Salafisten gewinnen in Ägypten immer mehr an Einfluss. Hier demonstrieren ihre Anhänger im März in Kairo. Associated Press

KAIRO – Vor zwei Jahren hatte die Jugend Ägyptens Facebook und Twitter genutzt, um ihren Aufstand gegen Husni Mubarak zu organisieren. Mit Hilfe der Internetdienste brachten die Unzufriedenen den autokratisch regierenden Staatspräsidenten Ägyptens zu Fall. Doch mittlerweile gewinnen die Salafisten im Land an Einfluss – gestützt auf das Fernsehen. Um die Massen auf ihre Seite zu ziehen, verlassen sich die Islamisten auf Fernsehprediger wie etwa Khaled Abdullah.

Abdullah ist gar kein echter Scheich. Der bärtige 48-Jährige ist Fernsehschauspieler. In die Rolle des Würdenträgers schlüpft er nur für die Kameras. Aber dann legt er los. Für den beliebten religiösen Satellitensender Al Nas beschimpft er die meist säkulare Opposition Ägyptens als Homosexuelle und Atheisten. Gesetze, die die Vergewaltigung in der Ehe verbieten sollen, schreit er lautstark nieder. Mit seinen Tiraden lockt er täglich ein Millionenpublikum vor die Geräte. „Hier in Ägypten kann jeder, der einen Bart trägt, Scheich genannt werden", sagt Abdullah mit einem Lächeln.

Abdullah ist ein echter Star unter den Fernsehpredigern in Ägypten und in den Nachbarstaaten. Die TV-Missionare sind dabei, im Arabischen Frühling politische Anhänger in großer Zahl um sich zu scharen. Vor allem ihnen hat der Block salafistischer Parteien sein unerwartet gutes Abschneiden bei den ersten ägyptischen Parlamentswahlen nach der Revolution zu verdanken, die Anfang des vergangenen Jahres über die Bühne gegangen waren. Mehr als 27 Prozent der Stimmen hatten die Fernsehbotschafter den Islamisten damals eingespielt.

Die religiös ausgerichteten Kanäle hatten auch Mohammed Mursi, den Kandidaten der Muslimbruderschaft, unterstützt und dazu beigetragen, dass er sich im Rennen um das Präsidentenamt im vergangenen Jahr durchsetzte. Die Sender hatten zudem die Trommel für die islamistisch angehauchte Verfassung des Landes gerührt, die im Dezember verabschiedet worden war.

„Denkt ihr, Muslime sind Krüppel?"

Der Salafismus gehört zu den ultrakonservativen Strömungen innerhalb des Islam. Seine Anhänger imitieren den Lebensstil und selbst die Kleidung des Propheten Mohammed und der frühen Muslime. Die meisten Ägypter, die sich mit islamistischen politischen Richtlinien identifizieren, wie etwa der Verhängung des islamischen Rechts in der einen oder anderen Form, sind keine Salafisten.

Die religiös motivierten Auseinandersetzungen in Ägypten spitzen sich zu. In den vergangenen Wochen ist es zu neuen Gewalttaten zwischen koptischen Christen und Muslimen gekommen. Acht Menschen starben. Viele TV-Prediger gingen vorsichtig an das Thema der zunehmenden religiösen Spaltung heran. Doch Abdullah ließ die Christen im Land aufhorchen. „Denkt ihr, Muslime sind Krüppel? Werden sie euch einfach schießen lassen? Denkt ihr, wir fürchten uns und laufen davon? Reizt die Muslime in Ägypten nicht!", warnte er in seiner Sendung.

Der Kampf zwischen den Islamisten und den säkularen Ideen zugewandten Liberalen wird in Ägypten immer stärker im Fernsehen ausgefochten. Die ägyptischen TV-Scheichs ziehen Zuschauer aus der gesamten arabischen Welt an. Abdullah beantwortet in seiner Sendung telefonische Anfragen aus den Golf-Staaten, aus Nordafrika, Europa und Nordamerika. Was er zu sagen hat, wird auf YouTube noch einmal gesendet. Seine globale Reichweite vervielfältigt sich.

Wie groß die Zuschauerschaft genau ist, die die Sendungen der Fernsehmissionare verfolgt, kann niemand genau sagen. Denn die Zuschauer in den ländlichen Gebieten, in denen solche Angebote am beliebtesten sind, werden beim Erfassen der Einschaltquoten nicht berücksichtigt. Man geht davon aus, dass die Prediger insgesamt weit weniger Fernsehanhänger haben als die ausgefeilteren Produktionen von Kanälen, die wie Al Hayat, ONTV und CBC eher das Massenpublikum bedienen. Trotzdem üben die Fernseh-Geistlichen, von denen die meisten auch im wirklichen Leben ausgewiesene Scheichs sind, einen gewaltigen Einfluss auf gewisse Teile der ägyptischen Gesellschaft aus. Dies könnte sich als wichtiger Faktor erweisen, wenn das Land in diesem Herbst erneut Parlamentswahlen abhält.

