Eigentlich hat Marcelino Fernández Verdes im April 2012 gedacht, er würde ein Jahr in Essen bleiben. Als Übergangslösung sozusagen. Damals wechselte Fernández Verdes vom Aufsichtsrat in den Vorstand des Baukonzerns Hochtief. HOT.XE +0,62% Hochtief AG Germany: Xetra 58,31 +0,36 +0,62% 18 Sept. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 60.110 KGV 27,77 Marktkapitalisierung 4,02 Milliarden € Dividendenrendite 2,57% Umsatz/Mitarbeiter 313.644 € Doch nun muss der Manager, der vom ungeliebten spanischen Großaktionär ACS ACS.MC +0,41% Actividades de Construccion y Servicios S.A. Spain: Madrid 31,60 +0,13 +0,41% 18 Sept. 2014 17:38 Volumen (​15 Min. verzögert) : 736.118 KGV 13,45 Marktkapitalisierung 9,90 Milliarden € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 230.719 € kam, umplanen. Im November ist Fernández Verdes an die Spitze des Essener Konzerns gerückt. Sein wichtigstes Ziel: Hochtief wieder zu alter Stärke zurückführen.

Um seinen – vor allem deutschen – Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat Fernández Verdes bei seinem Amtsantritt umgehend eine Zerschlagung des Baukonzerns ausgeschlossen. Hochtief bleibe eine deutsche Aktiengesellschaft mit Sitz in Essen. Doch viel mehr ist dem neuen Hochtief-Chef, der als enger Vertrauter von ACS-Chef Florentino Perez gilt, zu seiner Strategie nicht zu entlocken. Es deutet jedoch einiges darauf hin, dass die von einigen befürchteten ganz großen Umwälzungen ausbleiben.

Marcelino Fernández Verdes, seit November 2012 Vorstandsvorsitzender bei Hochtief. Hochtief

So lobt Fernández Verdes Hochtief als globales Unternehmen, das in den Regionen Asien-Pazifik, Amerikas und Europa jeweils noch große Entwicklungsmöglichkeiten hat. Jedes Geschäftsfeld werde derzeit einer Analyse unterzogen, sagte der Bauingenieur bei einem Treffen mit Journalisten. Ergebnisse sollen Ende Februar bei der Bilanzpressekonferenz folgen.

„Welche Geschäfte sind dabei attraktiv? In was sind wir wirklich gut? Wie viel Kapital wird dafür benötigt? Welche Margen können wir dabei erzielen?", seien Fragen, die er sich derzeit stelle. Um Antworten zu finden, ist der 1955 geborene Fußballliebhaber derzeit viel in der Welt unterwegs. Er sucht den direkten Kontakt. Im vergangenen Quartal, erzählt er etwa, sei er zwei Mal in Australien bei der wichtigsten Tochter Leighton gewesen.

Von der Gewerkschaft hatte Fernández Verdes bereits bei Amtsantritt Vorschusslorbeeren bekommen – eher ungewöhnlich, insbesondere nach dem aufreibenden Abwehrkampf Hochtiefs gegen die Übernahme. Er spreche die Bausprache, sagte etwa Klaus Wiesehügel, Chef der IG Bau und gleichzeitig Mitglied im Hochtief-Aufsichtsrat.

Aber auch Kritik muss Fernández Verdes, der seit 1984 in der Branche tätig ist und seit 1997 verschiedenste Posten bei Mehrheitseigner ACS innehatte, einstecken. Aktionärsschützer mahnten bereits zur Vorsicht, was Versprechungen angehe. Sie führen gerne das Beispiel des spanischen Baukonzerns Dragados an. Bei diesem stieg ACS erst ein, übernahm ihn dann und filetierte ihn schließlich. Drei Jahre an der Spitze von Dragados stand – Fernández Verdes.

Fernández Verdes will die Profitabilität steigern

Bei Hochtief hat sich der neue Chef jedoch vor allem die Steigerung der Profitabilität auf die Fahne geschrieben, die in den vergangenen zwei Jahren empfindlich gelitten hat – und die die Spanier so nicht erwartet hatten. Seit der mehrheitlichen Übernahme von Hochtief durch den spanischen Baukonzern ACS Anfang 2010 läuft so gut wie nichts mehr rund bei den Essenern. Die von der mit rund neun Milliarden Euro verschuldeten ACS einkalkulierten Ergebnisbeiträge fielen geringer aus als erwartet. 2011 mussten die Essener die Dividende streichen. Der Aktienkurs schmierte ab. Derzeit kostet eine Aktie rund 46 Euro. Das ist von den mehr als 70 Euro, zu denen ACS ursprünglich einmal eingestiegen war, weit entfernt.

