Internationale Konzerne wie Pepsi versuchen mit aller Macht, in Myanmar Fuß zu fassen. Christopher Davy for The Wall Street Journal

RANGUN – Diese Gelegenheit konnte sich Tim Love einfach nicht entgehen lassen. Plötzlich taucht eine ganze Nation wieder auf der Landkarte auf, die Jahrzehnte lang für die meisten Investoren aus dem Westen Terra incognita gewesen war. Dem stellvertretenden Vorsitzenden des Werbegiganten Omnicom Group präsentierten sich 60 Millionen Einwohner und Rohstoffreserven, die größtenteils noch unerschlossen sind. Myanmar, auch Birma genannt, öffnet sich „mit Höchstgeschwindigkeit" für Investitionen aus dem Ausland, erinnert sich Love. Und seine Kunden drängen sich darum, einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Aber in Myanmar Geschäfte zu machen, ist nicht ganz so einfach. Dem ehemals vom Militär regierten Land fehlt es hinten und vorne an der nötigen Infrastruktur, um Teil der internationalen Geschäftswelt werden zu können. Die meisten ausländischen Mobilfunkdienste funktionieren hier nicht. Neuankömmlinge müssen tiefe Taschen haben, denn es ist schwer, hier an Bargeld heranzukommen.

Wie hat es denn Love nach Birma geschafft? Ganz einfach, erzählt der Werbefachmann. Er habe „Werbung in Myanmar" in seine Internetsuchmaschine eingegeben. Seine Suche habe die Webseite einer burmesischen Firma zu Tage befördert, von deren Gründer behauptet wird, er habe „die Werbebranche in Myanmar aus der Taufe gehoben". Und mit ihm setzte sich Love schließlich in Verbindung.

Obama als erster US-Präsident zu Gast

Die unendlichen Weiten, die hinter einer der letzten, aber wenig stabilen Grenzen der bekannten Wirtschaftwelt vermutet werden, versetzen globale Multis und Ein-Mann-Betriebe gleichermaßen in Aufregung. Seit dem vergangenen Jahr ist in Myanmar eine neue, dem Namen nach zivile Regierung am Ruder. Sie hat umfassende politische und finanzielle Reformen eingeleitet und so die Verantwortlichen in den USA und Europa davon überzeugt, die meisten gegen das Land verhängten Wirtschaftssanktionen fallen zu lassen.

Damit ist die Zeit der Goldgräber angebrochen. Seitdem sich Vietnam und Russland in den neunziger Jahren stärker für Investitionen geöffnet hatten, sind nicht mehr so viele Unternehmen ausgezogen, um in einem aufstrebenden Markt ihr Glück zu versuchen. Auf der Landkarte einiger Firmen fehlen jetzt nur noch Kuba und Nordkorea.

Und nachdem der frisch wiedergewählte US-Präsident Barack Obama angekündigt hat, auf seiner Asienreise Anfang der kommenden Woche zum ersten Mal Myanmar zu besuchen, dürfte das Interesse an dem Land nur noch stärker werden. Einen amerikanischen Präsidenten hatte die Myanmar noch nie zu Gast.

Vor 18 Monaten wäre Obamas Zwischenstopp in der asiatischen Republik noch undenkbar gewesen. Damals galt Myanmar bei den meisten führenden US-Politikern noch als Paria-Staat. Obamas Besuch dürfte deshalb die dramatische Öffnung Birmas für westliche Geschäftsinteressen erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Und der US-Präsident könnte die Chance nutzen, um auf weitere soziale und wirtschaftliche Reformen zu drängen.

Es sei kaum zu beschreiben, wie vielfältig die Chancen in Myanmar seien, schwärmen Geschäftsleute. Das Land hat mehr Einwohner als Südkorea und Südafrika und fast drei Mal so viele wie Australien. Diese Menschen brauchen Fabriken, um Produkte hervorzubringen. Energie, um diese Fabriken am Laufen zu halten. Und Explorationstechnologien, um die Bodenschätze ausfindig zu machen, die notwendig sind, um diese Energie zu erzeugen.

