BASEL – Alle zwei Monate treffen sich mehr als ein Dutzend Banker in Basel. An Sonntagsabenden finden sie sich im 18. Stock eines zylinderförmigen Turms mit Blick auf den Rhein ein. Sie sind zu Gast bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Dort essen sie gemeinsam zu Abend und beratschlagen im Geheimen über ihr geplantes Vorgehen.

Die Tischgespräche über Geld und Wirtschaft sind mehr als rein akademisch. Denn an der Tafel sitzen die Chefs der größten Zentralbanken der Welt. Sie vertreten Länder, die im Jahr ein Bruttoinlandsprodukt von über 51 Billionen Dollar hervorbringen. Das sind immerhin drei Viertel der globalen Wirtschaftsleistung.

Teilten sich am MIT den Doktorvater: Fed-Chef Ben Bernanke (links) und EZB-Präsident Mario Draghi. dapd

Zuletzt drehten sich diese geheimen Unterredungen vor allem um düstere Themen. Im Mittelpunkt standen die weltweiten wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die aggressiven Schritte, die die Währungshüter eingeleitet haben, um ihre nationalen Volkswirtschaften zu steuern. Seit 2007 haben die internationalen Zentralbanken das weltweite Finanzsystem mit mehr als elf Billionen Dollar geflutet. Ein Ende der Stützungsmaßnahmen ist nicht abzusehen, im Gegenteil: Angesichts schwacher Erholungstendenzen und der gravierenden wirtschaftlichen Probleme in Europa wurden sie noch einmal verstärkt. Die größten Notenbanken planen, weitere Milliarden in Staatsanleihen, Hypotheken und Unternehmenskredite zu pumpen.

In den akademischen Standardwerken findet sich nichts zu ihrer geldpolitischen Strategie. Denn die Banker, die da in Basel am Tisch sitzen, führen gerade ein Experiment durch, einen globalen Feldversuch mit hohen Einsätzen. Dabei greifen sie zum Teil auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse einiger der Männer zurück, die in den 1970er und 1980er Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gelehrt und studiert haben.

Vielen nationalen Regierungen, wie zum Beispiel der amerikanischen, gelingt es derzeit nicht, Einigkeit beim fiskalpolitischen Kurs und bei der Frage herzustellen, wie Steuereinnahmen und Ausgaben in Zeiten verlangsamten Wachstums am besten auszutarieren wären. Die Zentralbanker dagegen haben zwischenzeitlich ihren eigenen Weg eingeschlagen. Sie agieren unabhängig von der Gunst der Wähler und Politiker, nur gebunden an zahlreiche Beratungen und an Beziehungen, die in ihre Studienzeit zurückreichen.

Globaler Maßstab

Liegen die Währungshüter richtig, dann werden sie der Weltwirtschaft dabei helfen, eine ausgedehnte Stagnation zu vermeiden. Und sie werden verhindern, dass sie selbst die Fehler wieder begehen, in denen sich ihre Notenbank-Vorgänger in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verfangen hatten. Geht ihre Wette allerdings nicht auf, dann könnten sie eine Inflation entfachen oder einer weiteren Finanzkrise den Boden bereiten. Im Falle eines Scheiterns droht ihnen zudem, dass der Einfluss und die Unabhängigkeit der Zentralbanken erneut beschnitten werden und sie damit genau der Instrumente verlustig gehen, die in Notlagen wie der Finanzkrise von 2008 und 2009 als Ausschlag gebend erachtet worden waren.

„Wird die Geschichte zum Schluss kommen, dass sie zu wenig oder zu viel getan haben? Wir wissen es nicht, denn das Ganze ist immer noch in Arbeit", sagt Kenneth Rogoff, Wirtschaftsprofessor in Harvard. Er ist Co-Autor des Buchs „Dieses Mal ist alles anders", in dem Finanzkrisen über einen Zeitraum von acht Jahrhunderten hinweg untersucht werden. „Sie gehen Risiken ein, weil es sich um eine experimentelle Strategie handelt."

