Anhänger des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez versammelten sich am Samstag in vielen Teilen des Landes auf öffentlichen Plätzen und folgten seiner Fernsehansprache, in der er dem Volk von seiner schweren und möglicherweise unheilbaren Krebserkrankung erzählte. Reuters

CARACAS—Venezuelas Präsident Hugo Chávez muss sich wegen seiner Krebserkrankung notoperieren lassen und schürt damit Spekulationen, dass er bald sterben könnte. Zum ersten Mal in seiner 14-jährigen Zeit als Machthaber hat Chávez am Wochenende den Namen eines möglichen Nachfolgers ins Spiel gebracht. Jetzt stehen große Fragezeichen über der Zukunft des ölreichsten Landes der Welt, in dem Chávez als selbst ernannter sozialistischer Revolutionär eine knallharte Verstaatlichungs- und Umverteilungspolitik betreibt.

In einer Fernsehansprache am späten Samstagabend erklärte Chávez überraschend, dass bösartige Krebszellen wiedergekehrt seien und dass er in den nächsten Tagen für eine weitere Krebsoperation nach Kuba fliegen werde. In der betroffenen Beckenregion war der sozialistische Staatsführer schon mindestens zwei Mal operiert worden und hatte seit Juni vergangenen Jahres mehrere Krebstherapien erhalten.

Wenn ihm etwas zustoßen sollte...

Erstmals erwähnte Chávez in seiner Rede öffentlich das mögliche Ende seiner Herrschaft: Wenn ihm „etwas zustoßen sollte", sollten sich seine Anhänger hinter Vizepräsident Nicolas Maduro stellen, einen früheren Busfahrer und Gewerkschaftsführer, der Beobachtern zufolge als fähigster Mann in Chávez' innerstem Machtzirkel gilt.

„Dankbarerweise hängt diese Revolution nicht nur von einer einzigen Person ab", sagte Chávez während der emotionalen 30-minütigen Ansprache aus dem Präsidentenpalast und küsste ein Kreuz, umringt von düster dreinblickenden Mitarbeitern.

Chávez, ein früherer venezolanischer Panzerkommandeur, hat sich einen Namen gemacht als einer der offensten Kritiker des Kapitalismus im Allgemeinen und der USA im Besonderen. Seine sozialistischen Visionen fanden in Bolivien, Ecuador, Argentinien und Nicaragua reichlich Anklang.

„Das ist ganz klar der Anfang vom Ende für Chávez – politisch und medizinisch", sagt Riordan Roett, leitender Lateinamerika-Wissenschaftler an der Johns Hopkins Universität im amerikanischen Baltimore.

Chávez küsste während seiner Fernsehansprache ein Kruzifix. Er nannte erstmals den derzeitigen Vizepräsidenten Nicolas Maduro als möglichen Nachfolger an der Spitze des sozialistischen und weltweit ölreichsten Landes. Associated Press

Zwar hat Chávez selbst nie preisgegeben, an welcher Art Krebs er leidet und welche medizinische Prognose man ihm gegeben hat. Experten aber sagen, dass die wiederholten Operationen nichts Gutes verhießen: „Es gibt keinen Krebs, bei dem eine dritte Operation irgendetwas Gutes bedeutet. Es gibt nicht viele Arten, bei denen man wieder und wieder operieren würde, weil das normalerweise nicht hilft", sagt Randolph Hecht, ein Gastroentologe am Jonssons Comprehensive Cancer Center der Universität Kalifornien, der selbst nichts mit der Behandlung von Chávez zu tun hat. Er glaubt aber, dass „das alles sehr selbstredend ist".

Sollte Chávez sein Amt nun nicht fortführen können oder gar sterben, müsste es laut venezolanischer Verfassung binnen eines Monats Neuwahlen geben. Chávez, der erst im Oktober für weitere sechs Jahre als Präsident bestätigt wurde, soll eigentlich am 10. Januar für seine nächste Amtszeit vereidigt werden.

Bis heute profitiert Kuba von kostenlosem Erdöl

Für andere kommunistische Regierungen in Lateinamerika wäre der mögliche Tod von Chávez ein Desaster. Chávez hat in der Region das ideologische Erbe von Kubas Revolutionsführer Fidel Castro übernommen, und bis heute profitiert Kuba von riesigen kostenlosen Erdöl-Lieferungen aus Venezuela.

Im Falle eines Rücktritts oder Todes würde der politische Machtkampf in Venezuela dann zwischen Vizepräsident Maduro und dem Oppositionspolitiker Henrique Capriles ausgetragen werden müssen. Capriles hatte bei der Präsidentschaftswahl im Oktober gegen Chávez verloren. Er muss aber an diesem Sonntag zunächst bei den Regionalwahlen beweisen, dass er sich an der Macht halten kann. In seinem Heimatstaat Miranda liegt er Wahlprognosen zurzeit knapp vor dem früheren Vizepräsidenten Elias Jaua, einem der engsten Gefolgsleute von Chávez.

Obwohl Chávez die Wahl im Oktober mit einem Vorsprung von 10 Prozent gewann, holte die Opposition ihr bestes Ergebnis seit Chávez' Amtsantritt im Jahr 1998. Und Capriles' Chancen dürften noch besser ausfallen, wenn er gegen einen der Gefolgsmänner von Chávez antreten würde. Diese sind weitaus weniger beliebt als der Präsident selbst, der sich über die Jahre einen direkten, fast spirituellen Kontakt zu den Armen im Land aufgebaut hat.

