Die Franzosen sind auf der Flucht. Sie fliehen in Scharen. Die Aussicht auf eine ganze Reihe geplanter Steuererhöhungen hat bei hunderten wohlhabenden Franzosen Auswanderungsgedanken geweckt. Sie überlegen, ihre Häuser auf den Markt zu werfen, berichten Immobilienmakler. Was die Franzosen mit Verzweiflung erfüllt, könnte sich für Ausländer als beste Chance seit Jahren erweisen, in den Besitz einer Zweitwohnung in Paris oder eines Châteaus auf dem Lande zu kommen.

In diesem Prachtbau in Nizza steht ein 500-qm-Apartment im obersten Stockwerk zum Verkauf. Verhandlungsbasis: 3,8 Millionen Euro.

Die Zahl erstklassiger Wohnungen, die auf dem französischen Markt zu haben sind, hat sich erhöht. Denn gut betuchte Auswanderungswillige stellten in diesem Jahr en Masse ihre Häuser zum Verkauf, berichtet Charles-Marie Jottras, der Präsident des führenden Luxusmaklers Daniel Féau. Seien früher einige Häuser im Monat in den Verkaufskatalog aufgenommen worden, würden von den Fluchtbereiten jetzt gleich mehrere Immobilien pro Woche angeboten. Auf Exilanten, die Frankreich aus Steuergründen verließen, entfiele mehr als die Hälfte der Wohnungen, die bei Daniel Féau für 4,9 Millionen bis 14,8 Millionen Dollar geführt werden. In den vorhergehenden Jahren habe ihr Anteil bei etwa zehn Prozent gelegen, sagt Jottras.

Mehrere prominente Geschäftsmänner haben ihre Umzugskartons bereits gepackt. Der ehemalige L'Oréal OR.FR +0,99% L'Oreal S.A. France: Paris 128,05 +1,25 +0,99% 02 Sept. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 553.322 KGV 26,08 Marktkapitalisierung 70,83 Milliarden € Dividendenrendite 1,95% Umsatz/Mitarbeiter 289.380 € -Chef Lindsay Owen-Jones ist ins schweizerische Lugano gezogen. Amaury de Sèze, der als Vorsitzender des Handelsriesen Carrefour fungierte, hat es nach Belgien verschlagen. Nicolas Chanut, der Gründer der französischen Investmentberatung Exane, hat seine Zelte in London aufgeschlagen.

Begüterte Franzosen nehmen Reißaus vor den Versuchen ihrer neuen Regierung, die Staatsfinanzen des Landes wieder in den Griff zu bekommen. Dazu plant sie, Gehälter, Kapitalgewinne und das Vermögen der privaten Haushalte höher zu besteuern. Zu den umstrittenen Vorschlägen des Etatentwurfs für 2013 gehört ein Steuersatz von 75 Prozent auf Gehälter, die 1 Millionen Euro überschreiten. Derzeit liegt der Satz bei weniger als 50 Prozent. „So masochistisch sind reiche Franzosen nicht", weiß der Immobilienmakler Jottras. Die vorgeschlagenen Steuern betreffen allerdings nur diejenigen, die ihren Hauptwohnsitz in Frankreich nehmen. Nicht belangt werden Käufer, die sich eine Immobilie als Ferienwohnung zulegen und weniger als ein halbes Jahr in Frankreich verbringen.

Und da auch noch die allgemeine Wirtschaftslage die Preise stagnieren lässt - oder sie in einigen Fällen zum ersten Mal seit fast fünf Jahren nach unten drückt - sieht der Markt für ausländische Interessenten derzeit besonders attraktiv aus. Die Preise für Appartements und Häuser im Luxussegment sind im Vergleich zum Vorjahr um rund sechs Prozent gefallen, sagt Jottras.

Ein Technologieunternehmer verkauft seine Residenz in der Provence. Das Haus hat 500 Quadratmeter Wohnfläche, dazu kommen 6 Hektar Land. Émile Garcin

Manche Verkäufer haben es mit ihrer Flucht so eilig, dass sie sogar im Preis heruntergehen. Das restaurierte provenzalische Gehöft eines Technologie-Unternehmers mit 500 Quadratmetern Wohnfläche auf einem Anwesen, das rund sechs Hektar misst, wird für 2,9 Millionen Euro feilgehalten. Das entspricht einem Abschlag von zehn Prozent auf den Marktwert, hat Philippe Boulet ausgerechnet, der für Emile Garcin das Büro Saint-Tropez und Provençe leitet. Das Haus stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist, wie auch der Pool, von hundertjährigen Platanen umsäumt. Der Besitzer, der anonym bleiben will, verlässt Frankreich wegen den erwarteten Steuererhöhungen und treibt seinen Umzug nach Kalifornien voran. Dort hat er ein Haus für 2 Millionen Euro erstanden, erzählt Boulet.

Überall in Frankreich finden sich frisch verwaiste Häuser, die von Steuerexilanten zurückgelassen wurden. In Nizza lockt ein 310 Quadratmeter großes Luxusappartement im obersten Stockwerk mit einem unverbauten Blick über das Mittelmehr. Kostenpunkt: 3,8 Millionen Euro. Für 3,2 Millionen Euro ist ein knapp 24 Hektar großes Anwesen bei L'Isle-sur-la-Sorgue im Angebot. Die Stadt in der Provençe ist berühmt für ihren Antikmarkt. Auf dem Grundstück stehen drei getrennte Bauernhäuser, die bequem mehrere Generationen einer Familie gleichzeitig aufnehmen können.

