Nach dem Libor soll die britische Bank Barclays auch beim Euribor die Finger im Spiel gehabt haben. Reuters

BRÜSSEL – Bis jetzt hat sich der Skandal über die versuchten Zinsmanipulationen verschiedener Banken vorwiegend auf den britischen Libor, die London Interbank Offered Rate, konzentriert. Das ist der Zinssatz, zu dem sich international operierende Banken am Finanzplatz London Gelder bei anderen Banken beschaffen.

Doch dieser Satz hat auch noch einen kleineren, weniger bekannten Bruder namens Euribor, die Abkürzung für den Euro Interbank Offered Rate. Und dieser Zins, zu dem ausgewählte Institute einander kurzfristige Kredite in Euro gewähren, kommt nun immer stärker unter Beschuss. Er dient als Basis für die Zinsen auf Finanzprodukte über Billionen von Euro, die von Hypothekendarlehen über Unternehmenskredite bis hin zu Derivaten reichen.

Eine ganze Reihe von Banken muss sich darauf einstellen, bald von der EU-Kommission mit dem Vorwurf konfrontiert zu werden, in versuchter geheimer Absprache auch an der Euribor-Festsetzung gedreht zu haben. Das berichten Personen, die in die Untersuchung eingeweiht sind. Die britische Bank Barclays BARC.LN +0,91% Barclays PLC U.K.: London GBp222,80 +2,00 +0,91% 22 Aug. 2014 17:06 Volumen (​15 Min. verzögert) : 40,04 Mio. KGV 32,29 Marktkapitalisierung 36,26 Milliarden GBp Dividendenrendite 1,80% Umsatz/Mitarbeiter 212.636 GBp hat bereits zugegeben, sich an der Zinsmanipulation versucht zu haben. Es sei davon auszugehen, dass weitere Banken von den Branchenwächtern in den USA, Großbritannien und in anderen Ländern zu ähnlichen Eingeständnissen gedrängt würden, sagen Vertreter der Branche und der Aufsichtsbehörden.

Der Europäische Bankenverband EBF, der für den Euribor verantwortlich zeichnet, führt einen Feldzug, um die Kontrolle über den Zins zu behalten. Doch die Argumente des EBF werden durch die Tatsache geschwächt, dass Verbandsvertreter sich möglicher Mängel bei der Berechnung des Zinssatzes zwar seit Langem bewusst waren, allerdings nicht entschlossen für die Behebung der Unzulänglichkeiten eingetreten sind, berichten Personen, die an der Festlegung des Euribor beteiligt sind und mit internen EBF-Dokumenten und E-Mails vertraut sind.

„Wir sind offen für alles"

Bis jetzt hat sich der Euribor dem grellen Rampenlicht noch weitgehend entziehen könne, in das der Libor seit Juni geraten war, nachdem Barclays wegen der Vorwürfe der Zinsmanipulation einen Vergleich eingegangen war. Dokumente, die die Regulierungsbehörden veröffentlicht haben, und Interviews mit Vertretern der Bankenbranche und der Aufsicht deuten jedoch auf weit verbreitete Versuche von Kreditinstituten hin, den Euribor auf unangemessene Weise zu beeinflussen, indem sie falsche Daten einreichten und untereinander zusammenarbeiteten. Geprüft wird mindestens ein Dutzend Banken. Und mindestens vier von ihnen werden beschuldigt, mit Barclays kooperiert zu haben, wie aus offen gelegten Papieren von Banken und Regulierern hervorgeht.

Der in Brüssel beheimatete EBF versucht, dem Schicksal der Kollegen von der British Bankers' Association zu entgehen. Dem britischen Bankenverband hatte die Branchenaufsicht in Großbritannien im Herbst nämlich die Kontrolle über den Libor entzogen. Bei Treffen mit politisch Verantwortlichen argumentieren die EBF-Emissäre, der Euribor sei transparenter als der Libor und sie glaubten nicht daran, dass der Satz frisiert wurde. Außerdem bieten sie nun an, die Methode, wie der Zins berechnet und überwacht wird, möglicherweise in beträchtlichem Umfang zu verändern, um die Kritiker zum Schweigen zu bringen. „Als der Libor-Skandal zu Tage trat, haben wir keine Sekunde gezögert, allen mitzuteilen, dass wir mit Freuden für eine staatlichen Beaufsichtigung zugänglich wären", sagt EBF-Chef Guido Ravoet. „Es gibt sicherlich Schwächen in der Steuerung und Überwachung. Wir sind offen für alles."

