschulden sein. In Griechenland war die Umstrukturierung inländischer Schuldtitel schließlich auch glatt über die Bühne gegangen. Das Problem dabei ist, dass rund 87 Prozent dieser Titel zyprischen Banken gehören, schreibt Analyst Panageas. Wenn sie dazu gezwungen wären, bei ihren Beständen an staatlichen Schuldtiteln Verluste hinzunehmen, müsste die Regierung sogar noch mehr Geld aufnehmen, um jene Fehlbeträge auch noch abzudecken. Unterm Strich käme wenig dabei heraus.

Umstrukturierung der Staatsschulden schwierig

Und die Umstrukturierung der restlichen Staatsschulden über 7,4 Milliarden Euro gestaltet sich aus unterschiedlichen Gründen schwierig. Rund 3,8 Milliarden Euro kommen in der Form internationaler Anleihen daher, die gemäß der englischen Gesetzgebung begeben wurden, die Umschuldungsverweigerern gegenüber relativ entgegenkommend gestaltet ist. Es ist unwahrscheinlich, dass die Anleiheinhaber eine umfangreiche, freiwillige Umstrukturierung dieser Bonds mittragen würden. Und damit ein solcher Plan umgesetzt werden könnte, müsste immerhin eine Mehrheit von 75 Prozent zustimmen, führt Panageas aus. Zwänge Zypern den Investoren eine Umschuldung gar gegen deren Willen auf, würde die Regierung wahrscheinlich verklagt und ihre internationalen Vermögenswerte der Gefahr ausgesetzt, per gerichtlicher Anordnung beschlagnahmt zu werden.

Die übrigen 3,6 Milliarden Euro bestehen aus öffentlichen Krediten, darunter 2,5 Milliarden Euro aus Russland. Auch hier stößt die Umschuldung auf Hindernisse, wobei allerdings die Hoffnung besteht, dass sich Moskau auf eine Verlängerung der Laufzeiten und eine Herabsetzung der Zinssätze einlässt.

Angesichts all dieser Hürden nehmen die Verantwortlichen jetzt die Banken genau unter die Lupe, um einen Weg zu finden, wie sich die Schulden dort beschneiden lassen. Doch bis jetzt ist die Ausbeute mager. Panageas schätzt, dass die Banken nachrangige Schuldtitel über 1,2 Milliarden Euro und vorrangige Papiere über 500 Millionen Euro begeben haben. Wenn die Inhaber nachrangiger Instrumente dazu gezwungen werden würden, Abschreibungen über 80 Prozent über sich ergehen zu lassen und die Inhaber vorrangiger Schuldtitel Abschreibungen über 40 Prozent hinnehmen müssten, würden sich die Kapitalanforderungen für die Banken - und damit der Mittelaufnahmebedarf der Regierung - um netto eine Milliarde Euro oder fünf Prozent des BIP verringern.

Es bleiben nur wenige Optionen

Damit bleiben nur noch wenige Optionen übrig, wie sich das Volumen der Rettungsaktion schmälern lässt. Eine Möglichkeit, die allerdings nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert wird, bestünde darin, die Einleger der Banken mit ins Rettungsboot zu zwingen. Ein Beitrag ihrerseits von einem Prozent auf die Guthaben würde Einsparungen über 850 Million Euro hervorbringen, rechnet Panageas vor. Das entspräche in etwa fünf Prozent des BIP. Nähme man versicherte Einlagen unter 100.000 Euro aus, würde sich dieser Betrag um 30 Prozent verringern. Bei vielen nicht versicherten Sparern handelt es sich allerdings um Russen. Und den Offiziellen ist natürlich bewusst, dass es nicht einfacher wird, die russische Regierung zu einer Aufweichung der Konditionen ihres Kredits an Zypern zu bewegen, wenn man diese Gruppe von Einlegern verprellt.

Bezöge man Einleger und sogar die Inhaber vorrangiger Anleihen in den Rettungsplan mit ein, so stelle dies „eine neue Dimension in der Handhabung der Krise in der Eurozone dar", die „die Stabilisierung der Einlangen in anderen Ländern der Peripherie in ihr Gegenteil verkehren könnte", hatte die Rating-Agentur Standard & Poor's in einer jüngsten Einschätzung gewarnt. „Die Gefahr einer Ansteckung bleibt unseres Erachtens bestehen."

In anderen Worten: Kommt es in Zypern zu Fehltritten, dann könnte es aus sein mit der momentanen Ruhe in der Eurozone.

Die Gläubigerdiskussion dreht sich daher im Kreis. Einige Analysten sind der Ansicht, dass die Schuldenproblematik des Landes zum Teil klein geredet werden wird, indem man Einnahmen aus Privatisierungen und unverbindliche künftige Erträge aus den staatlichen Gasfeldern, die erst noch zu erschließen sein werden, mit in die Berechnungen hereinnimmt.

Offiziell soll erst einmal der Ausgang der zyprischen Wahlen am Sonntag abgewartet werden. Doch an einem Datum kommen die Unterhändler nicht vorbei, wie S&P anmerkt: Im Juni wird eine Anleihe in Höhe von 1,4 Milliarden Euro oder acht Prozent des BIP fällig. Wurde für die Schuldenprobleme Zyperns bis dahin keine Lösung gefunden, könnte ein chaotischer Staatsbankrott seinen Lauf nehmen.

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