Frankfurts Bankenviertel hat die Eurokrise bislang weitgehend unbeschadet überstanden. Doch zwischen den imposanten Hochhäusern macht sich Europas wachsende Armut bemerkbar. Immer mehr Obdachlose schlafen auf den Grünflächen. Die wenigsten von Ihnen sprechen Deutsch: Es sind vor allem Einwanderer aus Südosteuropa.

Auf der Flucht vor der Krise in ihren Heimatländern haben sie sich nach Deutschland aufgemacht, um Arbeit zu suchen. Viele der Einwanderer kommen aus den ärmsten EU-Mitgliedsstaaten – Bulgarien und Rumänien. Sie sprechen kaum Deutsch und werden zunehmend zum Ziel von Fremdenfeindlichkeit.

Emrah Dobrich, 22, kam vor drei Jahren aus Bulgarien nach Mannheim. The WSJ/ Konrad Putzier

Laut neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes kamen im Januar und Februar dieses Jahres 27.242 Bulgaren und Rumänen nach Deutschland. Das sind 13 Prozent mehr als in den ersten beiden Monaten 2012, das bereits ein Rekordjahr war. Ein Anfang der Woche von der Bild-Zeitung publiziertes Regierungsdokument warnt vor wachsenden Kosten durch Armutseinwanderung.

Es ist nicht klar, wie viele der Zuzügler Roma sind, doch ihre Zahl nimmt stetig zu. „Roma – und arme Menschen im Allgemeinen – wurden von der Krise besonders hart getroffen", sagt Joost de Laat, der das Roma-Programm der Weltbank koordiniert.

In Teilen Deutschlands führt der Zuzug zu überfüllten Häusern, sozialen Spannungen und Fremdenfeindlichkeit. Laut einer Umfrage, die das Magazin Focus Anfang des Jahres bei TNS Emnid in Auftrag gab, unterstützen 70 Prozent der Deutschen Einreisebeschränkungen für Staatsbürger der neuesten EU-Mitgliedsländer.

Roma stoßen auf viel Ablehnung

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, warnt vor einer neuen „populistischen Rassenideologie": „Im Vorfeld der Bundestagswahl werden Roma benutzt, um von der wirtschaftlichen Krise abzulenken und Stimmen zu gewinnen."

In Duisburg ist ein Haus, in dem geschätzte 300 Roma leben, zum Symbol der Spannungen geworden. „Sie haben überhaupt keine Kultur, privat würde ich mich nicht mit ihnen abgeben", klagt ein örtlicher Ladenbesitzer, selbst ein türkischer Einwanderer. Andere fordern, dass „sie dahin zurückgehen, wo sie hergekommen sind".

Die meisten Beschwerden richten sich gegen die sichtbaren Zeichen der Armut: Müll, Teenager, die auf der Straße herumlungern und Kriminalität. Einheimische haben ein Komitee gegen den Zuzug weiterer Roma gegründet und im März veranstaltete eine rechtspopulistische Splitterpartei eine Demo vor dem Haus.

Fremdenfeindlichkeit gegen Roma ist hierzulande ein besonders sensibles Thema. Schließlich befahl Adolf Hitler während des Zweiten Weltkriegs den Völkermord an den europäischen Roma, hundertausende starben in Todeslagern. Die Bundesrepublik erkannte dies erst im Jahr 1982 offiziell als Genozid an.

"Unheilige Tradition jahrhundertelanger Diskreditierung"

In einer Rede vor Schleswig-Holsteins Landtag im März warnte Bundespräsident Joachim Gauck, dass die Stigmatisierung von Roma „die unheilige Tradition jahrhundertelanger Diskreditierung, Ausgrenzung und Verfolgung" fortsetze. Innenminister Hans-Peter Friedrich hat hingegen immer wieder vor einem „Flächenbrand" durch Einwanderer, die auf Kosten des deutschen Staates leben, gewarnt. Zuletzt forderte er Brüssel auf, Einreisebeschränkungen für bestimmte Einwanderer zu prüfen, die durch Ausnutzung des Sozialstaates aufgefallen sind.

Krstanovic (rechts) hilft Greta Atanasova beim Antrag fürs Kindergeld. The WSJ/ Konrad Putzier

Viele widersprechen der Einschätzung des Ministers. „Einwanderer, die auf Kosten des Sozialstaats leben, sind kein Massenphänomen", sagt Rainer Münz, Migrationsexperte bei Erste Bank Group und ehemaliger Berater der EU.

Die Geschichte der rumänischen Einwanderin Elisabeta ist typisch für viele Roma. Im Jahr 2007 kam sie in einem alten Auto mit ihrem Ehemann und ihren beiden Söhnen nach Mannheim. Seitdem lebt sie vom Betteln. „Ich bin nicht zur Schule gegangen und konnte in Rumänien keine Arbeit finden", sagt sie. „In Deutschland habe ich wenigstens genug zu essen."

Mannheims Regierung schätzt, dass 8.000 Einwanderer aus Bulgarien und Rumänien in der Stadt leben, viele davon im Stadtteil Jungbusch. „Überfüllung ist ein besonderes Problem", sagt Marija Krstanovic, eine Sozialarbeiterin, die bulgarischen Einwanderern hilft. Die Sprachbarriere ist ein weiteres Hindernis. Elisabeta spricht kein Wort Deutsch und musste mithilfe eines Dolmetschers sprechen.

Während auf Bundesebene debattiert wird, handelt Mannheim. Die Stadt hat Anfang des Jahres einen Integrationsfonds gestartet, der unter anderem Menschen mit Bulgarischkenntnissen an staatlichen Stellen einstellt und Sprachkurse finanziert.

„Bei der Hälfte der Menschen, die herkommen, mangelt es an Bildung", sagt Hermann Genz, Leiter des Fachbereiches Arbeit und Soziales der Stadt Mannheim. „Doch die Tatsache, dass sie hier sind, zeigt, dass sie Antrieb haben und ihr Leben verbessern wollen. Solche Menschen können wir immer gebrauchen."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de