Wohin Fernández Verdes Hochtief führen will, lässt er noch offen. Baustellen gibt es im Konzern genügend. dapd

Das hat seine Gründe. Die Probleme der Essener sind vielfältig – und legen die Schwächen des Geschäftsmodells von Hochtief offen.

Sicher dürfte sein: ACS wird seinen Einfluss auf Hochtief verstärken. So deutet sich eine stärkere Integration der verschiedenen Bereiche an, etwas, was der frühere Vorstandsvorsitzende Frank Stieler bereits angestoßen hatte. Auch gibt es genügend Spielraum für Umbaumaßnahmen, insbesondere im wenig profitablen Europageschäft. Und auch einzelne Verkäufe dürften wieder auf die Agenda kommen. Schon länger gibt es Pläne, das Flughafengeschäft sowie die Immobilientochter Aurelis zu verkaufen, nur umgesetzt wurden sie bislang nicht.

Eine Schwäche von Hochtief ist, dass die einzelnen Teile mehr wert sind als der ganze Konzern zusammen genommen. Dies gilt vor allem für die wichtigste Tochter, die australische Leighton. Hochtief hält an dem in Sydney börsennotierten Unternehmen die Mehrheit. Die Marktkapitalisierung der Australier liegt derzeit bei etwas mehr als fünf Milliarden Euro, die von Hochtief nur bei rund 3,5 Milliarden Euro.

Dies weckt immer wieder Begehrlichkeiten bei Marktbeobachtern – könnte ACS durch einen Verkauf von Leighton sein Schuldenproblem doch fast auf einen Schlag lösen. Zu erwarten ist ein solcher Schritt jedoch nicht, meinen Analysten: Schließlich ist Leighton der wichtigste Bereich von Hochtief und steuert den Löwenanteil zum Gewinn bei. Er glaube nicht, dass ACS ausgerechnet das beste Pferd im Stall verkaufen wolle, sagt etwa Marc Gabriel, Analyst beim Bankhaus Lampe.

Ähnlich sieht das auch sein Kollege von der Commerzbank, Norbert Kretlow. Schließlich war bei der Übernahme von Hochtief ein Argument der Spanier, eine stärkere regionale Diversifikation zu erreichen, erläutert der Analyst. Dies mache seiner Ansicht nach auch Sinn. ACS ist stark vom heimischen Markt abhängig. Jahrelang hat der Konzern durch den Bauboom in Spanien gut verdient – das Platzen der Immobilienblase hat ACS empfindlich getroffen. Da mittelfristig mit keiner Erholung zu rechnen ist, braucht der Konzern anderswo Erfolge.

Wilde Spekulationen über Umbau von ACS und Hochtief

Es gibt aber nicht nur solche Zerschlagungsphantasien. In der australischen Presse etwa kursieren Spekulationen über einen Komplettumbau sowohl von ACS als auch Hochtief. So könnte Hochtief künftig die Bautochter von ACS werden, mit angeschlossenen Zweigen in Amerika, Europa und Australien/Asien. Das eigene Baugeschäft könnte ACS an Hochtief verkaufen, so die Gerüchte. Auch in Australien grassiert die Furcht vor dem Verlust der Unabhängigkeit, in diesem Fall von Leighton, die von Hochtief lange Jahre eher an der langen Leine gelassen wurden.

Das Szenario dürfte für einige Marktbeobachter einen gewissen Charme haben, hätte aber den Nachteil, dass zu viele Kräfte für einen solchen großen Wurf gebunden werden müssten. Dies würde das Tagesgeschäft belasten. Ein weiterer wichtiger Punkt, der gegen einen Komplettumbau spricht, dass es sowohl bei Leighton als auch bei Hochtief immer noch eine große Anzahl Minderheitsaktionäre gibt, die dem zustimmen müsste. ACS hält rund 54 Prozent an Hochtief, Hochtief ist in gleicher Höhe an Leighton beteiligt. So könnten Aktionärsklagen etwa zu Verzögerungen führen. Ob sich ACS, die derzeit ohnehin genug eigene Probleme hat, darauf einlassen würde, ist aktuell eher fraglich.

Analysten sehen das offenbar ähnlich. Norbert Kretlow von der Commerzbank erwartet eher eine Optimierung des Hochtief-Geschäfts statt eine große Umstrukturierung. Genug zu tun hat Fernández Verdes damit ohnehin bereits.