Sollten die Regulierer weiteren Banken versuchte Manipulationen vorwerfen, könnte die Glaubwürdigkeit des Euribor noch stärker in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Libor-Skandal hat bereits die oberste Führungsriege von Barclays zu Fall gebracht. Andere Institute machen sich auf mögliche Konsequenzen gefasst, die auch strafrechtliche Anklagen gegen Banker und Führungskräfte mit einschließen könnten. Als Nächste ist die schweizerische UBS UBSN.VX -0,43% UBS AG Switzerland: SWX Europe CHF16,18 -0,07 -0,43% 22 Aug. 2014 17:31 Volumen (​15 Min. verzögert) : 7,64 Mio. KGV 18,39 Marktkapitalisierung 62,47 Milliarden CHF Dividendenrendite 1,55% Umsatz/Mitarbeiter 576.779 CHF an der Reihe. Die Bank stehe kurz davor, die Anschuldigungen der Bankenaufseher, sie habe unter anderem auch den Euribor zu manipulieren versucht, per Vergleich beizulegen, sagen mit dem Fall Vertraute.

Mitte November hatte die Europäische Zentralbank umfassende Veränderungen am Euribor gefordert. Der Zins solle der Aufsicht der zuständigen europäischen Behörden direkt unterstellt und stärker vom EBF losgelöst werden, schlug die Zentralbank unter anderem vor. Die Citigroup C -0,04% Citigroup Inc. U.S.: NYSE $51,05 -0,02 -0,04% 22 Aug. 2014 15:39 Volumen (​15 Min. verzögert) : 16,57 Mio. KGV 16,72 Marktkapitalisierung 150,98 Milliarden $ Dividendenrendite 0,08% Umsatz/Mitarbeiter 349.582 $ und die Deka-Bank haben sich mittlerweile aus dem Prozess zurückgezogen, mit dem der Euribor festgelegt wird. Das sei zumindest zum Teil auch in Reaktion auf die Manipulationsskandale erfolgt, berichten mit den Entscheidungen der zwei Institute Vertraute. In der vergangenen Woche flehte der EBF andere Banken öffentlich an, diesem Beispiel nicht zu folgen.

Kleine Veränderungen können schwere Folgen haben

Interbankensätze wie den Libor und den Euribor gibt es schon seit Jahrzehnten. Ergänzt werden sie jeweils durch lokale Varianten in Dutzenden von Ländern von Argentinien bis Vietnam. Ihr eigentlicher Sinn liegt darin, die Banken bei den Berechnungen zu unterstützen, auf welcher Höhe die Zinsen auf Kredite und andere Produkte festgelegt werden sollen. Generell liegen den Sätzen die täglichen Schätzungen der Banken darüber zugrunde, wie viel es sie kosten wird, Geld von anderen Banken auszuleihen. Der höchste und der niedrigste Schätzwert werden dabei gestrichen.

In der Zwischenzeit sind mindestens ein halbes Dutzend solcher Referenzsätze ins Visier der Behörden geraten. In Ermittlungen und Überprüfungen suchen die Beamten nach Beweisen für ein mögliches Fehlverhalten beim Festsetzungsprozess. Ob es den Banken gelungen ist, die Zinsrichtgrößen zu manipulieren, ist schwer zu sagen. Es ist nicht leicht, genau festzustellen, ob gewisse Schwankungen ihre Ursache in den Bemühungen der Banken haben, an den Zinsen zu drehen. Oder ob sie von tatsächlichen Veränderungen bei den Finanzierungskosten der Institute herrühren.

