Mit sich zufrieden: Schon kurz nach Draghis Versprechen vom Juli, alles zu tun, was nötig sei, um den Euro zu schützen, stiegen die Kurse an den Finanzmärkten. Beweisen musste die EZB das bis heute nicht. Agence France-Presse/Getty Images

Zentralbanker hatten schon immer viel Macht – vorrangig die Macht, neues Geld zu drucken und die Zinssätze zu verändern. In den vergangenen Jahren haben sie die bloße Macht ihrer Worte vorgeführt.

Die US-Notenbank Federal Reserve etwa hat die Finanzmärkte einzig mit dem Versprechen beeinflusst, die Zinssätze für einen „längeren Zeitraum" niedrig zu halten, oder kürzlich mit der Bemerkung, dies gelte, bis die Arbeitslosenquote unter die Marke von 6,5 Prozent falle.

Auch deshalb beschäftigten sich die Gelehrten der Ökonomie heutzutage mit den neuen Mechanismen der Geldpolitik. Sie beobachten die „Kommunikation" und die „Signale" der Zentralbanker inzwischen genauer als die Geldversorgung.

Das beste Beispiel kam zuletzt aus Brüssel. Im Juli verscheuchte EZB-Präsident Mario Draghi die wachsenden Sorgen vor einer Vertrauenskrise des Euro mit zwei Sätzen, die in einem Vortrag zur aktuellen Beurteilung der Lage untergebracht waren: „Die EZB wird innerhalb ihres Mandats alles tun, was zum Schutz des Euro notwendig ist", sagte er: „Und glauben sie mir, es wird genug sein."

Krisenintervention mit zwei Sätzen?

Es könnte sein, dass sich diese beiden Sätze einst als die erfolgreichste Intervention eines Zentralbankers überhaupt in den Geschichtsbüchern wiederfinden.

Wenige Wochen später versprach die Europäische Zentralbank, sie werde nötigenfalls Staatsanleihen kaufen, die am Markt gemieden werden, wenn sich die Regierungen zu Austeritätsmaßnahmen bereit fänden, die von den Mitgliedern der Eurozone mitgetragen werden. Kein Land hat bisher unter diesen Bedingungen um Hilfe gebeten, und die EZB musste ihr Versprechen bisher mit keinem Euro aus der eigenen Tasche untermauern. Die unmittelbare Angst vor einer Euro-Krise allerdings ist gewichen.

Die zahlenverliebten Akademiker der EZB haben die Daten für eine Fieberkurve zusammengetragen, die diesem Text beigefügt ist und die genau das verdeutlicht. Die Kurve bildet die Einschätzung des Marktes ab, was das Risiko angeht, dass zwei oder mehr Euro-Länder in den nächsten zwölf Monaten ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können.

Sie zeigt, wie die Angst steigt, wie sie kurzzeitig abbrach, als im Mai 2010 der Europäische Rettungsschirm eingerichtet wurde und kurz darauf die EZB ein Kaufprogramm für Staatsanleihen auflegte. Anschließend kletterte die Angstkurve unaufhörlich. Erst als Draghi im Juli vergangenen Jahres seine magischen Worte sprach, war der Trend gebrochen und die Kurve fiel stark.

Fundamental hat sich an der Krise nichts geändert

Dabei hat Europa keines seiner fundamentalen Probleme bisher gelöst. Mehrere Volkswirtschaften ächzen unter hohen Schuldenlasten. Die Politik von Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen hat zu starken Rezessionen in einzelnen Ländern beigetragen. Löhne und Produktivität in Südeuropa benachteiligen die Wettbewerbsfähigkeit der Länder im Export verglichen mit Deutschland.

Mit einem Federstrich wird aus einem Stück Papier Geld: Mario Draghi signierte am Donnerstag symbolisch die neue 5-Euro-Banknote. Agence France-Presse/Getty Images

Die Wachstumsaussichten der Eurozone insgesamt sind einfach lausig. Die Ideen einer europäischen Bankenunion und einer gemeinsamen Einlagensicherung kamen über das Stadium der Diskussion noch kaum hinaus. Trotz allem ist die Angst vor der Krise des Euro verflogen. Wie hat Draghi das gemacht?

Um das zu verstehen, ist ein wenig Hintergrund nötig: Als der Euro entstand, wurde es für Investoren relativ leicht, den Staatsanleihen eines Landes zu entfliehen. Wer sich Sorgen über Spanien und die Zahlungsfähigkeit des Landes machte, verschob seine Euro einfach in deutsche Staatsschulden.