Kein anderer hat das Charisma von Chávez

„Chávez ist wie eine Naturgewalt in der lateinamerikanischen Politik. I zweifle sehr stark daran, dass Maduro diesen bolivarischen Charme und dieses Charisma beibehalten kann", sagt Experte Roett.

Auch Alberto Ramos, Volkswirt bei Goldman Sachs, GS +0,61% Goldman Sachs Group Inc. U.S.: NYSE $176,22 +1,07 +0,61% 22 Aug. 2014 13:41 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,56 Mio. KGV 10,86 Marktkapitalisierung 77,17 Milliarden $ Dividendenrendite 1,25% Umsatz/Mitarbeiter 1.176.230 $ glaubt, dass der „Chavismo" ohne Chávez nicht so überzeugend wäre: „Keine andere hochrangige Figur hat es bisher verstanden, das Charisma und den einzigartigen Draht des Präsidenten zu den Wählern nachzuahmen."

Indem er schon jetzt einen möglichen Nachfolger ins Spiel bringt, verringert Chávez die Aussicht auf ein politisches Chaos im Falle eines plötzlichen Todes. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es zu einer schwierigen und gewalttätigen politischen Umbruchphase komme, sagen Analysten.

Thousands of Hugo Chavez supporters turned out on Sunday in Caracas to wish the leader well following his announcement that he will again need treatment for cancer. Photo: Associated Press.

„Wenn Präsident Chávez die politische Szene aus gesundheitlichen Gründen verlassen müsste, könnte sich die Chavismo-Bewegung irgendwann abschwächen, was möglicherweise zu einem stürmischen und nicht unbedingt kurzen politischen Umbruch in Venezuela führen könnte", sagt Experte Ramos.

Dazu kommt, dass die venezolanische Wirtschaft im nächsten Jahr massiv schwächeln dürfte. In diesem Jahr ist sie wegen der erhöhten Regierungsausgaben im Vorfeld der Wahl um rund 5 Prozent gewachsen. Jetzt aber zeigt sich die Kehrseite des staatlichen Prassens: Die Kluft zwischen den Einnahmen und Ausgaben der Regierung dürfte bis Ende des Jahres bei etwa 20 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung liegen – vor vier Jahren lag sie nur bei 5 Prozent.

Die meisten Volkswirte rechnen damit, dass die Regierung die Landeswährung stark abwerten wird, um die Dollar-Einnahmen umgerechnet in Bolívar aufzublähen und so die Finanzlücke künstlich zu verkleinern. Eine Abwertung der heimischen Währung aber würde andererseits wohl über höhere Importpreise die Inflation erhöhen und dem Wachstum schaden.

Regierung verknappt die Dollar-Geldmenge im Land

Über komplexe Wechselkurs-Kontrollen begrenzt die klamme Regierung die umlaufende Dollar-Geldmenge. Das hat dazu geführt, dass der US-Dollar im Land knapp bleibt und sich der Bolívar rasch abwertet. Für einen US-Dollar bekommt man zurzeit auf dem Schwarzmarkt mehr als 15 Bolívar. Die offizielle Umtauschrate liegt bei 4,3 Bolívar je Dollar.

Analysten sagen, die Regierung werde aber unter Chávez in absehbarer Zeit wohl kaum eine größere geldpolitische Maßnahme einleiten – auch um seinen möglichen Nachfolger nicht gleich zu drangsalieren, sollten tatsächlich Neuwahlen anberaumt werden müssen. Ohne neue Schritte dürften die wirtschaftlichen Probleme noch größer werden.

Sollte Chávez noch vor seinem Tod abdanken, könnte er selbst eine starke politische Kampagne für Maduro ankurbeln und die Einigkeit innerhalb seiner teils stark zersplitterten Bewegung beschwören, sagt Moisés Naím, ein internationaler Kolumnist und wirtschaftspolitischer Experte an der Denkfabrik Carnegie Endowment for Internationale Peace in Washington.

Während seiner Fernsehansprache am Samstag betonte Chávez selbst dieses Thema. „Einheit! Einheit! Einheit!" sagte er immer wieder, während seine Anhänger überall im Land in roten T-Shirts vor den Bildschirmen standen und ihm Genesungswünsche zuriefen. Einige hatten sich sogar zu einem Massengebet im Westen Venezuelas versammelt.

In seiner Rede klang Chávez so, als rühre er bereits die Werbetrommel für seinen möglichen Nachfolger Maduro. „Es ist meine feste Meinung, so klar wie der Vollmond, unwiderruflich, absolut, total – dass in diesem Szenario, wonach gemäß der Verfassung Neuwahlen abgehalten werden müssten, dass Ihr alle Nicolas Maduro zum Präsidenten wählen würdet. Und ich bitte Euch das aus tiefstem Herzen."

Berichtigung
In einer früheren Version dieses Artikels war fälschlicherweise von "Kubas verstorbenem Revolutionsführer Fidel Castro" die Rede. Richtig ist, dass Herr Castro nach wie vor lebendig ist. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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