Doch selbst kleine Veränderungen beim Euribor können äußerst folgenschwer sein. Die EZB zum Beispiel verlässt sich auf den Euribor als einen Datenpunkt für die Gestaltung der Geldpolitik in der Eurozone, berichten Zentralbankvertreter. Viele Regierungen, Institutionen und Einzelpersonen leihen sich Geld und ziehen dabei den Satz als Basis heran.

In Spanien etwa liegt der Euribor den Zinsen Abertausender privater Baufinanzierungen zugrunde. Eine Gruppe namens Operación Euribor versucht nun, spanischen Immobiliendarlehensnehmern zu helfen. Sie unterstützt vor allem diejenigen, die vor der Zwangsräumung stehen, dabei, sich ihrer Hypothekenverpflichtungen zu entledigen, indem sie sich dezidiert auf Unregelmäßigkeiten bei der Euribor-Festlegung bezieht. Francisco Jurado, ein Doktorand aus Sevilla, hat die Gruppe im vergangenen Jahr mitbegründet. Er bringt vor, der Euribor sei unpräzise und subjektiv und stehe daher nicht im Einklang mit dem spanischen Gesetz. Denn das fordere, dass Zinsen auf objektiven Daten beruhen.

Der Branchenverband EBF, dem 31 nationale Bankenverbände aus ganz Europa angehören, hatte den Euribor 1999 geschaffen. Der Zins sollte eine Hand voll Bankensätze ablösen, die auf Währungen basierten, die mit der Einführung des Euro hinfällig werden würden. Rund zehn Jahre später fungierte der Satz als Richtschnur für Finanzkontrakte über fast 155 Billionen Euro, wie Branchenschätzungen zeigen.

Im Sinne seiner Erfinder sollte der Euribor eigentlich manipulationssicher sein. Während der Libor sich aus den durchschnittlichen veranschlagten Fremdkapitalkosten von nur 18 Banken zusammensetzt, fließen in den Euribor die Schätzungen von über 40 Instituten ein, die größtenteils aus den 17 Ländern der Eurozone stammen. Mit der großen Zahl an teilnehmenden Banken wollte man die Wahrscheinlichkeit verringern, dass fehlerhafte Daten einer kleinen Gruppe von Banken das endgültige Ergebnis verzerrten.

Auf subjektiven Einschätzungen basiert

Und anstatt jede einzelne Bank zu fragen, was es sie kosten würde, sich Geld von einem anderen Institut zu besorgen, lautete die Frage zur Festlegung des Euribor: Wie viel hätte eine theoretische „Bank erster Güte" zu berappen, um an Geld zu kommen? Indem man die Frage in den Bereich der Theorie beförderte, wollte der EBF das Risiko eliminieren, dass eine Bank vorsätzlich ihre Kreditkosten zu niedrig ansetzt, um damit zu versuchen, ihre finanziellen Probleme zu kaschieren – ganz so wie Barclays ihren eigenen Eingeständnissen zufolge bei ihren Libor-Manipulationen vorgegangen war.

EBF-Chef Guido Ravoet. dapd

Der Euribor beruhte damit per Definition weitgehend auf den subjektiven Einschätzungen von Bankangestellten. Bei Sitzungen des Ausschusses, der über den Euribor wacht, klagten Topbankmanager wiederholt darüber, dass es sie in Verwirrung stürze, wie sie zu ihren Einschätzungen gelangen sollen, wie aus Sitzungsprotokollen hervorgeht. „Verglichen mit dem Libor fließt in den Euribor ein enormes Ausmaß an Vermutungen ein", sagt John Grout der bei der Londoner Association of Corporate Treasurers für den strategischen Kurs und die Technik zuständig ist.

EBF-Vertreter räumen mittlerweile ein, dass all ihre Bemühungen, den Euribor fälschungssicher zu machen, Barclays und Konsorten nicht davon abgehalten haben, es trotzdem zu versuchen. Bei vielen der großen Banken, die Daten für die Berechnung des Euribor einreichten, wurde in den Handelsabteilungen gleichzeitig auf kleine Bewegungen bei dem Zinssatz gewettet. Das gab ihnen natürlich einen Anreiz, den Zins nach oben oder unten wandern zu sehen. Ab 2005 zinkte Barclays häufig ihre Euribor-Eingaben, um auf diesem Weg ihre Handelspositionen rentabler zu gestalten, erzählen amerikanische und britische Regulierer.

