Seit Wochen warnen Vertreter der US-Notenbank Federal Reserve die Anleger vor einer Überreaktion, sollte die Notenbank sich entscheiden, ihre monatlichen Anleihekäufe im Volumen von derzeit monatlich 85 Milliarden US-Dollar zurückfahren. Eine Anpassung des Programms heiße nicht, dass es plötzlich ganz eingestellt werde, argumentieren die Notenbanker. Und noch wichtiger: Es bedeute noch lange nicht, dass die Fed ihre kurzfristigen Zinsen anheben wolle.

Aber die Anleger hören der Fed nicht zu.

Eine Vielzahl von Indikatoren legt nahe, dass sich am Markt allmählich die Ansicht durchsetzt, dass die Fed ihre Leitzinsen, die derzeit bei nahe Null liegen, schon eher anheben wird als bisher gedacht. Bis vor kurzem zeigten Marktindikatoren, dass mit der ersten Zinserhöhung für Mitte 2015 gerechnet wird. Jetzt deuten etwa die Termingeschäfte auf die Fed-Funds-Rate – das ist der Leitzins – auf einen früheren Zeitpunkt hin – nämlich Ende 2014. Die erwartete Fed-Funds-Rate für Dezember 2014 lautet auf 0,35 Prozent. Aktuell liegt sie bei 0,08 Prozent.

Fed-Präsident Ben Bernanke spricht am 22. Mai vor dem Kongressausschuss. Associated Press

Auch am Terminmarkt für den Euro/Dollar sehen Investoren den Dreimonatszins im Dezember 2014 inzwischen bei 0,67 Prozent. Eine ähnliche Botschaft kommt vom Swap-Markt, wo der Leitzins laut BNP Paribas zwischen Juni 2014 und Mai 2015 im Schnitt bei 0,37 Prozent gesehen wird. Anfang Mai hieß die Erwartung im Schnitt noch 0,17 Prozent.

Derartige Marktbewegungen sind nicht besonders stark, und sie können auch schnell wieder drehen, aber sie sind bemerkenswert.

Es gibt drei mögliche Erklärungen für die veränderten Erwartungen an die kurzfristigen Zinsen:

1. Der Geldmarkt ist aus technischen Gründen aus dem Gleichgewicht geraten.

2. Der Markt preist eine stärkere Konjunkturentwicklung ein, die die Fed zu Zinserhöhungen veranlassen wird.

3. Anleger beginnen daran zu zweifeln, dass die Fed ihre Kurzfristzinsen tatsächlich niedrig halten will.

Viele Marktteilnehmer halten die letztgenannte Erklärung für stichhaltig. „Der Markt sagt, 'Der fundamentale Konjunkturausblick hat sich nicht wesentlich geändert, aber wir machen uns mehr Sorgen um die Fed-Politik'", sagt Jan Hatzius, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs.

Fed will die Zinsen noch lange niedrig halten

Dabei gibt die Fed seit vergangenen Dezember den Finanzmärkten das Versprechen, die kurzfristigen Zinsen so lange nahe Null zu halten, bis die Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent gesunken ist, sofern die Inflation nicht zwischenzeitlich anzieht. Die meisten Prognosen gehen davon aus, dass sich der Arbeitsmarkt frühestens Mitte 2015 soweit erholt hat.

Inzwischen wird bei der Fed aber davon gesprochen, das Anleihekaufprogramm über monatlich 85 Milliarden Dollar zurückzufahren. Die Spekulationen darüber haben einige Zinssätze in die Höhe getrieben und scheint Anleger glauben zu machen, auch die Selbstverpflichtung der Fed zu niedrigen Zinsen könne in Frage stehen.

Aber diesen Zusammenhang gibt es nicht. Fed-Vertreter betrachten die Anleihekäufe als zusätzliches Mittel, um die Konjunktur anzukurbeln. Auch wenn die Wirtschaft stark genug ist, ohne diesen Treibstoff auszukommen, sollen die Zinsen niedrig bleiben, damit sicher ist, dass es weiter voran geht.

Diesen Punkt hat Fed-Präsident Ben Bernanke immer wieder betont. Die Fed gehe davon aus, sagte er auf der Pressekonferenz im März sowie vor dem Kongress im Mai, dass zwischen dem Ende des Anleihekaufprogramms und der ersten Zinserhöhung eine „geraume" Zeit verstreichen werde.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass er diesen Punkt auf der Pressekonferenz in der nächsten Woche erneut betonen wird. Denn die Märkte signalisieren derzeit, dass sie genau das nicht glauben.

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