Für 2,9 Millionen Euro ist das Haus in der Provençe ein Schnäppchen.

Im kommenden Jahr könnte die Zahl von Luxusimmobilien, die abgestoßen werden, in die Höhe schnellen, prophezeien Makler. Denn über den französischen Etat wird erst am Jahresende abgestimmt. Und viele Unternehmer und Manager warteten zunächst die endgültigen Steueranhebungen ab, bevor sie sich zu einem Umzug entschlössen, meinen die Branchenexperten. „Im Jahr 2013 könnte es zu einer Migrationswelle kommen", sagt Sylvain Boichut, Verkaufsmanager für Frankreich beim Luxusmakler John Taylor.

Einige warten allerdings nicht erst ab, bis die neuen Steuergesetze verabschiedet werden. Sie packen jetzt schon ihre Koffer. Die Regierung nehme ohnehin eine unternehmerfeindliche Haltung ein, begründen sie ihren Abgang. „Unternehmer haben den Eindruck, sie würden in ihrem Land nicht geschätzt", sagt Boichut. Einer seiner Kunden, der sowohl die französische als auch die italienische Staatsbürgerschaft besitze, habe seinen französischen Pass vor Entrüstung aufgegeben, erzählt er.

Da die Medien und Politiker mit den Landesflüchtigen nicht gerade zimperlich umgehen, bemühen sich die begüterten Franzosen bei ihren Verkäufen um äußerste Diskretion. Sie verweisen darauf, welchen Schmähungen der Luxusgütermagnat Bernard Arnault ausgesetzt war, der sich um die belgische Staatsbürgerschaft beworben und in Brüssel eine Wohnung angemietet hat. Die linksgerichtete Zeitung Libération hatte ein Bild von ihm auf die Titelseite gesetzt und forderte ihn auf, Frankreich ganz zu verlassen. Arnault zahle nach wie vor Steuern in Frankreich und habe keine seiner Immobilien verkauft, beteuert sein Sprecher. „Unsere Kunden haben sogar Angst, sich in Frankreich mit ihren Sportwagen sehen zu lassen", sagt Boichut.

Zum weitaus größten Teil veräußerten die Steuerexilanten ihre französischen Immobilien, um zu beweisen, dass sie in Frankreich keinen Wohnsitz mehr haben, berichten Makler. Weder Owen-Jones von L'Oréal, de Sèze oder Chanut antworteten auf Kommentaranfragen.

Natürlich gab es auch früher schon Franzosen, die sich ins Ausland absetzten, um der harten Besteuerung in ihrem eigenen Land zu entgehen. Aber das Profil derer, die jetzt ihre Koffer packen, ändert sich.

Das historische Haus ist von Platanen umgeben, die mehr als 100 Jahre alt sind.

In der Vergangenheit war der Prototyp des Steuerexilanten ein Golf spielender Rentner, der sich in die Ferne aufmachte, nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten - und nachdem er vierzig Jahre lang brav seine Steuern an den französischen Fiskus entrichtet hatte, sagen die Immobilienspezialisten.

Die heutigen Auswanderer seien jünger und noch dabei, sich ihr Vermögen zu erarbeiten. Sie reagierten auf die neue Strategie der Regierung, auf hohe Gehälter und nicht so sehr auf das Haushaltsvermögen abzuzielen. Außerdem sei es einfacher geworden, über die jetzt offenen europäischen Grenzen hinweg umzuziehen. Viele von ihnen seien noch im Elternalter und verkauften familientaugliche Appartements, die erst vor kurzem renoviert worden seien - also genau die Art von Wohnungen, die von internationalen Interessenten häufig gesucht würden, berichten die Makler. Nathalie Garcin, die die Büros von Emile Garcin in Paris, an der Atlantikküste und in den Alpen leitet, hat zum Beispiel die Immobilien eines jungen Ehepaars mit zwei Kindern in der Kartei, das jüngst nach Brüssel gezogen ist. Das Paar trennt sich etwa von einem 250 Quadratmeter großen Appartement mit drei Schlafzimmern im Pariser Viertel George V. Für 4,2 Millionen Euro lässt sich von dort der Blick über die Dächer von Paris genießen. Das Wochenendhaus der Familie liegt eine Fahrstunde von Paris entfernt. Das Château aus dem 18. Jahrhundert mit separatem Gästehaus und Unterkünften für das Personal ist für 2,5 Millionen im Angebot.

Ausländische Käufer haben neuerdings die Qual der Wahl bei französischen Immobilien. Seit mehr als zehn Jahren stellen Erwerber, die nicht aus Frankreich stammten, im Preissegment von über 4,9 Millionen Euro die größte Käuferschar. Doch die Jagd nach einem Appartement in Paris, zum Beispiel, konnte zur Geduldsprobe werden, weil nur so wenige verfügbar waren.

Doch jetzt können sie zuschlagen. Im vergangenen Monat verkaufte Boichut für mehrere Millionen eine Wohnung im schicken achten Arrondissement an einen Libanesen. Der Mann hatte eineinhalb Jahre nach einer geeigneten Pariser Bleibe gesucht.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de