Die US-Notenbank Federal Reserve erwirbt jetzt jeden Monat durch Hypotheken besicherte Wertpapiere im Wert von 40 Milliarden Dollar. Und alles deutet darauf hin, dass die Fed bei ihrem Treffen am Mittwoch weitere Milliarden für den Kauf von US-Schatzpapieren loseisen wird. Die Bank of England versorgt über die Banken des Landes Unternehmen und private Haushalte mit Milliarden von Pfund. Die Europäische Zentralbank hat versprochen, die Kreditkosten für Hilfe suchende Regierungen niedrig zu halten. Die Bank of Japan ist immer stärker dem Druck ausgesetzt, die Deflation zu bekämpfen. Sie kauft nun Staatsanleihen, Unternehmensschuldtitel und Aktien über 91 Billionen Yen oder umgerechnet 1,14 Billionen Dollar auf.

Letztendlich zielen die Notenbanker mit ihren Maßnahmen darauf ab, die Kreditkosten zu senken und die Aktienmärkte anzukurbeln, um auf diese Weise die Ausgaben und Investitionen durch private Haushalte und Unternehmen zu unterstützen. Doch in derart globalem Maßstab wurde die Methode noch nie zuvor angewendet. Und deshalb haben die Währungshüter in diesem Jahr hinter den Kulissen in intensiven Beratungen versucht, die Risiken ihres gewagten Experiments zu taxieren.

Zentralbanken sitzen am Zapfhahn

Auch im Juni hatten sich die Notenbanker in Basel bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich eingefunden. Einen Tag nach ihrem üblichen Dinner erreichte sie eine Warnung eines ihrer Gastgeber. Jaime Caruana, der Generaldirektor der BIZ, hatte die Gruppe ins Visier genommen: „Die Zentralbanken sitzen zwischen zwei Stühlen. Sie werden in die Rolle gedrängt, eine Politik des letzten Auswegs zu gestalten. Sie liefern geldpolitische Anreize in massivem Umfang. Diese Notmaßnahmen könnten unerwünschte Wirkungen zeitigen, sollten sie zu lange fortgesetzt werden", gab Caruana zu bedenken.

Und noch etwas gilt es nach Ansicht von Kritikern im Auge zu behalten: Die Stützung der Aktienmärkte und die Lockerung der Kreditkosten ermöglichen es den nationalen Regierungen, schwierige politische Entscheidungen zu verschieben, um Probleme wie anschwellende Etatdefizite anzupacken.

Die BIZ mausert sich als „Bank der Zentralbanken" zusehends zu einem der Hauptstützpunkte für die Konsultationen über die Finanzlandschaft nach der Krise. Und auch die Volkswirte der BIZ sparen nicht mit kritischen Worten über den derzeitigen Kurs der internationalen Notenbanken. Die Zentralbanken hätten sich auf ihrer Suche nach schnellerem Wachstum übernommen, warnen sie. „Die Notenbanken können die Strukturprobleme der Wirtschaft nicht lösen", sagt Stephen Cecchetti, der bei der BIZ die Abteilung für Geldpolitik leitet. „Das sagen wir schon seit Jahren, das wird langsam lästig."

Die Zentralbanken sitzen an dem Zapfhahn, der die Welt mit Geld versorgt. Wird er aufgedreht, fließt frische Liquidität und heizt die wirtschaftliche Entwicklung an. Die Zinsen gehen nach unten, die Zahl der Arbeitslosen wird gedrückt. Gleichzeitig entsteht die Gefahr einer Teuerung. Dreht man den Hahn zu, steigen die Zinsen, die wirtschaftlichen Aktivitäten kühlen sich ab und den Preisen wird ein Dämpfer versetzt.

Striktes Inseldasein

Bei ihrem riskanten Versuch haben die Notenbanker versprochen, die üppig sprudelnden Geldhähne schnell genug abzustellen, um eine Teuerung abzubiegen, wenn die Weltwirtschaft wieder auf die Beine kommt. Aber so viel Geld zum exakt richtigen Zeitpunkt wieder abzuziehen, könnte sich zu einer politischen und logistischen Herausforderung auswachsen.

