Das Kollektiv gewinnt. Der SC Freiburg macht vor, wie man mit begrenzten Mitteln sportlichen Erfolg erzielt. dapd

Eindeutig, das Spitzenspiel nach der Fußball-Winterpause steigt in der Mainzer Arena: Dort trifft am 19. Januar zum Rückrundenstart Mainz 05 auf den SC Freiburg – es ist das Duell der Effizienzriesen unter den 18 Bundesligisten. Die beiden Klubs haben in der Hinrunde mit großem Geschick das meiste aus ihren beschränkten Möglichkeiten gemacht. Herbstmeister Bayern? Von wegen: Das Münchener Starensemble überwinterte auf einem klassischen Abstiegsrang – ohne es zu wissen. Sie sind nur Vorletzter, wenn es um Effizienz geht. Ihre sportliche Unantastbarkeit haben sich die Bayern extrem teuer erkauft.

Die scheinbar verrückte Tabelle ergibt sich aus einer einfachen Kalkulation: Beim Effizienzranking hat das Wall Street Journal Deutschland die jeweiligen Lizenzspieleretats, ermittelt vom Fachmagazin Kicker, ins Verhältnis gesetzt mit den gewonnenen Punkten aus den ersten 17 Spielen. Zugegeben: Noch kann in der Saison alles passieren – doch auch die Momentaufnahme lässt interessante Rückschlüsse zu. Erfolg durch Verzicht? Asketisch, uneitel, ohne Stars – immer wieder zeigen Überraschungsmannschaften: So kann es klappen.

Effizienz-Tabelle: Wo Freiburg die Bayern haushoch schlägt

„Geld formt nicht notwendigerweise ein gutes Team", kommentiert Karsten Hollasch, Leiter der Sportbusiness-Gruppe der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte, mit Blick auf das aktuelle Ranking. „Eine Truppe von egozentrischen Einzelkönnern, die alle noch aus spitzestem Winkel aufs Tor abziehen, ist zwar teuer, muss aber nicht funktionieren", so Hollasch. „Weiche Faktoren sind im Fußball entscheidend, die Kaderzusammensetzung und die Führung enorm wichtig."

Wie teuer ist ein Tor?

Beim VfL Wolfsburg zum Beispiel musste der Volkswagen-Konzern in der laufenden Saison für jeden Punkt 4,7 Millionen Euro auf den Tisch legen – rechnerisch das mit Abstand schlechteste Ergebnis aller 18 Vereine. Sie bringen die Finanz-PS bisher einfach nicht ins gegnerische Tor. Die Freiburger kamen dagegen mit 620.000 Euro pro Punkt am billigsten davon. Sie sammelten gleich 26 Zähler – halten sie Kurs, haben sie Chancen auf eine Nachspielzeit in der Europa League oder gar Champions League.

Dirk Dufner freut es, dass in seinem Klub das Preis-Leistungs-Verhältnis aktuell auf Top-Niveau liegt. Der Sportdirektor des SC Freiburg nimmt die Herbstmeister-Lorbeeren im andalusischen Trainingslager mit einem kleinen Lacher zur Kenntnis. „Wenn die Klubs mit dem vielen Geld alles richtig machen würden, hätten wir keine Chance." Dufner begründet also die Kraft des SC auch mit den Unzulänglichkeiten der anderen.

Der Jurist kann stolz sein: Mit dem drittkleinsten Lizenzspieleretat an den Start gegangen, dennoch Platz 5 – und auch noch Viertelfinalist im DFB-Pokal. Das Team aus dem Breisgau überrascht selbst Optimisten, nachdem der SC genau vor Jahresfrist als Schlusslicht noch akut abstiegsbedroht war. Trainer Christian Streich schaffte bis heute ganz unaufgeregt eine spektakuläre Wende. Das Team glaubt jetzt an seine Stärke.

Stars können alles zerstören

Doch wieso eigentlich kann sich der SC so gut behaupten – und Klubs abhängen, die ihren Spielern ein Vielfaches ausbezahlen? Dufner versucht eine Erklärung. „Natürlich schießt Geld in der Regel auch Tore, und langfristig spiegelt die Tabelle meist die Finanzkraft der Vereine", sagt er. „Aber mit Ideen, guter Arbeit und Akribie kann man als kleinerer Verein viel wettmachen." Der Schlüssel zum Erfolg liege in Freiburg in gewisser Kontinuität, konsequenter Nachwuchsarbeit und einem stimmigen Kollektiv. „Manchmal reichen ja wenige unzufriedene Stars, die alles durcheinanderbringen", sagt Dufner.

