Im Kampf gegen die Ticketbörse Seatwave hat der Hamburger SV vor Gericht eine Niederlage kassiert. AFP

Auch in der spielfreien Zeit setzt es in der Fußball-Bundesliga mitunter bittere Niederlagen. Der Hamburger SV hatte den Großangriff auf Tickethändler geplant, ein Musterprozess für die ganze Liga sollte es sein. Mehrere Jahre dauerte das Verfahren an. Am Donnerstag ging der Verein, der den Weiterverkauf von Eintrittskarten für Heimspiele über Online-Portale unterbinden wollte, als Verlierer vom Platz.

Spielfeld war das Oberlandesgericht Hamburg. Der Gegner: Seatwave. Gegen die international operierende Online-Ticketplattform hatte die HSV Arena GmbH, eine Tochter des Fußball-Bundesligisten, schon im Jahr 2009 Klage eingereicht. Das Ziel: Seatwave sollte es verboten werden, Karten für Heimspiele der Hamburger zu vermarkten. Zudem wollte man dem Portal untersagen, damit zu werben, dass dort die Karten „legal" gehandelt würden. Nach einem erstinstanzlichen Sieg des HSV vor dem Landgericht vor gut drei Jahren folgte am Donnerstag um 9.55 Uhr die kalte Dusche: Seatwave gewinnt in zweiter Instanz, eine Revision wird nicht zugelassen.

Das Viagogo-Land

Das Bittere: Der HSV verlor nach klassischem Eigentor. „Es war sogar ein Eigentor per Fallrückzieher", sagt ein mit der Materie vertrauter Experte. Denn mitten in der Berufungsphase hatte der Klub mit dem Seatwave-Wettbewerber Viagogo angebandelt – und sich damit die eigenen Argumente faktisch vom Tisch gewischt.

„Der Ausgang des Hamburger Prozesses hätte entscheidend werden können für die weitere Rechtsentwicklung des Ticketzweitmarktes", sagt der ehemalige Justiziar des HSV, Jan Räker. „Der Prozess war eine Bedrohung für die gesamte Zweitmarktindustrie." Die Fußball-Bundesliga ist derzeit gespalten in der Frage, ob man den Handel mit den eigenen Eintrittskarten rigoros bekämpft oder lieber unterstützt – und über Kooperationen mit den Internet-Unternehmen mitverdient.

Acht Erstligisten kooperieren mit Viagogo

Auf ein Urteil warteten viele Klubs der Bundesliga mit Spannung – in der Hoffnung auf eine rechtlich abgesicherte Handhabe gegen den Weiterverkauf ihrer Tickets. Vizemeister Borussia Dortmund BVB.XE +1,91% Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA Germany: Xetra 4,54 +0,09 +1,91% 02 Okt. 2014 12:05 Volumen (​15 Min. verzögert) : 112.782 KGV 24,26 Marktkapitalisierung 410,69 Millionen € Dividendenrendite 2,20% Umsatz/Mitarbeiter 487.290 € und der diesjährige Tabellendritte Bayer 04 Leverkusen beispielsweise lehnen den Handel auf Onlinebörsen ab. BVB-Ticketingchef Matthias Naversnik siedelt Viagogo & Co auf einer Schwelle mit dem Straßenschwarzmarkt an. Auch Borussia Mönchengladbach positioniert sich klar gegen den Ticketzweitmarkt im Internet.

Insgesamt acht Erstligisten, darunter Schalke 04, der VfB Stuttgart und Hannover 96 haben dagegen im Jahr 2012 Partnerschaften mit Viagogo geschlossen, die ihnen Sponsoringeinnahmen bringen, die zumindest im mittleren sechsstelligen Bereich liegen sollen, auf Schalke sogar im siebenstelligen. Im Gegenzug wird Viagogo zum offiziellen Wiederverkaufsplatz für Tickets und erhält meist Kartenkontingente zur eigenen Vermarktung. In der Regel ist bei beidem ein Aufschlag von bis zu 100 Prozent auf den vereinsseitigen Ausgabepreis erlaubt.

Viele Fans protestieren gegen die Vereinbarungen. Besonders auf Schalke, das vor Jahren wie der HSV als Vorkämpfer gegen den Schwarzmarkt eintrat, nehmen Fans den Vorständen den Schulterschluss übel. Am 1. Juli tritt auf Schalke der umstrittene Viagogo-Vertrag in Kraft, eine Unterschriftensammlung verfehlte knapp das Ziel, auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung Viagogo zum Thema zu machen – und abzuservieren.