„Ich hätte ihn gern sehr, sehr, sehr hoch … Kannst du etwas tun, um mir zu helfen?", schrieb ein Barclays-Händler im Oktober 2006 an einen Kollegen, der mit der Einreichung der Euribor-Daten der Bank betraut war. Wie in von US-Behörden veröffentlichten Dokumenten zu lesen ist, antwortete der Kollege: „Wir tun unser Bestes und versuchen stets, behilflich zu sein." Wie die britischen Branchenaufseher im Sommer mitteilten, haben sie im Zeitraum von 2005 bis 2009 mindestens 58 Vorfälle ausgemacht, bei denen Barclays versucht hat, am Euribor herum zu pfuschen.

Und Barclays war dabei nicht allein. Darauf lassen Hinweise schließen, die amerikanische und britische Behörden gesammelt haben. Per E-Mail und Kurznachrichten zielten Barclays-Händler darauf ab, ihre versuchte Manipulation des Euribor mit mindestens vier weiteren Banken zu koordinieren. Die Namen der vier Banken haben die Regulierer noch nicht öffentlich bekannt gegeben. „Wenn du ein Geheimnis wahren kannst, weih ich dich ein", schrieb ein Barclays-Händler 2007 in einer Kurznachricht an einen Händler bei der Konkurrenz. „Wenn du nur ein Sterbenswörtchen davon verlauten lässt, sag ich dir gar nichts mehr darüber."

Vor Rufschaden gewarnt

Bei den anderen Banken, gegen die ermittelt wird, weil sie möglicherweise mit Barclays bei der Euribor-Manipulation zusammengearbeitet haben, handelt es sich um die zwei französischen Banken Crédit Agricole ACA.FR -0,05% Credit Agricole S.A. France: Paris 10,81 -0,01 -0,05% 22 Aug. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 3,39 Mio. KGV 6,55 Marktkapitalisierung 27,85 Milliarden € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 694.078 € und Société Générale, GLE.FR +0,08% Societe Generale S.A. France: Paris 37,54 +0,03 +0,08% 22 Aug. 2014 17:39 Volumen (​15 Min. verzögert) : 4,29 Mio. KGV 17,39 Marktkapitalisierung 30,20 Milliarden € Dividendenrendite 2,66% Umsatz/Mitarbeiter 2.153.730 € die britische HSBC HSBA.LN +0,51% HSBC Holdings PLC (UK Reg) U.K.: London GBp644,20 +3,30 +0,51% 22 Aug. 2014 16:39 Volumen (​15 Min. verzögert) : 38,32 Mio. KGV 12,68 Marktkapitalisierung 122,41 Milliarden GBp Dividendenrendite 3,68% Umsatz/Mitarbeiter 182.626 GBp und die Deutsche Bank, DBK.XE +0,42% Deutsche Bank AG Germany: Xetra 25,15 +0,11 +0,42% 22 Aug. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 7,58 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 34,54 Milliarden € Dividendenrendite 2,98% Umsatz/Mitarbeiter 420.767 € berichten mit den Untersuchungen Vertraute. Alle vier Institute lehnten einen Kommentar ab.

Auch in Deutschland hat die Deutsche Bank im Zinsskandal Ärger am Hals. Gegen sie läuft eine Sonderermittlung der Bankenaufsicht Bafin. Die Ermittlungen der Finanzaufseher gegen sie und andere Institute kommen gut voran. Die Bafin rechne im ersten Quartal des nächsten Jahres mit Ergebnissen, hatte Exekutivdirektor Raimund Röseler bei der Befragung vor dem Ausschuss des Bundestages gesagt. Bis dahin könnten die gesammelten Informationen ausgewertet werden.

