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Bei Airbus knallen zum erfolgreichen Jungfernflug des neuen Langstreckenfliegers A350 die Sektkorken. Dass die A350 fliegen kann, hat sie gerade eindrucksvoll bewiesen. Doch ob sie langfristig erfolgreich sein wird, muss sich erst noch erweisen.

Der Vorgänger A340 bereitet Airbus noch immer Kopfschmerzen. Die vor rund zehn Jahren mit viel Tamtam gestarteten vergrößerten Varianten der Modellreihe werden zwar seit ein paar Jahren nicht mehr produziert. Voraussichtlich müssen wegen großzügiger Garantien aber für die ausgelieferten Flugzeuge noch Hunderte Millionen Dollar Verlust gebucht werden.

Der Kontrast zum neuen Vorzeigeprojekt A350 könnte schärfer kaum sein. Airbus freut sich bereits jetzt über mehr als 600 Bestellungen für das neue Modell. Aber das muss nichts heißen: Auch die A340 war anfangs hundertprozentig auf Erfolg gepolt.

Im Jahr 2002 war die zweite Generation der A340 mit vielen Vorschusslorbeeren aus der Montagehalle gerollt. Richard Branson, der schillernde Gründer von Virgin Atlantic Airways, präsentierte die erste Maschine in einer glamourösen Show zusammen mit Top-Model Claudia Schiffer. Der Prestigeflieger war nicht ganz billig: Der offizielle Listenpreis lag damals bei 200 Millionen US-Dollar.

Im vergangenen Herbst schickte Virgin die Maschine schließlich zurück an Airbus. Der silbern-purpurne Anstrich war verschwunden. Stattdessen kam der einstige Hoffnungsträger in langweiligem Weiß daher. Jetzt verhandelt Airbus nach Angaben informierter Personen mit einem maltesischen Leasingunternehmen, um das Flugzeug für weniger als 20 Millionen Dollar loszuschlagen.

Virgin ist nicht allein. Führende Fluggesellschaften von Kanada bis China stellten die teuren Maschinen bereits nach wenigen Jahren wieder außer Dienst. Es ist relativ schwer, Abnehmer für den mit so viel Euphorie gestarteten Flieger zu finden.

Der Interkontinentaljet mit seinen vier Triebwerken sei im Betrieb schlicht zu teuer, klagen die Airlines. „Leider ist die A340 nicht wie ein Gebrauchtwagen, der sich einfach verschrotten lässt", merkt der Chef von Qatar Airlines, Akbar Al Baker, an. Eigentlich wollte sich die Fluggesellschaft von seinen vier A340 schon längst getrennt haben. Doch ein Deal ging in die Brüche, da der potenzielle Abnehmer zusätzliches Geld für die Übernahme der Maschinen forderte.

Seit 2011 wird die A340 nicht mehr gebaut. Inzwischen macht der fallende Wiederverkaufswert der ausgelieferten Maschinen den europäischen Hausbanken von Airbus zu schaffen. Mehr als zehn Geldhäuser setzen den Flugzeugbauer unter Druck, ihnen entweder die Verluste mit A340-Geschäften zu erstatten oder neue Käufer für die Flugzeuge zu finden.

Die Airbus A340 litt nicht einmal unter Kinderkrankheiten, als sie an den Start ging, so wie andere technisch anspruchsvolle Flieger aus dem EADS -Konzern oder vom Erzrivalen Boeing. BA +0,22% Boeing Co. U.S.: NYSE $127,63 +0,28 +0,22% 21 Aug. 2014 14:02 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,68 Mio. KGV 19,00 Marktkapitalisierung 91,77 Milliarden $ Dividendenrendite 2,29% Umsatz/Mitarbeiter 525.220 $ Vielmehr machte dem Unternehmen ein ganz klassisches Geschäftsproblem zu schaffen. Der Flugzeugbauer verließ sich bei der Auftragsakquise nämlich auf aggressive Verkaufskampagnen und großzügige Finanzierungsbedingungen. Zum Beispiel gab der Vertrieb in den Verkaufsverträgen großzügig Garantien für den Wiederverkaufswert.

Am Montag trifft sich die Luftfahrtbranche für eine Woche in Le Bourget. Der europäischen Flugzeugproduzent EADS geht mit großem Optimismus auf die Messe.

