BERLIN – Die Zeit großer Strukturen in Staat und Wirtschaft ist vorbei – nun kommt die Ära des Netzwerks. So lautet die These von Marina Gorbis, Geschäftsführerin des Thinktanks Institute of the Future, auf der Start-up-Konferenz Next in Berlin. Zwei Unternehmen, die diese These in die Praxis umsetzen, sind die US-Job-Plattform Odesk mit über 3,2 Millionen Mitgliedern und das Schweizer Start-up Mila.com, das angetreten ist, ein soziales Netzwerk für Nachbarschaftsjobs zu werden.

Odesk bezeichnet sich selbst als der weltweit größte Online-Arbeitsplatz, der die Grenzen der Arbeit aus dem Industriezeitalter niederreißt. Selbstständige und Unternehmen sollen auf dem virtuellen Arbeitsmarkt frei und flexibel zusammenkommen und dabei auch virtuelle Teams via Internet über alle Grenzen hinweg bilden können. Nach Angaben des Portals buchten mehr als 5.000 deutsche Unternehmen 2012 bereits 326.000 Arbeitsstunden. Die deutschen Unternehmen beschäftigten dabei vor allem Webprogrammierer, mobile App-Entwickler und Mitarbeiter, die Daten eingeben. Die Angeworbenen kommen dabei vor allem aus Ländern wie Indien, der Ukraine, den Philippinen, Polen und Bangladesch.

Mehr als Outsourcing

Matt Cooper, Vice President of International and Enterprise bei Odesk. Odesk

„Es geht weniger um das Thema Outsourcing, wir sehen das eher als Aufbau virtueller Online-Teams und das Beseitigen traditioneller geographischer Barrieren", beschreibt Matt Cooper, Vice President of International and Enterprise, das Konzept des Portals. Die Art, wie heute gearbeitet werde, sei deutlich „flüssiger" geworden, sagt Cooper. „ Mein Vater arbeitete 35 Jahre für Hewlett-Packard, HPQ -0,36% Hewlett-Packard Co. U.S.: NYSE $37,87 -0,14 -0,36% 02 Sept. 2014 12:38 Volumen (​15 Min. verzögert) : 3,33 Mio. KGV 14,11 Marktkapitalisierung 71,11 Milliarden $ Dividendenrendite 1,69% Umsatz/Mitarbeiter 353.808 $ ich habe für kein Unternehmen je länger als fünfeinhalb Jahre gearbeitet. Und ich glaube, dass wir uns in Richtung einer Welt bewegen, in der mehr und mehr Leute für fünf Unternehmen gleichzeitig arbeiten."

Facebook FB +1,63% Facebook Inc. Cl A U.S.: Nasdaq $76,04 +1,22 +1,63% 02 Sept. 2014 12:38 Volumen (​15 Min. verzögert) : 16,80 Mio. KGV 80,78 Marktkapitalisierung 194,54 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.580.090 $ und Onlinedating haben dem Konzept den Weg geebnet. „Heute sind Menschen generell offener gegenüber Online-Beziehungen – das wirkt sich auch positiv auf virtuelle Arbeit aus", sagt Cooper. Die Vision von Odesk: Vermittlung von Arbeit soll so einfach wie das Onlineshopping werden.

Plattform für Mikrounernehmer

Auch Mila.com geht es um die Onlinevermittlung von Menschen – allerdings für sogenannte Microunternehmer. Auf der Onlineplattform können Nutzer „Needs", also welche Dienste sie benötigen, posten und so Leute aus der Nachbarschaft finden, die diese gegen Geld erledigen – von Heim- und Gartenarbeit über Umzugshilfen bis hin zu Bürodienstleistungen. Bislang hat Mila.com nur rund 4.000 Nutzer vor allem in Zürich – doch Investoren sind bereits von der Idee überzeugt. Etwa 3 Millionen Euro haben die Schweizer nach eigenen Angaben eingesammelt – einen Großteil davon vom ehemaligen SAP-Manager Peter Zencke.

Odesk ist da schon weiter. Das 2005 gegründete Unternehmen hat nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr Dienstleistungen im Wert von 360 Millionen Dollar vermittelt. Nun will das Unternehmen sein Geschäftsmodell ausweiten – indem es geographisch noch stärker in Märkten außerhalb der USA wie Australien, Kanada, Europa und Entwicklungsländern Fuß fasst. Noch macht Odesk 60 Prozent der Umsätze im Heimartmarkt USA. Bald soll es das erste Büro in Europa geben.

