Im US-Wahlkampf ist China vor allem mit der Drohung des republikanischen Herausforderers Mitt Romney in den Vordergrund gerückt, das Land als Währungsmanipulator zu geißeln. Aber die wirkliche Bedrohung für den asiatischen Wirtschaftsriesen kommt aus einer ganz anderen Ecke: Es ist die Fiskalklippe, die sich in Washington auftut.

Wenn es jetzt bis zum Jahresende keine andere politische Vereinbarung gibt, treten zum 31. Dezember automatisch massive Ausgabenkürzungen in Kraft. Gleichzeitig laufen zahlreiche noch in der Bush-Ära eingeführte Steuersenkungen aus. Der Internationale Währungsfonds hat ausgerechnet, dass mit allen Änderungen der US-Haushalt im nächsten Jahr in einer Größenordnung von vier Prozent der Wirtschaftsleistung schrumpfen würde. Genug, um die größte Volkswirtschaft der Welt wieder in eine richtige Rezession zu schicken.

In Asien berichten die Zeitungen bereits über den Wahlsieg von Präsident Barack Obama. Für China und seine Wirtschaft ist aber eigentlich das drohende Fiskalkliff in den USA viel wichtiger. Reuters

Es scheint unwahrscheinlich, dass das passiert. Aber wenn es so kommt, wären die Folgen für China dramatisch. Nachdem die Nachfrage aus Europa im Zuge der Schuldenkrise zurückgegangen ist, sind die USA wieder zu Chinas größtem Exportziel geworden. Die Ausfuhren dorthin hatten 2011 einen Wert von 324 Milliarden US-Dollar, was gut 17 Prozent aller Exporte und 4,4 Prozent der gesamten chinesischen Wirtschaftsleistung entspricht. Nach Europa gingen im gleichen Jahr knapp 19 Prozent der Ausfuhren; 2012 war der Anteil geringer.

Wenn die USA Europa in die Rezession folgten, würden die zwei größten Handelspartner Chinas schrumpfen. Zudem bestünde das Risiko eines ernsthaften Schocks auf den internationalen Finanzmärkten. Dem Weltwährungsfonds zufolge würde im schlimmsten Fall die Wirtschaft der USA um 4,8 Prozent einbrechen und das chinesische Wachstum 2013 um 1,2 Prozentpunkte nach unten ziehen. Wenn die Turbulenzen an den Finanzmärkten noch starker ausfallen als befürchtet, könnte der Einbruch in China auch doppelt so hoch ausfallen.

Für China ist also weniger die Wahl entscheidend, sondern die schwierigen Verhandlungen, die ihr folgen werden.

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