Als der Naturwissenschaftler Francis Galton 1906 auf einem Jahrmarkt das Gewicht eines Ochsen schätzen ließ, erlebt er eine Überraschung: Der Mittelwert aller Schätzungen der Masse der Jahrmarktbesucher lag näher an der Wahrheit als die Schätzung jedes Rinderexperten.

„Weisheit der Massen" wird dieses Phänomen genannt, das auch in vielen anderen psychologischen Experimenten nachgewiesen wurde – und Unternehmen machen davon zunehmend Gebrauch. So lässt die Deutsche Telekom ihre Mitarbeiter regelmäßig schätzen – Umsatzzahlen, Devisenmarktentwicklungen oder welches Produkt wohl am besten beim Kunden ankommt.

Die Befragung von Mitarbeitern kann Unternehmen wertvolle Informationen liefern. Crowdworx

2010 experimentierte die Telekom erstmals mit der Schwarmintelligenz - inzwischen nutzt das Unternehmen regelmäßig die Software Crowdworx zur Befragung der Mitarbeiter. Die Mitarbeiter werden etwa nach ihrer Einschätzung zur Umsatzentwicklung bestimmter Sparten oder auch der künftigen Entwicklung des Wechselkurses zwischen Dollar und Euro befragt. Dabei setzen Sie virtuelle „Telekom-Dollar" ein – je sicherer sie sich sind, desto mehr können sie setzen.

Eine Frage-Antwort-Maschine für die Crowd

„Crowdworx ist eine Frage-Antwort-Maschine", beschreibt Aleksandar Ivanov, Gründer und Chef von Crowdworx das Konzept. Er wurde durch das bekannte Buch „Die Weisheit der Vielen – weshalb Gruppen klüger sind als Einzelne" von James Surowiecki zur Gründung des Start-ups angeregt.

Die Software wird in Unternehmen eingesetzt und Manager nutzen es, um Fragen an die gesamte Belegschaft zu stellen. Der Unterschied zu einem herkömmlichen Online-Befragungs-Werkzeug liege vor allem in dem eingebauten Mechanismus, der gute Antworten belohnt und schlechte bestraft, sagt Gründer Ivanov.

Telekom-Mitarbeiter schlagen bei Dollar-Prognose Deutsche Bank

Das Konzept geht auf. Die Prognosen seien insgesamt „erstaunlich gut", sagt Ulrich Meyer-Berhorn, Senior Manager im Center for Strategic Projects bei der Deutschen Telekom. 97 Fragen stellte die Telekom ihren Mitarbeitern bisher. „Die Mischung macht's", sagt der Telekom-Manager. „Sobald die Mitarbeiterzahl unter 25 liegt, ist das Ergebnis nicht sehr valide. Sobald mehr als 30 Kolleginnen und Kollegen gehandelt haben, haben wir eine sehr gute Genauigkeit."

Auch in kleineren Unternehmen wird die Online-Prognosebörse Crowdworx eingesetzt – beispielsweise beim Mittelständler Zeppelin Rental. Das Unternehmen mit Hauptsitz in München vermietet Baumaschinen und andere Geräte und ist mit seinen 800 Mitarbeitern in über 100 Standorten sehr dezentral organisiert. Das Management des Unternehmens nutzt das Online-Werkzeug daher vor allem, um Feedback von sämtlichen Mitarbeitern an allen Standorten einzuholen.

Die Crowdworx-Software im Einsatz. Crowdworx

Bei Unternehmensentscheidungen verlässt sich Zeppelin Rental aber nach wie vor lieber auf die Experten im Haus. Die per Prognosebörse befragten Mitarbeiter erzielen laut Susanne Seul, Projektleiterin Unternehmensentwicklung bei dem Unternehmen, eine Genauigkeit von 80 bis 85 Prozent – weniger als die eigenen Experten. „Die Kommentare sind uns eigentlich noch wichtiger", sagt Seul.

