Die scheidende US-Außenministerin Hillary Clinton: Topwerte in Meinungsumfragen, ein starker Lebenslauf und ein blühendes Netz an Geldgebern und Anhängern. Associated Press

Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton verabschiedet sich am Freitag aus der US-Politik, aber ein Großteil ihrer Anhänger und Widersacher spekuliert bereits auf ihre Rückkehr als Kandidatin für den nächsten Präsidentschaftswahlkampf. Immerhin verlässt Clinton ihren Posten mit Topwerten in Meinungsumfragen, mit einem starken Lebenslauf und einem nach wie vor blühenden Netzwerk an Geldgebern und Anhängern.

Viele warten nur darauf, Clinton zur ersten Frau an der Spitze ihres Landes wählen zu dürfen. Vier Jahre agierte sie als Außenministerin der USA, zuvor war sie unter anderem Senatorin von New York und First Lady. Das alles würde sie beim nächsten Wahlkampf 2016 zu einer starken Kandidatin machen und nach Ansicht von Strategen im Lager der Demokraten andere Aspiranten auf das Amt abschrecken.

Wer will gegen so jemanden antreten?

Clintons spendenwillige Anhängerschaft verschafft ihr einen organisatorischen Vorteil. Sie kann es sich leisten, mit einer Entscheidung über ihre Zukunft noch etwas zu warten, während mögliche Widersacher sich jetzt schon fragen müssen, ob sie gegen jemanden wie Hillary Clinton antreten wollen.

Freunde sagen, Clinton habe es nicht eilig. Momentan wolle sie erst einmal nur ausschlafen, sich entspannen und Vorträge halten. Sie selbst sagte Anfang der Woche auf die Frage nach möglichen Ambitionen auf das Präsidentenamt: „Nun, ich denke gerade nicht über so etwas nach. Ich freue mich darauf, meine Zeit als Außenministerin zu beenden und dann 20 Jahre Schlafentzug wettzumachen."

Eine Kampagne könnte sie aber jederzeit starten: Seit ihrer Niederlage in den Vorwahlen zum Präsidentschaftswahlkampf 2008, als am Ende Barack Obama die Kandidatur der Demokraten gewann, hat sie den Kontakt zu spendenwilligen Anhängern über Email und Facebook gehalten. Ein Fan hat sogar schon eine Spendenplattform „Bereit für Hillary" aufgestellt – für den Fall, dass die Politikerin sich doch kurzerhand zur Kandidatur entschließt.

„Ich habe mit sehr ausgeprägten Hillary-Anhängern mit sehr großem Geldbeutel gesprochen, und die wollen sie ganz klar antreten sehen", sagt Harold Ickes, der ihre Kandidatur 2008 maßgeblich mitorganisiert hat. „In den Gesprächen, die ich geführt habe, hieß es immer: ‚Wenn sie antritt, bin ich dabei, und zwar auch finanziell!'", sagt Ickes.

Ed Rendell, ein Freund der Clintons und ehemaliger Vorsitzender der Demokratischen Partei, glaubt, dass sich die scheidende Außenministerin schon 2014 zu einer Kandidatur entschließen könnte. Die Aussicht, die erste Präsidentin der USA zu werden und ihr grundsätzliches Interesse am Staatsdienst, würden sie antreiben, glaubt Rendell. Sollte sie ihre Entscheidung auch „kurz danach" öffentlich machen, würde sie „das Feld als erste in Beschlag nehmen", sagt er.

Bei einer Rückkehr in die Politik aber müsste sich Hillary Clinton in wichtigen Fragen justieren: Sollte sie Unterschiede zwischen sich und Barack Obama hervorheben – und dann auch zwischen sich und Vizepräsident Joe Biden? Oder sollte sie sich lieber als diejenige verkaufen, die Obamas politisches Erbe weiterführt?

Viel wird von der Lage der Wirtschaft abhängen

Die Entscheidung hinge wohl vom Zustand der US-Wirtschaft ab und davon, wie sich die Welt allgemein in den nächsten zwei bis vier Jahren entwickelt. Wenn das Wirtschaftswachstum stark ist und Obama beliebt bleibt, könnte sie sich als mitverantwortlich für seinen Erfolg darstellen.

Gleichzeitig ist Clinton aber eine ganz andere Demokratin, als es der Präsident ist. Ihre Ansichten liegen näher an der unternehmerfreundlichen Haltung ihres Mannes, Ex-Präsident Bill Clinton. Als Senatorin von New York stimmte sie einst für neue Handelsabkommen mit Singapur, Chile und dem Oman – obwohl die Gewerkschaften dagegen waren. Auch der heutige Vizepräsident Joe Biden war, wie viele demokratische Senatoren, gegen die Handelsabkommen mit Singapur und Chile.

Als Washingtons Top-Diplomatin hat Clinton auch einen etwas entschlosseneren Tonfall angeschlagen, als es Obama in den Beziehungen zu Syrien und Iran tat. Als Außenministerin äußerte sie von Anfang an Skepsis daran, dass Iran den Forderungen der USA nachgeben würde, sein Nuklearprogramm einzudämmen. Das berichten amerikanische und arabische Regierungsvertreter, die Clinton getroffen haben.

Auch eine andere Idee, die einige im Weißen Haus vortrugen, überzeugte sie nicht: Sie bezweifelte, dass der syrische Präsident Baschar al-Assad seine militärische Allianz mit dem Iran aufgeben würde, wenn sich Washington Syrien stärker annähern würde.

Frauen wollen mehr Frauen an der Spitze

Einige ihrer Anhänger haben sich mit Obama als Präsidenten nie so recht anfreunden können und fänden es gut, wenn sie sich von seinem Kurs distanzieren würde. Zumindest in einem Aspekt: der Repräsentation von Frauen in der US-Regierung.

Sollte Clinton wirklich als Präsidentschaftskandidatin antreten, wäre das „ein scharfer Kontrast", findet Amy Siskind, Mitbegründerin der Frauenbewegung „The New Agenda", die von 30 Clinton-Fans ins Leben gerufen wurde. „Es ist beschämend, dass ein Mann, der von Frauen und Farbigen und Menschen unterschiedlicher sexueller Neigung gewählt wurde, einen Haufen weißer Männer" für die Spitzenposten im Kabinett ausgewählt habe, sagt Siskind.

Andere dagegen sehen große Hürden für eine Kandidatur Hillary Clintons. So könnte ihr umstrittenes Vorgehen nach den Terroranschlägen auf die US-Botschaft in Libyen, bei der vier Amerikaner ums Leben kamen, ihre Ambitionen überschatten, sagt der Republikaner Kenneth Blackwell, der früher für den Staat Ohio in der Regierung tätig war.

Zudem spielt Clintons Gesundheitszustand eine Rolle. Die 65-Jährige wurde neulich wegen eines Blutgerinnsels im Kopf behandelt. In einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN sagte sie, dass sie Medikamente dagegen nehme.

Ihr Bekannter Ed Rendell erzählt noch, wie er Hillary Clinton im vergangenen Jahr bei einem Abendessen getroffen hat und ihr nahelegte, dass ihr Alter sie nicht von einer Kandidatur abhalten sollte. Rendell, vier Jahre älter als Clinton, habe sie gefragt: „Hillary, sehe ich aus, als hätte ich die Kraft und Vitalität, mich für das Präsidentenamt zu bewerben?" – „Natürlich", habe Clinton geantwortet, und er habe entgegnet: „Nun, ich bin genau so alt, wie Du 2016 sein wirst." Daraufhin habe Clinton gelacht.

—Mitarbeit: Jay Solomon

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de