Zum ersten Mal in der modernen Geschichte der USA sterben mehr weiße Amerikaner, als geboren werden. Minderheiten und Einwanderer dürften deshalb künftig eine wichtige Rolle für das Bevölkerungswachstum spielen, das für die wirtschaftliche Erholung der US-Wirtschaft außerordentlich wichtig ist.

Eine Mutter mit ihrem neugeborenen Baby in Corpus Christi in Texas. Zum ersten Mal sterben mehr weiße Amerikaner, als geboren werden. Associated Press

Die Anzahl der weißen Amerikaner ohne lateinamerikanische Wurzeln, die in den zwölf Monaten zu Ende Juni 2012 gestorben sind, überstieg die der im selben Zeitraum Geborenen um 12.400 Personen. Das ist das erste Mal, dass in dieser Bevölkerungsgruppe ein „natürlicher Rückgang" verzeichnet wird. Das geht aus einem aktuellen Bericht des US-Zensusbüros hervor, zudem aus einer Analyse der Universität von New Hampshire, deren Ergebnisse auf anderen Datensätzen beruhen. Die Zensusdaten zeigen aber auch: In absoluten Zahlen nahm der Anteil der weißen Bevölkerung im vergangenen Jahr zu, aufgrund der Einwanderung.

Während die nicht-lateinamerikanische weiße Bevölkerung langsamer wächst, nimmt der Anteil der zu einer Minderheit gehörenden jungen Amerikaner zu. Das gehe ebenfalls aus den Daten hervor, sagt Demografieforscher William Frey der Brookings Institution, eine Denkfabrik mit linker Ausrichtung in Washington. Mit einem Anteil von 50,1 Prozent sind zwar immer noch die meisten amerikanischen Kinder unter fünf Jahren weiß. Dieses Verhältnis dürfte sich aber bald ändern, da seit zwei Jahren die Mehrheit der Neugeborenen einer Minderheit angehört. Dieser Trend wird vor allem von hispanischen und asiatischen Geburten angetrieben.

Die Wachstumsrate der weißen US-Bevölkerung verlangsamt sich seit Jahren. Die Demographen hatten jedoch erwartet, dass die Geburtenzahl die Todesfälle noch für einige Zeit übersteigen. Die Zensusforscher hatten den Beginn des „natürlichen Rückgangs" – dass mehr Weiße sterben, als geboren werden - für das Jahr 2020 prognostiziert. Den Beginn eines absoluten Rückgangs der weißen Bevölkerung erwarteten sie einige Jahre später.

„Sogar während der großen Grippeepidemie im Jahr 1919 gab es keinen natürlichen Rückgang der weißen Bevölkerung", sagt Johnson. Er bezeichnet die neuen Daten als „atemberaubend". Die Epidemie von 1918 und1919 kostete mehr als 600.000 Amerikaner das Leben. Die große Bewegung, die hinter den jüngsten Zahlen steckt, ist laut Johnson der Rückgang der weißen Geburtenrate. Sie fiel im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2007 um rund 13 Prozent.

Die Ergebnisse zeigen, wie schnell sich die Bevölkerung in den USA weiter durchmischt. Zudem wird deutlich, dass das Bevölkerungswachstum in den kommenden Jahren sehr wahrscheinlich von Minderheiten und neuen Immigranten angetrieben wird.

Die jüngsten Entwicklungen sind zum Teil der schwachen Wirtschaftserholung geschuldet, aufgrund derer viele junge Frauen ihren Kinderwunsch nach hinten schieben – ein Trend, der sich nun umkehren könnte, sagen Demografen. Während der Großen Depression und der Wirtschaftsflaute in den 1970ern fielen die Geburtenraten ebenfalls auf ein niedriges Niveau. Danach stiegen sie wieder an, sagt Mark Mather, Mitarbeiter beim Population Reference Bureau, eine Organisation, die sich mit Bevölkerungs-, Gesundheits und Umweltthemen befasst.

Aber die Zensusdaten weisen auf einen stärkeren, langfristigen demografischen Wandel hin. Die weiße Bevölkerung der USA altert – es gibt also weniger Frauen im gebärfähigen Alter; eine Entwicklung, die kaum zu ändern ist. Das führt dazu, dass weniger weiße Kinder geboren werden. Gleichzeitig bekommen junge Amerikaner – egal, ob weiß, schwarz oder hispanisch – weniger Kinder. Das Reproduktionsniveau in den USA liegt bei 2,1 Geburten pro Frau. Das heißt, jede Frau müsste im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 2,1 Kinder gebären, damit die derzeitige Bevölkerungsanzahl gehalten werden kann. Die Fertilitätsrate, also die Geburtenhäufigkeit liegt in den USA bei durchschnittlich 1,9 Kindern je Frau.

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass ein Wachstum der US-Bevölkerung signifikant von der Einwanderung abhängt. Momentan gibt es 14 Bundesstaaten, in denen die Mehrheit der Kinder unter fünf Jahren nicht weiß ist, sagt William Frey von der Brookings Institution. Im Jahr 2000 waren es nur fünf Staaten, inklusive dem District of Columbia. Freys Schlussfolgerung: Am unteren Ende der Alterspyramide „wird es langsam farbiger".

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