Er habe keine Ahnung, ob sich Barclays oder andere Banken unangemessen verhalten hätten, sagt der 65-jährige EBF-Chef Ravoet, ein Veteran der belgischen Bankenbranche. Allerdings zeigen Unterlagen, dass der Verband in regelmäßigen Abständen Bedenken über die Richtigkeit der Dateneingaben der Banken vorgebracht hat.

In einer E-Mail vom November 2007 hatte Ravoet die Euribor-Banken vor einem möglichen Rufschaden gewarnt, falls sie unzutreffende Daten einreichten. An ihn seien Fragen über die Zuverlässigkeit der zur Zinsfestsetzung herangezogenen Referenzsätze gerichtet worden, auf die er mit dieser E-Mail reagierte.

Im September 2009 waren dem EBF, in Beratung mit Vertretern der EZB, Unregelmäßigkeiten bei den Euribor-Eingaben einiger Banken aufgefallen, erzählen mit den Konsultationen Vertraute. Ravoet schickte eine weitere E-Mail mit dem Betreff „Glaubwürdigkeit des Euribor". „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sicherstellen könnten, dass die Eingaben zu den Euribor-Zinsen präzise sind und wirklich den Markt widerspiegeln", schrieb er.

Banker bei Barclays antworteten darauf, die irregulären Bewegungen und die Tatsache, dass sich der Euribor und der Libor auseinander entwickelten, rührten von der Definition des Euribor her und von jüngsten Verzerrungen auf den Refinanzierungsmärkten der Banken, berichten Personen, die mit der Argumentation der Bank vertraut sind. Bei einer Sitzung im Dezember 2009 gab sich der Euribor-Kontrollausschuss des EBF mit der Erklärung von Barclays zufrieden, wie das Sitzungsprotokoll und Anwesende bestätigen.

Aufgeschreckt von einem Artikel im Wall Street Journal vom April 2008, in dem mögliche Probleme mit dem Libor beschrieben wurden, hatte die US-Aufsichtsbehörde für den Warenterminhandel, die Commodity Futures Trading Commission, Ermittlungen wegen der versuchten Manipulation von Referenzzinsen durch Banken eingeleitet. Bald folgten weitere Branchenwächter ihrem Beispiel.

„Eine Frage der Integrität"

Am Morgen des 19. Oktober 2011 wurden Vertreter der EU-Behörden in London und anderen Städten ohne Voranmeldung in den Niederlassungen mehrerer europäischer Banken vorstellig, darunter auch bei der Société Générale und der Deutschen Bank. Im Rahmen einer Ermittlung wegen möglicher geheimer Absprachen unter Banken bei der Festlegung des Euribor schafften sie Unterlagen und Computer außer Haus. EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia schrieb in einem Brief an Ravoet: „Die Kommission hegt Bedenken, dass die Unternehmen, gegen die ermittelt wird, EU-Richtlinien verletzt haben könnten, die Kartelle und restriktive Geschäftspraktiken zwischen Unternehmen untersagen."

Am 27. Juni 2012 teilten die US-Wertpapieraufsichtsbehörde SEC, das US-Justizministerium und die britische Finanzaufsicht FSA mit, sich im Fall von Zinsmanipulationen mit Barclays auf einen Vergleich über rund 450 Millionen Dollar geeinigt zu haben. Ravoet saß in seinem Büro mitten in Brüssel und las die Verlautbarung schnell auf der Website der FSA nach.

Zwar lag das Hauptaugenmerk der Mitteilung auf den Versuchen der britischen Bank, den Libor zu frisieren, und dies zuweilen sogar auf Geheiß der Führungsspitze. Aber umfangreiche Passagen des FSA-Berichts gingen gleichzeitig detailliert auf die häufigen Bemühungen von Barclays ein, den Euribor, oft im Einvernehmen mit anderen Banken, zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Er sei entsetzt gewesen, erzählt Ravoet. Zusammen mit Cédric Quéméner, der die EBF-Einheit leitet, die für den Euribor zuständig ist, habe er eine Telefonkonferenz des Euribor-Steuerungsausschusses anberaumt, um über die Reaktion des Verbands zu beraten. Barclays solle vom Euribor-Gremium suspendiert werden, lautete das Votum des Ausschusses. „Das war eine Frage der Integrität", sagt ein Teilnehmer der Telefonkonferenz.