Die Effizienz-Tabelle der Bundesliga

Also verzichtet man lieber gleich auf Ausnahmespieler – es sei denn, sie werden in Freiburg erst zu solchen gemacht, wie Papiss Demba Cissé. Der Angreifer konnte im Vorjahr für zwölf Millionen Euro in Richtung Newcastle verkauft werden, nachdem man ihn für kolportierte 1,5 Millionen aus Metz geholt hatte. Zwischendurch war er zwei Jahre lang der Torschütze vom Dienst, mit 37 Bundesligatoren. „So ein Glücksfall passiert nur alle paar Jahre einmal. Wir verstehen uns als Ausbildungsverein, so wird es bleiben", sagt Dufner.

Die legendäre Frühförderung des SC hatte Vorbildcharakter, schon bevor die Liga dieses Prinzip für alle Klubs zur Pflicht machte. Talente heuern gerne in Freiburg an, weil die Durchlässigkeit ins Profiteam hoch ist – ein erstklassiges Sprungbrett. Aber auch ein System, das permanent fordert: „Bezahlt wird bei uns im Kader zu 50 Prozent leistungsabhängig. Richtige Stars würden sich auf solch einen Deal nicht einlassen", weiß Dufner. Es stört ihn natürlich nicht.

Spielerverkäufe zur rechten Zeit

Das Schulen des eigenen Nachwuchses hat höchste strategische Bedeutung – gerade bei Klubs mit kleinem Budget sind Talente doppelt wichtig. Das bestätigt Sportbusiness-Expertin Stefanie Vogel von Deloitte: „Die Kunst, die Freiburg offenbar beherrscht, besteht darin, die entwickelten Spieler zum richtigen Zeitpunkt abzugeben. Es ist eine oft schwierige Abwägung zwischen realisierbarem Marktwert und Gegenwartsnutzen für das eigene Team." Sportdirektor Dufner sagt: „Natürlich fällt es schwer, sich von einem Leistungsträger zu trennen. Aber unsere Fans haben akzeptiert, dass dies unser Weg sein muss, um solide zu wirtschaften. Wir setzen auf die eigenen Spieler, die uns möglichst lange helfen – und die wir dann bestmöglich verkaufen."

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Oliver Lang/dapd

Dieses Denken bestimmt Freiburgs Handeln auf dem Transfermarkt – auch in dieser Winterpause. Während Wolfsburg, für winterliche Kraftkäufe bekannt, nicht nur Offensivmann Ivan Perisic holte, sondern auch Sportchef und Trainer erneuerte, will Freiburgs Sportdirektor Dufner zunächst Gehälter einsparen. „Wir arbeiten intensiv daran, ein paar Spieler noch im Januar abzugeben." Wenn das gelinge, könne man ein bis zwei Neue verpflichten. „Die würden wir nicht holen, weil wir momentan stabiler werden müssten, sondern im Vorgriff auf die Zukunft", sagt Dufner, ohne konkreter werden zu wollen.

Sollte die Zukunft auch einmal wieder Reisen nach Europa enthalten? Dufner sieht das nüchterner als wohl mancher Fan: „Wir haben früher zwei Mal im Uefa Cup gespielt und sind zwei Mal abgestiegen. Europa ist nicht unbedingt unser Ziel. Zumal bei der Qualifikation für die Europa League hier nicht sofort der Reichtum ausbrechen würde." Wer die Gruppenphase erreicht, erhält aktuell 1,3 Millionen Euro vom Europäischen Fußball-Verband Uefa als Basissumme überwiesen. Weitere Gelder hängen vom Fortkommen ab. Bei der Champions League, die die drei Erstplatzierten der Bundesliga sicher haben, locken erheblich höhere Summen: 8,6 Millionen Euro sind einem Klub schon sicher, der in die Gruppenphase der Königsklasse einzieht.

