Wer exotische Biervarianten liebt, wird in den USA wie hier in Indianapolis oft fündig. Associated Press

Ein helles Ale, das mit Peperoni-Schoten gebraut wurde, ein Weizenbier nach belgischer Brauart mit Thymian und Koriander, ein dunkles Roggen-Ale und ein Guinness-artiges Stout, in dessen Rezept auch Kaffee, Zimt und Chilipulver vorkommen – auf der Tafel hinter der Theke der Brauerei Birdsong Brewing sind derzeit sieben solcher ungewöhnlichen Biersorten zu finden, die frisch gebraut vom Fass zu haben sind.

Die Mikrobrauerei in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina lebt von der Abenteuerlust ihrer Kunden – und davon, dass es in den USA kein Reinheitsgebot gibt. Hier entsteht „craft beer", wörtlich Bier, das im Handwerk hergestellt wird, in kleinen Mengen und oft nach ganz eigenwilligen Rezepten. Das Produkt hat Erfolg: Der Schankraum von Birdsong Brewing ist ständig voll von Besuchern, und in über hundert Restaurants und Kneipen der 750.000 Einwohner großen Stadt wird ihr Bier ausgeschenkt.

Wie es gebraut wird, können die Gäste der Brauerei durch eine Glasscheibe im Schankraum betrachten. Dahinter stehen etwa ein halbes Dutzend Gärtanks aus Edelstahl. Seit der Eröffnung der Brauerei vor gut einem Jahr sind bereits mehrere neue Tanks hinzugekommen, weil das Geschäft deutlich schneller gewachsen ist, als die Besitzer erwartet hatten.

Noch nie wurde an so vielen Orten gebraut

Die USA, deren Bier lange Zeit einen schlechten Ruf hatte, haben dem Bierland Deutschland derzeit einiges voraus, was die Dynamik der Braubranche angeht. Die Nachfrage nach hochwertigen, individuellen Bieren von kleinen Herstellern ist riesig und hat bei jungen Brauern einen endlosen Ideenschatz zu Tage gefördert. Das langweilige Männergesöff wird hier zum Genießertrank, der auch für den besonderen Anlass gut genug ist.

Tara und Chris Goulet haben mit der Birdsong-Brauerei ihren Traum wahr gemacht. Birdsong

Mit den großen multinationalen Konzernen können die Mikro-Brauereien zwar nicht mithalten, ihr Anteil am Bierkonsum in den USA liegt bei gerade einmal 6,5 Prozent. Dennoch ist ihre Ausbreitung beeindruckend: Laut dem Branchenverband Brewers Association fallen mittlerweile über 97 Prozent aller US-Brauereien in die Kategorie „craft breweries". Und der Branche steht nach eigener Erwartung noch ein steiles Wachstum bevor. „Durchschnittlich wird in den USA gerade jeden Tag etwas mehr als eine Brauerei eröffnet, und in diesem Jahr dürfte diese Wachstumsrate noch steigen", sagt Paul Gatza, Chef des Branchenverbands.

Allein in Charlotte gibt es acht solcher Mikrobrauereien wie Birdsong, in den USA insgesamt waren es zum Ende des vergangenen Jahres 2.347 Stück, berichtet die Brewers Association. Das sind 18 Prozent mehr als 2011. Noch nie in der Geschichte der USA wurde an so vielen unterschiedlichen Stellen gebraut.

„Es gibt immer mehr Menschen, für die Bier genauso hochwertig ist wie Wein", sagt Tara Goulet, Mitgründerin der Birdsong-Brauerei. Dadurch seien sie dann auch bereit, einen größeren Teil ihres Einkommens für Bier auszugeben. Die endlose Vielfalt an Bieren zu probiere - so wie es Weintrinker schon lange tun -, wird für viele zum gastronomischen Hobby.

Tatsächlich ist eine Bierprobe ein Erlebnis. Nach einigen Schlucken des dunklen, karamelligen Chili-Stout macht sich ein leichtes Brennen im Hals bemerkbar – zur kalten Winterzeit kann das angenehm wärmend sein. Das belgische Thymian-Bier würde sich mit seinem herben Kräutergeschmack gut zu einer herzhaften Mahlzeit machen. Für den deutschen Gaumen gewöhnungsbedürftig ist hingegen das Peperoni-Bier, das keinen Zweifel daran lässt, dass hier kiloweise grüne Paprika verarbeitet wurde. In den USA allerdings zählt es zu den beliebtesten Bieren – viele Restaurants haben es seit Wochen auf der Getränkekarte.