„Wenn ich 25 und ledig wäre, würde ich da sofort hingehen"

Und so halten viele Investoren und Unternehmen Ausschau nach Möglichkeiten, sich eine Bresche in den Bereichen Erdöl- und Erdgasexploration oder Infrastruktur zu schlagen – in einem Land, das in einigen Regionen so gut wie überhaupt keine Infrastruktur aufweist. Und während die Armut in Myanmar zwar hoch ist, gibt es doch eine kleine, wachsende städtische Elite, die sich im Geschmack zusehends am Westen orientiert und nach Autos und Erfrischungsgetränken aus dem Ausland dürstet. Erst im August hatte ein führendes amerikanisches Filmstudio mit „Titanic 3D" seinen ersten Streifen seit Jahrzehnten in Myanmar gezeigt.

„Wenn ich 25 und ledig wäre, würde ich da sofort hingehen", schwärmt David Grayson, Geschäftsführer des New Yorker Wertpapiermaklers Auerbach Grayson & Co. In diesem Jahr hat er Myanmar bereits zwei Mal besucht. „Das Land ist kurz vor dem Abheben."

Mehr als ein Dutzend Fortune-500-Unternehmen ist Graysons Rat bereits gefolgt: Mastercard und Visa wollen den Myanmarern bald die Vorzüge der Kreditkarte näher bringen. General Electric hofft auf große Stromaufträge. Und Coca-Cola verhandelt gerade über die Eröffnung von mindestens einem Werk und plant Investitionen, die innerhalb von drei Jahren bis zu 200 Millionen Dollar erreichen könnten, berichten mit den Plänen des Unternehmens Vertraute.

Coca-Cola-Chef Muhtar Kent war sich kürzlich in Birma und traf sich mit Staatspräsident Thein Sein. Kent zeigte dem Staatschef Fotos von den Coca-Cola-Betrieben in Myanmar in den zwanziger und dreißiger Jahren, kurz bevor sich der Brausehersteller zuletzt aus dem Land zurückgezogen hatte. Kent versuchte den Präsidenten so davon zu überzeugen, wie gut es doch wäre, wenn der Getränkeriese mit Volldampf in sein Land zurückkehrte.

Und noch schneller am Start sind japanische, thailändische und andere asiatische Unternehmen. Mitsubishi, Mitsui und Sumitomo bauen bereits ihre Präsenzen in Rangun, der größten Stadt des Landes, aus. Bau- und Petrochemiefirmen aus Thailand versuchen, ein Erschließungsprojekt über 50 Milliarden Dollar für ein Industriegebiet und einen Hafen namens Dawei anzuschieben.

Goldader oder Sumpfgebiet?

„Der Wandel ist förmlich mit den Händen zu greifen. Auf den Straßen, in den Hotels, auf den Flughäfen – einfach überall", stellt Ramesh Tainwala begeistert fest. Er fungiert als Präsident für den asiatisch-pazifischen Raum von Samsonite International. Der Gepäckhersteller ist bereits mit fünf Läden in Myanmar vertreten und will in den kommenden drei bis fünf Jahren 15 weitere eröffnen.

Die letzte Grenze: Konzerne erobern Myanmar

Christopher Davy

Doch noch ist längst nicht klar, ob sich Myanmar als Goldader oder als wirtschaftliches Sumpfgebiet erweisen wird. Als sich andere Länder wie Vietnam und Russland der weltweiten Wirtschaft öffneten, verloren diejenigen, die anfangs die Nase vorn hatten, eine Menge Geld. Lukrative Vermögenswerte landeten schließlich in den Händen politisch gut vernetzter Einheimischer oder bei staatlichen Unternehmen. Den Zeiten der Euphorie folgten Marktzusammenbrüche auf dem Fuß. Viele Investoren befürchten, dass sich Ähnliches auch in Myanmar abspielen könnte.

Darüber hinaus warten in Myanmar ganz eigene Risiken auf die Investoren, die selbst nach den Standards von Entwicklungsländern eminent sind. Innerhalb der einzelnen Bevölkerungsgruppen des Landes nehmen die Spannungen zu. Die Unruhen sind zwar noch nicht so ausgeprägt, dass sie bei den Investoren zu größeren Bedenken führen müssten. Aber die neue Regierung Birmas hat dennoch Schwierigkeiten, gewaltsame Ausschreitungen unter Kontrolle zu bringen. Bei dem jüngsten Konflikt zwischen buddhistischen und muslimischen Einwohnern im Westen des Landes starben mehr als 80 Menschen, tausende von Häusern wurden in Brand gesteckt.