„Die Kanäle sind die weichen Machtinstrumente der Salafisten", urteilt Khalil al-Anani, ein Experte für islamische Bewegungen an der britischen Durham University. „Sie dienen ihnen als Hauptwerkzeug, um die Identität und Mentalität vieler Ägypter umzuformen, besonders was die Unterschicht und den unteren Mittelstand angeht."

Salafisten kommen auch bei Frauen gut an

Im Wohnviertel Agouza in Kairo ist die Mittelschicht zuhause. Im Grillrestaurant Al Gohary drehen sich Hähnchen am Spieß. Sie schmecken vorzüglich, auch wenn die Tische nicht übermäßig sauber sind. In der Ecke plärrt ein Fernsehgerät. Gerade läuft Abdullahs Sendung - wie jeden Abend um diese Zeit. Der Ton ist derart laut gestellt, dass sich die Gäste anschreien müssen, um sich Gehör zu verschaffen.

Schauspieler Khaled Abdullah gibt für einen ägyptischen Satellitensender den salafistischen Prediger. Ed Giles for The Wall Street Journal

„Was immer auch unklar ist, er klärt es auf", sagt der 50-jährige Restaurantinhaber Farag Al Gohary. Er habe Abdullahs Fernsehratschläge beherzigt und Ende 2011 und Anfang 2012 bei den Parlamentswahlen für al-Nur, die größte salafistische Partei Ägyptens, gestimmt, berichtet der Grillbesitzer. Und beim nächsten Mal werde er wieder für sie stimmen.

Auch bei den Frauen kommen die salafistischen TV-Vorkämpfer gut an – trotz der frauenfeindlichen Ansichten, die sie verbreiten. Die Fernseheiferer ziehen Zuschauerinnen an, selbst wenn die Prediger darüber herziehen, dass Frauen auf die Straße gehen, um zu demonstrieren. Oder wenn sie gar Ratschläge darüber erteilen, wie ein Ehemann ihrer Meinung nach seine Frau auf islamisch korrekte Weise zu schlagen hat.

Viele Ägypterinnen verfolgen trotz alledem, was die Prediger im Fernsehen von sich geben. Denn in den konservativsten ägyptischen Haushalten verlassen die Frauen kaum je das Haus. Frauen stellen fast zwei Drittel des Fernsehpublikums, haben die Meinungsforscher des Pariser Instituts Ipsos ermittelt. Bei der Stichwahl um die ägyptische Präsidentschaft im vergangenen Juni stimmten 76 Prozent der Frauen für Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft und verhalfen ihm zum Sieg, wie die private ägyptische Wahlforschungsgesellschaft Baseera in einer telefonischen Wählerbefragung herausgefunden hatte. Insgesamt hatte sich Mursi 51,7 Prozent der Stimmen gesichert.

Ursprünglich ein Kultursender

„Die Kanäle haben den Vorteil, dass sie die Gruppen erreichen, die die Moschee niemals erreichen wird", meint Aatif Abdel Rashid, der einst Al Nas mitbegründet hatte und jetzt als Moderator bei Al Hafez, einem anderen salafistischen Sattelitensender, arbeitet.

Al Nas war ursprünglich als „Kultursender" an den Start gegangen. Saudische Investoren der Mediengruppe Al Baraheen hatten das Programm 2006 initiiert. Der Kanal strahlte biedere Musikvideos, Tanznummern und religiöse Trauminterpretationen aus – ein buntes Unterhaltungsprogramm mit einem leichten islamischen Unterton.

Das Angebot fiel durch. Auch sechs Monate nach Sendestart wollte kaum jemand sehen, was Al Nas zu bieten hatte. Nasser Kadsa, einer der Saudis, denen der Sender gehört, stellte dem Manager und Gründungsmitglied Rashid ein Ultimatum: Sorgt dafür, dass der Kanal funktioniert oder er wird dicht gemacht, erzählt Rashid. Kadsa war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Zusammen mit Mohammed Abdel Gawad, einem der Manager des Senders, schlug Rashid vor, das Angebot in ein salafistisches Format zu verwandeln. Das war neu in Ägypten unter Mubaraks säkularem Präsidialregime, das die Medien strikt kontrollierte.

Doch die Medienlandschaft veränderte sich damals bereits. Mubarak wurde vom Westen unter Druck gesetzt, seinen Willen zu demokratischen Reformen zu demonstrieren. Und so gewährte er den Medien des Landes größere Freiräume. „Ich hatte damit nicht vor, meiner Religion einen Dienst zu erweisen", bekennt Gawad. „Ich wollte nur für mich selbst ein gutes Geschäft machen."