Treffpunkt der Notenbanker: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. BIS

„Wir sind uns alle äußerst bewusst darüber, dass wir uns in einem ungewöhnlichen Umfeld bewegen und dass wir eine strategische Waffe einsetzen, mit der wir nicht viel Erfahrung haben", räumte Charles Bean, der stellvertretende Gouverneur der Bank of England, in einem Interview ein.

Die Notenbanker selbst führen im Amt und in der Regierung ein striktes Inseldasein. Denn stehen sie in zu engen Beratungen mit Privatbankern, laufen sie Gefahr, die Märkte in Aufruhr zu versetzen oder Händlern unfaire Vorteile zu verschaffen. Und um ihre Unabhängigkeit zu wahren, versuchen sie, die Politiker auf Abstand zu halten. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise Ende 2007 verlassen sie sich auf Ihresgleichen, wenn sie Rat suchen. Zusammen haben sie die Abwärtsspirale angehalten, in die die Weltwirtschaft geraten war. Im Einklang miteinander haben sie die Zinsen auf historische Tiefststände gesenkt und gleichzeitig Billionen von Dollar, Euro, Pfund und Yen in trudelnde Banken und Märkte gepumpt.

Drei der einflussreichsten Notenbanker der Welt haben die Fundamente ihrer Karriere in demselben Gebäude gelegt. Ihre frühe Wirkungsstätte nennt sich nüchtern „E52" und beheimatet das wirtschaftswissenschaftliche Seminar des MIT. Fed-Chef Ben Bernanke und EZB-Präsident Mario Draghi haben hier Ende der 1970er Jahre ihren Doktor gemacht. Der Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, war in den 1980er Jahren kurzzeitig am Seminar, um zu lehren. Er teilte sich ein Büro mit Bernanke.

Edles Ambiente statt Seminarraum

Viele Volkswirte, die ihre Ausbildung am MIT durchlaufen hatten, verließen das Institut mit der Überzeugung, dass die Regierung dazu beitragen könne, wirtschaftliche Abschwünge abzufedern. Bei dieser Anschauung fällt den Zentralbanken eine besonders wichtige Rolle zu. Und zwar nicht nur, weil sie die Zinsen festlegen, sondern weil sie die öffentlichen Erwartungen beeinflussen können, indem sie sich bei ihren Mitteilungen durch eine sorgfältige Wortwahl auszeichnen.

Als sie noch am MIT studierten, ersannen die zukünftigen Notenbanker allerlei mathematische Modelle und besprachen ihre Einfälle in Seminarräumen und billigen Restaurants in einem heruntergekommenen Viertel von Boston am Charles River. Wenn sie jetzt in Basel über ihrem Sonntagsbraten sitzen und sich das Abendessen oft drei Stunden lang hinzieht, diskutieren sie nicht mehr über abgehobene Zahlentheorien. Sie befassen sich vielmehr mit den drängendsten Probleme der realen Welt und das mit ihrer ganzen Autorität. Das gemeinsame Abendessen ist fester Bestandteil der zweitägigen Konferenz, die sechs Mal im Jahr bei der BIZ abgehalten wird. An der Tafel sitzen die führenden Vertreter der Fed, der EZB, der Bank of England und der Bank of Japan sowie Notenbanker aus Indien, China, Mexiko, Brasilien und einigen anderen Ländern.

„Genau dort geht es richtig zur Sache", sagt Nathan Sheets, Volkswirt bei der Citigroup C +0,51% Citigroup Inc. U.S.: NYSE $51,65 +0,26 +0,51% 29 Aug. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 8,77 Mio. NACHBÖRSLICH $51,59 -0,06 -0,12% 29 Aug. 2014 19:39 Volumen (​15 Min. verzögert) : 216.872 KGV 16,93 Marktkapitalisierung 156,59 Milliarden $ Dividendenrendite 0,08% Umsatz/Mitarbeiter 349.582 $ und früherer Leiter der Abteilung für internationale Angelegenheiten bei der US-Notenbank. Während seiner Amtszeit bei der Fed hat er den Arbeitsessen zwar nicht selbst beigewohnt, ist aber vertraut mit den Abläufen dort. „Während der Krise war jedes einzelne dieser Essen wichtig."