Belohnt werden die Mitarbeiter, die bei den unternehmensinternen Prognosen wie der Schätzung von Marktanteilen am besten liegen, mit Prämien wie Uhren oder einem Werkzeugkasten. Der Jahresgewinner durfte außerdem mit einem Zeppelin fliegen. Einfluss hatte die Befragung der eigenen Crowd beispielsweise schon bei Anpassungen des Produktportfolios und der Auswahl geeigneter Marketingaktionen.

Crowd schlägt Deutsche Bank bei der Dollarprognose

Bei der Telekom funktioniert die Prognose – möglicherweise wegen der größeren Mitarbeiterzahl – besser. So hat die Telekom beispielsweise den für die Konsolidierung des US-Geschäfts sehr wichtigen Kurs des US-Dollars schätzen lassen. 57 von 210 angefragten Mitarbeitern haben damals ihre Schätzung abgegeben. „Die Vorhersage der Crowd für einen Zeitpunkt fünf Monate in der Zukunft lag bei einer Genauigkeit von 0,9 Cent Abweichung", sagt Meyer-Berhorn.

Parallel zu den Mitarbeitern hatte die Telekom auch den Wert bei der Deutschen Bank abgefragt. Er lag zwei Cent neben dem tatsächlichen Kurs. Allerdings war die Prognose der Experten von der Deutschen Banke bei einem kurzfristigeren Zeithorizont besser, berichtet Crowdworx-Gründer Ivanov. Die Crowd ist also kein Allheilmittel - es kommt auf die spezifische Fragestellung an.

Die Telekom nutzt die Befragung der Mitarbeiter vor allem in den Themenfeldern Innovation und Kommunikation. Die Teilnehmerquote liegt dabei je nach Feld zwischen 12 und 45 Prozent, sagt Meyer-Berhorn – bislang noch vollkommen freiwillig ohne Belohnung durch den Arbeitgeber. Die Mitarbeiter werden überwiegend per E-Mail und über das interne soziale Netzwerk auf die Fragen aufmerksam gemacht, es sei denn es geht um geschlossene Nutzergruppen. Bei jeder Frage werden dabei mindestens 200 Mitarbeiter zur Teilnahme aufgefordert, sonst fehlt die Masse für die Methode. Prämien für die Mitarbeiter, die am besten schätzen, wird es erst ab August geben – allerdings nur kleine.

Bis zur Einführung musste sich konzernintern erst einmal mit dem Konzernbetriebsrat auseinandergesetzt werden, berichtet Meyer-Berhorn. „Deshalb gibt es keine offene Bundesliga-Tabelle", sagt er. Weder Vorgesetzter noch andere Mitarbeiter können also sehen, welcher Mitarbeiter wie viele Telekom-Dollar besitzt oder welchen Rang belegt hat. Jedem steht jedoch frei, das selbst zu veröffentlichen und damit vielleicht auch ein bisschen zu prahlen.

Der Konzernbetriebsrat hat Anfang des Jahres einer „marginalen Incentivierung" zugestimmt. „Damit das eben nicht zu sehr zu einem Zocker-Tool abdriftet", sagt der Telekom-Manager. Die Gefahr besteht durchaus: Kollegen, die gerne an der Börse handelten, hätten häufig viel Zeit auf der Prognoseplattform verbracht. „Deshalb haben wir in dem Tool eine Barriere eingebaut, dass man am Tag nur drei Mal je Prognoseabfrage handeln kann", sagt Meyer-Berhorn.

Gamification-Ansatz bei der Prognosebörse

Dass der Spieltrieb der Mitarbeiter angeregt wird, ist nicht überraschend. Crowdworx arbeitet mit einem sogenannten Gamification-Ansatz. Mit dem Trendbegriff werden alle Versuche umschrieben, Nutzer von Software motiviert zu halten, in denen aus Computerspielen bekannte Belohnungssysteme genutzt werden. „Für Gamification gibt es aber kein Patentrezept", sagt Crowdworx-Chef Ivanov. Die Software muss dazu jeweils auf das Unternehmen und den Anwendungszweck angepasst werden. Die Software bietet unter anderem die Möglichkeit von Rankings, Lotterien und Expertengruppen – je nach Unternehmen werden dabei verschiedene Instrumente genutzt.