Die Bayern investieren für Europa

„Den europäischen Wettbewerb darf man beim Betrachten der Effizienztabelle nicht außer Acht lassen", sagt Deloitte-Experte Hollasch. Die Bayern betreiben ihre kostspielige Kaderplanung freilich nicht nur, um die Bundesliga als Deutscher Meister zu beenden. „Ginge es nur darum, könnte es wirken, als ob sie etwas überziehen. Doch natürlich ist der Anspruch des FC Bayern stets, so weit wie möglich auch im internationalen Wettbewerb vorzudringen. Und der Erfolg des letzten Jahres zeigt, dass dieser Kurs richtig ist."

Die Summen sind purer Lockstoff - hohe Prämien, hoher Einsatz: Bayern München kassierte aus der Champions League in der Vorsaison 41,7 Millionen Euro als unterlegener Finalist. Schalke 04 als erfolgreichster deutscher Vertreter in der Europa League fuhr 10,5 Millionen Euro ein, Hannover 96 holte 8,4 Millionen. Die Reise ging jeweils bis in die Viertelfinals. Und in den laufenden Uefa-Wettbewerben ist noch kein deutscher Verein ausgeschieden – eine traumhafte Zwischenbilanz auch für die Deutsche Fußball Liga.

Mehr als die Hälfte der Lizenzspieler der Bundesliga entstammt inzwischen den Jugendakademien, Eigengewächse gelten als Identifikationsfiguren für die Fans. Mit solidem Wirtschaften, dazu zählt Nachwuchsarbeit, will die DFL in Europa die relative Stärke des deutschen Fußballs vergrößern, anstatt ungehemmt Geld ins System für Starkäufe pumpen zu lassen. In ihrem jährlichen Finanzreport errechnen auch die Ligachefs Zusammenhänge zwischen finanziellem Aufwand und sportlichem Erfolg. Nach Tabellenplatz clustern die DFL-Statistiker in drei Gruppen (1-6, 7-12, 13-18). In der Saison 2010/11 ließ das Ergebnis aufhorchen, denn es durchbrach die klare Ordnung früherer Jahre.

Auftrumpfen der Underdogs

Zuvor galt die Faustformel: Ein hoher Personalaufwand bewahrt zumindest vor dem Tabellenkeller. Plötzlich aber haben sich die Billigheimer im Mittelfeld der Tabelle gemütlich gemacht, während das sportlich schlechteste Sextett im aktuellen Report einen fast so hohen Spielergehälter-Aufwand trieb wie die Top-6-Vereine. „Mehrere in den Jahren zuvor sportlich und wirtschaftlich erfolgreiche Klubs blieben in der Saison 2010/11 hinter den Erwartungen zurück", heißt es erklärend im Liga-Report. Es glänzten überraschend andere: Vereine wie Hannover, Mainz, Nürnberg und Kaiserslautern standen am Ende auf Rang vier bis sieben – das Auftrumpfen der Underdogs hatte begonnen.

Hannover bestätigte in der Vorsaison die Leistung, zudem schloss Borussia Mönchengladbach als Überraschungsmannschaft stark ab. Und aktuell? Zweifellos sind Frankfurt und erneut Mainz neben Freiburg die Mannschaften der Stunde. Auch Bayern-Jäger Leverkusen, freilich kein wirtschaftliches Fliegengewicht, macht derzeit sehr viel aus seinen Mitteln – im Effizienzranking landet Leverkusen auf Rang 6. Hocheffizient spielt Aufsteiger Fortuna Düsseldorf – auch wenn das Thema Abstieg noch nicht verdrängt werden darf.

Deloitte-Expertin Stefanie Vogel jedenfalls entnimmt dem Effizienz-Tableau mehr positive Signale als negative: „In diesem Halbzeitranking gibt es tendenziell mehr Ausreißer nach oben als nach unten. Teams, die mit großem Etat im Keller spielen müssen, sind die Ausnahme", sagt sie.

Der Freiburger Weg, glamourfrei und bodenständig, dürfte nach dem Geschmack des DFL-Chefs Christian Seifert sein. Er lobt generell den unvorhersehbaren Wettbewerb, die resultierende Spannung, als eine der großen Stärken der Fußball-Bundesliga. Seifert ist klar: Wäre der Erfolg käuflich, die schöne Bundesliga hätte weit geringeren Reiz.

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