Noch vereint: Der russische Präsident Wladimir Putin und sein Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow. dapd

Der russische Präsident Wladimir Putin hat überraschend Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow entlassen und den Moskauer Regionalgouverneur Sergej Schojgu zu dessen Nachfolger ernannt. Offizieller Grund für die Entlassung sind Ermittlungen zu Korruption bei den Streitkräften. In Russland wurde indes spekuliert, was die eigentlichen Gründe für den überraschenden Schritt gewesen sein mögen.

Die meisten Experten sehen dabei einen Machtkampf im Kreml als Grund für Serdjukows Rauswurf. Als Verteidigungsminister hatte er sich für eine durchgreifende Reform der russischen Streitkräfte eingesetzt und auch die einflussreiche Rüstungsindustrie des Landes unter Druck gesetzt. Damit habe er sich mächtige Feinde geschaffen, erklärte der Leiter des Moskauer Carnegie Zentrums, Dmitri Trenin.

"Er hat die Führer der Rüstungsindustrie gegen sich aufgebracht, indem er mehr Transparenz bei den Preisen verlangte", sagte der Militärexperte Alexander Golz. "Er hat ihnen gesagt, dass das Militär die Waffen kauft, die es braucht, und nicht die, die sie verkaufen wollen." Viele hätten von dem bisherigen System profitiert, erklärte Trenin.

Einige Beobachter erwarteten, dass Serdjukows Nachfolger Schojgu die Reform nun weniger radikal vorantreiben wird. Er war fast zwei Jahrzehnte Zivilschutzminister in Russland und wurde erst vor knapp sechs Monaten zum Gouverneur ernannt.

Putin sagte im Fernsehen, der Wechsel an der Spitze des Verteidigungsministeriums "schaffe die notwendigen Grundlagen für die objektive Untersuchung aller Fragen". Es geht dabei um Vorwürfe, denen zufolge Immobilien und anderer Besitz der russischen Streitkräfte weit unter Marktwert verkauft worden seien. Staatliche Ermittler erklärten, schon bei der Prüfung erster Fälle seien sie auf einen Schaden für den Staat von drei Milliarden Rubel (rund 74 Millionen Euro) gestoßen. "Falls es einen Grund gibt", werde auch Serdjukow befragt, sagte ein Sprecher der Ermittlungsbehörde. Im Rahmen der Ermittlungen hatten die Beamten bereits Jewgenija Wassiljewa ins Visier genommen, die früher im Verteidigungsministerium Liegenschaften verwaltete und als enge Mitarbeiterin Serdjukows galt.

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