In der Stadt Portland an der amerikanischen Westküste, die nur zwei Drittel so viele Einwohner hat wie Charlotte, gibt es derzeit 51 Brauereien. Charlotte hatte erst zwei, als Birdsong hinzukam. Die Investoren waren sich ziemlich sicher: Hier ist noch Platz für viele mehr. Es war aber keine Marktforschung, sondern eher ein wohl begründetes Bauchgefühl, das Tara Goulet und ihren Mann Chris dazu antrieb, in Charlotte eine Brauerei zu eröffnen. „Ich kann einfach gut raten", sagt Chris Goulet scherzhaft, doch auch sein MBA wird dem Banker geholfen haben, sein Geld und das seiner Freunde sinnvoll zu investieren.

Deutschland nimmt sich ein Beispiel an US-Mikrobrauereien

Die Goulets boten Freunden mit gut bezahlten Jobs an, Teilhaber an der neuen Brauerei zu werden. Sie machten auch einen Handwerksbetrieb zum Mitinhaber, der ihnen dafür den Brauraum und die angeschlossene Bar ausbaute. Bei der Eröffnung hatten sie 350.000 US-Dollar investiert. „Birdsong Brewing" sollte die Brauerei heißen, „weil sich das Schnarchen unseres Brauers Conor Robinson anhört wie Vogelgezwitscher", sagt Goulet.

Der Deutsche Dieter Kuhn betriebt in North Carolina die "Heinzelmännchen Brewery". Heinzelmännchen Brewing

Verglichen mit der deutschen Brauereikultur sind die USA eine andere Welt. Dieter Kuhn ist einer, der beide Seiten kennt. Aufgewachsen ist er in Heidelsheim nördlich von Karlsruhe, wo er als Junge jede Woche in der örtlichen Brauerei frisches Bier für seine Familie abholen ging. Später zog er in die USA, wo er in den Bergen von North Carolina die „Heinzelmännchen Brewery" eröffnete.

„Die Biersorten in Deutschland sind immer die gleichen", sagt Kuhn. „Kein Wunder, dass junge Leute da mehr Radler und Mixgetränke trinken." Dabei müssen es keine Schokoladen- oder Pepperoni-Biere sein, die für Abwechslung sorgen, sagt er. Kuhn hat neben typisch deutschen Sorten wie Hefeweizen und Pils zum Beispiel auch ein Schwarzwald-Stout, ein schottisches Ale und ein hochprozentiges Imperial Pale Ale im Programm.

Gemeinsam ist diesen Sorten, dass sie sich auch nach deutschem Reinheitsgebot brauen lassen. Im Programm der sogenannten „Fernsehbier"-Brauer wie Radeberger und Beck's, die den Großteil des deutschen Bierdurstes stillen, kommen sie trotzdem nicht vor. Kuhn findet, dass mehr Abwechslung her müsse: „Die Deutschen sind einfach stur."

Womöglich hat Kuhn recht damit, dass den Deutschen ihr Bier nicht mehr so recht schmeckt. Der Bierkonsum in der Bundesrepublik schrumpft seit Jahren. Vergangenes Jahr tranken die Deutschen insgesamt über zehn Prozent weniger Bier als noch vor zehn Jahren, berichtet das Statistische Bundesamt.

Allerdings gibt es auch in Deutschland zahlreiche Brauer, die eine Alternative zu den Fernsehbieren bieten wollen. Thorsten Schoppe zum Beispiel stellt seit 2001 in seiner Berliner Brauerei Schoppe Bräu „craft beer" her. Den englischen Begriff für das handwerklich gebraute Bier benutzt der Berliner, „da die amerikanische Bierkultur großen Einfluss auf das Produkt hat".

Man könne viele Biersorten problemlos nach dem Reinheitsgebot brauen, sagt Schoppe. Doch auch andere Varianten können deutsche Brauer herstellen – sie müssen nur einen Trick anwenden. Wenn Schoppe zum Beispiel Mateblätter in einem Gebräu verwendet, was nach dem Reinheitsgebot keine zulässige Zutat ist, nennt er es eben nicht Mate-Bier, sondern Mate-Trunk

Vor allem geht es ihm um die Qualität, sagt Schoppe: „Wer hat schon Bock auf billige Industrieprodukte?", fragt er. Mit Extravaganz haben heimische Produkte, die handwerklich hergestellt werden, für ihn nichts zu tun: „Ihr habt Euren örtlichen Bäcker, Euren Metzger – warum nicht auch Eure Brauerei?"

Die Amerikaner haben gerade einen guten Grund bekommen, etwas mehr für ihr Bier zu bezahlen und dafür die Industrieprodukte zu meiden: Ehemalige Angestellte des weltgrößten Brauereikonzerns Anheuser-Busch InBev beschuldigen das Unternehmen, in den USA beliebte Biersorten wie Budweiser und Michelob routinemäßig zu verwässern, um Geld zu sparen. In drei US-Bundesstaaten wurden Klagen gegen den Konzern eingereicht. Der Alkoholgehalt sei niedriger gewesen als auf den Flaschen angegeben, sagt ein Anwalt der Kläger in Kalifornien.