Leighton will Kosten sparen

So ist die Abhängigkeit von Leighton für Hochtief Segen und Fluch zugleich. Läuft es gut – wie jahrelang geschehen – kann sich Hochtief in Glanz der australischen Tochter sonnen. Wehe jedoch, die Geschäfte laufen schlecht. Das hat Hochtief in den vergangenen beiden Jahren schmerzlich erfahren müssen. Gleich mit zwei gigantischen Projekten hat sich Leighton verhoben, musste Milliarden abschreiben und das Kapital erhöhen. All dies führte auch bei Hochtief zu roten Zahlen und einem Ausfall der Dividende 2011. Erst im dritten Quartal des vergangenen Jahres hatte Hochtief die Leighton-Probleme verdaut.

Für Fernández Verdes ein Grund, die Australier künftig stärker an die Kandare zu nehmen und ihnen bei Neuaufträgen auf die Finger zu schauen. Das Risikomanagement müsse verbessert werden, fordert er. „Schnelles Volumenwachstum ist ganz klar nicht unser Ziel", gibt der Manager die Richtung vor. „Unser Ziel ist Profitabilität."

Leighton-Chef Hamish Tyrwitt hat bereits angekündigt, dass die Australier ihr Verhalten bei Ausschreibungen und beim Projektmanagement ändern wollen. So sollen sich die verschiedenen operativen Einheiten – John Holland, Thiess oder Leighton Contractors - künftig bei Auftragsangeboten nicht mehr gegenseitig ins Gehege kommen, sondern sich auf ihre jeweiligen Kernkompetenzen konzentrieren. Dies soll Reibungsverluste verhindern, Kosten sparen und damit auch die Margen erhöhen.

Ein teures Projekt von Leighton: Der Bau der Verbindungsstraßen und -tunnel zum Flughafen in Brisbane. Reuters

Leighton hat dabei in der Vergangenheit vom Boom bei Infrastrukturprojekten sowie dem asiatischen Hunger nach Rohstoffen profitiert. Traditionell kommt die Hälfte des Umsatzes aus dem Infrastrukturgeschäft – und hier sitzt bei der australischen Regierung das Geld nicht mehr so locker wie in früheren Jahren. Grund, stärker auf das Geschäft mit Rohstoffen zu setzen.

Fernández Verdes geht dabei von einer weiter hohen Nachfrage nach Ressourcen wie Kohle und Eisenerz aus, was das Contract-Mining-Geschäft von Leighton weiter beflügeln könnte. Dieses macht etwa ein Viertel des Jahresumsatzes von rund 22 Milliarden Australischen Dollar aus.

Fernández Verdes setzt auf Nordamerika

Aber nicht nur bei Leighton hapert es derzeit bei der Profitabilität, auch im Amerika – wie im Europageschäft sind die Renditen derzeit eher mau und bieten Raum für Verbesserungen. Auch hier ist Hochtief mit verschiedenen Bauunternehmen vertreten, etwa Turner oder Flatiron. So schwächelt in den USA derzeit der Tiefbau. Eine zu geringe Auslastung sowie eine Verzögerung von Projekten sorgten für einen Ergebniseinbruch in dem Hochtief-Bereich in den ersten neun Monaten. Das Hochbaugeschäft läuft hingegen recht robust.

Trotz der jüngsten Probleme setzt Fernández Verdes große Hoffnungen in den nordamerikanischen Markt. Dieser sei „gewaltig". Vor allem die Infrastruktur in den USA habe eine Erneuerung nötig. Langfristig sieht er daher einen Aufwärtstrend, der den kurzfristigen Einbruch 2012 mehr als kompensieren dürfte.

Sorgenkind Europa

Größtes Sorgenkind ist jedoch das Europageschäft. Dabei geht es nicht nur um den teuren Flop mit dem Bau der Elbphilharmonie in Hamburg. Insgesamt sei der europäische Markt sehr wettbewerbsintensiv und auch regional abgeschottet, sagt Analyst Gabriel vom Bankhaus Lampe. Das heißt: Häufig kochen die heimischen Baukonzerne in ihren jeweiligen Ländern ihr eigenes Süppchen. Etwa in Frankreich oder auch in Spanien.

In Deutschland kommt noch erschwerend hinzu, dass sich im stark mittelständisch geprägten Baugeschäft kaum Gewinne verdienen lassen, da häufig die billigsten Angebote den Zuschlag erhalten. Aber auch hier gibt es lohnende Ausnahmen. Fernandez Verdes Ansicht: Je stärker die Spezialisierung, desto größer die Marge.

Fernández Verdes, der mit seiner Frau mittlerweile in Düsseldorf lebt und deutsch lernt, weiß, worum es letztendlich geht – auch dem Großaktionär ACS. Den Wert des Unternehmens zu erhöhen und allen Aktionären eine Dividende zu zahlen. Dazu hat er sich einen Zeithorizont von rund acht Jahren gegeben. Er ist damit wohl doch länger in Essen als ursprünglich geplant.

Kontakt zum Autor: natali.schwab@dowjones.com