Dass das Prinzip funktioniert, bewies das Im Pilotprojekt der Telekom. Damals wurden 1.300 Mitarbeiter gefragt, welche Innovationen im Bereich des Internet-Fernsehens Entertain sie aus einer vorgegebenen Liste für lohnenswert halten. Das damalige Telekom-Management wollte die Ergebnisse nicht direkt umsetzen, sondern erst noch Kunden befragen. „Das interessante war: Platz eins war identisch, Platz zwei war identisch – drei und vier waren um Promillepunkte vertauscht. Es gab nur drei oder vier marginale Abweichungen – was im Umkehrschluss heißt: Die Intelligenz der Mitarbeiter ist ganz nah am Markt", sagt Telekom-Manager Meyer-Berhorn. Das kann die Telekom nutzen, denn Marktforschung bei den Kunden ist teuer.

Dennoch verlässt sich die Telekom bei ihrer Geschäftsplanung nicht alleine auf die Crowd, beachtet sie aber als ein Faktor unter mehreren. An die Grenzen kommt die Methode nicht nur dann, wenn zu wenige Mitarbeiter mitmachen, sondern auch, wenn die Mitarbeiter zu wenige Informationen haben, um eine vernünftige Prognose abzugeben. „Wir haben einmal ganz gezielt wenig Informationen zu einer Fragestellung im Pilotbetrieb lanciert und Fragen mit vielen Hintergrundinformationen samt externer Links dagegengestellt", berichtet Meyer-Berhorn. Das Ergebnis bei der Frage mit wenig Hintergrundinformationen: Nur 20 Teilnehmer und eine Genauigkeit von nur 66 Prozent.

Tchibo profitiert vom Wissen der Filialmitarbeiter

Auch das Einzelhandelsunternehmen Tchibo setzt das System ein. „Filialdamen sind auch ein großer Wissenspool, weil sie nah am Kunden sind und viel Markt-Knowhow haben ", sagt Crowdworx-Gründer Ivanov. „Man muss nicht mehr in Hierarchien denken, sondern kann den gesamten Wissenspool im Unternehmen anzapfen", sagt der Gründer. Die Crowd reguliert sich dabei gewissermaßen selbst: Wer glaubt, viel zu wissen, setzt auch mehr von der virtuell gehandelten Währung ein.

Aleksandar Ivanov, Gründer und Geschäftsführer von Crowdworx. Crowdworx

Wie der Prozess der Entscheidungsfindung genau funktioniert und was dabei passiert, ist laut Ivanov noch wenig wissenschaftlich untersucht. Ivanov selbst nennt daher den Prozess derzeit noch „Magic". „Aber was dabei am Ende hinten rauspurzelt sind eben die Crowdantworten, die unglaublich gut und unglaublich genau sind."

Blaumänner schlagen Marktforschungabteilung

Das liegt auch daran, dass Unternehmen oft nicht klar ist, wer in einer Frage eigentlich kompetent ist. Als bei Tchibo die Einführung neuer Produkte geplant wurde, wollte der Einzelhändler wissen, welche Produkte sie zu welchem Preis auswählen sollte. Dabei wurden drei Teilnehmergruppen befragt: die Filialmitarbeiter, die Marktforscher aus der Zentrale, die bis dahin allein entschieden haben und die Mitarbeiter in den Lagerhäusern des Unternehmens. Das für alle überraschende Ergebnis: Die Antworten der Lagerarbeiter stellten sich im Nachhinein als am besten heraus. „Die Blaumänner, die vorher noch nie gefragt wurden, lieferten die besten Antworten", sagt Ivanov.

„Vorher hat man sich gesagt: Was sollen die schon wissen? Die sehen nur in ihrem Lagerhaus die Waren Aus- und Eingänge – aber die Hypothese war falsch." Crowdworx rät daher allen Unternehmen, die die Software einsetzen wollen, nicht im Vorhinein irgendeine Mitarbeitergruppe auszuschließen. Es könnte diejenige mit den wertvollsten Antworten sein.

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com