„Craft beer" hat sozio-ökonomische Grenzen

„Craft beer" ist von Natur aus teurer als ein Budweiser oder ein Radeberger: Die Produktion ist klein, die Brauer wählen oft hochwertigere Zutaten und viele experimentieren ständig mit neuen Rezepten, anstatt einige wenige traditionelle Biersorten so kostengünstig wie möglich herzustellen. Auch ist ihr Gebräu im Durchschnitt hochprozentiger, oft liegt der Alkoholgehalt bei sechs bis neun Prozent. Auch das ist in der Herstellung teuer.

Birdsong Brewing bringt einmal pro Woche ein neues Bier heraus, jüngst zum Beispiel ein von den Beatles inspiriertes dunkles Ale mit indischen Gewürzen, das Brauer Robinson nach dem Pilzkopf-Song „Across the Universe" benannt hat. Meist sind die wöchentlichen Neu-Kreationen schon nach ein oder zwei Tagen ausverkauft. Was besonders beliebt war, bleibt im Programm, und jede Woche lockt die Neugier viele Bierfreunde in den Schankraum.

Die Bierliste von Birdsong erinnert wie die vieler anderer Mikrobrauereien auch vom Prinzip her an eine Weinliste. Dort sind nicht nur die Biersorten und die untypischen Zutaten wie Kakao und Chili, sondern auch die Malzsorten und die Hopfenarten nachzulesen, die entweder für ihre Bitter- oder ihre Aromastoffe eingesetzt werden. Manchmal liest man auch, wo der Hopfen angebaut wurde.

Durch ihre vergleichsweise hohen Preise erreichen die Mikrobrauereien jedoch nur einen begrenzten Markt. Ein Bud Light vom Fass, das vom Brauereigiganten Anheuser-Busch hergestellt wird und zu den meistgetrunkenen Bieren der Welt zählt, kostet in den Kneipen etwa 3 US-Dollar, ein „craft beer" kostet je knapp ein halber Liter um die 5 Dollar – gut 60 Prozent mehr.

Nicht jeder ist bereit, für ein Bier so tief in die Tasche zu greifen, das spürt Tausende Kilometer über den großen Teich auch der Berliner Mikrobrauer Thorsten Schoppe. Ein India Pale Ale von Schoppe Bräu kostet im Supermarkt 1,50 Euro, eine Flasche Pils von Becks steht dagegen für gerade einmal 70 Cent im Regal. Das Besondere hat seinen Preis, und den will sich nicht jeder leisten. Vielleicht ein Grund dafür, dass junge Leute nur selten Schoppes Bier trinken: Seine Kunden seien eher „mittleren Alters", erzählt er.

Deshalb ist klar: Auch wenn die Mikrobrauereien seit einigen Jahren laut Brewers Association im zweistelligen Prozentbereich wachsen (2012 nach Umsatz um 17 Prozent), wird irgendwann eine Grenze erreicht sein, glaubt Chris Goulet: „Die sozio-ökonomischen Grenzen werden das Wachstum der Mikrobrauereien verlangsamen." Denn „craft beer" ist für manche eben ein Luxusprodukt.

„Unser Bier soll frisch getrunken werden"

Das Wachstum der Branche wird auch dadurch begrenzt, dass die großen Konzerne angefangen haben, die erfolgreichsten Mikrobrauereien aufzukaufen. Vor genau zwei Jahren übernahm Anheuser-Busch für 22,5 Millionen Dollar einen Anteil von 58 Prozent an der Chicagoer Mikrobrauerei Goose Island. Wenige Monate später kündigte der Brauereikonzern MillerCoors an, dass das Unternehmen einen Minderheitsanteil an Terrapin übernehmen werde, einer Mikrobrauerei aus Athens im Bundesstaat Georgia. Wie hoch dieser Anteil ist, bleibt ein Geheimnis, er sei jedoch kleiner als 25 Prozent, erklärt Terrapin.

John McKissack und seine Frau Tammy haben in Texas die Big Beer Brewery gegründet. Associated Press

Die Goulets wollen voraussichtlich einen Strich ziehen, wenn ihre Brauerei 150 Kneipen und Restaurants der Stadt beliefert. „Unser Bier soll frisch getrunken werden", sagt der Brauerei-Besitzer Chris Goulet. Deshalb will er es auch nicht an Kneipen außerhalb der Stadt liefern.

Die Gründer planen nicht, von der Brauerei leben zu können. Sieben Partnern gehört Birdsong heute, und selbst der Haupteigentümer Chris arbeitet nach wie vor bei einer Bank im Bereich für Hypothekenkredite. Der Job sei zum Glück sehr flexibel, sagt er, so dass er gleichzeitig auch noch die Brauerei leiten kann. Pro Tag arbeite er meistens 12 bis 14 Stunden, sagt er. „Aber die Arbeit in der Brauerei fühlt sich nicht wie Arbeit an."

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