Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt. Torsten Silz/dapd

Die Deutsche Bank DBK.XE +0,89% Deutsche Bank AG Germany: Xetra 25,04 +0,22 +0,89% 21 Aug. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 5,75 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 34,23 Milliarden € Dividendenrendite 3,00% Umsatz/Mitarbeiter 420.767 € hat in Geschäften mit skandalträchtigen Referenzzinssätzen wie dem Libor in der Vergangenheit offenbar kräftig Kasse gemacht. Mindestens 500 Millionen Euro Gewinn soll der deutsche Branchenprimus allein 2008 aus Wetten auf die Entwicklung der London Interbank Offered Rate (Libor) und anderer Referenzzinssätze eingestrichen haben, wie aus internen Dokumenten der Bank hervorgeht, in die das Wall Street Journal Einblick hatte.

Derzeit untersuchen Behörden, ob und wenn ja in welchem Ausmaß die Deutsche Bank und andere Großbanken Referenzzinssätze manipuliert haben. Im so genannten Libor-Skandal sollen Banken vor allem in den Jahren 2005 bis 2009 durch manipulierte Zinssätze höhere Handelsgewinne eingestrichen haben. Bereits kleinste Veränderungen der Zinssätze können enorme Auswirkungen haben. Auf Zinssätzen wie dem Libor basieren Finanzgeschäfte im Volumen von hunderten Billionen Euro.

Aus den Dokumenten, die den Ermittlern von einem ehemaligen Mitarbeiter der Deutschen Bank zugespielt wurden, wird nun erstmals ersichtlich, auf welche Weise und in welchem Umfang ein Finanzinstitut akribisch eine Kette von Handelsgeschäften konstruiert hat, um bereits aus geringfügigen Veränderungen der Zinssätze möglichst hohe Gewinne abzuschöpfen.

Diese Geschäfte sind bei Großbanken an der Tagesordnung. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Geschäfte von Europas größter Bank nach Vermögenswerten 2008 den Markt beeinflusst haben oder illegal waren. Trotzdem ermöglichen sie einen Einblick in die Dimension der Risiken, die eine einzige Bank eingegangen ist.

Wie aus den Dokumenten hervorgeht, hatte das größte deutsche Geldhaus geschätzt, bis Ende September 2008 bei einer Änderung des Libor oder seines kleinen Bruders, dem Euribor, von einem Hundertstel eines Prozentpunktes bis zu 68 Millionen Euro verdienen oder aber auch verlieren zu können. Mark Williams, ehemaliger Revisor bei der US-Notenbank Federal Reserve, sagt, solche Wetten stellten ein „extrem hohes Risiko" dar - selbst für ein so großes Geldinstitut wie die Deutsche Bank.

Die Deutsche Bank selbst gibt sich gelassen: Die Handelsstrategie unterliege den Risikobeschränkungen des Hauses und sei zudem in der Branche weit verbreitet. Außerdem hätten derartige Handelsgeschäfte das Portfoliorisiko der Bank auf dem Höhepunkt der Finanzkrise verringert oder diversifiziert. Den Verdacht der Manipulation wies die Bank weit von sich: Die Handelsgeschäfte hätten lediglich auf Schätzungen über die Entwicklung der Zinssätze beruht und zu keiner Zeit darauf abgezielt, Interbankenzinssätze unrechtmäßig zu beeinflussen.

Die Deutsche Bank hat weder ihre Handelsstrategie noch die Gewinne aus den Wetten öffentlich gemacht. Sie tauchen nur als Teil des Gewinns über 5,9 Milliarden Euro aus, den das Institut 2008 mit der Sparte für Finanz- und Devisenhandel erwirtschaftet hat. Laut Bankvertretern ist es nicht üblich, dass die Geldhäuser die vertraulichen Handelsstrategien preisgeben.

Aufseher glauben an globale Verschwörung

Die Dokumente zeigen, wie Händler in London und New York erfolgreich darauf gewettet haben, dass die Kosten der Geldaufnahme von Euro, US-Dollar und Britischem Pfund wegen der zunehmenden Spannung im globalen Finanzsystem über drei oder sechs Monate schneller steigen als die Einmonatszinssätze. Dabei wurde unter anderem auf einen potentiellen Gewinn von 24 Millionen Euro für jedes Hundertstel eines Prozentpunktes spekuliert, den der dreimonatige Dollar-Libor im Vergleich zum Einmonatslibor steigt.

Der frühere Deutsche-Bank-Mitarbeiter, der den Ermittlern die Dokumente zugespielt hat, wies die Regulierer den Unterlagen zufolge darauf hin, dass sich einige Angestellte besorgt über das mit den Zinswetten einhergehende Risiko geäußert hätten. Das Management habe diese Bedenken jedoch vom Tisch gewischt mit der Begründung, dass die Bank die Entwicklung der Zinssätze, auf die sie wette, beeinflussen könne.

Ein Sprecher der Deutschen Bank sagte zu diesem Vorwurf, diese Behauptung sei grundsätzlich falsch. Die Deutsche Bank selbst hat nie öffentlich gemacht, wie viel sie mit Wetten auf die Entwicklung von Zinssätzen verdient und wie sie solche Finanzgeschäfte ausgestaltet hat.

Eine Verantwortung für die Manipulation von Zinssätzen hat die Deutsche Bank bislang stets von sich gewiesen. Bei dem Fehlverhalten in der Bank habe es sich „ganz klar" um Einzelpersonen gehandelt, hieß es Ende November. Der Vorstand sei daran nicht beteiligt gewesen.

Wie der Deutschen Bank nahe stehende Personen sagten, hat eine interne Untersuchung der Bank im so genannten Libor-Skandal bislang lediglich Fehlverhalten einiger weniger Einzelpersonen ans Licht gebracht. Die Bank hoffe, Gespräche mit den Ermittlern über eine mögliche Einigung hinauszögern zu können, bis die internen Überprüfungen gegen Ende des Jahres abgeschlossen sind.

Die interne Prüfung der Deutschen Bank, die bereits im Mai 2011 angelaufen ist, nimmt laut einer der informierten Personen zufolge deswegen so viel Zeit in Anspruch, weil die Bank beweisen möchte, dass die Zinssätze nicht von einer bestimmten Person manipuliert wurden. Das Institut durchforstet auf der Suche nach etwaigen Beweisen sämtliche Handelsgeschäfte und den kompletten E-Mail-Verkehr.

Der Libor ist der durchschnittliche Interbankenzinssatz, zu dem eine ausgewählte Gruppe von Banken auf dem Londoner Geldmarkt bereit ist, einander Kredite zu gewähren. Den Libor gibt es in 15 Laufzeiten (Overnight bis 12 Monate) und in zehn verschiedenen Währungen.

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