Ein Aluminumwerk von Rio Tinto Alcan in Frankreich. Rio Tinto hat für die Übernahme von Alcan bereits 25 Milliarden Dollar abschreiben müssen. Agence France-Presse/Getty Images

Das Timing hätte kaum schlechter sein können. Der australisch-britische Minenkonzern Rio Tinto RIO.LN +0,02% Rio Tinto PLC U.K.: London GBp3.209,50 +0,50 +0,02% 29 Aug. 2014 10:54 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,16 Mio. KGV 0,15 Marktkapitalisierung 47,16 Milliarden GBp Dividendenrendite 3,55% Umsatz/Mitarbeiter 473.677 GBp übernahm im Jahr 2007 nach einem harten Bietergefecht für die Rekordsumme von 38 Milliarden US-Dollar den kanadischen Aluminiumhersteller Alcan. Zu der Zeit eilten die Aluminiumpreise gerade von einem Höchststand zum anderen. Doch bald darauf – nach der Finanzkrise – sackten die Preise dramatisch ab und erholten sich bis heute nicht von diesem Einbruch. Rio Tinto musste sehr hohe Abschreibungen vornehmen.

Zuerst sah es so aus, als würden sowohl Rio Tinto als auch Alcan von der Fusion profitieren. Die Alcan-Führung hatte sich für ein Zusammengehen mit Rio Tinto entschlossen, weil sie damit eine feindliche Übernahme durch den US-Wettbewerber Alcoa AA -0,84% Alcoa Inc. U.S.: NYSE $16,57 -0,14 -0,84% 28 Aug. 2014 16:02 Volumen (​15 Min. verzögert) : 6,62 Mio. NACHBÖRSLICH $16,54 -0,03 -0,18% 28 Aug. 2014 19:08 Volumen (​15 Min. verzögert) : 52.485 KGV N/A Marktkapitalisierung 19,66 Milliarden $ Dividendenrendite 0,72% Umsatz/Mitarbeiter 377.633 $ verhindern konnte. Der damalige Rio-Tinto-Chef Tom Albanese wendete mit der Transaktion eine mögliche Übernahme des eigenen Unternehmens durch den größeren Erzrivalen BHP Billiton BLT.LN -0,05% BHP Billiton PLC U.K.: London GBp1.890,00 -1,00 -0,05% 29 Aug. 2014 10:54 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,46 Mio. KGV 0,12 Marktkapitalisierung 41,09 Milliarden GBp Dividendenrendite 3,86% Umsatz/Mitarbeiter 835.888 GBp ab.

Der Preis für diese Strategie war hoch: Albanese musste einen kräftigen Aufschlag von 65 Prozent auf den Aktienkurs von Alcan bezahlen. Der Optimismus kannte trotzdem keine Grenzen. „Das war eine Situation, bei der wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren", schwärmte Albanese damals. Der CEO schien zu übersehen, dass die Aluminiumpreise gerade auf einem 20-Jahres-Hoch notierten. Bald darauf kamen Finanzkrise und die Verschärfung des Wettbewerbs durch einen Produktionsboom in China.

„Ich machte eine Menge Menschen zu Millionären"

Albanese hatte bei dem Deal seine Rechnung offenbar ohne die Chinesen gemacht. Das Land steigert seinen Aluminiumausstoß seit 2007 kräftig und stellt inzwischen rund 40 Prozent der weltweiten Produktion her. Das drückt massiv auf die Preise.

Heute sind die Beteiligten naturgemäß schlauer. Der frühere Alcan-Chef Dick Evans war damals an dem Deal beteiligt und saß anschließend im Verwaltungsrat von Rio Tinto. Er nennt Rio Tintos Schritt inzwischen „eine der schlechtesten jemals getroffenen Entscheidungen". Es sei die teuerste Transaktion in der Geschichte des Metall- und Minengeschäfts gewesen und das bei einem zyklischen Höchststand für Rohstoffe.

Selbstvorwürfe kennt Evans trotzdem nicht. Er würde in einem Bietergefecht zwischen Alcoa, dem brasilianischen Minenbetreiber Vale VALE -4,17% Vale S.A. ADS U.S.: NYSE $13,11 -0,57 -4,17% 28 Aug. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 47,16 Mio. NACHBÖRSLICH $13,12 +0,01 +0,08% 28 Aug. 2014 19:52 Volumen (​15 Min. verzögert) : 899.189 KGV 69,11 Marktkapitalisierung 68,06 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 537.953 $ und Rio Tinto wieder in der gleichen Weise verfahren. „Es war unsere Pflicht gegenüber den Aktionären. Wir mussten den maximalen Preis herausholen", erklärt Evans in einem Interview. „Ich machte eine Menge Menschen zu Millionären." Er selbst sackte durch den Deal 10,8 Millionen Dollar ein.

