MUMBAI - Die indische Notenbank hat die Liquiditätsbremse wieder etwas gelockert – aus Angst davor, dass sie das ohnehin nur schwache Wirtschaftswachstum sonst abwürgen könnte. Obwohl der Wertverfall der Landeswährung anhält, wird sie die Mitte Juli eingeführten Maßnahmen zur Liquiditätsverknappung teilweise wieder aufheben. Die Reserve Bank of India kündigte an, am Freitag Staatsanleihen für 80 Milliarden indische Rupien – umgerechnet 936 Millionen Euro – zurückzukaufen, um die Liquidität im Bankensystem zu erhöhen.

Weitere Rückkäufe seien möglich – abhängig von der Marktentwicklung. Die Verknappung der Liquidität dürfe nicht zu einem Anstieg der Renditen langlaufender Anleihen führen und damit die Versorgung der Realwirtschaft mit Krediten beeinträchtigen, hieß es zur Begründung.

Mitte Juli hatte die Notenbank mehrere Maßnahmen eingeführt, um die Geldmenge im Bankensektor zu verringern und damit den Verfall des Außenwertes der indischen Währung einzudämmen. Eine starke Abwertung der Rupie könnte die Inflation in die Höhe treiben; das erste Mandat der Notenbank ist die Wahrung von Preisstabilität. Daher begrenzte die indische Zentralbank im Juli unter anderem die Geldmenge, die sich Banken bei der Notenbank zum Schlüsselzins von 7,25 Prozent leihen können.

Die indische Währung blieb aber ähnlich wie andere Landeswährungen in Asien weiter unter Druck und fiel am Dienstag sogar vorübergehend auf das Rekordtief von 64,11 Rupien je US-Dollar. Unter Verkaufsdruck sind asiatische Währungen unter anderem gekommen, weil erwartet wird, dass die amerikanische Notenbank Federal Reserve in Bälde ihre Anleihekäufe zurückführen könnte. Damit dürfte die Liquiditätsschwemme versiegen, die in den vergangenen Jahren auch die Märkte in Asien mit Geldflüssen versorgt hatte.

Auch die indonesische Notenbank sah sich am Dienstag gezwungen, zur Stützung der Landeswährung zu intervenieren. Dies führte zwar am Aktienmarkt zu einer leichten Erholung, der Kurs der indonesischen Rupie fiel aber weiter auf ein neues Vierjahrestief.

Maßnahmen der indischen Zentralbank fruchteten nicht

In Indien gelang es der Notenbank bisher nicht, den seit Mitte Juli zu beobachtenden Kursverfall aufzuhalten, aber die Maßnahmen führten zu höheren Zinsen, die auch die Kredite für die Wirtschaft verteuerten. Die Aussichten auf eine Belebung des Wachstums der Wirtschaft in Indien wurden dadurch getrübt, jetzt entschied sich die Notenbank zum Gegensteuern.

Ob der neue Kurs der Notenbank hilft, die schwächelnde Konjunktur wieder in Gang zu bringen und die Probleme mit der Inlandswährung zu lösen, muss sich noch erweisen. Immerhin erholte sich der Kurs der Rupie nach der Ankündigung am Mittwoch im frühen Geschäft gegenüber dem Dollar leicht auf 64,34.

Einige Ökonomen kritisierten den Zickzackkurs der Notenbank. In den vergangenen Wochen sei ein Flickenteppich an Maßnahmen beschlossen worden, aber eine stringente Strategie sei nicht erkennbar, bemängelt Taimur Baig, Volkswirt bei der Deutschen Bank in Singapur.

Auch die Barclays -Volkswirte befürchten, dass die rasche Kehrtwende die Glaubwürdigkeit der Notenbank langfristig gesehen nicht verbessern werde. Die Kurskorrektur selbst bezeichnen sie aber als „erfreulich", weil das Wachstum der indischen Wirtschaft mit rund 5 Prozent auf das niedrigste Niveau seit mehreren Jahren gefallen ist.

Vielleicht wird der Kurs der Notenbank wieder vorhersehbarer, wenn am 4. September mit Raghuram Rajan ein früherer Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds die Führung der Reserve Bank of India übernimmt. Der jetzige Notenbankchef Duvvuri Subbarao stand Zinssenkungen aus Sorge um die schwache Landeswährung und wegen der hohen Inflation sehr zurückhaltend gegenüber. Die indische Regierung hat dagegen immer auf niedrige Zinsen gedrängt, damit die Wirtschaft in Gang kommen kann.

—Mitarbeit: Tom White

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Berichtigung
80 Milliarden indische Rupien entsprechen gegenwärtig umgerechnet 936 Millionen Euro. Versehentlich war zunächst von 936 Milliarden die Rede.