Jamie Dimon, Chef der Investmentbank J.P. Morgan, muss sich zunehmend die Frage gefallen lassen, was er persönlich zu welchem Zeitpunkt über die riskanten Spekulationen seiner Händler in London gewusst hat. Reuters

Der als „Wal von London" bekannt gewordene Händler der US-Bank J.P. Morgan hat Kollegen und Vorgesetzte über die Risiken seiner Handelspositionen informiert, lange bevor die Finanzwetten platzten und insgesamt 6 Milliarden US-Dollar Verlust zu beklagen waren. Das lässt sich nach Angaben von Insidern aus dem E-Mail-Verkehr des Händlers Bruno Iksil entnehmen, den die Bank und ein Unterausschuss des US-Senats für ihre Untersuchungen zu dem Handelsskandal ausgewertet haben.

Die offensichtlichen Bedenken, die Iksil zwischenzeitlich kamen, gehören zu den Details, mit denen sich die Mitglieder des Senats-Unterausschusses beschäftigen. Bei einer Gelegenheit habe Iksil einem anderen Händler geschrieben, dass das Volumen seiner Wetten eine „beängstigende" Größe erreicht habe. Das steht in den E-Mails, die in einem Bericht von J.P. Morgan vom 16. Januar erwähnt werden und von denen auch die mit dem gesamten Schriftverkehr vertrauten Personen berichten.

Iksils E-Mails zeigen, so sagen die Informanten, dass es in dem für die Handelsaktivitäten verantwortlichen Chief Investment Office der Bank in diesem Fall Bedenken gegeben hat, und zwar bevor Konzernchef Jamie Dimon Berichte zu den Handelsaktivitäten des „Wals" - unter anderem auch im Wall Street Journal am 6. April - als „Sturm im Wasserglas" abtat. Die New Yorker Bank musste schließlich im Mai Milliardenverluste eingestehen, die Iksil verursacht hatte. Dimon erklärte am Ende kleinlaut, er habe die Medienberichte fälschlicherweise heruntergespielt.

Ausschuss prüft minutiös die Verfehlungen

Der US-Untersuchungsausschuss, der vom demokratischen Senator Carl Levin aus Michigan geleitet wird, prüft unter anderem, ob es J.P. Morgan versäumt hat, wichtige Informationen an die US-Bankenaufsicht OCC weiterzugeben und ob die Aufsicht es wiederum versäumt hat, von der Bank Informationen über ihr Risikomanagement einzufordern.

Ein Bericht der OCC über ihre eigene Rolle im Handelsskandal bei J.P. Morgan liegt dem Untersuchungsausschuss nach Angaben von Informanten vor. Nicht bekannt ist jedoch, ob der Ausschuss diese Dokumente auch veröffentlichen will. Das Gremium selbst wollte sich dazu nicht äußern.

Iksil setzte seine Handelsgeschäfte Anfang 2012 fort, auch nachdem er bei seinen Chefs Zweifel angemeldet hatte, ob sie glücklich ausgehen würden. Erst gegen Ende März wurden seine Aktivitäten von ihnen gestoppt. Das zeigen die E-Mails, die den Insidern vorlagen. Danach war Iksil selbst auch von dem Ausmaß und dem plötzlichen Eintritt der Verluste überrascht.

Die Londoner Vertretung der Investmentbank J.P. Morgan. Hier entstanden die gigantischen Handelsverluste. dapd

Es wird erwartet, dass im Bericht des Senatsunterausschusses weitere Details über die Zweifel von Iksil ans Licht kommen werden. Die von Iksil verursachten Verluste haben mehrere Händler und Manager bereits den Job gekostet.

Ein Sprecher von J.P. Morgan sagte, die Bank habe sich in frühen Berichten bereits ausführlich zu der Angelegenheit geäußert. In einem kämen die Befürchtungen eines Händlers vor, ohne dass dieser beim Namen genannt wurde.

Schon im Januar 2012 soll Iksil seine Befürchtungen kundgetan haben, was aus den begutachteten E-Mails hervorgeht. Iksil und ein anderer Londoner Händler, Javier Martin-Artajo, hätten zu Jahresbeginn 2012 Händler in einem anderen Bereich der Bank in Verdacht gehabt, die Handelspositionen der Bank an Hedgefonds verraten und selbst gegen die Positionen von Iksils Bereich gewettet zu haben, so mit dem Fall vertraute Personen. Beide hätten ihren Verdacht später internen Ermittlern anvertraut.

Gab es ein Leck in der Handelsabteilung?

Über das Informationsleck bei J.P. Morgan hatte die Nachrichtenagentur Reuters dieser Tage berichtet. Die Verdachtsmomente seien der US-Börsenaufsicht SEC und der New Yorker Staatsanwaltschaft übermittelt worden, sagte eine der informierten Personen. J.P. Morgan, die Staatsanwaltschaft und die SEC wollten sich zur Frage des angeblichen Lecks in den Handelsräumen der Bank nicht äußern.

