Ein Dreamliner von Boeing am Huntsville International Airport: Das Unternehmen kommt momentan nicht aus den Schlagzeilen. Bei der 787 will man nun unbedingt einen schweren Reputationsverlust abwenden. dapd

Der US-Flugzeugbauer Boeing BA +0,35% Boeing Co. U.S.: NYSE $127,76 +0,44 +0,35% 17 Sept. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 2,99 Mio. NACHBÖRSLICH $127,69 -0,07 -0,05% 17 Sept. 2014 19:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 149.018 KGV 19,02 Marktkapitalisierung 91,75 Milliarden $ Dividendenrendite 2,29% Umsatz/Mitarbeiter 525.220 $ bemüht sich nach der jüngsten Pannenserie um Schadensbegrenzung. Der Airbus-Erzrivale will unbedingt einen schweren Reputationsverlust für sein Vorzeigeflugzeug 787 Dreamliner abwenden. Der Chefingenieur des Programms, Mike Sinnett, verteidigte die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Großraumflugzeugs. Auch das vielkritisierte innovative Elektriksystem nahm er in Schutz.

Der Vizepräsident von Boeing blieb aber auch eine Reihe von Antworten schuldig. So wollte er weder die konkrete Ursache für den Brand in einer Batterie vom Montag kommentieren noch die Untersuchung der US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB. Im Dreamliner der Japan Airlines 9201.TO -1,02% Japan Airlines Co. Ltd. Japan: Tokyo ¥5.840 -60 -1,02% 18 Sept. 2014 14:16 Volumen (​20 Min. verzögert) : 856.800 KGV 6,51 Marktkapitalisierung 1.077,23 Milliarden ¥ Dividendenrendite 1,16% Umsatz/Mitarbeiter 42.015.900 ¥ war auf dem Bostoner Flughafen ein Feuer ausgebrochen, nachdem Crew und Passagiere das Flugzeug bereits verlassen hatten.

Sinnett stellt im ersten ausführlichen Kommentar des Konzerns klar: Der Brand und andere technische Schwierigkeiten beim Dreamliner deuteten nicht auf größere Sicherheitsprobleme des Prestigejets hin. "Für mich ist zu 100 Prozent klar: Der Dreamliner ist sicher." Das wirkliche Thema sei der wirtschaftliche Schaden für die Kunden und das angekratzte Image der 787. Deshalb arbeite Boeing sehr hart daran, die Rückschläge aufzuarbeiten.

Ausgeträumt – die Pannengeschichte des Dreamliner

Boeing wiegelt ab, doch viele Fragen bleiben. Die US-Luftfahrtbehörde FAA ist zunehmend besorgt über die Flut an elektrischen Problemen. Der Schwelbrand an Bord des Dreamliners der Japan Airlines ist nur das jüngste zahlreicher Probleme, die den Flieger seit Fertigungsbeginn begleiten.

Immerhin: Innerhalb der nächsten ein, zwei Tage wird nicht mit erzwungenen Sicherheitschecks oder staatlich angeordneten Inspektionen gerechnet. Die FAA und die NTSB wollen erst einmal klären, was den Brand in der Batterie auslöste. Dagegen könnte Boeing Anfang kommender Woche Ungemach drohen. Die Aufseher könnten eine Überprüfung von Design- und Fertigungsfragen hinsichtlich der elektrischen Systeme der 787 vornehmen. Der Dreamliner nutzt Stromkreise für mehr Funktionen als jeder der zuvor von Boeing entwickelten Jets.

Die Untersuchung des Vorfalls bei der Japan Airlines dauere an, betonten FAA-Vertreter. "Die Überprüfung steckt ganz am Anfang, und wir sammeln noch die Fakten", ergänzte ein NTSB-Sprecher. Die Sicherheitsbehörde werde zusätzliche Informationen veröffentlichen, sobald sich diese herauskristallisierten.

Das Flugzeug ist ein Eckpfeiler für die Geschäftsstrategie des Konzerns. Boeing hat sich beim Dreamliner bereits mit einer ganzen Serie an Vorfällen herumzuschlagen. So entdeckte United Airlines laut einer informierten Person eine unsachgemäße Verkabelung in einer seiner sechs 787-Maschinen. Am Mittwoch strich die japanische All Nippon Airways 9202.TO -0,23% ANA Holdings Inc. Japan: Tokyo ¥258 -1 -0,23% 18 Sept. 2014 14:16 Volumen (​20 Min. verzögert) : 9,77 Mio. KGV 30,92 Marktkapitalisierung 910,05 Milliarden ¥ Dividendenrendite 1,55% Umsatz/Mitarbeiter 48.326.000 ¥ einen Flug wegen eines möglichen Problems mit den Bremsen bei einem seiner Dreamliner. All Nippon Airways untersucht den Zwischenfall.

Unabhängig davon lieferte Japan Airlines eine Erklärung für eine andere Panne. Am Dienstag musste die Crew eines Dreamliners den Start in Boston verschieben, da Treibstoff auslief. Die Fluggesellschaft berichtet jetzt: Ein offenes Ventil, das die Kerosintanks verbindet, sorgte für das Leck. Japan Airlines will untersuchen, wie und warum das Ventil offen war. Das Ventil sei sofort geschlossen worden, nachdem die Crew das Problem entdeckt hatte, und kurz darauf erfolgte die Freigabe für den Abflug der 787.

Das offene Ventil scheint mit vorherigen Problemen mit Kraftstoffleitungen nichts zu tun zu haben. Diese waren durch fehlerhaftes Anbringen der Leitungen in den Montagehallen entstanden. Die FAA hatte Anfang Dezember Inspektionen dieser Teile angeordnet.