Auch Albanese räumt inzwischen ein: Er habe einen hohen Preis in einer zyklischen Hochphase des Marktes gezahlt. Albanese war im Januar wegen des Alcan-Schlamassels und anderer teurer Abschreibungen zurückgetreten. Der CEO müsse für alle Aspekte des Geschäfts Rechenschaft ablegen, teilte er lapidar im Januar mit. Mittlerweile summieren sich die Abschreibungen auf das Alcan-Wagnis nach Unternehmensangaben auf rund 25 Milliarden Dollar.

Rio Tinto wollte weder einen Kontakt zu Albanese noch zu amtierenden Vorständen herstellen. Immerhin gab ein Vertreter des Bergbaukonzerns zu: Den Deal verteidige niemand im Konzern mehr.

Rio Tinto hatte sich im vergangenen Jahrzehnt nicht allein auf große Einkaufstour begeben. Wettbewerber BHP fusionierte etwa mit Billiton in einer 11 Milliarden Dollar schweren Transaktion. Vale kaufte 2006 für 18 Milliarden Dollar den Nickelhersteller Inco. Der US-Rohstoffkonzern Freeport-McMoran Copper & Gold FCX -0,77% Freeport-McMoRan Inc. U.S.: NYSE $36,16 -0,28 -0,77% 28 Aug. 2014 16:01 Volumen (​15 Min. verzögert) : 7,61 Mio. NACHBÖRSLICH $36,20 +0,04 +0,11% 28 Aug. 2014 19:07 Volumen (​15 Min. verzögert) : 57.725 KGV 14,94 Marktkapitalisierung 37,86 Milliarden $ Dividendenrendite 3,46% Umsatz/Mitarbeiter 639.501 $ übernahm 2007 das Minenunternehmen Phelps Dodge für 23 Milliarden Dollar.

Zeichen aus China falsch gelesen

Analysten sind sich aber sicher: Niemals zahlte ein Unternehmen der Branche einen dermaßen hohen Aufschlag wie Rio Tinto für Alcan. Einmalig ist auch der massive Schuldenaufbau. Praktisch über Nacht schossen die Nettoschulden von 2,4 Milliarden auf 46,3 Milliarden Dollar in die Höhe. Bezogen auf den Umsatz schnellten die Schulden von 9,4 auf 94,5 Prozent empor.

Selbst im damaligen Bullenmarkt für Rohstoffe schrillten bei einigen die Alarmglocken. Die Ratingagentur Fitch gab Rio Tinto damals schnell einen negativen Kreditausblick. Die Analysten monierten die hohen Schulden, die Rio Tinto aufnahm.

Tom Alabanese stürzte über die Langzeitfolgen des Alcan-Deals. AP Matt Dunham/AP/dapd

Mit der Zeit verschlimmerten andere Faktoren noch den zu hohen Kaufpreis. Der Minenkonzern wollte sich in großem Stil wieder von Teilen des gekauften Unternehmens trennen, um den großen Schuldenberg etwas zu verkleinern. Der Fokus sollte auf Minenaktivitäten und der Metallproduktion liegen. Aber Rio Tinto war nicht schnell genug. Bald gingen die Preise für die zum Verkauf stehenden Konzernteile in den Keller.

Albanese las zudem die Zeichen aus dem Reich der Mitte falsch. Er unterschätzte den chinesischen Aluminium-Ausstoß und überschätzte die Nachfrage nach dem Metall. Die Abschreibung auf den Neuerwerb Alcan zögerte Albanese bis zuletzt hinaus. Er hoffte lange Zeit noch auf eine Erholung der Aluminiumpreise. Diese kam jedoch nicht.

Ein weiterer strategischer Fehler von Albanese: Er trennte sich von Geschäften, die – wie Dosen oder Aluminiumfolien – in der Wertschöpfungskette relativ nahe beim Verbraucher liegen. Ausgerechnet diese Geschäfte laufen gut, in diesem Bereich steigerte Konkurrent Alcoa seine Gewinne kräftig.