In Hamburg blieb es bei einer kurzen Liaison, nach nur wenigen Wochen war die Partnerschaft zwischen dem HSV und Viagogo wieder Geschichte. Dort wurden die Fanproteste quer durch alle Ränge so heftig, dass der HSV-Vorstand im vergangenen Dezember die Reißleine zog – und nach Vereinsdarstellung vorzeitig kündigte. Fanvereinigungen hatten dem Vernehmen nach bereits Anträge auf den Ausstieg für die Mitgliederversammlung im Januar 2013 in der Schublade, doch Vorstand Joachim Hilke kam der Peinlichkeit einer Abstimmung zuvor.

Enttäuschte Liebe mit Folgen

Viagogo-Manager Steve Roest beharrt auf seiner Version, wonach der HSV in vielen Punkten vertragsbrüchig geworden sei. „Wir hatten die Nase voll und haben unsererseits den Vertrag gekündigt", sagte Roest dem Wall Street Journal Deutschland. Eine juristische Schlammschlacht ist noch im Gange. Der HSV könnte schadensersatzpflichtig werden. Anfang Februar teilte Viagogo mit, dass das Unternehmen den HSV verklagen werde – man verlange 200.000 Euro vom Verein.

Der wirtschaftliche Vergleich: BVB vs. FCB

Agence France-Presse/Getty Images

Diese kurze, enttäuschte Liebe hatte weit gravierendere Folgen: Der HSV, der laut Medienberichten kräftig am Handel mitverdienen wollte und laut Oberlandesgericht Viagogo „ein Kontingent von 1.500 Erstmarkt-Tickets" anbot, konnte plötzlich nicht mehr glaubwürdig argumentieren. Vor Gericht stützen sich die Hanseaten auf zwei Argumente: Zum einen wollte man dem Kartenkauf durch Hooligans vorbeugen, zum anderen die soziale Preisstruktur erhalten.

„Dieser Argumentation stand der Inhalt und die Umsetzung des Vertrages entgegen, den die Klägerin mit der Viagogo AG abgeschlossen hatte", lässt Richterin Ruth Hütteroth in einer ersten Erläuterung des Urteils wissen. Laut dem Vertrag zwischen HSV und Viagogo sei ein Preisaufschlag von 100 Prozent auf den regulären Ticketpreis zulässig gewesen. „Zudem erschienen die vertraglichen Regelungen und deren Umsetzung auch im Hinblick auf die geltend gemachten Sicherheitsbelange unzureichend", so die OLG-Sprecherin weiter.

Der HSV-Deal mit Viagogo sorgte nicht nur deshalb für Erstaunen, weil der Klub sich im Rechtstreit mit Seatwave befand. Bis zum Abschluss der Partnerschaft betrieben die Norddeutschen eine eigene Tauschbörse für ihre Fans ohne kommerzielle Interessen. Zudem sind die Karten bei den Norddeutschen personalisiert – das Verfahren ist als „Hamburger Modell" bekannt. Dieses verzichtet auf eine zentrale Verwaltung. Die Fans nehmen selbst ihren Namenseintrag auf der Karte vor und können diesen auch selbst ändern. So sinke der Aufwand. Dennoch sei sichergestellt, dass die vom Klub gesetzten Regeln auch gegenüber einem Zweiterwerber gelten.

Teilerfolg für Tickethändler

Mithilfe dieser Allgemeinen Geschäftsbedingungen versuchen Klubs, den Weiterverkauf zu höheren Preisen als dem Originalpreis und auf Internetplattformen zu unterbinden. Rechtsanwalt Räker, der heute in der Kanzlei Prinz, Neidhardt, Engelschall tätig ist, verweist auf entsprechende Muster-Ticket-AGB der Deutschen Fußball Liga. „Folge von Verstößen kann eine Sperrung von Tickets und eine Vertragsstrafe sein", erläutert er. Viele Klubs drucken Verbotshinweise sowie die möglichen Konsequenzen sogar auf die Karten.

Rechtsanwalt Jan Räker. Prinz Neidhardt Engelschall

Erst eine wirksame rechtliche Entscheidung hat es bislang im Zusammenhang mit dem Ticketzweitmarkt gegeben. 2008 fällte der Bundesgerichtshof ein Urteil nach einem Rechtsstreit zwischen dem HSV und dem Anbieter bundesligakarten.de. „Die Erhaltung der sozialen Preisstruktur und die Vorbeugung gegen den Kartenkauf durch gewaltbereite Besucher wurden als legitime Interessen der Klubs anerkannt", sagt Räker.

Doch auch der Online-Tickethändler errang einen Teilerfolg. Laut BGH-Urteil ist es laut Räker nicht möglich, den Weiterverkauf durch Erstkäufer zu unterbinden, die sich vertragswidrig verhalten. „Die Ticket-AGB gelten jedenfalls nicht automatisch für den Plattform-Betreiber", sagt er. Ein Ausweg sei allein die Personalisierung. „Dann gelten die AGB auch für den Zweiterwerber". Doch ein solches Verfahren sei in der Regel mit hohem Aufwand verbunden und auch datenschutzrechtlich bedenklich.