Jetzt zeigen sich die versteckten Kosten der längst abgeschlossen geglaubten Verkäufe. Der aktuelle Airbus-Vorstand spielt die Probleme allerdings herunter. Die Misere mit der A340 spiegele lediglich die aktuell schwierigen Marktbedingungen wider, heißt es. Letztlich würden sich auch wieder Käufer für die ausrangierten Flieger fliegen, heißt es.

Airbus ist allerdings mit immensen Forderungen für den früheren Hoffnungsträger konfrontiert. Sie gehen auf die Garantien zum Wiederverkaufswert zurück. Sofern die Preise unter gewisse Schwellen fallen, so hat Airbus garantiert, muss der Hersteller für den Unterschied geradestehen.

„Die A340 erhielt mehr finanzielle Unterstützung als jede andere Airbus-Neuentwicklung", räumt Vize-Finanzchef Nigel Taylor heute ein. Als die Maschine zu Beginn der 2000er das erste Mal abhob, kränkelte der transatlantische Flugverkehrsmarkt wegen des Terroranschlags von 9/11 gerade schwer. Airbus musste mit Kampfpreisen um Kunden buhlen. Später kam die Angst vor der Vogelgrippe hinzu.

Angeblich ist man bei Airbus für die Schlappe mit der A340 gut gewappnet. Die Konzernmutter EADS hat laut Geschäftsbericht 2012 mehr als 1 Milliarde Dollar zurückgestellt, um die Garantien für seine Produkte abzudecken.

Zu den fortdauernden Verlusten aus den belastenden Preisgarantien kommen noch hohe Entwicklungskosten für das einstige Prestigeprojekt hinzu.

Airbus veröffentlicht zwar keine Finanzergebnisse für jedes einzelne Modell. Der Flugzeugbauer nimmt die A340 zwar nicht kommerziell, aber technisch gegen Kritik in Schutz. „Der Großflieger lieferte den Airlines die verlangte Ladekapazität und Reichweite", verteidigt ihn Marketing-Vizechef Chris Emerson.

Auch die Konkurrenz bei Boeing ist mit der ultralangen Version der populären 777 in schwere Wetter geflogen. Immerhin waren die US-Amerikaner nicht ganz so euphorisch, was den Verkaufserfolg anbelangt und warfen nicht ganz so großzügig mit Finanzierungsanreizen um sich wie Airbus.

Das zumindest hat sich geändert. Airbus ist vorsichtiger geworden. Zum Teil hat das auch mit dem finanziellen Debakel zu tun, für das die A340 gesorgt hat. Aber auch heute noch preist das Unternehmen neue Maschinen aggressiv an. Banker, die mit der A340 schlechte Erfahrungen gemacht haben, monieren auch die neuen Geschäftsabschlüsse. Vielfach verkaufe Airbus die Flugzeuge günstiger als noch vor ein paar Jahren, ist zu hören.

„Einige der betroffenen Banken wittern einen Interessenskonflikt in der Rolle von Airbus als Hersteller, Wiedervermarkter und Finanzierer", sagt Owen Geach, Direktor der Beratungsfirma IBA Group.

Airbus bemüht sich, den Sprengstoff zu entschärfen, der in den alten A340-Geschäften steckt. Erfahrenes Verkaufspersonal soll helfen, für die Garantiefälle neue Besitzer zu finden. Das könnte allerdings zu extrem niedrigen Erlösen bedeuten, räumen Airbus-Vertreter freimütig ein.

Dabei sah die A340 anfangs nach einem Projekt mit äußerst niedrigem Risiko aus. In den 1980ern entwickelte Airbus bereits zwei erste Versionen. In den 1990ern wollte man größere Flugzeuge, die mit der zweistrahligen 777 von Boeing konkurrieren konnten.

1998 schließlich entschied sich der Flugzeugbauer, zwei neue, größere Varianten mit höherer Reichweite zu entwickeln, die A340-500 und die A340-600. Rund 3 Milliarden Dollar nahm Airbus in die Hand, um den Rumpf des Fliegers zu strecken und die riesigen Tragflächen zu entwickeln.

Die großzügigen Konzessionen beim Verkauf, die damals gemacht wurden, fallen Airbus heute auf die Füße. Fluggesellschaften wie Virgin, Singapore Airlines C6L.SG -0,40% Singapore Airlines Ltd. Singapore: SGX $10,00 -0,04 -0,40% 21 Aug. 2014 17:04 Volumen (​20 Min. verzögert) : 606.000 KGV 43,10 Marktkapitalisierung 11,85 Milliarden $ Dividendenrendite 2,20% Umsatz/Mitarbeiter 636.106 $ und Emirates Airlines erlauben sie, ihre Verluste auf den Hersteller abzuwälzen.