Im Jahr 2007 übernahm Albanese mit Alcan ein konservatives Unternehmen. Sein eigener Hintergrund ist dagegen alles andere als traditionell. Mit 17 Jahren verließ er das heimische New Jersey, um die Universität von Alaska davon zu überzeugen, den Studiengang „Rohstoffökonomie" ins Leben zu rufen. Sein erster Job bestand darin, Claims abzustecken. Er lebte damals lange Zeit in einem Zelt.

„Der Preis hatte ein verrückt hohes Niveau erreicht, das nicht gerechtfertigt war"

Wie andere Minenunternehmen auch hatte Rio Tinto kurz vor der Übernahme dank des Rohstoffbooms große Mengen an Bargeld. Diesen Geldsegen verdankte der Konzern vor allem einer Eisenerzmine im westlichen Australien, von der aus der Rohstoff nach China zur Stahlproduktion verladen wird. Der Gewinn kletterte im Jahr 2006 auf 7,44 Milliarden bei einem Umsatz von 22,47 Milliarden Dollar. Die rekordverdächtige Gewinnmarge betrug rund 33 Prozent.

Gerade wegen dieser hohen Profitabilität drohte damals eine feindliche Übernahme durch den größten Minenkonzern der Welt, BHP Billiton. Das Kalkül von Rio Tinto: Mit einem Schuldenberg wollte das Unternehmen weniger attraktiv werden.

Albanese und sein Verwaltungsrat machten sich auf die Suche nach Kaufgelegenheiten und fanden in Alcan-Chef Evans einen willigen Verkäufer. Gerade hatte Alcoa im Mai 2007 einen feindlichen Übernahmeversuch im Volumen von 27 Milliarden Dollar bei Alcan gestartet. Der Alcan-Aktienkurs schoss am Tag nach der Bekanntgabe um fast 20 Prozent nach oben. „Wir gingen nach dieser Kursreaktion davon aus, dass es noch andere potenzielle Käufer geben dürfte", erklärt Evans. Schnell verwickelten sich die Interessenten in ein Bietergefecht.

Nach dem kräftigen Kursplus bei Alcan verlor Alcoa bald die Lust am Kampf um den Aluminiumproduzenten. „Der Preis hatte ein verrückt hohes Niveau erreicht, das nicht gerechtfertigt war", sagte Alcoa-Chef Klaus Kleinfeld in einem Interview. Als sich die Rauchschwaden über dem Bietergefecht schließlich legten, zahlte Rio Tinto 38,1 Milliarden Dollar. Soviel berappte im Minengeschäft niemals ein Unternehmen zuvor. „Das Timing war schlecht", sagt Evans. „Aber das ist das Geschäft."

BHP versuchte trotz der Alcan-Übernahme Rio Tinto zu schlucken. Im November 2008 wurde das Unterfangen abgeblasen. Der Grund war aber nicht der hohe Schuldenstand, sondern die grassierende Wirtschaftsflaute.

Alcan selbst war ein kerngesundes Unternehmen. Das Unternehmen baut Bauxit ab und betreibt Schmelzen, um daraus Aluminium herzustellen. Alcan gelangt dank eines Netzes von kanadischen Wasserkraftwerken sehr günstig an Strom. Energiekosten machen rund 20 bis 40 Prozent der Kosten bei der Aluminiumproduktion aus.

Erste Abschreibung folgte 2009

Der ehemalige Alcan-Chef Evans saß noch zwei Jahre im Verwaltungsrat von Rio Tinto. Er hielt den Deal damals beiderseitig für schlau. Die Aktienmärkte kletterten ebenso wie die Aluminiumpreise weiter. Im Juli 2008 kostete die Tonne Aluminium schließlich rund 3.200 Dollar. Mitte November 2007 hatten die Abnehmer noch etwa 2.500 Dollar gezahlt. „Es gab für uns so etwas wie Flitterwochen", erklärt Evans heute.

Ende 2008 war das Ende des Aluminiumbooms aber unübersehbar. Inmitten der globalen Finanzkrise stürzte der Preis je Tonne auf unter 2.000 Dollar ab. „Es gab immer noch die Hoffnung, dass die Preise sich erholen", stellt Evans fest. Das passierte nie. Aluminium verteuerte sich seitdem nicht so stark wie andere Rohstoffe – etwa Eisenerz und Kupfer. Die Probleme stammen dabei nicht von der Nachfrageseite: Die Luftfahrt- und Automobilbranchen sind zurück in der Spur. Vielmehr überschwemmt ein hohes Angebot den Markt. Schwellenländer wie China, Malaysia und Russland produzieren und exportieren mehr als erwartet.

