7,5 Tonnen schwer: Ein Zeiger der Perrot-Uhr für den Abraj Al-Bait Turm in Mekka. Die Turmuhr ist die größte der Welt. Vier Jahre lang haben die Schwarzwälder Uhrenhersteller an ihr gearbeitet. Perrot GmbH & Co. KG

CALW - Seit 150 Jahren baut die Perrot GmbH aus dem schwäbischen Calw Turmuhren für Kirchen und andere, meist öffentliche Gebäude. Ein Auftrag aus Saudi-Arabien brachte die Firma in eine komplett neue Dimension: Perrot sollte im Zentrum der heiligen Stadt Mekka eine Uhrenanlage für einen Hotelturm bauen, mit vier gigantischen Zifferblätter von jeweils 43 Metern Durchmesser, zum Einbau in über 400 Metern Höhe.

Das Familienunternehmen aus dem Schwarzwald hat begonnen, seine Exportbasis über Europa hinaus zu erweitern, es knüpft Kontakte in die schnell wachsenden Entwicklungsländer. Mit der geographischen Neuausrichtung stehen die Perrots nicht alleine da. Viele der insgesamt 270.000 deutschen Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe finden ihre Abnehmer inzwischen in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Lateinamerikas und verringern so ihre Abhängigkeit von der schrumpfenden Wirtschaft der Eurozone.

2010 wurde die Uhr in den Turm des Mecca Royal Clock Tower Hotel eingebaut. Perrot GmbH & Co. KG

Die überdimensionierte Uhr von Perrot für das Mecca Royal Clock Tower Hotel, den zweitgrößten Wolkenkratzer der Welt, ist aus allen Himmelsrichtungen kilometerweit zu sehen. "Uns hat das Projekt in der ganzen arabischen Welt sichtbar gemacht und sogar darüber hinaus", sagt Johannes Perrot, der das Familienunternehmen zusammen mit seinen zwei Brüdern führt.

BRIC-Exporte haben sich fast versiebenfacht

Für die deutsche Industrie, so sagt Ilja Nothnagel, die bei der Industrie- und Handelskammer in Berlin als Beraterin für Außenhandel tätig ist, "wird der Trend zur Erschließung neuer Märkte anhalten, wenn man das schnelle Wachstum und die soliden Investitionen in den Schellenländern einmal vor Augen führt."

Deutsche Unternehmen sind im Ausland für ihre qualifizierten Ingenieursleistungen bekannt und profitieren neben der Wettbewerbsfähigkeit vor allem von der gesuchten Mischung aus Spezialausrüstung und hochwertigen Produkten. Die sogenannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China dürften auch im nächsten Jahr den Welthandel in Schwung halten, während die Wirtschaft der Eurozone wahrscheinlich auch 2013 schrumpft. Die Ausfuhren aus Deutschland in die BRIC-Staaten hat sich seit 1996 fast versiebenfacht, auf 121 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Schwarzwälder Erfolgsstory:

Und der Trend setzt sich fort. Bis Oktober wuchsen die deutschen Exporte insgesamt um 4,8 Prozent verglichen mit dem Vorjahreszeitraum, wie jüngste Daten der Statistikbehörde Destatis ausweisen. Dabei kommt das Wachstum ausschließlich von außerhalb der Eurozone: Wahrend Deutschland in andere Währungsgebiete 10,9 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen lieferte, gingen die Ausfuhren in die übrigen Länder der Eurozone um 1,2 Prozent zurück.

Weil die größte Volkswirtschaft der Eurozone zunehmend unabhängig von den traditionellen Märkten wird, stellen einige Deutsche bereits die Frage, warum die Bundesrepublik Europa überhaupt noch so wichtig nimmt wie bisher. Euroskeptiker wie der wegen seiner radikalen Ansichten zur Integration von Immigranten höchst umstrittene frühere Bundesbankdirektor Thilo Sarrazin sind der Meinung, dass die Zukunft des Landes jenseits von Europa liegt.

Frankreich ist Exportziel Nummer eins - noch

Für die meisten deutschen Unternehmen stehen die europäischen Märkte aber nach wie vor für einen Großteil ihres Geschäfts. Frankreich wird in den nächsten Jahren der wichtigste Handelspartner von Deutschland bleiben. Aber das Wachstum kommt zunehmend woanders her. China dürfte Frankreich als Exportziel Nummer eins bis etwa 2030 überrunden, heißt es in einem Ausblick der Volkswirte von HSBC zur globalen Entwicklung im Handel.