Das Land wird zudem immer wieder von Erdbeben heimgesucht. Am frühen Montagmorgen erschütterte ein Beben der Stärke 6,8 den Norden Birmas, bei dem mindestens neun Menschen ums Leben kamen.

Kaum Chancen mit Kreditkarte

Insgesamt ist die Wirtschaft in Myanmar zu großen Teilen in einem chaotischen Zustand, berichten Analysten. Die Stromversorgung sei nur stellenweise gewährleistet. Es gebe kaum Wege, um Geld ins Land und wieder hinauszubringen. Und das Gerichtssystem werde von Anhängern des früheren Regimes dominiert. Die Korruption übertrifft nach Angaben der Berliner Korruptionsjäger von Transparency International die Missstände in Simbabwe oder dem Sudan.

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For decades an isolated military dictatorship, Myanmar's political reforms have heralded new opportunities for international businesses seeking emerging markets in which to expand. WSJ's Patrick Barta reports. Photo: Christopher Davy for WSJ.

Für US-Investoren kommt erschwerend hinzu, dass sie immer noch Vorsicht walten lassen müssen, wenn es darum geht, mit wem genau sie über geschäftliche Dinge sprechen. Stehen ihre Gesprächspartner auf der Liste der „Specially Designated Nationals" des Washingtoner Finanzministeriums, dann sind diese besonders gekennzeichneten Staatangehörigen immer noch tabu. Denn gegenüber diesen Personen, die im Verdacht stehen, mit dem ehemaligen Militärregime zu kooperieren, gelten die Sanktionen noch. Allerdings tauchen viele von ihnen bei Branchenkonferenzen auf und haben vor Ort immer noch nichts von ihrem Einfluss auf den Lauf der Geschäfte eingebüßt.

Noch ist es schwierig, in Myanmar auf einen Geldautomaten zu treffen. Auch Geschäfte, Hotels oder Restaurants, die Kreditkarten akzeptieren, sind dünn gesät. Als es Ernie Bower von der Bower Group Asia bei einem Besuch in Rangun gelungen war, seine Hotelrechnung mit Kreditkarte zu begleichen, hatte ihm die Belegschaft gratuliert, die sich ungläubig um ihn versammelt hatte. Er sei seit langer Zeit der erste Gast, der seine Karte hier erfolgreich zum Einsatz bringe, erzählten sie ihm. Dass er überhaupt ein Hotelzimmer ergattern konnte, war schon ein ausgemachter Glücksfall. In ganz Rangun gibt es nur rund 1.850 Zimmer, die Geschäftsreisenden den gewohnten Komfort bieten. Und waren die Hotels früher das Jahr über meist nur zu 20 Prozent ausgelastet, sind sie jetzt meist komplett ausgebucht.

Natürlich wacht die neue Regierung genau über die Veränderungen, die sich gerade vollziehen. Ihre Unterstützer räumen ein, dass vieles im Land im Argen liegt. Aber es stünden auch Mittel für einen Wandel bereit, fügen sie hinzu. Aus dem Verkauf von Ressourcen wie etwa Erdgas sind der Regierung enorme Summen zugeflossen. Im Fiskaljahr per Ende März scheffelte sie daraus netto drei Milliarden Dollar an Exporteinnahmen. „Natürlich hat uns in der Vergangenheit alles gefehlt. Aber jetzt versuchen wir, das zu ändern", sagt Nay Zin Latt, ein Berater des Staatspräsidenten Thein Sein. „Alles wird reformiert."

„Für uns ist Myanmar der neue Horizont"

Genauso sehen es auch viele Neuankömmlinge. Dave Peck zum Beispiel hat vor ein paar Monaten seinen allerersten Auftrag aus Myanmar an Land gezogen. Der gebürtige Amerikaner leitet die Firma Arrow Technologies aus Singapur. Drei verschiedene Händler hätten bei ihm angerufen, um sich nach einer hochspezialisierten, 75.000 Dollar teuren Maschine zu erkundigen, die die Rauigkeit von Oberflächen analysiert.

