Donnerstag, 22. August 2013, 10:45 Uhr

Außen züchtig, innen wild: Gewagte Architektur in Japan

image

Einst residierten hier die japanischen Kaiser, und noch heute beeindrucken die 14 Tempel und Shinto-Schreine von Kyoto Touristen und Einheimische, die auf der Suche nach dem alten, traditionellen Japan zwangsläufig in diese Ecke des Kansai-Ballungsgebiets rund um Osaka kommen. Gemeinsam mit anderen Tempeln in der Umgebung sind die Anlagen Weltkulturerbe - dementsprechend streng sind die Bauregeln in Kyoto. Gaku and Yukiko Tomii, beides Zahnärzte, wollten ein lustiges, ungewöhnliches Heim. Die beiden Mittdreißiger ließen sich das so genannte T-House bauen - es liegt auf einem Hügel, nur wenige Minuten entfernt von einigen der bekanntesten Tempeln Japans. Das Paar überzeugte die strengen Bauprüfer, indem es das Haus von außen mit schlichten Linien und traditioneller Farbgebung in braun und weiß gestalteten. So fügt es sich perfekt in die Umgebung ein. Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

image

Kommt man durch die Eingangstür, bricht das rund 200 Quadratmeter große Haus aber alle Regeln. Das auf einer Seite komplett verglaste Atrium zieht sich über drei Stockwerke, eine minimalistische Treppe schlängelt sich in der Mitte empor, um die herum Beton"kästen" gebaut sind, in denen sich verschiedene Räume befinden. Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

image

Die Innenwände sind aus unbearbeitetem Beton, was dem Haus die Atmosphäre einer Kunstgalerie oder einer modernen Bibliothek verleiht. Die riesigen Fenster bieten eine eindrucksvollen Rundumblick auf Tempel, Pagoden und die umliegenden Hügel. Hier zu sehen: Yukiko Tomii mit ihrer Tochter Moana auf der Galerie im dritten Stock. Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

image

Typisch japanisch: Ein Futonbett. Architekt des Hauses ist Peter Boronski: Er war früher Skateboard-Meister in Neuseeland und ging 1993 nach Japan, um Architektur zu studieren. Diese Mischung erklärt vielleicht auch das waghalsige Zusammenspiel aus verrücktem ultramodernen Design und traditioneller strikter Linienführung. Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

image

Das Badezimmer liegt über der Küche in einer langgezogenen Beton"box". Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

image

Der Whirlpool mit Ausblick. Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

image

Am meisten um Aufmerksamkeit heischt aber ohne Zweifel die Treppe, deren große Stahlstufen ohne zusätzliche Halterungen aus einem sich in die Höhe schwingenden, gewundenen Betonrahmen herausragen. Das Geländer ist ganz minimalistisch und zurückhaltend gestaltet. Für ganz oben hat der Architekt eine Lichtinstallation aus Spanien importieren lassen, die wie eine offene Blume erscheint. Sie soll den harten Beton etwas weicher aussehen lassen. Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

image

Da die Tomiis zwei kleine Kinder haben, muss das Design zugunsten der Kindersicherung etwas zurückstecken. Das Paar hat an den Geländern Netze und unten ein Gitter angebracht, damit die Kinder nicht ohne Aufsicht auf die Stufen klettern. Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

image

Und die Treppe ist wahrlich der Mittelpunkt des Hauses, nicht nur einfach Mittel zur Überwindung von Höhen: Manchmal nutzen die Tomiis die niedrigeren Stufen auch als Esstisch. Sohn Kai macht manchmal seine Vorschulaufgaben dort und Tochter Moana spielt auf den Stufen - wie hier zu sehen ist. Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

image

Ausblick auf die Stadt vom Wohnzimmer aus - mit Blick auf die Terrasse und den Pool. Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

image

Und noch einmal aus der Nähe: Die Terasse und der kleine Pool. Gerade einmal zehn Minuten Fußweg sind es bis zur fünfstöckigen Pagode des Ninnaji-Tempels. Etwas weiter östlich liegen der Ryoanji-Tempel und sein berühmter Steingarten. Rund 501.000 Euro haben die Tomiis für die Verwirklichung ihres wilden Traums bezahlt. Jérémie Souteyrat für The Wall Street Journal

stable