Und diese Entwicklung ist bereits in vollem Gange. Der Anteil der deutschen Exporte, der in Länder der Eurozone ging, lag nach offiziellen statistischen Daten in den ersten drei Monaten bei 37,6 Prozent. 1991 waren es noch 51,6 Prozent und damit mehr als die Hälfte.

Großkonzerne wie Volkswagen führen die Jagd nach den Auslandsmärkten schon lange an. Aber es gibt eine wachsende Zahl kleiner und mittlerer Betriebe, besonders solchen, die auf Nischenmärkten unterwegs sind, die sich ebenfalls zunehmend mit ihren Geschäften von Europa abkoppeln.

Das riesige Ziffernblatt in 400 Metern Höhe ist auch bei Nacht weithin sichtbar Agence France-Presse/Getty Images

"Künftiges Wachstum findet überwiegend außerhalb der Eurozone statt. Deshalb sind Asien - dort vor allem China - und sie USA sowie Brasilien Schlüsselmärkte für uns", sagte Stefan Kleibert, der Vorstandschef der Schuler AG, ein Hersteller von Münzprägepressen, Umformanlagen und anderen Maschinen zur Metallbearbeitung. Schuler macht inzwischen ein Drittel seines Umsatzes auf asiatischen Märkten. Im Jahr 2000 lag dieser Anteil bei gerade einmal 5 Prozent. "Würden wir uns nur auf die Eurozone verlassen, stünde unser Unternehmen längst nicht so solide da", sagte Klebert.

Schuler stellt auch Maschinen her, mit denen Spraydosen gepresst werden können. Die Firma setzt auf das riesige Potenzial des chinesischen Marktes: "Bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen ist in China zwangsläufig mit steigender Nachfrage nach Haarspray und Deodorants zu rechnen. Und da kommen wir ins Spiel", sagte Klebert.

Calwer Uhrenbauern profitieren von pietistischen Wurzeln

Bei den Calwer Uhrenbauern von Perrot werden die Geschäfte mittlerweile in der fünften Generation geführt. Was mit Uhren für Dorfkirchen im Schwarzwald begann, hat sich inzwischen auf die Ausstattung von Türmen in ganz Europa ausgeweitet. Selbst in entlegenen Gegenden der Welt sind die Perrots inzwischen unterwegs.

Die Herkunft der Familie hat ihr geholfen, den spektakulären Auftrag aus Mekka zu bekommen. Calw hat streng christlich-pietitistische Wurzeln. "Wir sind hier sehr organisiert. Unsere Werkstatt ist sauber und aufgeräumt, es hängen dort keine Bilder von Pin-up-Mädchen an den Wänden", sagt der Firmenchef. "Das hat uns Vertrauen bei den Muslimen eingebracht."

Perrot hat kürzlich große Uhren für Kathedralen ins brasilianische Sao Paulo und ins russische St. Petersburg geliefert. Als nächstes will das Familienunternehmen auf den chinesischen Markt vordringen. Perrot ist bereits jetzt der eigentlich unwahrscheinliche Exportchampion in Calw, ein Kreisstädtchen im Nagoldtal, das vor allem als Geburtsstadt des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse bekannt geworden ist. Auch zu ihm haben die Perrots eine Beziehung, denn als 17-Jähriger machte der berühmte Romancier bei dem Uhrmacher eine Lehre.

Neben den Entwicklungsländern wird auch die USA wieder zu einer Wachstumsregion, jetzt, da sich die dortige Konjunktur langsam erholt. Die Exporte aus Deutschland in die Vereinigten Staaten sind in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 20,9 Prozent gestiegen.

Ohnehin haben die Ausfuhren Deutschlands seit Anfang der 1990er Jahre stärker zugelegt als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Dieser Trend dürfte sich nach Einschätzung von Experten auch noch etliche Jahre fortsetzen. Die Wirtschaft der Bundesrepublik ist in zunehmendem Maße von ihren Auslandskunden abhängig. Exporte machten im Jahr 2011 insgesamt 41 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, 2001 waren es noch 30 Prozent und 1991 sogar nur 22 Prozent.

Kontakt zum Autor: nina.koeppen@dowjones.com