Deutschlands zweitgrößter Stromversorger will noch kräftiger auf die Kostenbremse drücken: Der Essener Stromkonzern RWE erwägt laut Finanzchef Bernhard Günther tiefergehende Einschnitte bei den geplanten Investitionen der beiden kommenden Jahre.

Vor wenigen Tagen kündigte schon Deutschlands Branchenprimus Eon an, sich angesichts des schwierigen Marktumfelds bei künftigen Investitionen auf Wachstumsfelder zu konzentrieren. Jetzt kündigte der seit Jahresbeginn amtierende Finanzvorstand Berhard Günther in einem Interview mit der Börsen-Zeitung an, die geplanten Investitionen bei RWE noch unter das zuletzt genannte Ziel von vier bis fünf Milliarden Euro pro Jahr drücken zu wollen.

„Wir benötigen jedes Jahr 2 bis 2,5 Milliarden Euro für den laufenden Betrieb, also Instandhaltungsinvestitionen in Tagebau, Kraftwerke und Netze. Alles, was darüber hinausgeht, sind disponible Investitionsprojekte, und die sind grundsätzlich immer zu hinterfragen", so der Finanzvorstand gegenüber der Zeitung.

Ein Blick auf die Vergangenheit verdeutlicht die Größenordnung der geplanten Maßnahmen. In der Vergangenheit investierte RWE rund sechs Milliarden Euro jährlich. Nach der im November vorgestellten Langfristplanung sollen es künftig eher vier bis fünf Milliarden Euro sein, nun droht offenbar eine weitere drastische Kürzungsrunde bei den Investitionen.

Die Investitionen für das laufende Jahr sind dabei bereits weitgehend fix, so Günther. „Aber für die Jahre 2014 und in höherem Maße auch 2015 sind die Ausgaben, die über den 2,5 Mrd Euro Sockelbetrag hinausgehen, noch disponibel. Wir denken über weitere Einschnitte bei den Investitionen nach und schauen uns die bisherigen Planungen noch einmal ganz genau an." Details nannte er keine.

Die gesamte Branche leidet unter einer paradoxen Situation. Während Verbraucher wegen der Umlagen für Erneuerbare Energien immer mehr für die Kilowattstunde Strom berappen müssen, sinken die Großhandelspreise wegen der schwächelnden Nachfrage vor allem in Südeuropa. Branchenprimus Eon warnte daher diese Woche bereits, der Konzerngewinn im laufenden Jahr könnte niedriger ausfallen und stellte Investitionen auf den Prüfstand.

Die deutschen Konzerne leiden besonders unter den Folgen der Energiewende. Ihre nur bei Dauerbetrieb rentablen Gas- und Kohlekraftwerke sind wegen des Überangebots und der bevorzugten Einspeisung von regenerativer Energie immer seltener am Netz.

Ihre Aktionäre wollen beide Konzerne dennoch weiterhin glücklich machen. Nachdem Eon bereits angekündigt hat, künftig 50 bis 60 Prozent des nachhaltigen Gewinns an die Aktionäre zu verteilen und für 2012 eine Dividende von 1,10 Euro je Aktie zu zahlen, verspricht auch RWE-Finanzchef Günther eine stabile Dividende: Erst wenn über die Kosten- und Investitionskürzungen nichts mehr zu holen sei, könne auch eine niedrigere Dividende ein Thema werden.

Es gebe jedenfalls keinen Grund, vom bisherigen Ausblick abzuweichen, so der RWE-Finanzvorstand. Im laufenden Jahr werde ein Sondereffekt das Ergebnis bei RWE verschönern. Beim laufenden Streit mit dem russischen Energieriesen Gazprom OGZPY +0,61% Gazprom OAO ADS U.S.: OTC $6,61 +0,04 +0,61% 21 Okt. 2014 20:10 Volumen (​15 Min. verzögert) : 747.433 NACHBÖRSLICH $6,61 0,00 % 21 Okt. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 714.206 KGV 2,55 Marktkapitalisierung 77,34 Milliarden $ Dividendenrendite 6,01% Umsatz/Mitarbeiter 386.947 $ über die Gaslieferverträge rechnet Günther mit einer raschen Einigung. "Wir rechnen damit, dass es zu einer Lösung in der ersten Jahreshälfte kommt." Dabei rechnet RWE mit Kompensationszahlungen ab dem Frühjahr 2010. "Bei der Kompensation von Gazprom geht es also nicht um Kleingeld, sondern um eine substantielle Summe, die wir erwarten können," so Günther gegenüber der Börsen-Zeitung.

RWE muss bei den längerfristigen Gaslieferverträgen für den Bezug des russischen Gases mehr zahlen als das Unternehmen seinen eigenen Kunden wegen der inzwischen gefallenen Spotmarktpreise berechnen kann. In den Verhandlungen mit Gazprom geht RWE dabei zweigleisig vor: Zum einen trifft man sich mit Gazprom vor einem Schiedsgericht, zum anderen setzt man in direkten Gesprächen auf eine aussergerichtliche Einigung.

Kontakt zum Autor: klaus.brune@dowjones.com