„Der HSV hat seine Position durch das eigene Verhalten kompromittiert"

Die wichtigste Frage des Seatwave-Prozesses – nämlich die, ob der Hamburger Weg als verschlankte Version der Personalisierung von Gerichten akzeptiert wird – bleibt offen. „Die Abweisung der HSV-Klage gegen Seatwave bedeutet vor allem, dass wieder Zeit auf dem Weg zur Erlangung von Rechtssicherheit für dieses Modell verloren ist", sagt Räker. „Die Liga ist um vier bis fünf Jahre zurückgeworfen worden."

In London löste die Hamburger Entscheidung Genugtuung aus. Joe Cohen, Gründer und Chairman von Seatwave, kommentierte in einem ersten Interview mit dem Portal jp4sport.biz das Urteil so: „Es ist wichtig, weil es das Geschäftsmodell stärkt, das wir seit fünf bis sechs Jahren in Deutschland mit wachsendem Erfolg betreiben." Cohen verdankt den juristischen Sieg ironischerweise dem Reingrätschen seinem schärfsten Konkurrenten: Viagogo und Seatwave beanspruchen beide die Pole Position im umstrittenen Ticketzweitmarkt. „Wir sind Viagogo extrem dankbar", sagt Cohen lachend.

„Es war uns sehr klar, dass der HSV seine Position durch das eigene Verhalten kompromittiert hat", sagt Cohen. „Wir glauben auch, dass der HSV nicht ganz aufrichtig war in seiner Argumentation. Der Verein hat den Wiederverkauf unterstützt, solange er ihm den Großteil des wirtschaftlichen Nutzens versprach."

Cohen denkt, das Sicherheitsthema sei trotz eines Weiterverkaufs von Eintrittskarten in den Griff zu bekommen – er macht sich für eine Personalisierung der Tickets stark: „Wir denken, dass das Erlauben des Weiterverkaufs samt einer Personalisierung eine viel bessere Lösung wäre, um zu verhindern, dass die falschen Leute reinkommen. So wüsste man genau, wer wo sitzt." Für einen Zweitmarktanbieter eine eher ungewöhnliche Position.

Rückt nun nach dem Seatwave-Urteil die Hamburger Idee der „soften Ticket-Personalisierung" als Blaupause auch für andere Vereine in den Hintergrund? Rechtsanwalt Jan Räker sieht das anders. Das Urteil habe lediglich eine Unvereinbarkeit des Modells mit dem konkreten Viagogo-Vertrag konstatiert. Er will die exakte Urteilsbegründung noch abwarten, wagt aber dennoch eine Prognose: Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Juristisch könnte den Ticketbörsen erneut Ärger ins Haus stehen. „Natürlich werden die Ticketbörsen jetzt medial Oberwasser haben und das Urteil in ihre Richtung umdeuten", sagt Räker.

Senat hält Beschränkungen „grundsätzlich für möglich"

Das Urteil lässt auch eine positive Deutung aus Sicht der abwehrbereiten Klubs zu. Sollte die Entscheidung inhaltlich am Ende vor allem auf den missglückten Viagogo-Flirt des HSV zurückgehen, könnten auch andere Bundesligavereine in Zukunft die Zweitmarkt-Platzhirsche mit Klagen angreifen. Ein Satz aus dem OLG Hamburg gefällt Räker besonders gut: Der Senat hält es „grundsätzlich für möglich, eine rechtswirksame Beschränkung des Vertriebs von Eintrittskarten über Internetticketbörsen zu erreichen".

Viagogo hat sich auf Anfrage des Wall Street Journal Deutschland nicht zur Entscheidung des Hamburger Oberlandesgerichts äußern wollen.

Der Hamburger SV kommentiert die jüngste Entscheidung ebenso wenig wie den laufenden Rechtsstreit mit Viagogo: Zu beidem gebe es „keine Stellungnahme, da es offene Verfahren sind", teilt der Klub mit. Geht es vor Gericht weiter? „Offen heißt in diesem Fall, dass wir die Entscheidung, wie wir mit der abgewiesenen Klage umgehen, erst noch treffen müssen." Über eine Tendenz könne noch nichts gesagt werden. Denn es dauert voraussichtlich noch mehrere Wochen, bis die Urteilsbegründung an die beiden Parteien zugestellt ist.

Thomas Mersch und Stefan Merx sind Gründer des Pressebüros JP4 und der Seite jp4sport.biz. Für das Wall Street Journal Deutschland schreibt JP4 über Sport-Business-Themen.

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