Der britisch-niederländische Ölkonzern Shell gerät wegen des jüngsten Unfalls vor der Küste Alaskas ins Visier des Weißen Hauses. Die US-Regierung kündigte eine "hochrangige" Untersuchung des Zwischenfalls an. Die Federführung liegt dabei in Händen des Innenministeriums. Shell hatte im vergangenen Jahr mit Ölbohrungen im hohen Norden der USA begonnen.

Shell war jüngst in die Schlagzeilen geraten, als eine Bohranlage sich von einem Schlepper löste und sich auf einem Felsen an Alaskas Südküste festkeilte. Die unter dem Namen Kulluk bekannte Bohrinsel wurde geborgen und in die Nähe der Kiliuda-Bucht geschleppt, wo sie eingehend auf Schäden hin abgeklopft wird.

Nach dem Vorfall machten mehrere Umweltgruppen bei Präsident Barack Obama Druck. Ihre Forderung: Die Regierung in Washington soll alle Genehmigungen für Arktisbohrungen einfrieren, bis ein sicherer Betrieb garantiert werden kann.

Die größten Ölfirmen der Welt

Das Innenministerium nimmt sich für die Untersuchung nun 60 Tage Zeit. Sein Verdikt wird entscheidend für künftige Bohrgenehmigungen in der Region sein. Shell hat eigentlich grünes Licht für mehrjährige Erkundungen in der Arktis, aber Bewilligungen für Bohrungen in einer Tiefe, in der auf Erdöl gestoßen wird, stehen noch aus. Die Ermittlung konzentriert sich nun auf Shells Sicherheitspraktiken und die Fähigkeit des Konzerns, die Standards für eine Ölförderung in der Arktis einzuhalten.

"Wir schauen uns an, wie gut Shell die Umwelt unter den harten klimatischen Bedingungen der Arktis schützt", sagte Tommy Beaudreau, Direktor der Agentur für Sicherheit bei der Offshore-Förderung. Beaudreau leitet die Untersuchung. Shell befinde sich bereits im Dialog mit dem Innenministerium, wie Sprecher Curtis Smith sagte. Gleichzeitig gab er sich selbstbewusst: "Eine hochrangige Untersuchung wird unser Erkundungsprogramm in Alaska stärken."

Die 5 Milliarden US-Dollar teuren Bemühungen Shells in der Arktis werden seit ihrem Start von einer Pannenserie begleitet. Zunächst hielt eine hartnäckige Eisschicht die beiden Bohrinseln auf. Als sie endlich nach Alaska gelangten, lief eine der Bohranlagen beinahe auf Grund. Beschädigte Sicherheitsausrüstung war ebenso ein Problem.

Umweltgruppen versuchen seit Jahren, Shells Ölförderung in der Arktis zu vereiteln. Ihr Argument: Unter den schwierigen Bedingungen dort seien Bohrungen einfach zu gefährlich. "Shell hat bewiesen, dass der Konzern nicht dafür ausgestattet ist, Bohrinseln in den Gewässern vor Alaska zu betreiben", sagte Michael LeVine von der Umweltschutzorganisation Oceana. "Wir hoffen, bei der nun von den Behörden angekündigten Untersuchung wird mehr als nur Papier gewälzt."

Die Kulluk-Bohrinsel von Shell in Alaska. dapd

Ungewiss bleibt, ob die Kulluk-Bohrinsel durch den Unfall schwer beschädigt ist oder ob sie diesen Sommer weiter betrieben werden kann. Meerwasser hat die elektrischen Generatoren beschädigt, räumt Shell ein. Gleichzeitig betont der Konzern, dass keinerlei Treibstoff ausgelaufen ist.

Ferngesteuerte Geräte dürften inzwischen an der Ölbohrinsel eingetroffen sein und den Rumpf untersuchen. Falls nötig sollen auch Taucher zum Einsatz kommen. Die nahezu 30 Jahre alte Kulluk wurde für Bohrungen unter extremen Wetterbedingungen gebaut. Jüngst wurde die Bohrinsel für 292 Millionen Dollar aufgerüstet, um in der US-Arktis betrieben werden zu können.

Shell hatte dem Innenministerium besondere Erkundungspläne vorgelegt. Ein wichtiger Punkt: Der Ölkonzern will immer zwei Bohrinseln im Betrieb haben, damit zur Not eine der beiden bei einer potenziellen Explosion ein Entlastungsloch bohren kann.

Eine nicht mehr einsetzbare Kulluk wäre für Shell ein ernsthaftes Problem. Es könnte sich im Fall der Fälle als schwierig erweisen, die Kulluk schnell durch eine andere Bohrinsel zu ersetzen, gibt der Direktor Dave Pursell vom Bankhaus Tudor, Pickering & Holt zu bedenken. "Schon ganz praktisch gesprochen: Wir sind mitten im Januar - und es könnte schwer sein eine andere Bohrinsel zu bekommen."

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