Gouverneur Mervyn King von der Bank of England leitet die Tischgespräche. Das Dinner wird in einem Raum serviert, den die schweizerischen Architekten Herzog & de Meuron gestaltet haben, die auch das „Vogelnest"-Stadion für die Olympischen Spiele in Peking entworfen haben. Eingerahmt von weißen Wänden und einer schwarzen Zimmerdecke verteilen sich die Männer um einen runden Tisch im Essbereich, jeder sitzt an seinem speziellen Platz. Panoramafenster geben den Blick auf Basel frei, weiße Orchideen erfüllen den Saal mit ihrem Duft.

Exklusiver Klub bleibt schweigsam

„Auf diese Weise können die Leute vollkommen privat reden", sagt King im Interview. „Es ist von großem Vorteil, wenn du ein Gefühl dafür bekommst, wie Zentralbanken über Fragen denken und was sie in Zukunft wahrscheinlich tun werden, wenn gewisse Ereignisse eintreten sollten."

Nach den Vorspeisen, dem Wein und unverfänglicher Konversation kommen die ernsten Themen auf den Tisch, berichten mit dem Ablauf der Veranstaltung Vertraute. Üblicherweise leitet King den ernsten Part ein, indem er seine Kollegen auffordert, über die Aussichten in ihren jeweiligen Ländern zu erzählen. Andere stellen weitere Fragen. Es wird weder mitgeschrieben noch ein Protokoll erstellt. Mitarbeiter sind nicht zugelassen.

Die 18-köpfige Gruppe, die früher unter dem Namen Wirtschaftlicher Beratungsausschuss bekannt war, hat bisher nur einmal eine öffentliche Erklärung herausgegeben. Und zwar im September dieses Jahres. Anlass für die denkwürdige Entscheidung waren Behauptungen, einige Privatbanken hätten sich untereinander verschworen, um den Libor-Zinssatz zu manipulieren. Der exklusive Klub der Notenbanker versprach in seiner zweizeiligen Mitteilung, nach Lösungen für die Interbankenkreditmärkte zu suchen.

An den Montagen, die auf das Dinner folgen, schließen sich die Auserwählten einer größeren Gruppe von Zentralbankern an. Dann ziehen sie in eine weiter unten gelegene Etage im BIZ-Gebäude, das wie ein überdimensionierter Turm eines Schachspiels wirkt, um. Sie versammeln sich um einen großen runden Tisch, die Mitarbeiter der Notenbanker beziehen in ihrer Nähe an mit weißem Leder verzierten Schreibtischen Stellung.

„Diese Treffen bilden ein äußerst wichtiges Forum, um die globale Situation zu verstehen," urteilt Duvvuri Subbarao, der Gouverneur der Reserve Bank of India, der auch an den Abendessen teilnimmt. „Die Leute sprechen frei und offen."

BIS hat sich als Treffpunkt etabliert

Während die Zentralbanker sich meist in ihrem gemeinsamen Ziel einig sind, für Vollbeschäftigung auf der Welt zu sorgen, so stehen ihre Intentionen gelegentlich aber auch in starkem Widerspruch zueinander.

Im November 2010 zum Beispiel hatten Vertreter der Fed hohe Wogen der Entrüstung zu glätten, die ihnen in Basel entgegenschlugen. Die US-Notenbank hatte damals im Rahmen ihres Kurses der quantitativen Lockerung ein Anleihekaufprogramm über 600 Milliarden Dollar auf den Weg gebracht. Als William Dudley, der Präsident der New Yorker Fed, und die Vizevorsitzende der Notenbank, Janet Yellen, ein paar Tage später in Basel zu einer Wochenendkonferenz eintrafen, waren sie überrascht, welchen Unmut das Stützungsprogramm der Fed unter den aufstrebenden Ländern ausgelöst hatte, berichten Insider. Dudley und Yellen brachten das Treffen größtenteils damit zu, das Vorgehen der US-Notenbank zu erklären und die Bedenken anderer Zentralbanker zu zerstreuen, das Programm könne eine Inflation auslösen oder ihre Märkte auf unerwünschte Weise mit Kapital überschwemmen.