Rio Tinto kündigte die erste Alcan-Abschreibung im Jahr 2009 an, damals rund 6 Milliarden Dollar. Als Grund nannte der Konzern „ein sich drastisch eintrübendes ökonomisches Marktumfeld sowie höhere Inputkosten". Eine Schmerzgrenze sei erreicht worden, als der Aluminiumpreis unter 1.300 Dollar je Tonne absackte, sagt Evans. „Plötzlich wurde deutlich: Alcan ist ein Mühlstein um den Hals von Rio Tinto."

Im Jahr 2009 versuchte Rio Tinto, für 19,5 Milliarden Dollar 18 Prozent des eigenen Unternehmens an die Aluminium Corp of China 601600.SH -0,28% Aluminum Corp. of China Ltd. A China: Shanghai ¥3,60 -0,01 -0,28% 29 Aug. 2014 15:04 Volumen (​15 Min. verzögert) : 61,69 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 45,75 Milliarden ¥ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.925.790 ¥ abzugeben. Das sollte die Bilanz entlasten. Die australische Regierung intervenierte jedoch und sprach sich unter der Hand gegen ein Engagement der Chinesen im Eisenerzgeschäft aus. Die Eisenerzförderung ist eine Säule der australischen Volkswirtschaft. Rio Tinto lenkte ein und wählte statt der chinesischen Milliarden eine Kapitalerhöhung.

Beim Verkauf von Alcan-Unternehmensteilen mehrten sich unterdessen die Fehler. Als CEO hatte Evans nach eigenen Worten einen Deal eingefädelt, das Verpackungsgeschäft für etwas mehr als 6 Milliarden Dollar zu veräußern. Als Rio Tinto den Aluminiumhersteller übernahm lag der Vertrag immer noch auf dem Tisch. Der Verwaltungsrat ließ aber zu viel Zeit verstreichen, um auf ein besseres Angebot zu warten. Schließlich musste Rio Tinto die Sparte in den Jahren 2009 und 2010 in drei Teilen für gerade einmal 3,3 Milliarden Dollar verkaufen. Eine Sprecherin von Rio Tinto zweifelt aber an Evans' Version. Der Interessent sei aus freien Stücken selbst abgesprungen, sagt sie.

China bleibt auf dem Vormarsch

Auch mit anderen Spartenverkäufen erlöste Rio Tinto nur bescheidene Erträge – weit weniger als die ursprünglich angepeilten 30 Milliarden Dollar. Zwischen 2009 und 2012 veräußerte Rio Tinto sechs Geschäftsteile für zusammen gerade einmal 3,9 Milliarden Dollar. Derzeit verfolgt das Unternehmen den Plan, rund ein Dutzend Schmelzen, Bauxitminen und andere Vermögensgegenstände an den Mann zu bringen.

Die Aluminiumpreise haben sich derweil ein wenig stabilisiert, kommen aber über 2.000 Dollar je Tonne nicht hinaus. Die chinesische Produktion bleibt auf dem Vormarsch und wirkt wie ein Deckel auf den Preisen. Rio Tinto und seine Rivalen unterschätzten die Fähigkeit der Chinesen, ihre Kapazitäten rasch zu erweitern.

Im Jahr 2006 – zwölf Monate vor dem Alcan-Deal, stellte China rund ein Viertel der weltweiten Aluminiumproduktion her. Inzwischen liegt die Quote bei rund 40 Prozent. „Sie haben China wirklich falsch eingeschätzt. Das war ihr großer Fehler", sagt der Analyst und Anleger John Tumazos aus New Jersey.

Der neue Rio-Tinto-Chef Sam Walsh hat seine Karriere vorwiegend im Eisenerzgeschäft gemacht. Er hat noch keine Pläne für das Aluminiumgeschäft angekündigt. Analysten beäugen kritisch, was er bei Vorlage der Halbjahreszahlen am Donnerstag zu dem Thema von sich gibt. Der Nettogewinn dürfte sich auf 3,9 Milliarden Dollar halbiert haben. Von diesem Gewinn dürften mehr als 90 Prozent aus der Eisenerzsparte kommen.

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