Probleme mit dem elektrischen Systen

Viel kritischer ist für Boeing das Feuer vom Montag, das in einer Batterie der Hilfsturbine ausbrach. Der Grund: Der Vorfall betrifft das ausgeklügelte elektrische System. Diese ist eine der größten Innovationen beim Dreamliner. Das Flugzeug ist gleichzeitig das erste Verkehrsflugzeug, das neben traditionellen Werkstoffen hauptsächlich aus besonders leichten Verbundmaterialien besteht.

Die Elektronik des Dreamliners verläuft über Tausende Meilen von Kabeln und komplexe digitale Schaltkreise, die schwere, aber erprobtere pneumatische Systeme ersetzen. Diese althergebrachten Systeme bewegen mechanische Teile durch heiße Luft per Hochdruck. Die innovative Elektrik beschert dem Dreamliner weniger Gewicht und damit einen geringeren Kerosinverbrauch. Außerdem sinken die Wartungskosten, da besonders schwer zu pflegende Teile wegfallen. Das neue Dreamliner-System erzeugt und verbraucht mehr Strom als andere derzeit betriebene Jets. Deshalb benötigt Boeing leistungsstärkere Generatoren und Batterien mit mehr Energie. Eine solche Batterie fing am Montag Feuer.

Sinnett verteidigt vehement das Design des elektrischen Systems vom Dreamliner. Auflagen der staatlichen Ermittler hinderten ihn an direkten Kommentaren zur Brandüberprüfung des Vorfalls vom Montag. Dieser Typ von Batterie sei aber speziell dafür entworfen, im Fall von Über- oder Unterladung seiner Lithium-Ionen-Komponenten nicht auf andere Teile überzugreifen. "Mit allem heutigen Wissen: Wir würden immer noch die gleiche Entscheidung treffen", verteidigte er die Verwendung von Lithium-Ionen. Boeing hege keine Pläne, das Design oder den Einsatz von Lithium-Ionen in den Hilfs- und Hauptbatterien des Dreamliners auf den Prüfstand zu stellen.

FAA sorgt sich auch weiterhin

Während Boeing versucht zur Tagesordnung zurückzukehren, sieht die FAA weiterhin Grund zur Sorge. Beim US-Konzern werden die jüngsten Probleme mit der Elektrik dagegen als Kinderkrankheiten einer Neuentwicklung betrachtet. Boeing-Vertreter hatten der FAA mehrfach erklärt: Die betroffene Lithium-Batterie solle überschüssige Hitze an die Bordelektronik weiterleiten.

Jetzt hinterfragen einige Sicherheitsexperten den Sinn einer solchen Anordnung, bei der Hitze an einen Bereich abgegeben wird, in dem sich kritische elektrische Schaltkreise und Kabel befinden. Die Gespräche mit der FAA seien vertraulich und man halte sich an alle Zertifizierungsauflagen für die 787, teilte Boeing-Sprecher Mark Birtel mit. Unterdessen wächst in der Branche wieder das Vertrauen in den Traditionskonzern und sein Prestigeprojekt. Boeing habe das Know-how und die richtigen Anreize, um die Probleme mit der Elektrik rasch in den Griff zu bekommen, ist von Analysten und hohen Branchenvertretern zu hören. Das scheint die Börse ähnlich zu sehen. Am Mittwoch verbesserten sich Boeing-Aktien um 3,6 Prozent und machten damit einen Großteil der Verluste vom Beginn der Woche wett.

Boeing will eine Lösung finden

Boeing sei am Kämpfen, werde aber eine Lösung finden, sagt der frühere CEO von Continental Airlines und frühere Boeing-Vorstand Gordon Bethune. "Sie haben in dieses Projekt so viel investiert." Die Dreamliner-Probleme schmerzten jetzt, gingen aber vorbei. Die Fluggesellschaften stehen dem Dreamliner derweil zur Seite. Die jüngsten Vorfälle beeinträchtigten die anstehende Übergabe von mehreren 787 wahrscheinlich nicht, sagte der Chef der norwegischen ASA in einem Interview. Der europäische Billigflieger erwartet weiterhin die Lieferung des ersten von acht Dreamlinern im April.

Einige Pannen sind bei einem neuen Flugzeug ganz normal. Wegen der Komplexität des Dreamliners und des Zusammenwirkens so vieler unterschiedlicher Systeme brauchen die Flug- und Wartungscrews aber ein nie vorher notwendiges Detailwissen über den Jet. Das sorgt mitunter für Kopfschmerzen. Häufig ist es schwierig zu entscheiden, was ein gravierendes Problem ist und was nicht. Boeing hält die Wartungsteams der Fluggesellschaften regelmäßig mit Aktualisierungen auf dem Laufenden.

Sinnett begleitet den Dreamliner seit den ersten Entwürfen. Die 787 stehe in diesem Stadium der Zuverlässigkeit des Erfolgsmodells 777 in nichts nach. Die 777 war ein vollkommen neuer Jet, der 1995 mit dem Flugdienst begann und sich zu Beginn ebenfalls schwertat. Im März 1996, weniger als ein Jahr nach der ersten Übergabe, nannte United Airlines die Zuverlässigkeit der 777 eine "große Enttäuschung". Heute ist die 777 eine der angesehensten Maschinen im Dienst der Fluggesellschaften.

—Mitarbeit: Jack Nicas, Yoshio Takahashi und Kjetil Hovland

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