Afghanische Frauen und Kinder am Rande von Herat. Die Commerzbank stellt den Dollarhandel mit fast all ihren Korrespondenzbanken in Afghanistan ein. Agence France-Presse/Getty Images

KABUL—Die Commerzbank CBK.XE -0,08% Commerzbank AG Germany: Xetra 12,31 -0,01 -0,08% 28 Nov. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 5,29 Mio. KGV 23,22 Marktkapitalisierung 14,02 Milliarden € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 331.135 € stellt den Dollarhandel mit fast all ihren Korrespondenzbanken in Afghanistan ein und versetzt dem ohnehin wackeligen afghanischen Bankensystem damit einen heftigen Schlag. Wie der afghanische Zentralbankgouverneur Nurullah Delawari mitteilte, hat die deutsche Großbank wohl wegen der jüngsten Geldwäsche-Vorwürfe gegen britische Banken „kalte Füße" bekommen.

Bei einem vertraulichen Treffen mit afghanischen Bankmanagern im Ritz-Carlton-Hotel in Dubai im April habe die Commerzbank angekündigt, ihr US-Dollar-Geschäft zu allen Korrespondenzbanken in Afghanistan einzustellen, die bis zum 30. Juni nicht auch ein separates Korrespondenzkonto bei US-Banken eröffnet haben, berichten Teilnehmer.

Nur wenige afghanische Banken dürften ein solches Konto bekommen, weil US-Banken zu große Vorbehalte gegenüber illegalen Vermögen aus dem Drogenhandel oder dem Terrorismus hegen, die in Afghanistan die Runde machen.

Afghanistan ist für mehr als 90 Prozent der globalen illegalen Opiumexporte verantwortlich, belegen Statistiken der Uno. Der Handel wird zum Teil von den Taliban und anderen militanten Gruppierungen kontrolliert. Zudem seien die Bankengesetze in dem Land lax und würden häufig übertreten, berichtet ein ranghoher amerikanischer Justizvertreter. Ein Großteil des Drogengeldes lande deshalb im regulären afghanischen Bankensystem, wo die meisten Geschäfte in US-Dollar getätigt werden, der meistgenutzten ausländischen Währung in Afghanistan.

Mehr als 90 Prozent der illegalen Opiumexporte stammen aus Afghanistan. Entsprechend sind Fahnder besonders aufmerksam, mögliche Geldwäsche in dem Land aufzuspüren. Associated Press

Die Frankfurter Commerzbank, eine der weltgrößten Geschäftsbanken, begründete den Schritt nach Angaben von afghanischen Bankern damit, dass sie unprofitable Geschäftsfelder streichen müsse. Commerzbank-Sprecher Martin Halusa lehnte einen Kommentar mit Verweis auf „laufende Diskussionen" ab.

Kurz vor der Entscheidung der Commerzbank aber hatten die britischen Banken Standard Chartered STAN.LN -0,32% Standard Chartered PLC U.K.: London GBp937,10 -3,00 -0,32% 28 Nov. 2014 16:38 Volumen (​15 Min. verzögert) : 5,32 Mio. KGV 0,09 Marktkapitalisierung 23,24 Milliarden GBp Dividendenrendite 3,82% Umsatz/Mitarbeiter 176.336 GBp und HSBC HSBA.LN +0,82% HSBC Holdings PLC (UK Reg) U.K.: London GBp637,00 +5,20 +0,82% 28 Nov. 2014 16:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 20,83 Mio. KGV 12,59 Marktkapitalisierung 121,23 Milliarden GBp Dividendenrendite 3,71% Umsatz/Mitarbeiter 179.869 GBp ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Geldwäsche mit den US-Behörden beigelegt. Sie hatten sich im Dezember bereiterklärt, hohe Strafen zu zahlen, um das Verfahren einzustellen. Daraufhin hatten Finanzinstitute weltweit ihre Geschäftsregeln verschärft und an die US-Gesetze angepasst.

Eine afghanische Bank, deren Geschäfte nicht ganz sauber sind und die mit einem großen internationalen Finanzinstitut wie der Commerzbank in Verbindung steht, könnte illegales Geld weltweit in Umlauf bringen und den Partner im Westen ins Visier von Geldwäsche-Fahndern in den USA und anderswo rücken.

Der afghanische Notenbankchef Delawari glaubt, das „könnte ein Faktor" für den Rückzug der Commerzbank in seinem Land sein. Er rechnet aber nicht mit „ernsthaften" Konsequenzen für die afghanische Finanzindustrie, weil afghanische Banken ihre Dollargeschäfte noch über Korrespondenzbanken in Ländern wie der Türkei oder China abwickeln könnten. Nach Angaben von afghanischen Bankern wird die Commerzbank ihre übrigen Währungsgeschäfte mit ihren afghanischen Korrespondenzbanken fortsetzen.