Zuerst seien ihm die Anfragen merkwürdig vorgekommen, berichtet Peck. Doch nach einigen Nachforschungen habe er erfahren, dass die Maschine für eine Universität in Mandalay bestimmt war, die genügend Mittel hatte, um ihr Physiklabor zu modernisieren. Das deute darauf hin, dass mehr Ingenieure ausgebildet werden sollen, die dann Fabriken leiten können, sagt Peck.

Jetzt hofft Peck, mit zweien der Händler aus Myanmar Vertriebsbeziehungen aufbauen zu können, um weitere Maschinen los zu schlagen. Einer der Händler habe ihn auch um Hilfe dabei gebeten, technische Unterlagen für die Universität zu bestellen. Die Hochschule könne das im Internet nicht selbst veranlassen, weil keine Kreditkarten vorhanden wären. Das alles erinnere ihn an die Situation von damals, als sich Vietnam nach außen öffnete, sagt Peck.

„Für uns ist Myanmar der neue Horizont", ist Peck überzeugt. Bei einer Reise durch Myanmar sei er vor Kurzem an Reisfeldern vorbeigekommen und habe sich daran erinnert, dass das Land einst zur Weltspitze bei den Reisexporten gehörte. Jetzt sei dort kein einziger Traktor zu sehen. „Ich hab zu mir gesagt: Welche Chance für die John Deeres dieser Welt."

Eine neue Morgendämmerung

Auch Denis O'Brien ist vom Myanmar-Fieber erfasst worden. Der irische Unternehmer bietet mit seiner Firma Digicel Mobilfunkdienste in 31 Ländern an. Die Regierung Myanmars dürfte bald mehrere Kommunikationslizenzen anbieten. Eine davon will sich O'Brien schnappen. Das Land habe ihn schon seit seiner Kindheit fasziniert. Sein Patenonkel habe als Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg an der berühmten Burma-Eisenbahn mit gebaut und die abenteuerlichsten Geschichten auf Lager gehabt. Falls die Reformen weiterliefen, könnte Myanmar zum größten Markt für seine Firma werden. „Die Leute können ja ruhig abwarten, bis alles vollständig geregelt ist, aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt zum Investieren", meint er.

Dass in Myanmar eine neue Morgendämmerung angebrochen ist, hat selbst die glühendsten Anhänger des Landes überrascht. Die ehemalige britische Kolonie hatte im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle gespielt. Doch 1962 hatte eine Militärjunta das Ruder an sich gerissen und das Land in die Jahrzehnte lange Isolation verfrachtet, die in den vergangenen Jahren mit westlichen Sanktionen ihren Höhepunkt fand.

Die Junta hatte sich vor allem mit einer abstrusen und verheerenden Wirtschaftspolitik einen zweifelhaften Namen gemacht. In den 1980er Jahren ließ der ehemalige Diktator Ne Win neues Geld drucken und in Scheinen zu 45 Kyat und 90 Kyat in Umlauf bringen, nur weil er ein Faible für diese Zahlen hatte.

Chinesische und andere asiatische Unternehmen hatten dem Land die Treue gehalten. Sie investierten weiter in seine Erdgasfelder, in Dämme für die Errichtung von Wasserkraftwerken und in andere Projekte. Doch das Militär ließ sich die meisten Vorhaben nicht aus der Hand nehmen. Myanmar verarmte zusehends. Das Land gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt liegt pro Kopf bei etwa 1.300 Dollar und damit auf dem gleichen Niveau wie in Haiti.

Die Ungeduld wächst

Weniger als 2 Prozent der Einwohner von Myanmar besitzen ein Fahrzeug, während in den USA auf tausend Einwohner mehr als 800 Fahrzeugbesitzer kommen. Nur rund 26 Prozent der birmanischen Bevölkerung hatte im vergangenen Jahr Zugang zu einer zuverlässigen Stromversorgung, berichtet die Asiatische Entwicklungsbank.

