Ein Jahrzehnt lang hatte der Siemens -Konzern die Bahnautomatisierungs-Sparte des britischen Invensys-Konzerns im Visier. Nun sieht sich der Dax-Konzern am Ziel: Für umgerechnet rund 2,2 Milliarden Euro will der Technologiekonzern zukaufen. Am Markt kommen die Pläne gut an - wenn auch so mancher Analyst auf den ein oder anderen Wermutstropfen verweist.

Die Deutsche Bank und auch die Citigroup sprachen von einem Schritt in die richtige Richtung. Auch der geplante Verkauf des Siemens-Geschäftes mit Gepäckabfertigung sowie Post- und Paketsortierung wird begrüßt. Siemens befindet sich dabei nach Angaben von Roland Busch, Vorstand des Sektors Infrastructure & Cities, noch ganz am Anfang. Frühestens im Geschäftsjahr 2014 werde der Verkauf abgeschlossen sein. Die Deutsche Bank erwartet, dass der Verkaufserlös für die Gepäckabfertigung deutlich unter dem Kaufpreis für Invensys Rail liegen wird. Dieser Bereich habe 2012 lediglich 1 Prozent zum Konzernumsatz beigetragen und auch nur eine Marge im einstelligen Bereich erzielt, merkte die Citigroup an.

Siemens würde mit Invensys Rail ein qualitativ hochwertiges Geschäft kaufen, zeigte sich die UBS überzeugt. Die Analysten verwiesen auf die hohe Marge der Sparte - sie lag zuletzt bei 15 Prozent - und ihre Marktpräsenz in Großbritannien, Spanien, Australien und den USA. Auch entwickele sich die Auftragslage in den Schwellenländern gut. Es bestehe Synergiepotenzial sowohl in der Entwicklung als auch bei den Gemeinkosten. Siemens erwartet, zwei Drittel der insgesamt auf 100 Millionen Euro geschätzten Synergieeffekte im Geschäftsjahr 2016 zu erzielen, die vollen Synergien sollen bis zum Geschäftsjahr 2018 geschöpft werden. 80 Prozent sollen auf Kostensynergien entfallen, die restliche 20 Prozent auf Einsparungen durch den gemeinsamen Vertrieb.

Im Bahnbereich zugekauft: Ein Siemens-Gebäude in München. dapd

Auf den Konzerngewinn wird sich die Akquisition schon jetzt positiv auswirken. Der Kauf dürfte den Ertrag je Siemens-Aktie um 1 bis 2 Prozent erhöhen, prognostizierte die Citigroup. Der Kaufpreis entspreche dem 2,3-fachen des 2013 erwarteten Umsatzes von Invensys Rail, die 2013 eine Marge von 16 Prozent erzielen dürfte. Das erwartete EBIT werde mit dem 14,5-fachen bezahlt.

Invensys Rail verfüge über eine starke Position auf Hauptstrecken. Damit baue die Siemens AG ihren Vorsprung vor der Konkurrenz weiter aus. Schon jetzt sei Siemens bei der Bahnsignalsteuerung mit einem Marktanteil von über 15 Prozent globaler Marktführer. Der Marktanteil der Münchener sei damit fast doppelt so hoch wie der des nächsten Wettbewerbers.

Pensionsverpflichtungen bei Invensys übernimmt Siemens mit der Akquisition nicht. Ebenso sei keine andere Übernahme im Rail-Automation-Bereich geplant, sagte Busch. Die Invensys-Aktionäre und die Behörden müssen der Übernahme noch zustimmen. Siemens geht davon aus, dass die Transaktion im zweiten Quartal des Kalenderjahres 2013 abgeschlossen werden kann.

Der 2,2-Milliarden-Euro-Deal sei zwar nicht billig, hieß es bei der Citigroup. Er unterstreiche aber, dass das Siemens-Management die richtigen Weichen stelle, um den Unternehmensplan für 2014 zu erfüllen. Demnach soll die Gesamtgewinnmarge bis dahin wenigstens 12 Prozent betragen, die Einsparungen sollen sich auf bis zu 6 Milliarden Euro belaufen. Mit den beiden Transaktionen stärke Siemens das Kerngeschäft und bereite den Weg für eine deutliche Steigerung der Profitabilität und der Liquiditätsrückflüsse, nicht nur für 2014, sondern auch längerfristig.

Die Citigroup und die UBS stufen die Siemens-Aktie aktuell mit "Buy" ein. Etwas kritischer sieht es dagegen die Deutsche Bank, welche die Aktie mit "Sell" bewertet. Besorgt zeigen sich die Analysten über drohende Entschädigungsforderungen von Seiten der Bahn für die verzögerte Lieferung von Zügen.

Sektor-Finanzvorstand Hannes Apitzsch sagte, noch sei es zu früh, um über etwaige Entschädigungen verlässliche Aussagen zu machen. Er rechne aber nicht damit, dass die finanziellen Auswirkungen der Verzögerungen einen größeren Einfluss auf das Unternehmensergebnis von Siemens haben werden.

Siemens machen derzeit Auslieferungsverzögerungen bei den neuen ICE-3-Zügen zu schaffen. Die Gründe dafür liegen nach Angaben der Bahn vor allem in Problemen bei der Leit- und Sicherungstechnik, bei der Kupplung von Zügen und in Problemen im Speisewagen. Auf Testfahrten Anfang November sei es zudem zu Problemen bei der Zugsteuerung gekommen, etwa in Form von ungewollten Zwangsbremsungen.

Auch Invensys Rail schlägt sich mit Projektverzögerungen herum, hat aber für das zweite Halbjahr "wesentliche Fortschritte" in Aussicht gestellt.

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