Charmeoffensive gestartet

Die Barclays-Führung, über der ohnehin schon eine Lawine schlechter Nachrichten zusammenbrach, wehrte sich. Der Leiter der Finanzabteilung von Barclays, Benoit de Vitry, rief Quéméner in der EBF-Zentrale an und flehte ihn an, es sich doch noch einmal anders zu überlegen, berichten mit dem Telefongespräch Vertraute. De Vitry beschwerte sich, es habe kein „faires Verfahren" für die Suspendierung gegeben. Und außerdem läge das Fehlverhalten von Barclays in der Vergangenheit, erzählen die Insider.

Die EBF-Vertreter gaben schließlich nach. Sie dachten sich, Barclays habe ihre Lektion gelernt und würde nun besonders sorgfältig darauf achten, den Zins nicht wieder zu manipulieren. Die beschlossene und dann wieder verworfene Suspendierung wurde nie öffentlich bekannt gegeben.

Ravoet und Quéméner machten sich schließlich auf, den Schaden mit einer Charmeoffensive zu beheben. Im Juli reiste Ravoet nach Frankfurt. Dort traf er sich mit dem Spitzenbanker der EZB, Benoît Coeuré, der für die Marktinfrastruktur zuständig ist. „Wir räumen ein, dass der Referenzsatz die Realwirtschaft beeinflusst", habe er Coeuré gesagt. „Wir sind offen für eine öffentliche Aufsicht."

Die EZB sei nicht daran interessiert, die offizielle Aufsicht zu übernehmen, habe Coeuré geantwortet. Allerdings habe er eine derartige Rolle für die Zukunft auch nicht ausgeschlossen, falls sie von den politisch Verantwortlichen in Europa gefordert würde, sagt eine mit dem Gespräch vertraute Person. Eine EZB-Sprecherin wollte zum Inhalt des Gesprächs keine Stellung nehmen.

Workshop für Regulierer und Manager

Er habe Angst, „dass wir mit all den anderen Referenzsätzen, den Libor eingeschlossen, in einen Topf geworfen werden", bekennt Ravoet. Ravoet und Quéméner setzten in den vergangenen Monaten alles daran, um sicherzustellen, dass der EBF, anders als der britische Bankenverband BBA, der den Libor verantwortete, die Zuständigkeit für den Euribor nicht verliert.

Sie trafen sich mit EU-Abgeordneten, Zentralbankern, Branchenaufsehern und Bürokraten und legten ihnen ein Dokument vor, das nachdrücklich betont, dass der Euribor auf Daten beruht, die von mehr als doppelt so vielen Banken stammen als beim Libor. Und dass der Zins schon per Definition den Banken keinen Anreiz böte, ihre Kreditkosten zu niedrig anzusetzen. „Wir glauben nicht, dass wir demselben Risiko ausgesetzt sind wie der BBA mit dem Libor", meint Ravoet.

Am 12. Oktober hielt der EBF einen dreistündigen „Workshop" für rund 40 Bankmanager, Regulierer und andere Teilnehmer ab, um über die Zukunft des Euribor zu diskutieren. Der EBF skizzierte Pläne, die Anzahl der Sitzungen des Steuerungsausschusses zu erhöhen, externe Gruppen einzuladen, um dem Ausschuss beizuwohnen, und einige der Definitionen des Zinssatzes klarzustellen.

Einige Teilnehmer verließen die Tagung mit skeptischer Miene. „Ich bin nicht davon überzeugt, dass sie überhaupt etwas ändern wollen", sagt Aline Fares von der öffentlichen Interessensgruppe Finance Watch aus Brüssel. „Die glauben ziemlich fest daran, dass ihr Zins solide und verlässlich ist."

—Mitarbeit: Madeleine Nissen

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