Werbung ohne Frauen und Musik

Ende 2006 ging das Management dazu über, den Sender unter einem neuen Slogan anzupreisen: „Al Nas: Das Programm, das dich ins Paradies führt". Gawad und Rashid heuerten mehrere Scheichs an, unter ihnen Mohammed Yacoub und Safwat Al Hegazy, die in Salafistenkreisen für ihre Predigten berühmt waren. Keine zehn Tage nach der Neuausrichtung des Senders sei die Hälfte der Mitarbeiter plötzlich mit Bärten herum marschiert – ganz im Stil der TV-Missionare, erinnert sich Gawad.

Und plötzlich hatte Al Nas Erfolg. Das neue Sendeangebot schlug vor allem bei Millionen von ägyptischen Arbeitern ein, die während der achtziger Jahre als Gastarbeiter in Saudi-Arabien gewesen waren. Viele von ihnen hatten die strikte saudische Doktrin des Wahhabismus übernommen, der sich in der Praxis an den Salafismus anlehnt. Mit dem Sender erlangten die predigenden Scheichs in Ägypten beachtliche Berühmtheit. In ärmeren Wohngegenden wurden sie wie Stars gehandelt.

Doch die steigenden Zuschauerzahlen allein reichten nicht aus. Selbst auferlegte Einschränkungen standen dem Erfolg des Senders im Weg. Werbekunden war es bei Al Nas nicht gestattet, Bilder von Frauen oder Musik einzusetzen, um ihre Produkte anzupreisen.

International tätige Unternehmen und führende ägyptische Firmen weigerten sich, ihre Werbung bei dem Sender zu platzieren. Und die Einnahmen von Gesellschaften in islamistischer Hand, wie etwa Veranstalter von Pilgerreisen oder kleine Textilfabriken, flossen nur spärlich. Statt die Sendungen für Werbespots zu unterbrechen, wurden die Inserate als Lauftext am unteren Bildschirmrand eingeblendet. Oder die Werbung wurde auf Fernsehgeräten gezeigt, die hinter den Köpfen der Moderatoren aufgestellt waren.

Ali Saad, der andere Miteigentümer des Senders, half aus, als der Kanal knapp bei Kasse war, berichtet Shady Salama, der seit 2009 bei Al Nas für die Werbung zuständig ist. Saad ließ über einen Sprecher ausrichten, nicht für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Mubarak duldete die Sender

Dazu plagte Al Nas ein weiteres Problem: Andere Salafisten-Sender machten dem Kanal Konkurrenz. Mohammed Hassan, einer der beliebtesten Prediger von Al Nas, verließ die Gruppe im Jahr 2007 und gründete Al Rahma. Das Programm hat sich mittlerweile unter den angesagtesten Anbietern religiöser Fernsehsendungen in Ägypten auf Platz zwei vorgeschoben.

Mubarak drückte zunächst ein Auge zu. Solange die salafistischen Kanäle die Finger von der Politik ließen, nahm er sie hin. Doch während der letzten Monate seiner Amtszeit fühlte sich das Regime vom Religionsfernsehen immer stärker bedroht. Kurz bevor Mubaraks Regierungspartei die umstrittenen Wahlen im November 2010 gewann - zwei Monate vor der Revolution, die ihn und sein Regime stürzen sollte - schickte Mubarak Sicherheitsbeamte bei der Firma vorbei. Al Nas und verschiedene andere religiös angehauchte Kanäle wurden abgeschaltet.

Ende Januar 2011 gingen die Ägypter zum ersten Mal auf die Straße, um den Sturz Mubaraks durchzusetzen. Viele der prominenten Scheichs, deren Predigten noch gesendet wurden, hielten allerdings an ihrer gewohnten, apolitischen Haltung fest. Einige riefen die Ägypter dazu auf, sich von den Protesten fern zu halten, die das Land in Aufruhr versetzten.

Doch alles änderte sich, als Mubarak nach dreißig Jahren der säkularen Diktatur im Februar 2011 zurücktrat. Plötzlich forderten islamistische Fernsehsender ein Mitspracherecht, wie das Land geführt werden sollte.

Zwei Wochen nach Mubaraks Rücktritt war Al Nas wieder auf Sendung. Das Programm wurde umgestaltet. Waren die Prediger Abdullah und Hegazy zuvor einmal wöchentlich im Rahmen einer Magazinsendung aufgetreten, traten sie fortan in täglichen Gesprächsrunden an die Mikrofone und hielten sich in ihren Talkshows strikt an die Parteilinie der Islamisten.