Der interne Prüfbericht von J.P. Morgan weist aus, dass Händler bereits zu Beginn des Jahres 2012 Fragen gestellt haben. Welche Personen das waren, geht aus dem 129 Seiten starken Dokument allerdings nicht hervor, denn die Bank hat die Namen der Londoner Händler in dem im Januar veröffentlichten Bericht auf Bitten der britischen Behörden geschwärzt.

Die Händler Iksil und Martin-Artajo waren Schlüsselpersonen im Londoner Team, das die komplizierten und gigantischen Handelspositionen aufgebaut hat. Sie hatten dabei gegen einen Index gewettet, der die finanzielle Gesundheit von einer Gruppe von Konzernen abbildet, die ein Investmentgrade-Rating haben, also eine gute Bonität. Im vergangenen Jahr verwandelte sich diese Wette in eine nur noch schwer liquidierbare Position gegenüber Unternehmenskrediten.

Am 30. Januar 2012 hat Iksil laut den E-Mails Martin-Artajo darüber informiert, dass die Positionen mittlerweile ein „beängstigendes" Ausmaß angenommen hätten, sagten die Informanten. Er schlug demnach vor, dass das Chief Investment Office die Verluste unmittelbar realisieren sollte. Später bat Iksil um ein Treffen am 3. Februar mit seinen Vorgesetzten, inklusive Chief Investment Officer Ina Drew.

Iksil warnte Drew, dass weiterer Verluste von 100 Millionen Dollar auf das Portfolio möglich seien, weil die Bank möglicherweise nicht richtig positioniert sei. Auf Iksil machte Drew nicht den Eindruck, wegen des drohenden 100-Millionen-Dollar-Verlusts übermäßig besorgt zu sein. Drew, die nach dem Bekanntwerden der Handelsverluste J.P. Morgan verlassen musste, reagierte nicht auf Anfragen für eine Stellungnahme.

Händler Iksil sollte mit seiner Wette fortfahren

Eine Woche später erzählte Iksil jenen, die außer Drew an dem Krisentreffen am 3. Februar teilgenommen hatten, dass er seine Positionen ausbauen müsse. Er bekam also die Anweisung weiterzumachen. Er und andere Händler bauten ihre Positionen daraufhin im Februar noch aus. Zum Monatsende summierten sich ihre Verluste auf 169 Millionen Dollar.

An einem gewissen Punkt hat Iksil einen Händler angewiesen, die Handelsaktivitäten für einen bestimmten Index einzustellen, weil die Funktionsweise des Index genau beobachten wollte. Er informierte Martin-Artajo, der damals sein direkter Vorgesetzter war, über seine Pläne. Dieser hat ihn aber angewiesen, weiter zu handeln.

Am letzten Tag des ersten Quartals forderte Martin-Artajo von Iksil, die Verlusteinschätzung für die Positionen von 250 auf 200 Millionen Dollar zu reduzieren, und er ermutigte ihn trotz anderslautender Anweisungen von CIO Drew weiterzumachen. Der Verlust, der am Ende dieses Tages anfiel, lag bei 138 Millionen Euro.

Nach dem aufsehenerregenden Bericht im Wall Street Journal am 6. April versicherte Drew dem für das operative Geschäft zuständigen Gremium der Bank, die Verluste seien handhabbar. Am 8. April weist eine Präsentation von Iksil an Martin-Artajo aus, dass sich die zusätzlichen Verluste bis auf 500 Millionen Dollar auftürmen könnten. Wahrscheinlicher seien aber 150 bis 250 Millionen. Doch am 10. April stiegen die Verluste erneut. Die Händler waren uneins, wie schlimm es noch werden würde. Die Schätzungen variierten von 5 bis 700 Millionen Dollar. Am Ende des Tages kam ein Verlust von 400 Millionen Dollar hinzu.

Nachdem Dimon im Gespräch mit Analysten am 13. April von einem „Sturm im Wasserglas" gesprochen hatte, blähten sich die Verluste in der darauffolgenden Woche noch einmal um 117 Millionen Dollar auf. Anschließend – in den sechs Handelstagen vom 23. bis 30. April – kamen noch einmal 800 Millionen Dollar hinzu.

Immerhin diese Verluste führten dazu, dass Dimon und andere Top-Manager die Frage stellten, ob die Händler eigentlich ein „angemessenes" Verständnis für ihr Handelsportfolio hätten und „die Fähigkeit, es fachgerecht zu verwalten", wie aus dem internen Bericht der US-Bank vom 16. Januar zu entnehmen ist.

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