Myanmar-Experten sind sich immer noch nicht sicher, warum sich das ehemalige Regime, dem umfassende Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, dazu entschlossen hat, sich selbst zu demontieren. Die neue Regierung setzt sich an der Spitze vorwiegend aus ehemaligen Militäroffizieren zusammen. Sie kam im vergangenen Jahr an die Macht, als der Diktator Than Shwe sich zurückzog und von der Bildfläche verschwand. Versprochen hat sie, das Land zu versöhnen und wirtschaftlich zu den Nachbarstaaten aufzuschließen.

Dass die Regierung es ernst meint, glauben viele westliche Beobachter sogar. Dennoch weiß niemand genau, was passieren wird, wenn es 2015 zu landesweiten Wahlen kommt. Schon wächst die Ungeduld unter den jungen Myanmarern. Jugendgruppen haben jüngst Demonstrationen organisiert. Sie könnten noch mehr Unruhe säen, wenn das Reformtempo nicht erhöht wird, meinen Beobachter.

Doch den Reformern werden Steine in den Weg gelegt. Einheimische Geschäftsleute und wirtschaftliche Strippenzieher sorgen sich darum, dass die Ausländer sich einen zu großen Einfluss auf die wichtigsten Branchen des Landes verschaffen könnten. Viele der birmanischen Wirtschaftsgranden haben sich in den Monaten, als das frühere Regime schon in den letzten Zügen lag, insgeheim Banklizenzen und andere wichtige Konzessionen unter den Nagel gerissen. Sie setzen jetzt die Regierung unter Druck, zu gewährleisten, dass Ausländern kein vollständiger Zugang zu einigen Wirtschaftssektoren gewährt wird.

Viele Sektoren schwer zu beherrschen

Es sei wichtig, erst das Potenzial des eigenen Volkes auszuloten, bevor man einige Sektoren zu hundert Prozent den Ausländern übereigne, sagt der vermögende Geschäftsmann Zaw Zaw. „Sonst übernehmen die Ausländer, und dann verlierst du das Land", behauptet Zaw Zaw, der auf der Liste der "Specially Designated Nationals" steht und von den USA immer noch mit Sanktionen belegt wird.

Er bestreitet, in irgendwelche unsauberen Machenschaften verstrickt zu ein. Er ist im Bausektor engagiert, bei Hotels, Mautstraßen und bei einer der größten Banken des Landes, die er gerade weiter ausbaut, bevor Akteure aus dem Ausland eingreifen können. Im kommenden Jahr will er zwanzig neue Bankfilialen einrichten.

Doch selbst die optimistischsten Investoren räumen ein, dass es in Myanmar viele Geschäftssektoren gibt, die zu beherrschen schwer sein dürfte - zumindest anfänglich. Unternehmen wie Coca-Cola und Pepsi sehen sich einer alteingesessenen – und billigeren – einheimischen Konkurrenz gegenüber, die sich mit ihren Marken den Markt erschlossen hat, während die westlichen Rivalen durch Abwesenheit glänzten.

Im Limonadengeschäft treten sie gegen Marken wie Blue Mountain Cola und Fantasy Orange an. Manche dieser Produkte sind für nur 29 Cents pro Flasche im Laden zu haben, verglichen mit 53 Cents, die der Durstige mancherorts für eine Dose Coke oder Pepsi berappen muss. Um ihre Marke bekannt zu machen, haben die beiden US-Getränkeriesen ganz Rangun mit Reklame zugepflastert. Gigantische Anzeigetafeln mit der amerikanischen Brause begrüßen die Besucher, wenn sie den internationalen Flughafen verlassen.

Hartes Vorgehen gegen den Schwarzmarkt

„Manchmal waren wir schon frustriert", gibt Peter Fuller zu. Er arbeitet als Managing Director für die Region Südostasien von Covidien, einen irischen Medizingeräteanbieter, der in den USA börsennotiert ist. Seine Firma hat die sanierungsbedürftigen Krankenhäuser von Myanmar im Blick, um sie mit Geräten zu versorgen. Während eines Besuchs habe man seinen Mitarbeitern erzählt, Außenstehenden sei der Zutritt zu staatlichen Krankenhäusern verboten. Unter dem alten Regime galten unter anderem Krankenhäuser als Orte, die der Geheimhaltung unterlagen.