„Immer wenn die Fed zum Mittel der quantitativen Lockerung greift, wird das diskutiert", sagt Subbarao. „Wir müssen alle damit rechnen, dass unser politischer Kurs auf andere Länder ausstrahlt." Und Basel sei der Ort, an dem solche Bedenken zur Sprache gebracht würden.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich war 1930 ins Leben gerufen worden, um die Reparationszahlungen abzuwickeln, die gegen Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg verhängt worden waren. Seitdem hat sich die Rolle der BIZ naturgemäß verändert und stark ausgeweitet. In den 1970er Jahren bildete die Bank das Zentrum für die Verhandlungen über die Kapitalvorschriften für die Banken. In den 1990er Jahren etablierte sich das Baseler Institut als Treffpunkt für die Zentralbanker, um über die globale Wirtschaft zu reden.

Trotz Differenzen ein fester Bund

Gewöhnlich gehen die Notenbanker nicht so weit, dass sie ihre Schritte ausdrücklich miteinander koordinieren. Fed-Chairman Bernanke, EZB-Präsident Draghi und der Chef der Bank of Japan, Masaaki Shirakawa, sind stärker auf die Herausforderungen in ihrem eigenen Revier konzentriert. Shirakawa habe andere Kollegen in Basel oft vor der Wirksamkeit einer Politik des billigen Geldes gewarnt, sagen mit seinen Äußerungen Vertraute. Aufgrund dieses Zögerns ist die japanische Notenbank bei den am Sonntag in Japan anstehenden Wahlen zum Wahlkampfthema geworden. Shinzo Abe, der Favorit für das Amt des Ministerpräsidenten, hat versprochen, die Unabhängigkeit der Notenbank zu beschneiden, und aggressivere Bemühungen verlangt, der Deflation der Verbraucherpreise ein Ende zu setzen.

Doch bei allen Zweifeln und Differenzen über die Wiederbelebung der Weltwirtschaft stehen sich die Notenbanker in festem Bund zur Seite, wenn es darum geht, in gemeinsamer Bemühung das Wachstum zu steuern und sich gegen Instabilitäten des Finanzsystems zu wappnen. Ihre engen und loyalen Beziehungen zueinander manifestieren sich in ihren Gesprächen, ob sie nun über das Telefon oder von Angesicht zu Angesicht geführt werden. Wenn es zu einer Krise komme, verrät King, „dann liegt ein großes Geheimnis der Zentralbankkooperation darin, dass du einfach zum Hörer greifen und sehr schnell zu einer Einigung gelangen kannst."

In diesem Sommer standen die Mitglieder des Zentralbank-Clans untereinander stets in engem Kontakt, während sie sich auf eine neue Runde geldpolitischer Aktionen vorbereiteten. Am 8. Juni telefonierten Bernanke und King eine halbe Stunde lang miteinander, bevor sie sich in die Sitzungen über den geldpolitischen Kurs ihrer jeweiligen Notenbanken begaben, wie aus den Aufzeichnungen über Bernankes Telefonverbindungen hervorgeht, die auf Anfrage herausgegeben wurden. Ein paar Tage später führte Bernanke ein Telefongespräch mit Mark Carney, dem Chef der Bank of Canada, der im vergangenen Monat zum Nachfolger von King ernannt wurde. Kurz darauf rief Bernanke Stanley Fischer an. Fischer leitet die Bank of Israel. Der ehemalige MIT-Professor hatte Bernanke bei dessen Dissertation beraten. Am 18. Juni telefonierte Bernanke den Aufzeichnungen zufolge von seiner Wohnung auf dem Capitol Hill aus am frühen Morgen mit Draghi und King und besprach mit ihnen, welche Auswirkungen die Wahlen in Griechenland auf das Finanzsystem in Europa haben könnten.