Airbus und seine Banken sind mit Forderungen von möglicherweise mehreren zehn Millionen Dollar pro Maschine konfrontiert. „Das ist ein trauriger Fall", klagt Emirates-Chef Tim Clark. Trotzdem müsse Airbus die zehn großen A340 der Airline zurücknehmen, weil sich der Flugzeugbauer bei der Finanzierung dazu verpflichtet habe.

Der Fall der A340 ist ungewöhnlich. Üblicherweise wandern Flugzeuge in der Verwertungskette über einen Zeitraum von rund 25 Jahren von den großen Flugkonzernen hinunter bis zu den kleinen Gesellschaften. Vom erwarteten Wiederverkaufspreis hängt dabei ab, welche Airline einen Kauf stemmen kann. Wenn die Nachfrage nach einem bestimmten Modell kollabiert, müssen deren Besitzer in großem Stil den Wert abschreiben.

Qatar Airways hat versucht, vier A340-Flugzeuge wieder loszuwerden. Airlines sagen, die Maschinen seien im Betrieb zu teuer. Agence France-Presse/Getty Images

Fachleute für die Bewertung von Flugzeugen schätzen den Wert der großen A340 auf inzwischen weniger als 20 Millionen Dollar. Einige Fluggesellschaften haben den Flieger aber mit jeweils zwischen 40 und 140 Millionen Dollar in ihren Büchern stehen.

Die Konzernmutter EADS macht sich über den Fall nicht zu viele Sorgen. Der Luft- und Raumfahrtkonzern mit seinen 75 Milliarden Dollar Umsatz jährlich hält die Auswirkungen für „beherrschbar".

Im Prinzip kann Airbus also von Glück sprechen, dass sich die A340 als Flop erwiesen hat. Lediglich 131 der größeren Versionen lieferte der europäische Flugzeugbauer aus. Wäre das Flugzeug ein Bestseller geworden, käme es Airbus heute weitaus teurer zu stehen.

Die ausgelieferten Maschinen lagen mit ihren Eigenschaften weit unter den Erwartungen der Käufer. Steigende Kerosinpreise und die Konkurrenz der Boeing 777 gruben der A340 seit spätestens 2005 das Wasser ab. „Die 777 ist ein viel besseres Flugzeug", sagte Anfang dieses Jahres sogar der hohe Airbus-Vertreter John Leahy in seltener Offenheit.

Dieser Tage setzt Airbus all seine Hoffnungen auf die neue A350, die sich voll auf finanziellem Erfolgskurs zu befinden scheint. Doch das hat seinen Preis. Als Teil eines Verkaufsabschlusses für die A350 mit Singapore Airlines vom Oktober nimmt Airbus aber zehn A340-500 zurück.

Das ist für Airbus zwar extrem kostspielig. Aber die Asiaten hatten eine sehr gute Verhandlungsposition, da Airbus 1998 einen hohen Wiederverkaufswert garantiert hatte. Vergangenes Jahr sackte ihr Marktwert laut einer informierten Person unter die Garantieschwelle.

Selbst Airbus-Erzrivale Boeing kauft inzwischen alte A340 auf. China Eastern 600115.SH -1,18% China Eastern Airlines Corp. Ltd. A China: Shanghai ¥2,52 -0,03 -1,18% 21 Aug. 2014 15:04 Volumen (​15 Min. verzögert) : 17,40 Mio. KGV 13,37 Marktkapitalisierung 30,36 Milliarden ¥ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.291.080 ¥ überzeugte kürzlich den US-Konzern seine fünf A340-600 zu übernahmen. Im Gegenzug konnte Boeing einen Auftrag für 20 neue 777 landen. Laut Airline hatten die Flieger einen Buchwert von 142 Millionen Dollar je Exemplar. Die komplexe Transaktion bewahre China Eastern vor einem substanziellen Buchverlust, sagte eine mit dem Geschäft vertraute Person.

Auch der britische Carrier Virgin wird seine 18 A340-600 los, vor allem, da er die Maschinen lediglich geleast hatte. Das ist in der Branche durchaus üblich. Das Pikante dabei: Airbus selbst hat die Flieger verleast und das nur unter der Hand bekanntgegeben. Üblicherweise treten bei solchen Geschäften Leasingunternehmen auf den Plan.

Marietta Cauchi und Jon Ostrower haben zu diesem Artikel beigetragen.

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