Die deutsche Großbank unterhält für fast alle der 16 Banken in Afghanistan Dollar-Korrespondenzkonten. Zentralbankchef Delawari schätzt, dass künftig noch vier davon – eine staatliche und drei private Banken – ihre Beziehungen mit der Commerzbank aufrechterhalten können. Er wollte zwar keine Namen nennen, aber es ist bekannt, dass die staatliche Bank-e-Mellie eine Korrespondenzbeziehung zur amerikanischen Citibank C -0,30% Citigroup Inc. U.S.: NYSE $53,97 -0,16 -0,30% 28 Nov. 2014 14:11 Volumen (​15 Min. verzögert) : 5,57 Mio. NACHBÖRSLICH $53,91 -0,06 -0,11% 28 Nov. 2014 16:41 Volumen (​15 Min. verzögert) : 303.833 KGV 18,48 Marktkapitalisierung 163,99 Milliarden $ Dividendenrendite 0,07% Umsatz/Mitarbeiter 372.972 $ pflegt und deshalb wohl auch künftig noch die Geschäftsregeln der Commerzbank erfüllen dürfte.

Für eine andere afghanische Bank namens Ghazanfar Bank hat die Commerzbank die Frist über den 30. Juni hinaus gelockert, weil das afghanische Finanzinstitut noch mit einem möglichen US-Partner über eine Geschäftsbeziehung verhandle und außerdem die interne Revision verschärfe, sagt Ahmed Siar Khoreishi, Chef der Ghazanfar. Im Zweifelsfall könnte die Bank ihre Dollargeschäfte aber auch noch über Korrespondenzbanken in der Türkei und Malaysia abwickeln, sagt er.

„Wenn diese Banken langfristig aber denselben Eindruck bekommen wie die Commerzbank, könnten sie dieselben Aussagen machen", sagt Khoreishi. „Bis jetzt ist alles normal, aber man kann das für die Zukunft nicht garantieren."

Auch andere afghanische Banker warnen davor, dass die Commerzbank einen Präzedenzfall schaffen und andere ausländische Banken nervös machen könnte. Diese könnten etwa den Preis für ihre Dienste in Afghanistan erhöhen. „Wie könnten sie widerstehen?" fragt Khalil Sedik, Leiter des afghanischen Bankenverbandes und Chef der Afghanistan International Bank, einem der größten Kreditinstitute des Landes.

Angst vor einem Kollaps des Bankensystems

Notenbankgouverneur Delawari hat nach eigenen Angaben inzwischen das amerikanische Finanzministerium auf den Vorstoß der Commerzbank angesprochen. Dieses habe ihm mitgeteilt, dass die Entscheidung der Bank „nichts mit irgendwelchen Sanktionen zu tun habe, die von den USA verhängt worden sind".

Ein Vertreter der USA bestätigt, dass Washington „nicht hinter den Kulissen darauf hingewirkt hat, dass die Commerzbank diese Entscheidung trifft". Er fügt hinzu, dass die USA „die afghanische Regierung ermutigt, ihre Bankenaufsicht und ihre Anti-Geldwäsche-Bemühungen zu verstärken und gegen die Finanzierung von Terroristen zu kämpfen".

Nach Angaben von Delawari wird die afghanische Regierung innerhalb weniger Wochen neue Anti-Geldwäsche-Gesetze erlassen, die seiner Meinung nach die strengsten in der Region sein dürften.

Den USA liegen seit langem Beweise vor, dass zahlreiche afghanische Banken wissentlich Geld aus Korruption und Drogenhandel waschen. Bisher sind die USA nach Angaben des gut unterrichteten Justizvertreters aber noch nicht gegen die Institute vorgegangen, weil sie einen Kollaps des kompletten afghanischen Finanzsystems befürchten. Sollte das passieren, so die Angst, könnte die afghanische Wirtschaft ins Trudeln geraten, die schon jetzt unter dem Truppenabzug der Amerikaner leidet und stark von ausländischer Finanzhilfe abhängt.

Standard Chartered war die letzte westliche Bank, die noch direkt in Afghanistan vertreten war. Sie schloss aber im vergangenen Jahr ihre Filialen in dem Land und verwies auf Sicherheitsbedenken. Die Afghanistan International Bank (AIB) kaufte das afghanische Geschäftsnetz der Briten. Standard Chartered fungiert allerdings noch als Korrespondenzbank für AIB, weshalb die Commerzbank-Entscheidung diese Bank unberührt lässt.

Nach dem Ende der Taliban-Herrschaft in Afghanistan im Jahr 2001 boomte die afghanische Bankenbranche, erhielt aber immer wieder Dämpfer. So stufte das US-Finanzministerium die Top-Manager der Afghan United Bank – eine der größten Banken im Land – im Jahr 2011 offiziell als „Rauschgiftbosse" ein und verbot US-Bürgern jegliche Geschäftsbeziehung. Inzwischen wurde die Bank an neue Eigentümer verkauft.

Im vergangenen Jahr dann musste die afghanische Regierung einspringen, um die Pleite der Kabul Bank zu verhindern, die damals das größte private Kreditinstitut in Afghanistan war. Grund: Top-Manager und politisch gut verdrahtete Aktionäre hatten Sparguthaben im Wert von rund 900 Millionen US-Dollar geplündert. Nach dem Skandal setzte eine Massenflucht von Sparern ein, die ihr Geld abzogen. Bis heute bleibt die Sache ein strittiger Fall zwischen der afghanischen Regierung und der internationalen Gemeinschaft, die verlangt, dass die verschwundenen Millionen aufgetrieben werden.

—Mitarbeit: Nathan Hodge

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