Eine ganz andere Quelle der Konkurrenz bildet der florierende Schwarzmarkt. Vertreter mehrerer amerikanischer Unternehmen, die während einer Handelsmission im Juli das Land besuchten, fanden ihre eigenen Produkte üppig gestapelt in den Regalen der örtlichen Geschäfte vor. Niemandem sei die Erlaubnis eingeräumt worden, sie zu verkaufen, versicherten sie nach Angaben von mit der Mission Vertrauten. Während des jahrelangen Militärregimes fanden Schokoriegel, Snacks und Technikgeräte westlichen Ursprungs ihren Weg nach Myanmar. Eingeschmuggelt wurden sie von Händlern, die die Produkte in Thailand oder anderswo einsammelten.

Die Regierung gehe hart gegen den Schwarzmarkt vor und habe Spezialkräfte damit beauftragt, den Schmugglern das Handwerk zu legen, beteuert Aung Naing Oo vom Ministerium für Planung und wirtschaftliche Entwicklung.

Auch andere Reformen nehmen Gestalt an. Dazu gehören Pläne oder Versprechen, Privatunternehmen daran zu beteiligen, die Zahl der Mobilfunknutzer zu erhöhen oder allerorten neue „Hotelzonen" zu errichten, damit all die plötzlich herbeiströmenden Besucher untergebracht werden können. Die Regierung hat zudem Ausschreibungen für den Flughafenausbau angekündigt und will Öl- und Erdgasfelder veräußern. Chevron und andere Erdölunternehmen haben dafür bereits die Hand gehoben.

„Und dann ziehen wir weiter nach Nordkorea"

Doch es gibt auch skeptische Stimmen. Wenn der Aufschwung in Myanmar anhalten soll, dann muss das Land erst einmal in die Lage versetzt werden, all den ausländischen und heimischen Managern etwas ganz Grundlegendes zu bieten: Nämlich ein Büro. Im Wirtschaftszentrum Rangun deutet sich bereits die Bildung einer spekulativen Blase an. Viel Bürofläche hat die Stadt nicht zu bieten. Über etwas mehr als sechs Hektar erstreckt sich die für Gewerbezwecke verfügbare Fläche. Das entspricht in etwa einem mittelgroßen Bürohochhaus in New York. Und seit dem vergangenen Jahr sind die Mieten in den wenigen Bürotürmen von Rangun um mehr als das Doppelte gestiegen, auf bis zu 84 Dollar pro Quadratfuß. Das ist mehr, als im teuersten Gebäude im benachbarten Thailand zu zahlen ist. Und die thailändische Wirtschaft ist immerhin sieben Mal so groß wie die von Myanmar. Sich in Rangun ein Büro zu nehmen, ist sogar noch kostspieliger als in einigen Bürotürmen in der Tokioter Innenstadt. Dort rangieren die Büromieten im Schnitt zwischen 67 und 72 Dollar pro Quadratfuß.

„Erst weigern sich die Leute, so einen Preis zu zahlen. Und dann gehen sie weg und kommen nach zwei Wochen wieder. Und dann ist der Preis noch einmal um zehn Dollar pro Quadratmeter gestiegen", erzählt Tony Picon, Vertreter der Immobilienfirma Colliers International in Rangun. Auch die Grundstückspreise übersteigen bereits jedes rationale Maß. „Keiner weiß mehr, was das alles wirklich wert ist", sagt er.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt in Myanmar. Auch wenn einige seiner Kunden Schwierigkeiten dabei hätten, herauszufinden, wie man hier für Anzeigen zahlt, setzt Tim Love von der Werbeagentur Omnicom große Hoffnungen in die Zukunft des Landes.

„Das gehört zu den coolsten Sachen, die ich je angepackt habe", strahlt er. Auch der Wertpapiermakler Grayson von Auerbach Grayson in New York ist optimistisch. Der Boom „wird schnell einsetzen", prophezeit er. „Und dann ziehen wir weiter nach Nordkorea."

—Mitarbeit: Celine Fernandez

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