Würde ein solcher Fall in den USA eintreten oder in Großbritannien, könnten die Fed oder die Bank of England einfach die Notenpresse anwerfen und die aufgegebenen Anleihen aufkaufen. Spanien kann das nicht. Die Regierung dort hat derartige Befugnisse an die EZB abgetreten. Wäre Spanien ein typischer Schwellenmarkt, wäre der Wert seiner Währung in einer solchen Situation längst schlicht kollabiert – und im Gegenzug wären spanische Waren für ausländische Käufer preislich wieder interessant geworden. Aber Spanien hat keine eigene Währung mehr.

Draghis erster Schritt hieß Langfristtender

„Die Märkte für Staatsanleihen innerhalb einer Währungsunion sind von Natur aus fragil", hat der belgische Ökonom Paul De Grauwe erkannt. „Die Nationen der Eurozone begeben ihre Schulden in einer Art ‚Fremdwährung', über die sie keine wirkliche Kontrolle haben." Wenn es bei einer Geschäftsbank klassisch zum Ansturm der Sparer auf die Kasse kommt, springt nach dem Lehrbuch die Zentralbank ein und leiht dem betroffenen Institut Geld, damit die ihre vielen kleinen Geldgeber befriedigen kann.

Aber wenn ein Land in Europa solch einen „Run" auf seine Staatsanleihen erlebt, hat sich die EZB bisher geziert, als Geldgeber der letzten Instanz zu fungieren. Deshalb haben Investoren Risikoaufschläge in Form von höheren Zinszahlungen von Spanien und Italien gefordert – in Sorge, dass sie entweder ihr Geld überhaupt nicht wieder sehen oder nach einem Auseinanderbrechen der Eurozone nur in einer anderen Währung, mit allen möglichen Nebenwirkungen.

Draghi hat dies erkannt. Sein erster Schritt zur Lösung des Dilemmas: Er bot Geschäftsbanken Geld für drei Jahre an (ein überaus langer Zeitraum für Ausleihungen von Zentralbanken), damit sie ausreichend Geld hatten, um wieder Staatsanleihen zu kaufen. Damit konnte er ein paar Monate Zeit gewinnen.

Als die Investoren wieder unruhig wurden, plädierten deutsche EZB-Vertreter dafür, nicht weiter tätig zu werden, um den Druck auf die gewählten Politiker aufrecht zu erhalten, ihre Hausaufgaben bei Staatsausgaben, Steuern, Haushaltsdefiziten, Regulierung und Reformen zu erledigen. Draghi scheint sich dafür entschieden zu haben, dass dieser Ansatz das Zeug hätte, den Euro insgesamt zu zerstören, folglich gab er sein Versprechen, alles zu tun, „was zum Schutz des Euro notwendig ist".

Das Signal an die Märkte war schlicht. Wann immer es einen Run auf Spanien oder Italien geben würde, wäre die EZB als Brandlöscher zur Stelle, solange die europäischen Regierungen ihr Deckung geben. Deshalb muss Spanien jetzt nicht betteln gehen, weder bei den übrigen Euro-Ländern noch bei der EZB; die Zinsen für neue spanische Staatsschulden sind auch so gefallen.

Ein praktisches Patt - mit Folgen

Der Grund freilich, weshalb die Zinsen gefallen sind, ist, dass der Markt sich wieder vorstellen kann, dass Spanien Hilfe bekommt, wenn es nötig wird. Dieses praktische Patt hat die weltweite Angst davor besänftigt, dass der Euro implodieren könnte. Möglicherweise muss die EZB niemals auch nur eine einzige spanische Anleihe kaufen, damit das so bleibt.

Aber, und es gibt immer ein „aber" aus verschiedenen Gründen: Zum einen hat auch dieses Patt Spanien eine Arbeitslosenquote von 26,6 Prozent beschert – und hier ist kein Komma an der falschen Stelle gesetzt oder eine Ziffer falsch.

Zum anderen weiß niemand, was passiert, sollte Spanien tatsächlich die Notbremse ziehen. Würde die EZB eine Obergrenze für spanische Zinsen setzen? Würde sie die Käufe von spanischen Anleihen stoppen, wenn Spanien sich nicht an seine fiskalischen Versprechen hält? Würden Investoren angesichts der EZB-Käufe selbst wieder kaufen, weil sich die Aussichten für eine Rückzahlung damit verbessert haben – oder würden sie ihre Bestände schlicht der EZB vor die Füße kippen und das Geld nehmen?

An einem besteht wohl kein Zweifel: EZB-Chef Draghi wird hoffen, dass sein Wort genügt.

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