Im März riefen Abdullah und andere TV-Vorkämpfer des Islam die Wähler in ihren täglichen Sendungen dazu auf, in einem Referendum über Zusätze zur Verfassung mit „Ja" zu stimmen. Salafistische Politker hatten die Verfassungsergänzungen bereits abgesegnet und sich stark dafür gemacht, dass Artikel zwei beibehalten wird, der das islamische Recht in der Verfassung verankert.

Die Prediger hatten Erfolg. Die ägyptischen Wähler stimmten mit überwältigender Mehrheit für die Zusätze. Al-Nas-Prediger Yacoub feierte sich. Fern der Mikrofone beschied er seinem salafistischen Publikum, dass die Islamisten "die Schlacht an den Wahlurnen gewonnen" hätten.

Salafisten haben die treuesten Zuschauer

In den folgenden zwei Jahren ist Abdullah nicht von der Parteilinie der Salafisten abgewichen. Wer gegen die Regierung protestiert oder ganz allgemein weltlich gesinnt ist, wird scharf kritisiert und niedergemacht. Es war auch Abdullah, der den Film "Die Unschuld der Muslime" ausgrub, der im vergangenen September gewalttätige Demonstrationen in mehreren arabischen Ländern auslöste.

Im vergangenen August übernahm Hassan Elwan das Ruder bei Al Nas. Seitdem schalten immer mehr Zuschauer das Programm ein. Elwan, der bereits in Spanien und Saudi-Arabien Fernsehsender auf den Weg gebracht hat, erweiterte das Angebot um Sendungen über Sport, Kochen und Gesundheit, bei denen auch offenherzig über Sex diskutiert wird. Ein islamischer Grundton schwingt dabei allerdings stets mit.

Das breiter gefasste Format half Al Nas im Wettbewerb mit den weltlicher orientierten Kanälen. Diese wiederum ergänzten ihr Programm mit eigenen islamischen TV-Predigern liberalerer Prägung.

In einer Ipsos-Umfrage vom vergangenen Juli rangierte Al Nas auf Rang 25 der beliebtesten Sender Ägyptens. In Umfragen im März hatte der Kanal Platz 19 ergattert. Was die Treue ihrer Zuschauer angeht, verbuchen salafistische Satellitensender jedoch weitaus bessere Ergebnisse. Gemessen wird die Loyalität ihrer Zielgruppe in so genannten „target rating points", kurz TRP.

Werbetreibende ziehen diese Maßzahlen heran, um festzustellen, ob ihre Botschaften die gewünschte Zielgruppe auch wirklich erreichen. Im vergangenen Jahr, während die ägyptische Politik eine immer stärker polarisierende Wirkung entfaltete, schossen die TRP von Al Nas förmlich nach oben - nämlich von etwa 16 im vergangenen Juli auf 30,85 im Februar, berichtet Ipsos.

Zu den Werbekunden von Al Nas gehören vor allem kleine Familienbetriebe, Unternehmen, die noch in ihren Anfängen stecken, und Firmen streng Religiöser, die sich vor allem um die Armen Ägyptens kümmern. Im Monat nimmt der Sender jetzt umgerechnet rund 188 000 Dollar ein, sagt Manager Elwan.

Während Abdullahs täglicher Predigt-Show wirbt der Autohändler „Die Vier Brüder" für seine Dienste. Die Firma inseriert aber auch in den weltlich ausgerichteten Medien Ägyptens, darunter auch in der anti-islamistischen Zeitung Al Tahrir.

„Islam und Säkularismus werden niemals miteinander vereinbar sein"

„Wir wurden schon mehrmals angerufen und gefragt, ob wir zur Bruderschaft oder den Salafisten gehören. Tun wir aber nicht", sagt Mahmoud Ramadan, der die Werbung für das Unternehmen betreut. „Wir schalten unsere Werbung dort nicht, weil der Kanal religiöser Natur ist. Wir werben dort, weil der Sender beliebt ist."

Selbst während der Sender versucht, sich stärker dem Massengeschmack anzupassen, hält Abdullah unbeirrt an seiner hitzigen Wortwahl fest. Im September, kurz vor der Abstimmung über die neue Verfassung, die stark von den Islamisten geprägt ist, wetterte Abdullah gegen Versuche, Kinderehen und Vergewaltigung in der Ehe zu verbieten. Derlei Bedenken seien der traditionellen ägyptischen Gesellschaft fremd, argumentieren er und andere Vertreter der Predigerzunft.

„Unser Ziel ist es, den Menschen zu zeigen, dass der Islam alles im Leben umfasst: das Essen, das Trinken, den Schlaf, die Politik, die Wirtschaft", sagt er nach einer seiner abendlichen Shows. „Islam und Säkularismus werden niemals miteinander vereinbar sein."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de