Zugleich sollen auch größere Unternehmen für die Nutzung der Plattform gewonnen werden. Derzeit nutzen vor allem Start-ups und mittelgroße Unternehmen Odesk. Zu großen und bekannten Unternehmen, die Odesk nutzen, gehören Unilever, ULVR.LN +0,75% Unilever PLC U.K.: London GBp2.680,00 +20,00 +0,75% 02 Sept. 2014 16:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,78 Mio. KGV 0,18 Marktkapitalisierung 34,14 Milliarden GBp Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 232.124 GBp Pinterest, NBC, Dropbox und Panasonic. 6752.TO +0,82% Panasonic Corp. Japan: Tokyo ¥1.288 +11 +0,82% 02 Sept. 2014 15:00 Volumen (​20 Min. verzögert) : 6,37 Mio. KGV 58,90 Marktkapitalisierung 3.132,55 Milliarden ¥ Dividendenrendite 1,24% Umsatz/Mitarbeiter 28.567.400 ¥ Andere große Unternehmen nutzen Odesk ebenfalls, wollen das aber nicht öffentlich machen.

Odesk legt Wert darauf, anders als Crowdsourcing-Anbieter wie Amazons Mechanical Turk oder der Berliner Anbieter Crowd Guru zu funktionieren. „Odesk ist nicht Crowdsourcing", sagt Cooper. Beim Crowdsourcing „veröffentlichen Sie eine Reihe von Aufgaben – und eine namenlose und gesichtslose Masse arbeitet daran", beschreibt er das Prinzip klassischer Anbieter wie Amazons Mechanical Turk.

Bis zu Tausende Mitarbeiter via Internet

Website von Odesk Screenshot

Unternehmen nutzen Odesk in zweierlei Hinsicht: Einerseits geht es um projektbasierte Arbeiten wie die Aufgabe, alles über den lokalen Batteriemarkt in Europa herauszufinden. Anderseits gibt es auch Unternehmen, die Odesk als virtuelle Verstärkung für ihre Mitarbeiterteams nutzen. „Ich habe mein lokales Team und ich arbeite mit meinem Online-Team", beschreibt Cooper das Konzept. Dabei kann es beispielsweise um Fähigkeiten gehen, die im Unternehmen nur ab und zu gebraucht werden – oder um saisonale Schwankungen. „Es gibt alles – von einem Projekt mit einem Mitarbeiter bis hin zu tausenden Mitarbeitern. Unternehmen heuern teilweise Manager über Odesk an, um ihre virtuellen Teams zu führen", sagt Cooper. Besonders begehrt bei den Unternehmen sind technische Fähigkeiten: Mit 40 Prozent der Arbeitsstunden verdienen Programmierer 60 Prozent der Einkünfte bei Odesk.

Bei Mila.com geht es dagegen eher um kleine Aufgaben zwischen Nachbarn. „Es ist eine Crowdsharing-Plattform", sagt Gründer und CEO Manuel Grenacher. „Der Schlüssel dabei ist, dass Du weißt, wemDdu die Aufgabe gibst. Wie setzen vor allem auf Onlinereputation – dass man Bewertungen sieht von anderen Nutzern." So soll beispielsweise auch sichtbar werden, wer von den eigenen Freunden einen bestimmten Dienst schon genutzt hat – und wie zufrieden er damit war. Es soll darum gehen, „die guten und qualifizierten" Leute zu finden. So soll sich das Konzept auch von der klassischen Kleinanzeige abgrenzen. „Das Rating gibt es nur, wenn es eine Transaktion gegeben hat", sagt Grenacher. Gefälschte Bewertungen sollen ausgeschlossen werden.

In den USA geht das Konzept bereits auf: Das 2008 gegründete Start-up Taskrabbit hat das gleiche Konzept dort erfolgreich umgesetzt, ist auf anderen Märkten außerhalb der USA aber noch nicht aktiv. Wie bei jedem sozialen Netzwerk ist der Anfang bei Mila.com das Schwerste: Ohne Nutzer der Plattform ist das Angebot nicht attraktiv. Mila.com will sich zunächst auf die Städte Berlin, Zürich, Chicago, Schanghai und Jakarta konzentrieren. „Wir bauen pro Stadt ein lokales Marketingteam auf, das volle Kompetenz für die Stadt – das können wir nicht zentral machen."

Mila.com will sich in Berlin etablieren

In Zürich, Schanghai und Chicago gibt es das schon, in Berlin soll es das bald geben. „China ist das schwierigste Land, Indonesien ist viel einfacher", sagt Grenacher. „Die haben alle Facebook beispielsweise und das Durchschnittsalter der Microentrepreneurs ist 25 bis 28 Jahre, die sind alle online – das ist eigentlich ein Traum." China dagegen biete dank des großen Marktes eine riesige Chance, wenn der Eintritt gelingt.

Die Plattform versucht den Markt vor allem über die Nachfrageseite anzukurbeln. Dazu will das Start-up mit Partnern zusammenarbeiten – beispielsweise Möbelgeschäfte, die Möbel verkaufen, die selbst montiert werden müssen. Die Kunden könnten dann direkt nach dem Kauf ihren „Need" der Möbelmontage veröffentlichen. „Die Dienstleister findet man schon", sagt Grenacher.

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com