Ein Angestellter in einem indischen Juwelierladens präsentiert kleine Goldtäfelchen. Die Nachfrage aus Indien wird den Verfall des Goldpreises diesmal wohl nicht stoppen können. Reuters

Was ist das für ein Gemurmel, das man aus den Analyseabteilungen der Banken vernimmt? Richtig, es ist der Klang von sinkenden Goldpreis-Prognosen.

Warum sollten sie auch nicht? Gold war womöglich der offensichtlichste Nutznießer des alten, monetären Nachkrisen-Regimes. Insofern ist es nicht überraschend, dass jeder Hauch von Normalisierung bei der Federal Reserve den Markt nach Luft ringen lässt.

In der vergangenen Woche, als heftige Verkäufe den Preis um 7 Prozent abstürzen ließen, war das ganz sicher der Fall. Und zu Wochenbeginn zeigt sich das Edelmetall immer noch schwach. Die Wehen sind also eindeutig noch nicht vorbei.

Die Analysten von Goldman Sachs sind die vorerst Letzten, die dem am Boden liegenden Gold einen weiteren Stoß verpassen. Die Bank hat ihre Jahresendprognose für den Goldpreis von 1.435 auf 1.300 Dollar je Unze gesenkt. Damit nicht genug: Die Analysten sagen voraus, dass sich Gold Ende 2014 nur um Haaresbreite über der Marke von 1.000 Dollar halten wird.

Die einzige Hoffnung, die die Goldman-Volkswirte für das Metall ausmachen können, ist die, dass die Märkte womöglich übertrieben und einen zu starken – und zu frühen – Abzug der Fed-Stimuli eingepreist haben könnten. Für einen Markt, der in diesem Jahr bereits mehr als 20 Prozent verloren hat, ist das ein geringer Trost.

Zumal die Goldmänner lediglich die Letzten in einer Reihe von Skeptikern sind. Auch die USB nahm ihre 2013er-Schätzung für den Goldpreis vergangene Woche um 10 Prozent zurück.

Aber was ist aus der physischen Nachfrage geworden? Kann es wirklich sein, dass sich all die goldhungrigen Käufer aus China und Indien plötzlich komplett von dem Edelmetall verabschiedet haben?

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Vermutlich nicht, aber es gibt es einen großen Unterschied zu der Situation im April, als Gold das letzte Mal taumelte. Damals kursierten Berichte über einen Kaufrausch seitens indischer und chinesischer Käufer. Dieses Mal gibt es diese Berichte nicht.

Die Tatsache, dass Indien bewusst versucht, die Goldkäufe zu hemmen, indem es die Importzölle seit Jahresbeginn zweimal erhöht hat und Juweliere zur Vorauszahlung zwingt, macht die Argumente für Gold nicht unbedingt stärker. Die indischen Behörden sorgen sich um das wachsende Leistungsbilanzdefizit des Landes und die schwächelnde Rupie.

Die Lage in China mag Gold-Bullen etwas hoffnungsfroher stimmen. Chinas Gold-Verband erwartet, dass die chinesische Goldnachfrage 2013 zwischen 900 und 1.000 Tonnen liegen könnte, womit China Indien überholen würde.

Dennoch dürfte eine stärkere physische Nachfrage kaum die Goldverkäufe derjenigen wettmachen, für die das Edelmetall lediglich eine von vielen Finanzanlagen ist, deren Zeiten kommen und gehen. Und deren Liquidationen waren bereits beträchtlich. Das Gesamtvolumen des von börsengehandelten Indexfonds gehaltenen Goldes ist im laufenden Jahr von 80 Millionen Unzen auf 68 Millionen Unzen gefallen.

Die leidenschaftlichen Gold-Anhänger und die Juweliere werden an dem Edelmetall festhalten. Allen anderen jedoch erscheint Gold dieser Tage als ein einst dringend benötigtes Rettungsboot, das endlich das Land erreicht hat. Nun ist Zeit zum Aussteigen.

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