Spannungen in Jackson Hole

Die Zentralbanker der Welt sehen sich mit zwei gegensätzlichen Auffassungen ihrer Arbeit konfrontiert. Eine Einschätzung lautet, die Notenbanken hätten nicht genug getan, um die wirtschaftliche Malaise zu bekämpfen. Die andere folgt dem Argument, dass die Politik des billigen Geldes nicht genügend Schlagkraft hat, den Volkswirtschaften aufzuhelfen, aber dabei gleichzeitig das Risiko birgt, eine unkontrollierbare Teuerung oder eine weitere Finanzblase auszulösen.

Im August bahnten sich die Spannungen um diesen Widerstreit einen Weg an die Oberfläche, als sich die Fed wie jedes Jahr nach Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming zurückgezogen hatte. Adam Posen war zum Angriff übergegangen. Er hatte erst vor kurzem seine vierjährige Amtszeit als Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank of England beendet. Die Zentralbanker seien nicht willens, mehr für die Ankurbelung ihrer Volkwirtschaften zu tun, weil sie sich „selbst Tabus auferlegt" hätten, kritisierte er. Die Notenbanken sollten geschwächten Märkten, wie etwa denen für US-Hypotheken und europäische Staatsanleihen, größere Unterstützung zukommen lassen, forderte Posen.

Athanasios Orphanides nahm die Gegenposition ein. Auch er ist ein MIT-Professor, der jüngst eine Amtszeit als Chef der zyprischen Notenbank absolvierte. In den siebziger Jahren hätten die Zentralbanken versucht, die Arbeitslosigkeit auf das niedrige Niveau der sechziger Jahre zurückzuführen. Allerdings hätten sie dabei den Fehler begangen, die Zinsen zu lange zu niedrig zu belassen. Das Ergebnis sei dann Inflation statt Vollbeschäftigung gewesen, führte er aus. Falls die Banken erneut den Fehler machten, ihre Fähigkeit zu überschätzen, die Arbeitslosigkeit zu drücken, „dann wird es an der Preisfront zur Katastrophe kommen."

Charles Bean von der Bank of England äußerte zwischenzeitlich Bedenken, die derzeitige Niedrigzinspolitik sei dabei, ihre Wirksamkeit einzubüßen. Auch King hat sich später in diesem Sinne geäußert. Niedrige Zinsen könnten bei den Unternehmen und Verbrauchern zu Ausgaben führen, die geringer als erwartet ausfielen, wenn Regierungen und der private Bereich von einer zu hohen Schuldenlast niedergedrückt würden, sagte er.

„Es gibt vieles, was wir nicht verstehen", sagte lapidar Donald Kohn, der ehemalige Vize-Vorsitzende der Fed.

Aktivismus löst Skepsis aus

Bernanke hielt sich während der Diskussion zurück. Aber er und die anderen führenden Notenbanker waren bereits darauf vorbereitet, ein neues geldpolitisches Feuerwerk zu zünden.

Ein paar Tage später verkündete die EZB eine Übereinkunft, Anleihen von in Not geratenen europäischen Regierungen zu kaufen, wenn das jeweilige Land im Gegenzug einen eisernen Sparkurs beibehält.

Dann stellte die Fed Pläne vor, jeden Monat Anleihen zu kaufen, bis sich der US-Arbeitsmarkt „beträchtlich" erhole. Und trotz der zögerlichen Haltung von Shirakawa zog bald darauf auch die Bank of Japan nach und kündigte an, ihr Anleihekaufprogramm ebenfalls auszuweiten.

Bei den Volkswirten der BIZ löst der Zentralbank-Aktivismus mittlerweile allerdings immer größere Skepsis aus. Vor der Finanzkrise hätten sie vergeblich vor einer Kreditblase gewarnt. „Das hat niemand ernst genommen", sagt William White, der frühere Spitzenvolkswirt des Instituts. Und jetzt steuerten die Notenbanken auf ihrer schwer realisierbaren Suche nach kurzfristigem Wachstum möglicherweise erneut auf langfristiges Probleme zu.

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